Blogbeitrag von Dr. Christian Julmi

Attraktion und Repulsion als basale Kräfte der Gemeinschaftsbildung

Wahre Toleranz zeigt sich entsprechend nicht im zwischenmenschlichen Umgang innerhalb einer Gemeinschaft, sondern im Umgang mit Menschen anderer Gemeinschaften.

Menschen ziehen sich an oder sie stoßen sich ab. Dies gehört zu den Grunderfahrungen unseres Daseins. In der modernen Leibphänomenologie, die sich mit dem Phänomen des subjektiv gespürten Leibes im Gegensatz zum objektiv messbaren Körper beschäftigt, werden diesbezüglich die beiden Kräfte der Attraktion und der Repulsion unterschieden. Fühlen sich zwei Menschen zueinander hingezogen und empfinden sich als sympathisch, sind sie durch die leibliche Kraft der Attraktion miteinander verbunden. Diese Kraft „auf etwas zu“ ist die Basis für die Bildung von Gemeinschaften und setzt einen gemeinsamen Annäherungsprozess in Gang. Fühlen sich zwei Menschen dagegen voneinander abgestoßen, wirkt zwischen ihnen die leibliche Kraft der Repulsion, die als Impuls „von etwas weg“ gespürt wird. Die Repulsion verhindert eine Gemeinschaftsbildung und führt zu einer gegenseitigen Abgrenzung.

Attraktion und Repulsion sind basale leibliche Kräfte, die auf einer präreflexiven, d. h. vorbewussten Ebene wirken. Häufig ist unklar, warum wir uns zu dem einen Menschen hingezogen und von dem anderen abgestoßen fühlen. Bei der Wirkung von Attraktion und Repulsion handelt es sich um einen ganzheitlichen Vorgang, der bis in die Leiblichkeit hineinwirkt. Attraktion und Repulsion sind also keine bloßen Metaphern, sondern leibliche Bewegungen, die uns betreffen und die wir konkret an unserem Leib spüren. Trotz ihrer vorbewussten Wirkung lassen sie sich in gewissen Grenzen beeinflussen. Wer ein Treffen mit einem Small Talk über das Wetter beginnt, findet oft Gemeinsamkeiten und vermag dadurch einen gegenseitigen Annäherungsprozess in Gang zu setzen. Beim Wetter sind sich in der Regel alle einig: Gutes Wetter ist gut, schlechtes Wetter ist schlecht. Bei politisch brisanten Themen ist das anders. Wer sie auf den Tisch bringt, muss damit rechnen, repulsive Kräfte heraufzubeschwören, die nicht vereinen, sondern trennen.

Sowohl Attraktion als auch Repulsion basieren wesentlich auf dem Prinzip der Reziprozität bzw. Gegenseitigkeit. Eine Annäherung ruft meist eine annähernde Antwort hervor, während ein abgrenzendes Verhalten eine abgrenzende Antwort provoziert. Wer lobt, wird gegengelobt. Wer kritisiert, muss meist nicht lange auf die Retourkutsche warten. Lob fördert das gegenseitige Verständnis, Kritik kann dieses effektiv verhindern. Die Art und Weise, wie wir auf unsere Mitmenschen reagieren, ist vor allem anderen – vor allem auch vor rational-analytischen Überlegungen – durch Reziprozität gekennzeichnet: Wie du mir, so ich dir! Auch Gemeinschaften basieren in diesem Sinne auf positiver, d. h. attraktiver Reziprozität. Je mehr man sich annähert, desto größer werden die Bindungskräfte, die zwei oder mehr Menschen dann als Gemeinschaft zusammenhalten.

