Blogbeitrag von Prof. Dr. Bernhard Irrgang

Gesundheit, Krankheit und ein selbstbestimmtes Lebens

In einer Gesellschaft, die materielle Werte, Glück und Reichtum erstrebt, gilt Gesundheit wie Jugend als hoher Wert. Gesundheit wird bisweilen sogar zum höchsten Wert erhoben, dem - im Extremfalle - sich alles andere unterzuordnen habe.

In einer Gesellschaft, die materielle Werte, Glück und Reichtum erstrebt, gilt Gesundheit wie Jugend als hoher Wert. Gesundheit wird bisweilen sogar zum höchsten Wert erhoben, dem - im Extremfalle - sich alles andere unterzuordnen habe. In einer hedonistischen Gesellschaft wurde der Spruch von Jesus Sirach, "Besser arm und gesund als reich und krank" (Sir. 30, 14-16) umformuliert: "Besser reich und gesund als arm und krank". Armut und Krankheit sind in der Konsumgesellschaft Anlass für soziale Ächtung und Ausschluss. Aber Krankheit ist nichts sittlich Schlechtes, wenn auch in vielen Fällen ein Übel, dem soweit möglich abgeholfen werden sollte. Andererseits wird Gesundheit oft als sittliches Gut betrachtet. Doch eine Verwechslung von Gesundheit und sittlich Gutem beruht auf einem - ethisch nicht akzeptablen - naturalistischen Fehlschluss. Man kann auch schwere Krankheit in ein gelingendes leibliches Leben integrieren, vor allem dann, wenn es intellektuell ausgerichtet ist.

Gesund meint ursprünglich vollständig im Sinne von 'heil' und 'ganz'. Das erste Gesunde ist in der Antike das Ganze, die Welt, und somit das Maß der Gesundheit. Zugrunde liegt die Vorstellung einer Harmonie des Kosmos, letztlich eine Übereinstimmung des Mikro- mit dem Makrokosmos. Im Platonismus ist die Sorge für die Gesundheit kosmologisch begründet, geht aber vor allem auf die Seele. Das Adjektiv 'krank' kommt schon im Althochdeutschen vor und bedeutet 'siech', 'schwach sein' ähnlich wie 'krankalon' kränkeln, straucheln, schwanken. Das statistische Modell von Gesundheit und Krankheit beschreibt das Pathologische vom Normalen aus und ist bei Infektionen, Verletzungen und ähnlichen Erkrankungen nicht unplausibel. Aber bei vielen Erkrankungen hat man mit einem solchen Verständnis deutliche Schwierigkeiten, weil menschliche Patienten auf die gleichen Krankheitsbilder deutlich unterschiedlich reagieren. Dann sollen Gene daran schuld sein.

Das cartesische Gedankengebäude, für das nur das Wägbare und Messbare zählt, hat Viktor von Weizsäcker 1936 mit seiner neuen Gesundheits- und Krankheitsdefinition überwunden. Er führte den Gedanken der Rückkoppelungseffekte in die Medizin ein und bereitete so ein synergistisches und autopoietisches Modell vor, welches sich nun allmählich zu etablieren beginnt. Im traditionellen Modell wurden die Fortschritte bei der Behandlung körperlicher Schäden erkauft durch Vernachlässigung der Zunahme psychischer Belastungen und Stressfaktoren, die ihrerseits zu schweren Erkrankungen führen können. Nur eine Krankheitskonzeption, die die Selbstorganisation offener Systeme zu ihrem Ausgangspunkt mache, könne diesen Phänomenen Rechnung tragen. Damit erhält die Lebensgeschichte unmittelbaren Eingang in das biomedizinische Konzept.Gemäß diesem Konzept ist nicht jede Abweichung in den Messwerten unbedingt eine Krankheit. Die erst im letzten Jahrzehnt wissenschaftlich ermittelten engen Beziehungen zwischen Immun-, Nerven- und endokrinem System haben das Krankheitsverständnis verändert. In der Krankheit erfährt sich der Mensch in seiner Ungesichertheit, Anfälligkeit, Begrenztheit, Ohnmacht und Endlichkeit. So eröffnet Krankheit eine Chance, über sein Leben nachzudenken und eventuell seinen Lebensplan und seine Strategie zu ändern.

Krankheit ist also zum einen eine objektive Erscheinung, eine Veränderung des Körpers oder Bewusstseins in bestimmten Regionen und Funktionen mit der Folge einer Unfähigkeit des Organismus. Krankheit ist andererseits immer auch eine subjektive Erscheinung, eine Veränderung des Körpergefühls, des Raum- und Zeitempfindens, der allgemeinen Stimmung und des Selbstwertgefühl des Kranken. Die Krankenrolle setzt sich aus vier Aspekten zusammen: (1) Befreiung von den täglichen Verpflichtungen, (2) Befreiung von der Verantwortung für den kranken Zustand, (3) Verpflichtung, gesund werden zu wollen und (4) Verpflichtung, fachkundige Hilfe aufzusuchen. Deskriptive und normative Aspekte durchdringen sich in dieser Rollendefinition. Gesundheit und Krankheit sind damit Weisen der Selbstzuschreibung bzw. der sozialen Rollenzuschreibung. Sie sind Interpretationskonstrukte mit empirischen und werthaften Komponenten. Dies lässt sich im Englischen besonders gut durch die Unterscheidung von "disease" für die naturwissenschaftlich-biologische Komponente und "illness" für die werthafte Komponente ausdrücken.

Gesundheit ist heute keine Frage der Gabe und Fügung mehr, sondern eine Aufgabe und eine Frage der Organisation. Im Gesundheitswesen Deutschlands gibt es eine Lenkung durch den Markt und durch Zentralverwaltung. Gesundheitsgüter sind als Zukunftsgüter und als Kollektivgüter schwierig zu managen. Patientenzentrieung und Transparenz sind wichtig. Die Zentralverwaltungswirtschaft kann auf individuelle Präferenzen nicht eingehen und hat auch wenig mit Transparenz zu tun. Schwierigkeiten entstehen für die Marktwirtschaft dadurch, dass der Kranke bzw. Konsument kaum die Qualität der Dienstleistung beurteilen kann, die er in Anspruch nimmt. Verbraucherschutz und ethisch vertretbare Behandlung des Personals sollten ineinander greifen.


Literatur:

  • Irrgang, B. 1995: Grundriss der medizinischen Ethik; 295 S., München, Basel; UTB (Übersetzung mit neuem Vorwort ins Japanische 2002)
  • Irrgang, B. 2012: Projektmedizin. Neue Medizin, technologie-induzierter Wertewandel und ethische Pragmatik; Stuttgart
  • Irrgang, B., Caris-Petra Heidel 2015: Medizinethik. Lehrbuch für Mediziner; Stuttgart