Interview mit Aubrey de Grey

Fortschritt kommt von unvernünftigen Leuten

Altern ist mit Abstand die Todesursache Nummer eins. Gelingt es uns, diese Bedrohung auszuschalten, können Menschen im Schnitt etwa um das Zehnfache älter werden.

Interview mit dem britischen Forscher Aubrey de Grey im "der Bund" vom 29. September 2015.

Fast alle Forscher konzentrieren sich auf einzelne Krankheiten. Sie hingegen arbeiten an der Abschaffung des Alterns. Warum?

Altern ist mit Abstand die Todesursache Nummer eins. Gelingt es uns, diese Bedrohung auszuschalten, können Menschen im Schnitt etwa um das Zehnfache älter werden.

 

Angenommen, Sie haben Erfolg und leben 1000 Jahre: Was wären dann Ihre Pläne?

Lassen Sie mich zunächst klar sagen: Ich arbeite nicht daran, 1000 Jahre alt zu werden. Oder ewig zu leben. Ich arbeite an etwas anderem: Gesundheit. Ich bin Forscher. Mein Job ist es, bessere Medizin zu entwickeln, die es den Leuten erlaubt, gesünder zu bleiben – egal, wie alt sie werden. Und ja, ich bin überzeugt, dass – wenn wir Erfolg haben – die Leute wesentlich länger leben. Aber das ist nur ein Nebenprodukt der Tatsache, dass die Leute ihr Leben lang jünger bleiben. Etwa 25 bis 30 Jahre alt.

Was passiert, wenn alle Menschen 1000 Jahre leben?

Jeder Journalist stellt diese Frage: Gäbe es zu viele Menschen? Was wäre mit den Pensionen? Würden Diktatoren ewig herrschen? Wäre es langweilig? Würde Anstrengung noch einen Sinn ergeben? Das sind sicher faszinierende Fragen. Aber ich finde sie nicht interessant. Denn sehen Sie: Die Leute werden nicht über Nacht 1000 Jahre alt. Sondern Jahr für Jahr älter. Und währenddessen passiert eine Menge: Neue Technologien werden entwickelt – künstliche Intelligenz, nukleare Fusion, Gott weiss was. Und das wird die Gesellschaft weit schneller verändern als höheres Alter. Also, wenn wir die Frage stellen, wie die Gesellschaft funktionieren wird, wenn wir weit länger leben, ist die Antwort: Es gibt keine Möglichkeit, sie zu beantworten.

 

Nun, länger zu leben, wäre einer der einschneidendsten Nebeneffekte, die die Medizin je hatte…

Das ist doch nichts Neues. Alle Medizin verlängert das Leben. Die Hauptursache, dass Leute sterben, sind Krankheiten. Der einzige Unterschied zu unserem Projekt ist: Der Nebeneffekt wäre grösser.

 

Wie sieht – einfach gesagt – Ihr Plan aus?

Sehr simpel: Unser Plan ist im Wesentlichen, dasselbe zu tun, was wir schon bei jeder Maschine tun. Nehmen wir Autos. Es gibt Autos, die seit 100 Jahren fahren, obwohl sie für 10 Jahre angelegt waren. Warum? Weil ihre Eigentümer sie gewartet haben. Etwa Teile ersetzt oder den Rost entfernt. Der menschliche Körper ist ebenfalls eine Maschine, eine sehr komplizierte, aber eine Maschine. Wir müssen für ihn dasselbe tun wie ein Mechaniker für das Auto.

 

Funktionieren wir tatsächlich wie ein Auto?

Natürlich. Das ist der ganze Plan. Das Material ist anders. Aber wir sind eine Maschine mit beweglichen Teilen. Und wie jede Maschine mit beweglichen Teilen haben wir den Nebeneffekt, uns selbst zu schädigen – als unvermeidliche Folge unserer regulären Funktion. Und wenn wir die Maschine regelmässig überholen, wird die Maschine mit ihrer Arbeit fortfahren.

Sie haben zur Bekämpfung des Alters dieses in sieben Probleme zerlegt: etwa Zellverlust im Gehirn, Erbgutveränderung, giftige Ablagerungen, verformte Proteine, Krebs.

