Blogbeitrag von Tommaso Manzin

Gesundheit!

„Muss man selbst, oder aber eine andere Person in einem Raum niessen, ignoriert man dies als einen unerheblichen Zwischenfall. Dieser sollte nicht durch ein schallendes ‚Gesundheit!‘ zu einem Drama gesundheitlichen Verfalls verfremdet werden.“

Mit wohltuend aristokratischem Phlegma rät der Knigge für den Fall jener Lautäusserung, die es beim Menschen zu einer gewissen Virtuosität gebracht hat – vom katzenartigen Zischlaut bis zum enthemmten Urschrei – folgendes :

„Muss man selbst, oder aber eine andere Person in einem Raum niessen, ignoriert man dies als einen unerheblichen Zwischenfall. Dieser sollte nicht durch ein schallendes ‚Gesundheit!‘ zu einem Drama gesundheitlichen Verfalls verfremdet werden.“

Ein kurzes „Entschuldigung“ sei dagegen „durchaus angebracht“. Denn nicht selten zucke der Eine oder Andere durch das laute „Hatschi“ erschrocken zusammen. Wir wissen, was hier dezent angedeutet wird : jener Schall-Überfall, nach dessen Verebben man mit dem geläuterten Ausdruck des Überlebenden um sich blickt und erleichtert feststellt, dass das akustische Grossereignis keine Opfer gefordert hat. Nun, wir vom Lande erlauben uns, auf das über ganze Tischgesellschaften hinweg fliegende „Gesundheit!“ ein fatales „Danke, gleichfalls!“ zurückzuschreien, obwohl auch simpelsten Naturen klar sein sollte, wozu das führt : nie mehr endende Echos verhallender „Danke, gleichfalls!“.

Aber was wünschen wir uns da eigentlich, wenn wir niessen? Die Mathematik pflegt in solchen Fällen sofort zwei Fragen zu stellen : Existiert es ? Und, wenn ja : Ist es eindeutig ?

Eingrenzen und Ausgrenzen : Normalität ist nichts Normatives

Diese Fragen wären eigentlich öfter zu stellen, als man denkt, gibt es doch so viele Wörter, die fast – „gleich“ und „dasselbe“ – oder ganz – „Abendstern“ und „Morgenstern“ – dasselbe meinen. Und umgekehrt gibt es Sätze, in denen ein und dasselbe Wort in einer anderen Bedeutung benutzt wird (Äquivokation). Sehr beliebt in politischen Diskussionen – und privaten.

Gibt es so etwas wie G esundheit ? Sie könnte definiert werden der Zustand, in dem ein System- auch für ökonomische oder politische Systeme wird der Terme benutzt – so funktioniert, wie es sollte. Wenn wir die Gesundheit des Menschen betrachten, sehen wir – und sonst interessanterweise in keiner Anwendung des Wortes – dass das Wort hier zwei „Systeme“ meinen kann : Körper und Geist. Um eine Verdopplung der Welt und die ganze Leib-Seele-Debatte zu umgehen, wollen wir annehmen, dass Gesundheit immer beides meint.

Mit diesen ziemlich unscharfen Einschränkungen dürften wir den Begriff für unsere Zwecke einigermassen operabel gemacht haben. Das schadet so lange nicht, als man sich bewusst ist, dass jede Eingrenzung auch eine Ausgrenzung ist. So sind wir etwa – Knigge würde es uns danken – nicht näher darauf eingegangen, was es heisst, zu funktionieren. Hier käme recht bald der Normalitätsbegriff ins Spiel. Auch dies ist legitim, solange man nicht vergisst, dass er mehr normative Abstrahlung besitzt als er es verdient, da er eine reine statistische Aussage ist : Ausprägungen gelten dann als normal, wenn sie eine gewisse Häufigkeit gegenüber anderen aufweisen. Aber das sollte uns bekannt vorkommen : Auch in der Demokratie bestimmt die Mehrheit, was gut ist, auch wenn es schlecht wäre. Damit wäre immerhin auch die Fragen nach der Eindeutigkeit des als Gesundheit bezeichneten Zustands beantwortet, nämlich negativ.

Der Begriff „gut“ wird generell etwas zu inflationär fast synonym für „nützlich“ oder „funktional“ verwendet. Im semantischen Umfeld der Gesundheit muss man sich der Erschleichung einer normativen Konnotation besonders bewusst sein.

Gute Zeiten, schlechtes Zeiten

Rein deskriptiv lässt sich dagegen sagen : Die Bevölkerung wird immer älter – nicht zuletzt dank medizinischem Fortschritt – und ältere Menschen brauchen mehr Pflege. Beides erhöht die Gesundheitskosten ebenso wie jene der Vorsorge.

