Blogbeitrag von Sabine Baier

Gesunde und kranke Körper in den Medien (2)

Produktivität, Schönheit, Individualität und Macht – funktionieren jedoch nur deshalb als Verkaufsstrategie, weil es eben die idealisierte Vorstellung eines produktiven, schönen und mächtigen Individuums schon gibt und die Werbung dementsprechend daran anknüpfen und diese Vorstellungen weiter reproduzieren kann.

(Teil 2)

Produktivität, Schönheit, Individualität und Macht – funktionieren jedoch nur deshalb als Verkaufsstrategie, weil es eben die idealisierte Vorstellung eines produktiven, schönen und mächtigen Individuums schon gibt und die Werbung dementsprechend daran anknüpfen und diese Vorstellungen weiter reproduzieren kann. Würden wir hingegen in einer Welt leben, in der es nicht weiter schlimm ist, wenn wir bei der Arbeit nicht erscheinen und in der Schönheit und Individualität keine Rolle spielen würden und generell jedes Problem und jede Situation als gemeinsame verstanden werden würde, gäbe es keine Grundlage für die typische Arzneimittelwerbung.

Doch Grippemittelwerbung macht durch die Betonung dieser vier Aspekte des kranken, mangelhaften Körpers noch viel mehr als das: Sie lässt in ihren kurzen und oft schmucklosen Geschichten Krankheit und Gesundheit als zwei scharf voneinander getrennte Sphären erscheinen, die nichts miteinander zu tun haben und in denen Krankheit, die unangenehme, zu vermeidende und bestenfalls kurz andauernde Ausnahme darstellt und Gesundheit, der um jeden Preis erwünschte und dauerhafte Normalfall ist. Wirft man jedoch einen Blick auf die Statistik des Nationalen Gesundheitsberichtes 2015 der Schweiz, so liest man, dass bereits in der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren knapp jeder fünfte an einer chronischen Krankheit leidet. Ab 75 Jahren ist es bereits jeder zweite. Mit steigender Lebenserwartung wird die Anzahl der chronisch Kranken in unserer Gesellschaft weiter zunehmen. Ab einem bestimmten Altern wird es daher für uns alle mehr als unwahrscheinlich sein, einen vollständig gesunden, makellosen und immer perfekt funktionsfähigen und selbstgenügsamen Körper zu haben, so dass die scharfe Trennung von gesunden und kranken Körpern höchst kritisch zu hinterfragen ist. Vor allem die Setzung des vollständig gesunden Körpers als Norm erscheint vor dem Hintergrund dieser Zahlen mehr als problematisch. Wenn die Mehrheit der Menschen den Grossteil ihres Lebens nicht ganz gesund verbringen wird und überhaupt immer mehr Menschen irgendwie krank als gesund sind, ist dann nicht eher der kranke statt der vollständig gesunde Körper die Norm? Ist es nicht eher so, dass die Gesunden sowieso immer nur vorläufig gesund sind und irgendwann dem Reich der Kranken angehören werden? Ist dann Gesundheit und Krankheit nicht sehr viel mehr als nur eine Frage des Konsums, sondern ein gemeinschaftlich geteiltes Anliegen?