Alle diese Probleme sind komplex, aber im Prinzip reparabel. Wenn es uns gelingt, die jeweiligen Schäden ausreichend zu beseitigen, können wir das Alter dauerhaft stoppen. Theoretisch wissen wir genau, was zu tun ist.

 

Nur in der Praxis brauchen Sie dafür Enzyme, Behandlungen, Nanoroboter, die noch nicht erfunden sind. Wie können Sie sicher sein, dass es sie geben wird?

Natürlich können wir nicht sicher sein. Leonardo da Vinci war wahrscheinlich überzeugt, dass er bis zur ersten Flugmaschine nur noch wenige Jahre brauchen würde. Er hatte ziemlich brauchbare Pläne für einen Helikopter. Doch dann dauerte es 500 Jahre bis zu den Wright-Brüdern. Selbst wenn wir versagen, haben wir es immerhin versucht. Ich habe uns immer nur eine 50:50-Chance gegeben, dass wir es in diesem Leben noch schaffen. Aber eine 50-Prozent-Chance ist einen Kampf wert, nicht?

 

Würde ein solches Dauerwarten nicht jedes Gesundheitssystem sprengen?

Das Problem mit den heutigen Behandlungen ist: Sie funktionieren nicht. Sie verschieben nur graduell das Sterbebett – und wir geben enorm viel Geld aus, Leute am Leben zu erhalten, bei denen die Therapien nicht anschlugen. Ökonomisch gesagt: herausgeschmissenes Geld. Wenn wir Therapien hätten, die funktionieren, würden sie sich auch finanzieren: weil die Patienten danach wieder Geld für die Gesellschaft verdienen würden.

 

Ist Ihr Projekt nicht einfach der alte Traum vom ewigen Leben?

Ohne Träume keinen Fortschritt. Fortschritt kommt von unvernünftigen Leuten, die davon träumen, dass die Welt ein besserer Ort wird.

 

Aber wäre es wirklich erstrebenswert, für immer zu leben? Gäbe es nicht weit mehr Suizide?

Ich glaube nicht, dass sich jemand fürchtet, ewig zu leben. Höchstens eine Furcht, seine Hoffnungen zu verlieren. Wovor die Leute wirklich Angst haben, ist etwas anderes: in die Bekämpfung des Alters zu investieren – und dann, falls es zu langsam geht, nichts mehr davon zu haben. Also ziehen sie es vor, zu sagen: Das ist nur Science-Fiction. Um nicht mehr daran denken zu müssen. Natürlich wäre das Leben sehr anders in einer todesfreien Welt. Aber na und?

 

Wäre es nicht eine erzkonservative Gesellschaft? Wo niemand etwas riskierte? Und jeder 20-Jährige Leute vor der Nase hätte, die ihm sagten: «Komm wieder, wenn du 400 Jahre Erfahrung hast»?

Das ist die Sorte von lächerlichen, überspitzfindigen Journalistenfragen, mit denen ich dauernd zu kämpfen habe. Und ich habe sie satt, so satt wie nichts anderes. Natürlich würden Risiken vermieden werden. Etwa durch selbstfahrende Autos, die Unfälle vermeiden. Und gegen Überalterung im Beruf könnte man das Steuersystem so ändern, dass Leute nicht ewig im selben Job bleiben. Das ist alles offensichtlich. Und diese beiden Beispiele sind übrigens nicht Voraussagen, sondern Vorschläge. Nur um zu zeigen, dass die Probleme nicht unlösbar sind. Und sicher nicht schrecklicher als eine Welt, in der hunderttausend Leute jeden Tag sterben.

 

Liegt darin nicht irgendein Sinn? Einige Tiere leben kurz, andere länger. Oder hat die Evolution nur schlampig gearbeitet?

Evolution interessiert sich nur für eines: die Erhaltung von genetischer Information, nicht die Erhaltung von Individuen. Das heisst: Sobald Ihre Kinder gross sind, sind Sie der Evolution egal. Kein Wunder, hat uns die Evolution einen Körper mitgegeben, der sich in Form hält, solange man Kinder hat. Aber nicht viel länger.

 

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