Blogbeitrag von Donata Schoeller

Philosophie und Gesundheit

Philosophie und Gesundheit scheinen auf ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben. Dennoch wird in einem berühmten Sprichwort, das angeblich auf den Vorsokratiker Thales zurückgeht, der gesunde Geist und der gesunde Körper im gleichen Atemzug genannt.

Philosophie und Gesundheit scheinen auf ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben. Dennoch wird in einem berühmten Sprichwort, das angeblich auf den Vorsokratiker Thales zurückgeht, der gesunde Geist und der gesunde Körper im gleichen Atemzug genannt. Die damit angesprochene Verbindung erscheint nicht zwingend, aber intuitiv einleuchtend. Der Zusammenhang von Körper und Geist, der darin mitschwingt, er gehört jedoch über die Jahrhunderte bis heute zu den grossen ungeklärten Fragen. Das Problem geht bekanntlich u.a. auf René Descartes zurück, der in seiner kategorischen Trennung von Körper und Geist zu Beginn des neuzeitlichen Denkens den Geist oder die Seele vor allem vor einem mechanistischen Zugriff retten wollte. Seitdem ist der Zusammenhang Gegenstand heftiger und nicht endender philosophischer Debatten. In den Kognitionswissenschaften spricht man diesbezüglich vom sogenannten hard problem of consciousness.

Zwar erscheint es zweifelsfrei, dass mentale Zustände, unsere emotionellen und kognitiven Befähigungen bis in detaillierte Kompetenzen hinein von gehirnphysiologischen Abläufen abhängig sind. Dies erlaubt jedoch keineswegs den Umkehrschluss des psychischen oder geistigen Einflusses auf das Gehirn. Wenn Mediziner vom rätselhaften Effekt des Placebos sprechen, dann lächeln sie häufig verlegen. Der Einfluss etwa des psychischen Glaubens an ein Heilmittel, er erscheint z.Zt. eine peinliche Fehlfunktion, die einen Körper tatsächlich gesünder machen.

Zugleich spricht man heute von der Plastizität des Hirns und seiner ungeheuren Möglichkeiten, auch im Alter, je nachdem, wie man „übt“, sozusagen „am Ball bleibt“ etc. Therapie-Möglichkeiten, die auf den heilenden Einfluss des Sprechens, des Denkens, des Fühlens, des mentalen Übens setzen, werden wissenschaftlich und auch versicherungstechnisch dennoch weit weniger unterstützt und ernstgenommen als medizinische Eingriffe und bio-chemische Arzneimittel. Die Frage, wie der „Geist“ auf den „Körper“ einwirken kann, stößt eben auf paradigmatische Grenzen, d.h. auf Grenzen des momentanen Denkens und seiner Theorien, Verfahren, Experimente und Praktiken.

Auf diese Weise hat Philosophie mit Gesundheit zu tun. Denn durch die Philosophie werden Paradigmen erhärtet oder hinterfragt. Denkweisen wiederum prägen gesellschaftliche Wirklichkeiten, Handlungsmöglichkeiten, Lebensweisen, Gesundheitsvorstellungen etc. Philosophie kann Denkgewohnheiten einführen, sie kann sie aber auch aufbrechen. So zum Beispiel kann sie Vorstellungen explizit machen und kritisch durchdenken, die sich implizit im Verständnis des Begriffs „Körper“ über Jahrhunderte angesammelt haben: Körper als kontextloses Objekt, als untersuchbarer Gegenstand, als Schauplatz gesetzmäßig determinierter bio-chemischer Abläufe. Philosophen fragen: was sind Gesetze? Was sind Objekte? Was heißt lebendig? Wie ist es, ein Körper nicht nur zu haben, sondern auch zu sein? Was hat körperliches Dasein mit Bedeutung zu tun? Wie hängen „Körper“ und „Situationen“ zusammen? Was unterscheidet lebendige von toten Körpern? Mit solchen Fragen wird die Vorstellung, dass „Körper“ Dinge sind, die vom „Geist“ trennbar wären, als Naivität deutlich. Diese wird auch ersichtlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es (geistvolle) Körper sind, die Körper untersuchen und bestimmen, was Körper sind.

Den zu erlebenden Zusammenhang von Körper und Geist im Denken und Forschen zu berücksichtigen hat jedoch methodische Konsequenzen, die noch kaum ausgelotet sind. Sie haben vor allem mit der Handhabe von Interaktion zu tun. Damit ist eine Ding-Ontologie zu verabschieden, gemäss der Körper getrennt von einer erfahrenen Wirklichkeit, auch getrennt von den vielfältigen, auch sozialen Umwelten, in denen und aufgrund derer Körper leben und auch forschen, erforscht werden können.

Ein verändertes Verständnis einer verkörperten Wirklichkeit, die von Interaktion ausgeht, führt zu Folgen, die das Thema Gesundheit auf vielen Ebenen betrifft: in Pädagogik und Didaktik, im Zeit- und Arbeitsmanagement, in der Gesundheitspolitik, in Praktiken auf alltäglicher Ebene, in Lebensweisen. Hier stehen wir heute an einem Anfang, an dem sich spannende Horizonte abzuzeichnen beginnen, sowohl in der Wissenschaft und auch jenseits davon, in alltäglicher und auch therapeutischer Praxis.

Vom Denken der Interaktion aus wird deshalb deutlich, dass der Zusammenhang von Körper und Geist, der in einem Atemzug genannt werden kann, vielleicht sehr viel mit dem Atem zu tun hat: mit dem hoch komplexen Phänomen einer Gesundheit, die auf dem Atem und auf verwickelten Körper-Umwelt-Interaktionsprozessen beruht. Wenn man diese besser zu denken, zu erfassen und methodisch zu kultivieren lernt, dann könnten Philosophie und Gesundheit immer näher zusammen rücken.