Die Kraft der Attraktion wirkt nicht nur spürbar anziehend, sondern sie stellt auch sicher, dass die Perspektiven innerhalb einer Gemeinschaft beständig abgeglichen und miteinander geteilt werden. Das Verhältnis von Attraktion und dem Teilen von Perspektiven ist dabei selbstverstärkend, d. h., auch hier zeigt sich das Prinzip der Reziprozität. Wir fühlen uns zu den Menschen hingezogen, die eine ähnliche Perspektive auf die Welt haben wie wir, aber wir werden in unserer Perspektive auch vor allem von denjenigen beeinflusst, die wir sympathisch finden. Das Phänomen, dass wir vorzugsweise mit denjenigen in Kontakt treten, die uns ähnlich sind, wird in der Soziologie als Homophilie bezeichnet. Gemeinsamkeiten erzeugen Anziehungskräfte und Anziehungskräfte erzeugen Gemeinsamkeiten. Das kann für Alter, Geschlecht oder Religion gelten, aber auch für den Fußballverein oder für Katzen- versus Hundeliebhaber. Je ähnlicher wir von vorneherein bereits sind, desto leichter lässt sich ein gemeinsames Grundverständnis erzielen, auf dessen Boden eine Gemeinschaft erwachsen kann.

Die Kehrseite zur Attraktion bei der Gemeinschaftsbildung stellt die Repulsion dar, denn wir fühlen uns nicht nur zu denjenigen hingezogen, die uns ähnlich sind, sondern auch von denjenigen weggestoßen, die (sehr) verschieden von uns sind. Allgemein gilt: Je verschiedener (oder fremdartiger) Perspektiven sind, desto schwieriger ist es, eine gemeinsame Perspektive herzustellen – und desto weniger wollen wir es in vielen Fällen auch. Alter, Geschlecht oder Religion verbinden also nicht nur, sondern sie trennen auch. Je attraktiver eine Gemeinschaft miteinander verbunden ist, desto stärker grenzt sie sich häufig repulsiv von anderen Gemeinschaften ab. Attraktion und Repulsion lassen sich daher oft schwer trennen. Ein gemeinsamer Gegner kann genauso zusammenschweißen wie ein starkes Gemeinschaftsgefühl die Abneigung gegenüber Außenstehenden zu fördern vermag. Nichtsdestotrotz können Attraktion und Repulsion unterschiedlich akzentuiert sein. Liegt der Schwerpunkt einer Gemeinschaft auf der Attraktion, stehen Aspekte wie Zusammengehörigkeit oder gemeinsame Identität im Vordergrund (Wir-Gefühl). Liegt er auf der Repulsion, geht es der Gemeinschaft vor allem um Herrschaft und Unterwerfung anderer (Wir-gegen-die-Gefühl).

Wahre Toleranz zeigt sich entsprechend nicht im zwischenmenschlichen Umgang innerhalb einer Gemeinschaft, sondern im Umgang mit Menschen anderer Gemeinschaften. Vor diesem Hintergrund sensibilisiert uns das Wissen um die Kräfte von Attraktion und Repulsion vor allem für zweierlei. Zum einen erweist sich Toleranz als echte Herausforderung: Sie stellt sich nicht von selbst ein, sondern muss als Aufgabe auch angenommen werden – je verschiedener die Perspektiven sind, desto größer ist diese Herausforderung. Zum anderen zeigt sich aber auch, wie wirkungsvoll Toleranz gelingen kann. Wer den ersten Schritt macht, indem er sich der Gegenseite glaubhaft annähert, kann eine positive Reziprozitätsspirale in Gang setzen, an dessen Ende beide Seiten feststellen, dass die Gemeinsamkeiten vielleicht doch größer als die (vermeintlichen) Unterschiede sind. Der erste Schritt ist daher nicht nur der schwierigste, sondern auch der wichtigste.

Literaturhinweis

Julmi, Christian/Rappe, Guido: Atmosphärische Führung. Hanser Verlag, München 2018 (in Vorbereitung)

 

Über den Autor

Beitrag von Dr. Christian Julmi, er ist Habilitand und akademischer Rat a. Z. am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation und Planung, an der FernUniversität in Hagen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Organisation, Unternehmensführung und (Leib-)Phänomenologie.