Blogbeitrag von Hartwig Wiedebach

Der pathische Ernst von Krankheit und Gesundheit

Gesundheit ist nichts, das man 'hat', sondern "nur dort vorhanden, wo sie in jedem Augenblick des Lebens erzeugt wird" (Viktor von Weizsäcker). 'In jedem Augenblick erzeugen', das bedeutet: Gesundheit ist Arbeit. Warum?

Gesundheit ist nichts, das man 'hat', sondern "nur dort vorhanden, wo sie in jedem Augenblick des Lebens erzeugt wird" (Viktor von Weizsäcker). 'In jedem Augenblick erzeugen', das bedeutet: Gesundheit ist Arbeit. Warum? Antwort: Weil Gesundheit eine wacklige Brücke über einem Abgrund ist. Ihr Einknicken, Krankheit, Schmerz, Krisen sind jederzeit möglich, nie ganz zu vermeiden. Und diese Möglichkeit ist nicht abstrakt, also etwas, das man ins nur Denkbare abschieben könnte, sondern real. Krankheit ist eine Macht. Wo die Gesundheitsarbeit erlahmt, nimmt diese Macht das Heft in die Hand.

Aber: Die Macht der Krankheit ist nicht einfach schlecht. Zwar läuft hier etwas falsch. Das zu leugnen wäre Unsinn. Aber dieses Falsche ist eine Chance. Krankheit ist, noch einmal Weizsäcker: "die von Fall zu Fall geschehende Anerbietung eines Wissens um die Wahrheit". Das heißt nicht, daß Gesundheit als solche eine oder gar die Wahrheit wäre! Aber der Satz macht zweierlei klar. Erstens ist Krankheit, ist die Macht des Falschen ein Erwachen der Wahrheitsfrage. Und zweitens: Wo es um Wahrheit geht, wird es ernst. Aber auch umgekehrt: Wo es ernst wird, geht es um Wahrheit. Was heißt das?

Krankheit ist ein Leiden. Und wir wissen: Das Leiden soll nicht sein! Trotzdem: Wenn wir krank sind, ist es da. Damit beginnt der Ernst des, wie ich es nennen möchte, pathischen Fragens. Sobald wir das Leiden aus dem Blick verlieren, löst sich unser Denken in Unverbindlichkeit auf und füllt nur noch Publikationslisten und Talkshows. Daher ist die Realität der Krankheit, des Schmerzes usw. wichtig: Sie zwingt und befähigt uns, die Wahrheitsfrage festzuhalten. Pathisches Denken ist ein Nach-Denken: Es ist selbst ein Leiden in geistiger Gestalt. Wer sich darauf einläßt, übernimmt Verantwortung. Das Dasein des Leidens wird zum Gebot, sein Nichtsein zu betreiben.

Man ahnt: Eine abschließbare Erfolgsgeschichte kann dieser Weg nicht sein. Diese Unabschließbarkeit macht uns befangen. Eine metaphysische Versöhnungstheorie wird es nicht geben. Wenn das aber so ist: Haben dann nicht vielleicht das Leiden, die Krankheit, die Krise überhaupt das letzte Wort? Der Sinn des Lebens, aber letztlich auch der Sinn der Welt stehen auf dem Spiel. In dieser Lage gilt: Wir lassen nicht zu, was nicht sein darf. Es braucht den Trotz gegen das Falsche. Am Leiden wird es evident: Ich weiß das das Falsche als das Falsche. An dieser Gewißheit kann selbst Sinnlosigkeit nichts ändern. Also 'mache ich ernst' mit dem Leiden. Ich nehme es nicht hin.

Aber stelle ich mich damit nicht auf eine Nadelspitze aus Eigensinn? Lehrt uns das Leben nicht, daß hier mit Denken nichts erreicht wird? Diese Skepsis ist zweischneidig. Daher braucht das Denken ein anderes Fundament. Ich wende mich an die Menschen, die mir begegnen und zu denen ich gehöre. In Fragen des Leidens, der Krankheit, des Schmerzes sind menschliche Begegnungen kein äußerlicher Stoff für den philosophischen Begriff. Wer pathisch denkt und urteilt, muß selbst das Kranksein kennen, muß selbst am Kranken- und Sterbebett anderer Menschen gesessen haben.

So wird klar, welchen Sinn Philosophie hier hat. Sie ist Wegleitung im menschlichen Umgang, eine Lehre davon, was es bedeutet, eine stockende existentielle Praxis wiederzubeleben. Sie ist nicht eine Medizin oder eine Art geistigen Medikaments. Nur mit sorgfältigem Takt für bestimmte Einzelfälle darf man sie ab und zu eine Therapie nennen. Zunächst ist pathisches Philosophieren vor allem eine Grundlegung der Möglichkeit von Therapie. Darin macht es sich nützlich. Ohne strenge Selbstkritik ist das nicht zu machen: Denn eines ist es, Erfahrnisse und Phänomene überhaupt zu thematisieren, ein anderes aber, dies so zu tun, daß Hinweise auf Gesundung darin erkennbar werden.