Blogbeitrag von Prof. Dr. Claudia Wiesemann

Von der Notwendigkeit einer Subjektiven Pathologie

Die Medizin – so mein erstes Fazit – bedarf einer philosophischen Theorie der physiologischen Norm, einer Kritik der Normativität der Medizin, insbesondere ihrer kryptonormativen und moralischen Vorgaben sowie einer soziokulturellen Phänomenologie der Adaptation von Individuen und Kollektiven.

In einer auf quantitative Phänomene fokussierten modernen Medizin spielen Normen eine höchst bedeutsame Rolle. Für die Körpertemperatur oder den Blutzuckerspiegel mag dies auf den ersten Blick noch unproblematisch erscheinen. Aber auch für Kopfform und Nasenlänge, Geschlechterrollen und Erbanlagen, Sexualität und Intelligenz wurden Normen gesucht, gefunden – und wieder verworfen. Dabei profitiert die im 19. und 20. Jahrhundert zur gesellschaftlichen Einflussgröße avancierte Medizin von deren zwischen Deskription und Präskription changierender Natur. Ihre Normen unterliegen dem gesellschaftlichen Spiel der Kräfte, da sie oft genug nicht an das Befinden des Patienten rückgekoppelt sind. Welche medizinische Bedeutung hat z. B. ein hohes Körpergewicht? Sind wir krank, wenn wir "über"gewichtig sind? In diesen Diskursen wird die Medizin zu einer sozialdisziplinierenden Instanz, ihre implizit normative Funktion hat anthropologische, soziologische und ethische Dimensionen.

Heute z. B. rätselt die Medizin über die Frage, inwieweit das Genom als normativ zu verstehen sei: Was charakterisiert eine Varianz im genetischen Code als "Defekt", eine Mutation als "Krankheit"? Diesem Problem ist mit der Berechnung von Häufigkeiten keinesfalls Herr zu werden. In einer globalisierten Welt stellen sich diese Fragen mit großer Dringlichkeit, ist doch an eine Deutung des Zusammenspiels von nature und nurture ohne Bezug zu lokalen ökologischen, sozialen und kulturellen Kontexten nicht zu denken.

Die Medizin – so mein erstes Fazit – bedarf dazu einer philosophischen Theorie der physiologischen Norm, einer Kritik der Normativität der Medizin, insbesondere ihrer kryptonormativen und moralischen Vorgaben sowie einer soziokulturellen Phänomenologie der Adaptation von Individuen und Kollektiven.

Theorie der Individualität

Verbünden sich Quantifizierung und Normierung mit einem dogmatischen Objektivismus, dann bleibt das subjektive Erleben des ewig undisziplinierten Kranken ganz auf der Strecke. Gegen diese fatale Tendenz wird – zumeist unter dem Stichwort "Ganzheitliche Medizin" – die Berücksichtigung des individuellen leidensfähigen Subjekts eingeklagt. Ganzheitlich wäre eine Medizin insofern, als sie auch subjektives Empfinden und Erleben als wahrheits- und theoriefähig begreift. So hat etwa die Journalistin Sybille Herbert ein methodisch anregendes, multiperspektivisches Buch über ihre Brustkrebserkrankung verfasst, in dem sie ihr ganz persönliches krisenhaftes Erleben von Diagnose, Therapie und Rehabilitation jeweils mit dem Bericht ihrer Therapeuten konfrontiert und verschiedene Wirklichkeiten erzählend miteinander verschränkt.[1] Im webbasierten Projekt „Krankheitserfahrungen“[2] berichten Kranke über ihr Leben zwischen Gesundheit und Krankheit, von ihren Erfahrungen mit der Medizin und bereichern so unsere Sichtweise dessen, was es heißt, gesund oder krank zu sein.

Ein zweites Fazit lautet also: Die Medizin bedarf einer Subjektiven Pathologie, einer Theorie der Individualität des Kranken und des Gesunden – auf physiologischer wie biographischer und sozialer Ebene. Dies entspräche einer Restauration des Individuellen in den Naturwissenschaften vom Menschen. Individualität würde dann nicht nur als psychisches Epiphänomen, sondern als integrative Eigenschaft des Lebendigen verstanden.

Heuristik des "Irrelevanten"

Neben dem Individuellen kann auch das vermeintlich Irrelevante Quelle neuer forschungsleitender Ideen werden. Was in der jeweilig aktuellen Forschung als irrelevant angesehenen wird, ist abhängig von Konzeptualisierungen und Kontexten. Die Beschäftigung mit dem Irrelevanten kann dazu dienen, solche Kontexte – in Sinne einer Proto-theory of Contexts – verstehen zu lernen. Eines der wichtigsten Konzepte der Medizin des 20. Jahrhunderts, die Stresstheorie des kanadischen Endokrinologen Hans Selye, ist aus einer solchen "Theorie des Drecks" entstanden – dies jedenfalls war die polemische Charakterisierung der Kollegen von Selye, die ihn von seinen unnützen Versuchen abbringen wollten. Selye widmete sich den allgemeinen Alarmzeichen des menschlichen Organismus wie Fieber, Erschöpfung, Kopf- und Gliederschmerzen, die von Wissenschaftlern seiner Zeit als unspezifisch und irrelevant eingestuft und deshalb systematisch ignoriert worden waren. In einer Welt global vernetzter, rational durchstrukturierter Lebenswissenschaften ist die Bedeutung des Menschen als erlebendes und erleidendes Individuum prekär geworden.

Mein letztes Fazit betrifft deshalb die Heuristik des Irrelevanten und Unspezifischen. Machen wir es uns zunutze, dass gerade die Sicht des "Laien" auf die Medizin, desjenigen, der außerhalb der Profession und ihrer Sozialisation in anderen Kultur- und Denkräumen lebt und denkt, eine unerschöpfliche Quelle vermeintlich irrelevanter und unspezifischer Aspekte von Krankheit und Gesundheit ist, die zu berücksichtigen heißt, die Medizin zu beleben und zu erneuern.


Weiterführende Literatur:

  • Canguilhem, G., 1977, Das Normale und das Pathologische Frankfurt/M., Ullstein.
  • Herbert, S., 2005, Überleben Glücksache. Köln, Kiepenheuer und Witsch.
  • Krankheitserfahrungen.de, ein Projekt der Universitäten Freiburg und Göttingen in Kooperation mit dem Institut für Public Health, Charité. https://www.krankheitserfahrungen.de/
  • Selye, H., 1953, Einführung in die Lehre vom Adaptationssyndrom (The Story of the Adaptation Syndrome, 1952) Stuttgart, Georg Thieme.
  • Wiesemann, C., 1999, Norm, Normalität, Normativität - Ein Beitrag zur Definition des Krankheitsbegriffs, in J Rüsen, H Leitgeb, N Jegelka (Hrsg.), Zukunftsentwürfe. Ideen für eine Kultur der Veränderung: Frankfurt, New York, Campus, S. 275-282.
  • Wiesemann, C., 2008, Von der Säftelehre zur Zellenlehre. Zu den theoretischen Grundlagen der modernen Medizin, in C Wiesemann, B Bröker, S Rogge (Hrsg.) Posthume Edition von Nelly Tsouyopoulos, Asklepios und die Philosophen. Paradigmawechsel in der Medizin im 19. Jahrhundert: Stuttgart/Bad Canstatt, frommann holzboog, S. 11-20.