Blogbeitrag von Anika Walther

Philosophie im Diskurs mit Medizin und Pflegen

Philosophie einerseits und Medizin und Pflege andererseits befinden sich also in einem teils paradoxen Verhältnis zueinander, bedingen und begrenzen sich gegenseitig und sollten dennoch nicht losgelöst voneinander agieren, denn jede profitiert von den Fortschritten des anderen.

Die täglich in Fülle entstehenden, neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften, der klassischen Naturwissenschaften und der Biowissenschaften verändern (zusammen mit den elektronischen Möglichkeiten ihrer Verbreitung) die Welt. Wir bemerken diese Geschwindigkeit dieser Veränderung nur deshalb selten, weil wir im Strom der Entwicklung mitgerissen werden. […] Diese Moderne entwirft inzwischen ein Design des Menschen, welches nicht nur die Oberfläche des Körpers betrifft, […] sondern welches beginnt, den menschlichen Körper von innen her zu verändern.“ [1]

Dies ist das Spielfeld der Philosophie in den Wissenschaften und damit auch in Medizin und Pflege. Sie kann, soll und muss hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Vor dem Hintergrund der Möglichkeiten des medizintechnischen Fortschritts hat der Mensch zunehmend die Möglichkeit erhalten, sich selbst zu gestalten – sei es der Genpool, das Aussehen oder der Todeszeitpunkt. Bestimmte Krankheiten können bereits in den ersten Schwangerschaftswochen erkannt werden und den zukünftigen Müttern wird die Entscheidung über das Weiterleben des Embryos beziehungsweise Fötus übertragen, defekte oder fehlende Körperteile – selbst das Herz - können ersetzt werden, medizinisch-pflegerische Maßnahmen ermöglichen das Weiterleben eines Menschen trotz des gravierenden Ausfalls bestimmter oder auch aller Hirnareale und die Auswirkungen bestimmter Neurotoxine und Keime sind bekannt und können durchaus – quasi zu jedem Zweck - genutzt werden. Im Rahmen dieser immensen Gestaltungsmöglichkeiten ist es die Aufgabe der Philosophie, dafür zu sorgen, dass sich der Mensch nicht selbst entgleitet – Philosophie quasi als Notbremse der evolutionstechnischen Entwicklung des Menschen. Nicht alles, was technisch möglich ist, muss auch praktiziert werden – so das durchaus vernünftige Statement der Philosophie. Aber auf welche Art und Weise gelingt der Philosophie, dieses Kontrollstreben des Menschen einzugrenzen?

Philosophie als Prüfstein

Die erste Maßnahme, die sich die Philosophie zu eigen macht, ist das Aufstellen und Überprüfen von Konzepten und Ausnahmen von der Regel. Sie hinterfragt, was als einfach gegeben gilt. „Das Ziel der Philosophie […] ist Erkenntnis. Die Erkenntnis, um die es ihr geht, ist die Art von Erkenntnis, die Einheit und System in die angesammelten Wissenschaften bringt, und die Art, die sich aus einer kritischen Überprüfung der Gründe für unsere Überzeugungen, Vorurteile und Meinungen ergibt“ [2], merkt Bertrand Russell über den Sinn der Philosophie an. In der Medizin und der Pflege wird sich leider immer wieder auf vermeintlich ganz selbstverständliche Begrifflichkeiten berufen: Würde, Autonomie, Vertrauen, Freiheit, Gerechtigkeit. Richtig ist eine medizinisch-pflegerische Intervention dementsprechend genau dann, wenn die Würde des Patienten beachtet wird, seine Autonomie respektiert wird, das Verhältnis zwischen ihm und den Ärzten beziehungsweise Pflegenden vertrauensvoll ist, ihm gegenüber gerecht gehandelt wird und man seine Freiheit nicht einschränkt – Ausnahmen inbegriffen. Aber was bedeuten die Begriffe an sich? Was ist Würde? Wer hat sie? Was ist Freiheit und sind wir überhaupt frei? Die Philosophie stellt hier die unangenehmen Fragen und versucht auf diese Weise, das Handlungsfeld von Medizin und Pflege auf ein solides und menschlich vertretbares, schlüssiges (d. h. valides) Fundament zu stellen.

Philosophie als Wegweiser

Eine weitere, damit verbundene Aufgabe der Philosophie ist es, Richtlinien für das Handeln von Medizinern und Pflegenden aufzustellen, damit auch das, was diese versprechen, tatsächlich in die Tat umgesetzt wird. Zunehmend in den Fokus gerückt ist diesbezüglich die Ethikberatung, im Rahmen derer nicht nur Kenntnisse vermittelt werden (Fortbildung und Leitlinienentwicklung), sondern auch Hilfestellung bei Entscheidungen gegeben wird (ethische Fallberatungen) [3]]. Auf diese Weise werden beim Patienten das Sicherheitsgefühl und das Vertrauen – und damit auch seine Gesundheit - gefördert. Er ist der Medizin und Pflege nicht ungehindert ausgeliefert und erhält eine medizinisch-pflegerischer Betreuung getreu der berühmten vier biomedizinischen Handlungsprinzipien (Autonomie respektieren, Wohl fördern, Leid vermeiden, Gerechtigkeit) von Beauchamp & Childress [4].

Die Ehe zwischen Philosophie und Wissenschaft

Nun würde das Aufstellen und die Überprüfung von Konzepten sowie die Aufstellung von Handlungsrichtlinien letztlich fehlschlagen, wenn sich die Philosophie nicht etwas Wichtiges zu Nutze machen würde: die Erkenntnisse des wissenschaftlichen Fortschritts, den sie teilweise zu begrenzen versucht. So erklärt man den Schwangerschaftsabbruch vor der dreizehnten Schwangerschaftswoche genau deshalb für ethisch zulässig, weil man nach wissenschaftlichen Erkenntnissen davon ausgeht, dass bis zu diesem Zeitpunkt der Embryo nicht leiden kann. Mittels der Gentechnik lassen sich genetische Defekte erforschen und so eventuell irgendwann einmal heilen und das bis vor Jahrzehnten noch geltende Ganzhirntodkonzept konnte zu einem durchaus ethisch vertretbaren Teilhirntodkonzept umgewandelt werden. Die Philosophie ist also mittels des medizinisch-pflegerischen Fortschritts in der Lage, ihre eigenen Konzepte an die Realität anzupassen – die Konzepte, mit denen dann die Medizin und die Pflege arbeiten.

Philosophie einerseits und Medizin und Pflege andererseits befinden sich also in einem teils paradoxen Verhältnis zueinander, bedingen und begrenzen sich gegenseitig und sollten dennoch nicht losgelöst voneinander agieren, denn jede profitiert von den Fortschritten des anderen.

Literaturnachweis

  • [1] Frühwald, W. (2004), Einleitung, in: Frühwald, W. et al. (2004). Das Design des Menschen. Vom Wandel des Menschenbildes unter dem Einfluss der modernen Naturwissenschaft, Köln: DuMont, S. 11-23 (hier: S. 11).
  • [2] Russell, B. (1967). Probleme der Philosophie, Frankfurt a./M.: Suhrkamp, S. 136.
  • [3] Dörries, A., & al., e. (Hrsg.). (2008). Klinische Ethikberatung. Ein Praxisbuch (1. Ausg.). Stuttgart: Kohlhammer.
  • [4] Beauchamp, T. L., & Childress, J. F. (2009). Principles of biomedical ethics (6. Ausg.), New York - Oxford: Oxford University Press.