Blogbeitrag von Dr. med. Roland Kunz

Zwischen Selbstbestimmung und Geschehenlassen am Lebensende

In den letzten hundert Jahren hat die Medizin grosse Erfolge gefeiert, unsere Lebenserwartung stieg kontinuierlich an. Heute sterben zwei Drittel der Menschen erst im Alter über achtzig Jahren. Und die Möglichkeiten der Medizin wachsen weiter, die Grenzen des Möglichen verschieben sich immer weiter.

„Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. Bis weit ins letzte Jahrhundert hatte diese Ermahnung von Martin Luther aus dem Jahr 1524 für alle Menschen Gültigkeit. Sie brachte zum Ausdruck, dass wir wenig Einfluss hatten auf unser Sterben, dass es das Schicksal war, das unser Ende bestimmte. Persönliche Entscheidungen im Sinne der Selbstbestimmung waren kaum gefordert oder möglich und entsprechend kein Thema.

In den letzten hundert Jahren hat die Medizin grosse Erfolge gefeiert, unsere Lebenserwartung stieg kontinuierlich an. Heute sterben zwei Drittel der Menschen erst im Alter über achtzig Jahren. Und die Möglichkeiten der Medizin wachsen weiter, die Grenzen des Möglichen verschieben sich immer weiter. Der Tod ist damit immer weniger Folge eines unerwarteten Schicksalsschlages, sondern die Konsequenz einer bewussten Entscheidung Grenzen zu setzen.

In unserer Gesellschaft ist die Autonomie zum dominanten Wert geworden. Das griechische Wort Autonomie bedeutet wörtlich „Eigengesetzlichkeit“ und wird heute vor allem mit Selbstbestimmung und Unabhängigkeit gleichgesetzt. Die Angst vor der Abhängigkeit von anderen Menschen prägt für viele Menschen die Vorstellung der letzten Lebensphase. Wenn man nicht abhängig werden möchte, wird die Extremform der Selbstbestimmung zur gesellschaftlich immer stärker akzeptierten Lösung: man bestimmt „eigengesetzlich“ seinen eigenen Todeszeitpunkt und geht mit einem assistierten Suizid aus dem Leben.

Es bleibt die Frage, ob Selbstbestimmung in dieser Form die grösstmögliche Freiheit garantiert – oder ob sie auch zur Last werden kann. Wann ist denn der richtige Zeitpunkt um zu gehen? Für viele Menschen wird diese Frage zum grossen Stress. Man möchte den Zeitpunkt nicht verpassen – und gleichzeitig würde man gerne noch etwas weiter leben. Ich erinnere mich an eine Patientin, die rund zwanzig Jahre lang allen erklärt hatte, sie werde mal selber bestimmen, wann sie gehen werde. Als sie unheilbar krank war, wollte sie noch so vieles wie möglich erleben und doch den Zeitpunkt für den selbstgewählten Tod nicht verpassen. Als sie spürte, wie sich ihr Zustand rapide verschlechterte und der natürliche Tod sehr nahe vor der Türe stand, verzweifelte sie und wehrte sich gegen den drohenden Tod, weil sie diesen nicht einfach geschehen lassen, sondern selbst bestimmen wollte. Die Zeit reichte aber nicht mehr für die Organisation eines assistierten Suizids. In vielen Gesprächen fand sie schliesslich zur Akzeptanz des Geschehenlassens und starb wenige Stunden danach. Die Freiheit der Selbstbestimmung war für sie zum Leistungsdruck geworden und hatte sie in die Unfreiheit getrieben.

Selbstbestimmung oder Geschehenlassen, was ist nun der richtige Weg am Lebensende? Die Wahrheit liegt in der Verbindung der beiden Pole. Das Annehmen des Lebensendes kann auch eine Form der Selbstbestimmung sein. Primär sind wir aufgefordert, uns über die eigene Vergänglichkeit, das eigene Ende Gedanken zu machen. Als aktuell gesunde Menschen bedroht uns am ehesten ein Unfall, der uns in eine lebensbedrohliche Situation bringt. Was wünsche ich mir, wenn ich auf einer Intensivstation liege mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma und keine Aussicht mehr auf Heilung besteht? Möchte ich dann, dass man mich mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln weiter am Leben erhält oder wünsche ich mir, dass man mich in einer aussichtslosen Situation sterben lässt durch Abschalten der lebenserhaltenden Massnahmen? Den persönlichen Wunsch zu dieser Situation sollte und kann jeder Mensch in einer Patientenverfügung festlegen.

Konkreter wird die Frage, wenn ein Mensch an einer unheilbaren Krankheit leidet. Die feststehende Diagnose ermöglicht Aussagen zum weiteren Verlauf, zur Prognose bezüglich Lebenserwartung, zu möglichen Komplikationen und zu den entsprechenden Behandlungsoptionen. Und damit die Möglichkeit für den Betroffenen, vorausschauend Wünsche und Grenzen festzulegen. Dieser Prozess wird heute unter dem Begriff „advance care planning“ zusammengefasst. Im Wissen um meine Diagnose und die möglichen Verläufe kann ich mir Gedanken machen, welche Behandlungen ich noch möchte und wann ich Grenzen setzen will für weitere lebenserhaltende Massnahmen. Ich bestimme darüber, wann ich den natürlichen Verlauf geschehen lassen und das Sterben akzeptieren will. Zusammen mit dem Behandlungsteam kann ich festgelegen, was mir wichtig ist, was ich will und was ich auf keinen Fall will. Wann möchte ich keine lebenserhaltenden Massnahmen mehr, sondern vor allem eine gute Palliative Care?

Selbstbestimmung und Geschehenlassen ist somit kein Widerspruch, sondern heisst: ich bestimme, wie lange ich gegen eine Krankheit kämpfen möchte und wann ich mein Sterben akzeptiere, was mir beim Sterben wichtig ist, wo ich sterben möchte. Der eine möchte ohne Schmerz und Leiden sterben können und nimmt dabei in Kauf, dass er vielleicht als Preis dafür eine zunehmende Schläfrigkeit verspürt, aus der er hinüberschlummert. Einem anderen ist das wichtigste, dass er bis zuletzt möglichst präsent ist und kommunizieren kann, dafür nimmt er gewisse Beschwerden in Kauf. Solche Fragen vorausschauend zu beantworten ist Selbstbestimmung im Sterben bei gleichzeitigem Geschehenlassen des Sterbeprozesses.

Zusammenfassend möchte ich Sie ermutigen, sich Gedanken zu machen zu ihrer eigenen Endlichkeit. Dazu gehört auch eine eigene Lebensbilanz. Was war mir in meinem bisherigen Leben wichtig, was waren meine besten Momente im Leben? Was möchte ich, dass meine Angehörigen von mir in Erinnerung behalten? Was möchte ich noch erleben, erledigen, sagen? Packen Sie diese Dinge jetzt an, das können Sie jetzt noch selber bestimmen. Und sprechen Sie mit Ihren Angehörigen über Ihre Wünsche und Vorstellungen zum Lebensende. Diese Form der Selbstbestimmung hilft Ihnen, den weiteren Lauf Ihres Lebens geschehen lassen zu können, der Gelassenheit des Annehmens näher zu kommen.