Text von PD Dr. Michael Groneberg

Wären wie als Millionäre glücklicher? (Michael Groneberg. Erstellt am 1.7.2013)

Wir wissen nicht erst seit der Hirnforschung, auch wenn diese die allgemeine Erfahrung bestätigt, dass der Mensch sich umgehend an bessere Verhältnisse oder freudige Überraschungen gewöhnt und das erlebte Glück bald verebbt.

Wären wir als Millionäre glücklicher?

„Wir“! Die Frage ist sichtlich nicht aus der Perspektive der Millionäre gestellt, die erleben, dass unter ihresgleichen genauso Glück und Unglück verbreitet ist wie sonst auch. Wir wissen nicht erst seit der Hirnforschung, auch wenn diese die allgemeine Erfahrung bestätigt, dass der Mensch sich umgehend an bessere Verhältnisse oder freudige Überraschungen gewöhnt und das erlebte Glück bald verebbt. Anders gesagt: Um aufgrund äusserer Bedingungen wie Geld, Reichtum, Macht, Einfluss dauerhaft Glücksgefühle zu haben, braucht der Mensch dauernd mehr – das ist wie bei den Drogen. Wer diesen Weg einschlägt, kann sich also nie mit irgendetwas zufrieden geben – dies gilt auch fürs Liebesglück. Wer sich anderseits diese Einsicht einverleibt und entscheidet, das Glück nicht im Immermehr zu suchen, für den ist egal, ob er Millionär ist oder nicht, es reicht, genug zum Leben zu haben. Soviel scheint klar: Wir wären glücklicher, wenn wir genug damit hätten, genug zu haben.


Das „wir“ der Titelfrage frappiert noch in anderer Weise. Denn was versteht Nicht-Millionär unter Millionär? Jedenfalls nicht jemanden, der Millionen irgendeiner Währung besitzt, z.B. alter französischer Francs oder italienischer oder türkischer Lira. Es geht um jemand, der erheblich mehr hat als die meisten. Und das heisst auch, mehr als genug zu haben. Aber dass wir alle mehr haben als die meisten, ist logisch unmöglich und zu fragen „Wären wir glücklicher, wenn wir alle Millionäre wären?“ daher unsinnig. „Wären wir glücklicher, wenn einige von uns ...“ ist ebenso unsinnig, denn das ist ja der Fall und wir wissen, dass mehr zu haben als die meisten nicht für Glück verbürgt, sondern eher gegen ein ausgeglichenes Leben mit wirklichen Freunden spricht. „Aber wenn wir die Millionäre wären statt die anderen, die es sind...“ Ja, dann... (kehren Sie zum Anfang des Texts zurück).


Die Frage lautet daher normalerweise (für Nicht-Millionäre): „Wäre ich als Millionär glücklicher?“ und die Gegenfrage für alle: „Wäre ich nicht glücklicher, wenn ich genug damit hätte, genug zu haben?“ Objektiv genug haben Sie Leser dieser Zeilen mit hoher Wahrscheinlichkeit, ebenso wie der Schreiber dieser Zeilen. Stellt sich die Frage, warum man nicht genug hat mit dem, was man hat. Immerhin wäre das die Voraussetzung dafür, dass wir alle auf diesem Planeten genug haben und es gibt viele, denen es nicht so geht.
Das „wir“ ist aber vor allem wegen der altbekannten Erkenntnis bemerkenswert, dass Geld entzweit. Und das Glück kommt selten allein, sondern in Gemeinsamkeit. Wenn's um Geld geht, rücken die Menschen voneinander ab, bringen sich notfalls sogar gegenseitig um. Wichtig ist nun die neuerdings errungene Einsicht, dass dies nicht für Geld überhaupt gilt, sondern nur für das offizielle Geld, das auf der Basis von Knappheit funktioniert. Daneben gibt es komplementäre Geldsysteme wie Regionalgeld, Tauschringe oder Zeitbanken, die das in Umlauf bringen, was wir alle ständig bieten können, was also im Überfluss vorhanden ist. Diese komplementären Geldsysteme schaffen umgekehrt mehr Miteinander und Austausch und helfen vielen aus der Isolation, gerade denen, die wenig haben. Denn wenn Geld fliesst, zirkulieren nicht nur Waren, sondern auch Dienstleistungen, und wo diese von Hand zu Hand gehen, begegnen sich eben auch die Hände.


Wir können zweierlei Geldsystem unterscheiden: das offizielle, das unpersönlich und völlig abstrakt abläuft, über Kontobewegungen und Kreditkartenbuchungen, und das des Tauschs und der Gabe. Die Tauschringe wie die Komplementärwährungen funktionieren häufig auf der Basis eines Negativzinses, was heisst, dass das "Geld", ob nun in Papierform oder nur als Wert auf dem Konto, nach einer gewissen Zeit an Wert verliert. Damit wird dieses Geld den Waren gleichgesetzt, die auch, wie zum Beispiel Brötchen, an Wert verlieren, was dazu motiviert, es rechtzeitig auszugeben - und es wird dem allzu menschlichen Bedürfnis zu horten, systematisch ein Riegel vorgeschoben.


Die Antwort auf die Titelfrage fällt also deutlich aus. Nein, wir wären als Millionäre nicht glücklicher. Denn Geld macht nur insofern glücklich, als es von Hand zu Hand geht und Austausch und Kontakt ermöglicht. Und gerade nicht, indem man es für sich selber hortet. Mit Komplementärgeld, das ständig an Wert verliert, kann man nicht Millionär werden. Nicht das Geld macht glücklich, sondern das, was es zwischen uns ermöglicht, indem man es verwendet.