Blogbeitrag von Prof. Dr. Maria-Sibylla Lotter

Die Ehe zwischen Wiederverheiratungskomödie und Melodrama

Krisensituationen sind nicht nur schmerzlich, sondern bieten auch die große Chance, einander als verschiedene und getrennte Wesen schätzen zu lernen. Dabei können uns zwei Filmgenres weiterhelfen, die sich in den dreißiger und vierziger Jahren entwickelt haben, als das alte Ehemodell bröckelig wurde.

Das Bedürfnis nach der exklusiven Vertrautheit und Wärme, die gute Paarbeziehungen auszeichnet, verbindet sich seit je mit dem Liebesideal der Verschmelzung mit dem anderen. Schon in Platons Dialog Symposium beschreibt der Dichter Aristophanes die Liebe als die Suche nach der anderen Hälfte der Kugel, die wir ursprünglich waren und die unglücklicherweise geteilt wurde. Diese Vorstellung von der Liebe ist zum Scheitern verdammt. Den anderen als ein Wesen wahrzunehmen, das man von Grund auf kennt und das auch alles Wichtige wie Vorlieben, politische Ansichten und moralische Überzeugungen mit einem teilt, führt unweigerlich zu Missverständnissen und Enttäuschungen. Einerseits wird das Bedürfnis nach der großen Liebe zu leicht mit der Realität verwechselt. Dann wird der andere zur Projektionsfläche von Erwartungen, die er zwar wecken und nähren, aber nicht erfüllen kann. Andererseits kann die Liebe aber auch im Fall, dass sie Realität und nicht nur Phantasie ist, scheitern, wenn das schöne Gefühl exklusiver Vertrautheit mit etwas verwechselt wird, was es nicht ist: Gewissheit über das, was der andere fühlt, denkt und was er tut. Wer selbstverständlich davon ausgeht, seine Lebensgefährtin teile seine Ansichten, wird irgendwann befremdende Erfahrungen machen. Wer glaubt, seinen Ehemann nur zu gut zu kennen, wird irgendwann verletzt feststellen, dass er auch ganz anders sein kann.
 

Solche Krisensituationen sind jedoch nicht nur schmerzlich, sondern bieten auch die große Chance, einander als verschiedene und getrennte Wesen schätzen zu lernen. Dabei können uns zwei Filmgenres weiterhelfen, die sich in den dreißiger und vierziger Jahren entwickelt haben, als das alte Ehemodell bröckelig wurde. Wie der amerikanische Philosoph Stanley Cavell in seinem Buch Cities of Words[i] gezeigt hat, kann man sie als komplementäre Genres verstehen, die quasi verschiedene Gründe und Entwicklungsmöglichkeiten von Paarbeziehungen durchspielen, die aufgrund des Wunsches, nicht verschieden zu sein und ganz einem anderen zu gehören, in die Krise geraten: Eine Form des Melodramas, das Cavell in Anlehnung an den Film Brief einer Unbekannten als Melodrama der unbekannten Frau bezeichnet hat, und die ebenfalls von ihm so getaufte Wiederverheiratungskomödie. Die Melodramen der unbekannten Frau wie Brief einer Unbekannten, Now Voyager und Stella Dallas handeln von Beziehungen, die zum Scheitern verurteilt sind, weil der Partner aufgrund der auf ihn projizierten Phantasien und Erwartungen gar nicht als die Persönlichkeit wahrgenommen werden kann, die er oder sie ist. Die Gemeinsamkeit hat hier gar keine reelle Grundlage, der andere ist nur Projektionsfläche der eigenen Wünsche, die so zum Scheitern verurteilt sind; das kann zum Tod der Protagonistin (Brief einer Unbekannten) führen, aber auch zur Emanzipation (Now, Voyager, Stella Dallas), wenn sie sich von ihrer Illusion lösen kann.