Nun liesse sich einwenden, dass eben genau aus diesem Grund – zumindest in der Schweiz, in den USA sieht es da anders aus – Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente verboten ist und es eben „nur“ Grippemittel sind, für die in öffentlichen Medien geworben werden darf. Das mag sein. Doch in welch anderen Medien ausser den öffentlichen Werbeblöcken werden uns Geschichten von Krankheit und Gesundheit überhaupt erzählt? Arztserien und –filme, die das Fernsehprogramm nahezu überspülen, konzentrieren sich ähnlich wie Arzneimittelwerbungen ebenfalls vorrangig auf die Erzählung der Krankheit als dramatische Ausnahme, der dann mit ebenso dramatischen Mitteln durch einen genialen chirurgischen Eingriff begegnet werden muss. Es ist schlichtweg spannender, Krankheit so zu erzählen, als den 40 Jahre andauernden Krankheitsverlauf eines moderaten Diabetikers darzustellen, der am Ende seines Lebens den Folgen einer multiplen, nicht mehr eindeutig zu diagnostizieren Komorbidität erliegt. Die Ökonomie des Erzählens verläuft hier ganz ähnlich wie in der Werbung. Romane, Independent-Filme, Dokumentationen sowie Krankheitstagebücher über und von echten PatientInnen, wie beispielsweise Audre Lordes Krebstagebuch „Auf Leben und Tod“ (im Englischen „The Cancer Journals“), die mittlerweile nicht nur als Buch, sondern auch online in unzähligen Blogs zu finden sind, zeigen da einen realistischeren und ungeschönten Zugang. Doch anders als bei Werbungen für Grippemittel, kommen sie im öffentlichen Raum schlichtweg weniger häufig vor. Darüberhinaus zeigen diese Krankheitstagebücher eindrücklich wie sehr PatientInnen an den Folgen der Überrepräsentation der oben genannten Aspekte zu leiden haben. Der kranke und schwerkranke Körper leidet nicht nur daran, krank zu sein, Schmerzen zu haben und vielleicht sogar dem Tod ins Auge sehen zu müssen. Er leidet vor allem auch daran, nicht mehr so schön und produktiv zu sein wie ein gesunder Körper. Wenn beispielsweise einem Krebspatienten durch die Chemotherapie die Haare ausfallen und die Scham davor, als krank identifiziert werden zu können, bisweilen mächtiger ist als die Angst, zu sterben. Wenn Patienten mit Hautkrankheiten das Tragen kurzer Kleidung oder den Besuch öffentlicher Bäder im Sommer meiden. Kranke leiden daran, dass sie mehr als kaputtes Objekt gleich einem Autowrack wahrgenommen werden und nicht mehr als empfindsames Individuum, und dass die Möglichkeiten, sich individuell auszudrücken dauerhaft eingeschränkt sind. Weil vielleicht eine Lähmung vorliegt und man sich nie wieder ohne Hilfe alleine fortbewegen können wird oder aber ein Sinnesorgan verloren gegangen ist und nie wieder Musik gehört oder gemacht werden kann. Schliesslich leidet er daran, und dieser Punkt kann in seiner ganzen Tragweite gar nicht genug betont werden, dass er in seinem Leiden im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar gemacht wird. Nicht nur, weil der dauerhaft oder schwerkranke Körper viel zu selten in den Medien repräsentiert wird und es auch kein Produkt gibt, das als magische Lösung für solche Happy End-befreiten Körper verkauft werden kann, sondern vor allem auch, weil die öffentlichen Zugänglichkeiten nach wie vor mehr als bescheiden organisiert sind. Jeder, der schon mal auf Krücken gehen musste, weiss wie wichtig Aufzüge und Niederflurtrams sein können und es ist kein Zufall, dass in manchen Stadtteilen und Gebäuden eben nicht alle trotz Krankheit im wahrsten Sinne des Wortes „mitten im Leben stehen“ können. Nicht alle können stehen, nicht alle können gehen. Krankheit, das bedeutet aber oftmals den nicht nur partiellen und vorübergehenden, sondern den ultimativen und dauerhaften Autonomie- und Machtverlust. Krank zu sein erinnert uns in letzter Instanz daran, dass wir als Menschen immer Gefahr laufen, verletzlich zu sein und dadurch auf die Gemeinschaft mit und Hilfe von anderen angewiesen sind. Genau deshalb ist der kranke Körper eine permanente Herausforderung des modernen Individualismus und setzt ihm eine als bedrohlich wahrgenommene Grenze entgegen, so dass man nicht gerne an seine eigene Bedürftigkeit und Verletzlichkeit erinnert wird. Dabei ist es gar nicht immer der eigene, verletzliche individuelle Körper, der uns krank macht, sondern es sind vor allem die von Menschen gemachten Umgebungen, Infrastrukturen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die uns erst so richtig krank fühlen lassen. Trotz Krankheit „mitten im Leben stehen“ kann man eben nicht nur dann, wenn man sich die entsprechende Pille kaufen kann und überhaupt die Beine dazu hat, sondern vor allem dann, wenn eine Gemeinschaft es all ihren Mitgliedern jederzeit und überall ermöglicht.