Blogbeitrag von Prof. Dr. Harald Seubert

Das zerbrechliche Wir

Nicht alle Intersubjektivität kann als Wir-Verhältnis verstanden werden, und manche Wir-Verhältnisse sind im besten Fall Zeugnisse gestörter Intersubjektivität.

„Seit ein Gespräch wir sind und hören können voneinander“ – heißt es bei Hölderlin.[1] Was kann aus dem Gespräch werden? Hölderlin nennt nur eine mögliche Perspektive:  Es kann sich zum „Gesang“ verdichten, einer höheren und zugleich tieferen Form von Einstimmigkeit. Es kann aber auch abbrechen und auseinandergehen. Gespräche nicht nur zu führen, sondern zu sein:  eine schöne und zugleich starke Umschreibung des ‚Wir‘.

Doch was ist ‚Wir‘? Es erweitert den eigenen ichhaften Weltbezug, fordert von ihm aber auch die Fähigkeit zu Erweiterung und Entzentrierung. Man erfährt in der Kindheit das ‚Wir‘ der Familie, dem Ideal nach: Ein Geliebt- Gefördert- und Gefordert-werden, ein Scheitern- und daran Wachsendürfen in einem Schutzraum, in dem man, der Idee nach, vorbehaltlos angenommen ist.  Diese Schutzwände werden offensichtlich dünner, je weiter sich der Horizont aufspannt, je mehr externe Faktoren eine Rolle spielen. Doch auch Familien entsprechen keineswegs immer diesem Idealtyp, wie ihn etwa Hegel als „unmittelbares Anerkanntsein“ formulierte.[2] Ihr ‚Wir‘ kann durch konfliktbeladene Familienbande, durch von außen leicht, von innen schwer durchschaubare Hass-Liebes-Verhältnisse eingetrübt werden.

 

II

Das familiäre ‚Wir‘ sucht man sich nicht aus, und man hat es schwer, aus ihm auszubrechen, auch wenn die Bindungen formal durchtrennt werden. Anders jenes zwischenmenschliche ‚Wir‘, das sich in vollkommener Freiwilligkeit einstellt:

Die erotisch-romantische Liebe bildet ein exklusives Wir, das zumindest in der Anfangszeit Verschmelzung und unbedingte Nähe sucht, das aber gerade deshalb scheitern kann und deshalb kultiviert werden muss. Der große jüdische Religionsphilosoph Martin Buber unterschied das ‚Ich-Du‘ – Verhältnis der unmittelbar auf den Anderen, die Andere geöffneten Dialogizität von ‚Ich-Es‘-Verhältnissen,[3] der Versachlichung. Dass das letztere gegenüber dem ersteren eine Abkühlung bedeutet, ist unstrittig. Es ist aber zugleich eine Verwandlung, die dem ‚Wir‘ Stabilität geben kann. Insofern sind tiefe Freundschaften, in denen eine Liebesdimension mitschwingen kann, leichter durchzuhalten und zu stabilisieren, wie ausschließlich romantisch erotische Beziehungen. Ob solche Freundschaften, die auch Aristoteles höher schätzte als den Eros, eine erotische Komponente annehmen oder aus ihr hervorgehen können, ist eine offene Frage, die dem Taktgefühl und der Urteilskraft der Beteiligten zu überlassen ist, aber für die man auch Glück haben muss.

Das Wir der Liebe kann brechen: gut, wenn man, wo man nicht mehr lieben kann in Anstand auseinandergeht, statt sich Hass nachzutragen.

 

III

Nicht alle Intersubjektivität kann als Wir-Verhältnis verstanden werden, und manche Wir-Verhältnisse sind im besten Fall Zeugnisse gestörter Intersubjektivität. Eine langjährige Feindschaft etwa, mit gegenseitigen Intrigen und Fallenstellereien und Intrigen bindet auch aneinander. Auch sie beschreibt durchaus ein intersubjektives Verhältnis. Mein Feind und ich, dies bildet auch ein ‚Wir‘ herzlicher wechselseitiger Abgeneigtheit, das man nicht mit jeden teilt.