Während in der Vorsorge ein neuer Generationenvertrag nottut, täte bei den Krankenkassenprämien die Rückbesinnung auf den Versicherungsgedanken gut, die Solidarität – und das ist kein Altruismus. Ein beliebtes Argument gegen Solidarität geht nämlich so : Wer gesund lebe, sorge für tiefere Kosten des Gesundheitswesens. Doch es ist erstens nicht nur die gewählte Lebensführung, die es erlaubt, einen höheren Selbstbehalt in der Krankenversicherung zu wagen und so Prämien zu sparen. Es ist immer auch Glück.

Zweitens schwingt gerade in diesem Aufruf zum gesunden Leben zur Senkung der Kosten aller eine gehörige Portion moralischer Selbstüberschätzung mit : Moralisch bewertbares Handeln verlangt nämlich eine Absicht – nicht von ungefähr bestraft das Gesetz umgekehrt absichtliche Schadenzufügung mehr als fahrlässige. Niemand aber lebt gesünder aus Rücksicht vor der Kostenexplosion im Gesundheitswesen.

Eat Dessert First

1949 hat Kurt Gödel bewiesen, dass die Zeit in einer durch die Relativitätstheorie beschriebenen Welt keinen Platz hat. Da wir zum Universum gehören, würde damit auch die Suche nach jeder inneren Uhr im Sand verlaufen. Und doch spüren wir ihren heissen Atem geradezu ständig im Nacken. Für Albert Camus war sie der Feind des Menschen schlechthin.

So relativ alles sein mag, unser Gefühl der Getriebenheit haben wir objektiviert : Wir lesen es an den Uhren ab, an die wir uns ketten, diesen perfekten Techno-Inszenierungen von etwas, das es vielleicht nicht gibt. Denn uns reicht es zu wissen, was es sicher gibt, tief in uns selbst : die Bevorzugung der Gegenwart. Wenn wir etwas jetzt haben können, ist es uns mehr wert als später. Im Geschäftsalltag fällt übrigens der Zins die Bedeutung von Zeit für die Menschen aus dem zeitlosen Universum aus.

Asketen ticken nicht anders, aber länger

Ist die Wahrung der Gesundheit nun eine Tugend ? Oder ist sie sogar eher Geiz, fehlende Hingabe oder Eitelkeit – ein Beweis, sich zu schade zu sein ? Die Hintergrundstrahlung des Bewertungsrasters, den wir alle ständig ein wenig benutzen (ohne uns auf Partys explizit dazu zu bekennen), ist ein Widerhall der Ethik der Selbstbescheidung. Doch wie begründet ist damit die übliche moralische Höherstellung des gesunden Lebens gegenüber einem ausschweifenden Leben eines Rockstars ?

Anhängern von Gesundheitskult, Selbstbeherrschung und Frugalität mag es als Provokation oder gar Perversion erscheinen. Aber über die Vernachlässigung seiner selbst, also auch der Gesundheit, könnte das Ideal der Selbstbeschränkung quasi im abgekürzten Verfahren erreicht werden. Ganz ohne Umweg über Hungern und Sport, die ohnehin der Eitelkeit und der Absicht der Attraktivitätssteigerung verdächtig sind.

Die moralische Gleichstellung in Bezug auf Egoismus zeigt sich aber prinzipieller : Der auf seine Gesundheit achtende Mensch kann gesehen werden als einer, der die Dinge, die ihm Nutzen spenden, gefallen und ihn interessieren, möglichst lange geniessen will. Er hofft, dies mit gesundem Lebenswandel und Mässigung zu erreichen. Asketisch veranlagte Menschen können den Konsum besser auf später aufschieben, im religiösen Fall bis ins Jenseits (wo sie dann allerdings für die Entbehrungen belohnt zu werden hoffen). Ihr Egoismus ist deswegen nicht kleiner, nur anders verteilt über eine Zeitachse, die nicht ins Jetzt kollabiert. Ihr Gegenpol ist der dionysische Typ, der seine Gesundheit verschwendet, um in vollen Zügen zu leben, als gäbe es kein Morgen. Für ihn zählt nur das Erleben, koste es, was es wolle – Gesundheit oder Seelenheil.

Gesund und gut

Gesund sein tut gut, ist es aber nicht. Das muss gesagt sein. Dennoch würden wir trotz striktester normativer Enthaltsamkeit anfügen wollen : Noch weniger ist es das Gegenteil, die Arbeit an der eigenen Zerstörung. In dieser düsteren Tendenz versinken sowohl Erlebnissucht ohne jede Rücksicht und Selbstentsagung am selben umnachteten Punkt ins Bodenlose, den keine wie auch immer geartete Ethik stützen könnte.

Vor die Wahl gestellt halten wir es ohnehin mit Dagobert Duck : Lieber reich und gesund, als arm und krank.