Demgegenüber stellen die Wiederverheiratungskomödien quasi utopische Experimente dar, in denen es gelingt, den Realitätsschock zu überwinden und den Lebensgefährten als eine andere und von einem selbst getrennte Person schätzen zu lernen – was auch immer bedeutet, sich selbst anders kennen zu lernen. Wiederverheiratungskomödien wie die Nacht vor der Hochzeit (The Philadelphia Story), Sein Mädchen für besondere Fälle (His Girl Friday), Ehekrieg (Adam`s Rip) oder Die schreckliche Wahrheit (The Awful Truth) sind nicht nur vergnüglich, sondern auch lehrreich. Sie handeln nicht wie die klassische Komödie von einem jungen Paar, das vertrackte Hindernisse (meist die Eltern) überwinden muss, um zusammenzukommen. Es geht vielmehr um die Trennung und Wiederfindung eines schon etwas älteren und erfahrenen Paars, dessen Liebe nicht bloße Illusion, sondern vertraute Praxis ist, aber gleichwohl durch unerwartete Erkenntnisse bedroht werden kann (eine Ausnahme stellt Die Falschspielerin dar, wo das Paar jung ist und sich gerade erst gefunden hat, aber die Entdeckung ihrer Profession die Hochzeit verhindert). Die typische Entfremdungsgeschichte der Wiederverheiratungskomödie beginnt damit, dass der eine Ehe-Partner erkennt, dass der andere Eigenschaften aufweist, die nicht dem eigenen Ideal vom Ehepartner entsprechen: persönliche Schwächen wie Alkoholismus (The Philadelphia Story), eine anrüchige Lebensweise (Die Falschspielerin), mangelnde Bereitschaft zur Familiengründung (Sein Mädchen für besondere Fälle) oder zu emanzipierte Überzeugungen (Ehekrieg). Mit der anschließenden Trennung beginnt eine rasante Folge von erneuten Begegnungen, in denen die Protagonisten auf komische Weise aus ihrer Rolle fallen und unfreiwillige Entwicklungen durchmachen. Dazu gehört die Überwindung der konventionell bedingten Abwertung des anderen, die Gefühle der Gekränktheit, Wut und Verachtung hervorgerufen hat; beide müssen lernen, ihren sozialen Status weniger ernst zu nehmen und Mut zur Lächerlichkeit zu entwickeln. In den Szenen, in denen die Protagonisten aus ihrer Rolle fallen, wird die Komik zum Ausdruck oder Auslöser eines persönlichen Erkenntnis- und Entwicklungsprozesses: So beginnt die Geschichte von Die schreckliche Wahrheit mit der Irritation des Protagonisten über eine Abwesenheit seiner Ehefrau, die zur Vermutung wird, seine Ehefrau habe einen One-Night-Stand mit ihrem Gesangslehrer gehabt; und diese „Erkenntnis“ führt zur Trennung. Als er im Wahn, seine getrennt lebende Frau bei einem erneuten intimen Treffen mit ihrem Gesangslehrer zu ertappen, in ein Konzert von ihr hineinpoltert und sich lächerlich macht, zeigt er ihr aber auch, wie wichtig sie ihm immer noch ist, und nur so kann auch sie wieder ihre Gefühle für ihn entdecken; und sie revanchiert sich, indem sie einen Familienabend mit seiner Verlobten mit einem gezielt schrägen und unpassenden Auftritt in der Rolle einer alkoholisierten Nachtclubsängerin, die angeblich seine Schwester ist, stört. Indem beide hier wieder zu Komplizen werden, die in einer statusorientierten und steifen Umgebung ihren geheimen Spaß miteinander haben, gewinnen sie ihre frühere Vertrautheit zurück. Typisch für diese Komödien im Unterschied zu den Melodramen ist die Ebenbürtigkeit der Partner; der Witz und die Dynamik der Dialoge werden dadurch gespeist, dass keiner den anderen dominieren, seine eigene Vorstellung vom richtigen Leben dem anderen aufzwingen kann, sondern das, was sie verbindet, zwei verschiedene Persönlichkeiten mit je eigenem Willen erfordert. Der Witz des Plots liegt darin, dass sein Verdacht, sie habe in einer bestimmten Nacht nicht nur das Hotel, sondern auch das Bett mit Herrn Duvalle geteilt, nie aufgeklärt wird, und auch nicht die Frage, ob der Protagonist selbst eine außereheliche Affäre hatte, wie sich in der Eröffnungsszene andeutet: Durch diese Auslassung der vermeintlich entscheidenden Tatsachen zeigt der Die schreckliche Wahrheit, dass die Tatsachenwahrheit nur schrecklich für den ist, der nicht weiss, worauf es bei diesem Paar ankommt.

 

 



[i] Stanley Cavell, Cities of Words. Ein Register des moralischen Lebens, Chronos (Zürich) 2010, übers. v. Maria-Sibylla Lotter.

 

Über die Autorin

Beitrag von Prof. Dr. Maria-Sibylla Lotter, sie studierte in Freiburg, Berlin und St.Louis unter anderem Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. Von 1989 bis 1999 lehrte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Berlin und Heidelberg. Anschließend arbeitete sie im Rahmen eines Habilitationsstipendiums der DFG an einer interdisziplinären Studie über Verantwortung und Personalität in kulturellen Kontexten und lehrte an verschiedenen Universitäten in Deutschland und der Schweiz, zur Zeit am Lehrstuhl für Ethik und Ästhetik mit besonderer Berücksichtigung der Philosophie der Neuzeit, am Institut für Philosophie I der Ruhr-Universität Bochum.