Wir-Formationen können, nicht zuletzt, erzwungen werden. Darin liegt immer etwas Totalitäres, vom subtilen Gruppenzwang in einem Verein oder einer Studentenverbindung bis zu Aufmärschen und Parteizugehörigkeiten. ‚Der Mensch in der Partei‘ zeichnet sich ja nach Nietzsche dadurch aus, dass einer vor ihm und einer hinter ihm geht. Das – verantwortbar zu machende – Ich also flankiert ist, so dass es keine Verantwortung übernehmen muss.[4] Demokratische Parteizugehörigkeit sollte von solchem Kadavergehorsam grundsätzlich unterschieden sein. Die Partei ist gerade nicht mein Leben, nicht identisch mit meinen letzten und wesentlichen Zielen. Ich habe mit ihr allenfalls Berührungen, Interessenüberlappungen – und kann mich von ihr leichter trennen als von einem Freund oder einer Frau, die mir etwas bedeutet haben.

 

IV

Jene Urszene von Intersubjektivität, die Emmanuel Lévinas immer wieder umkreiste: dass mir das Antlitz des Anderen zu verstehen gibt, „Töte mich nicht!“-, eben weil du mich physisch unschwer töten könntest, ist selbst aber noch keineswegs eine Form von Intersubjektivität. Sie kann dergleichen vielleicht vorbereiten.[5] Sie ist elementarer Appell an das gegenseitige Verwiesensein aufeinander, die menschliche Fähigkeit und Möglichkeit des Zusammenlebens und seiner Störung, die jederzeit eintreten kann. Davon wissen wir durch die großen und blutigen Verwerfungen der Geschichte und durch die Morde, die, nach Heimito von Doderer, zumindest in Gedanken „jeder begeht“.[6]

 

V

In jedem Fall ist das öffentliche vom privaten Wir zu unterscheiden.  Ersteres muss auf formalen und rechtlichen Gründen beruhen und in seiner Gültigkeit auch durch sie eingegrenzt werden. „Die starken Gründe zusammen zu sein“,[7] von denen Peter Sloterdijk einmal sprach, sollte man in offenen Gesellschaften nicht zu sehr anstreben. Sie schlagen leicht in Ranküne und Ressentiment um. Schnell bedienen sie sich der Feindbilder. Allerdings ist auch wahr, dass ein bloßer ‚Verfassungspatriotismus‘ (Dolf Sternberger)[8] nicht hinreicht. Es gibt ein emotives ‚Wir‘, das sich in der eigenen Nation oder Ethnie wiederfindet, das oft in der Fremde, und am stärksten im Exil, wiederaufscheint. Aus dem Anderen zurück ins Eigene zu kommen, gibt jenem ‚Patriotismus‘, der ohne weltbürgerlichen Universalismus heute schwer erträglich ist, seine Leichtigkeit, die Dimension eines ‚Wir‘, das keineswegs zu einem brutalen „right or wrong my country“ neigt, aber auch die Tatsache nicht verleugnet, dass man in der Tat die eigene Sprache niemals lieber hört als wenn man in der Fremde ist. Hier sind wir aber schon im Privaten, das seinen gehegten Raum braucht, seine Stille und sein selbst-sein-Können und dürfen. Wo alles im großen weltweiten Netz gleich nah ist, kann sich ein vertraulich vertrauendes Wir gar nicht einstellen. Wahrhaft moderne Medienkompetenz ist deshalb – nicht erlernbare – Wir-Kompetenz.

 



[1] F. Hölderlin, Versöhnender, der du nimmer geglaubt.., 3. Fassung, in: Hölderlin, Werke, Briefe, Dokumente. München 1977, S. 164.

[2] G. W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts. Theorie-Werkausgabe Band 7. Frankfurt/Main 1970, S. 134 ff. Dazu mein Buch Jenseits von Sozialismus und Liberalismus. Gräfelfing 2011.

[3] M. Buber, Ich und Du, in: ders. Das dialogische Prinzip. Heidelberg 1984, S. 7-139. 

[4] F. Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches Nummer 579, Kritische Studienausgabe Band II. München 1980, S. 335.

[5] E. Lévinas, Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Freiburg, München 21987, S. 209 ff.

[6] H. von Doderer, Ein Mord, den jeder begeht. München 1995.

[7] P. Sloterdijk, Der starke Grund zusammen zu sein. Frankfurt/Main 1998.

[8] D. Sternberger, Verfassungspatriotismus. Gesammelte Schriften Band 10. Frankfurt/Main 1989.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. phil. habil. Harald Seubert, geboren 1967, er ist seit 2012 Ordentlicher Professor für Philosophie und Religionswissenschaft und Fachbereichsleiter an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel und seit 2009 nebenamtlicher Dozent an der Hochschule für Politik München.

Jüngste Buchveröffentlichung: Platon: Anfang – Mitte und Ziel der Philosophie. Freiburg/Br., München 2017.