von Nahyan Niazi

Kann man eine Ideologie verhindern oder stoppen (Paul W. Erstellt am 28.12.2015)

Auf Grund der aktuellen Gebenheiten im nahen Osten, aber auch bei genauerer Befassung mit dem Dritten Reich, habe ich mich selbst gefragt, ob man diese „schrecklichen“ Ideologien, was die der National-Sozialistischen Bewegung, als auch die des Islamischen Staates meiner Meinung nach sind, auf irgendeine Art stoppen kann.

Auf Grund der aktuellen Gebenheiten im nahen Osten, aber auch bei genauerer Befassung mit dem Dritten Reich, habe ich mich selbst gefragt, ob man diese "schrecklichen" Ideologien, was die der National-Sozialistischen Bewegung, als auch die des Islamischen Staates meiner Meinung nach sind, auf irgendeine Art stoppen kann. Um der Antwort auf die Schliche zu kommen, fehlt mir leider das detailierte historische Wissen zum Dritten Reich, als auch informative und objektive Journalistische Kommentare zum Nahen Osten bzw. dem Islamischen Staat. 

Ich würde also gerne von ihnen wissen, ob man den Islamischen Staat bzw. das Dritte Reich, was man natürlich als zwei verschiedene Paare Schuhe betrachten muss, als Ideologie ansehen kann und ob man diese Ausrichtung von Meinungsäußerung nicht irgendwie verhindern kann. Theoretisch könnte man ja an den gesunden Menschenverstand appellieren und auf ihn setzen. Jedoch ist es meiner Meinung nach schwer das aus meiner Perspektive "negatives" Gedanken gut in den Menschen zu neutralisieren.

Kann man also eine Ideologie verhindern oder stoppen? Antwort von Nahyan Niazi, M.A , Doktorand an der Uni Luzern:

Es sei vorausgeschickt, dass ich weder Experte für Nazismus noch für die Ideologie des Islamischen Staats bin. Auch werde ich mich einer Antwort aus einer Mischung von philosophischen, historischen und psychologischen Aspekten nähern.

Nazismus

Was Hannah Arendt in ihrem Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft betreffend des Antisemitismus gesagt hat, trifft m. E. allgemein auf totalitaristische Ideologien zu. Der Nazismus ist mit seinen völkisch-nationalistischen, anti-demokratischen, rassistischen und anti-sozialistischen Elementen natürlich breiter als im Antisemitismus abgestützt. Ich fokussiere hier aber veranschaulichend auf die antisemitische Komponente, um den Aufstieg des Nazismus in groben Zügen nachzuzeichnen.

Zuerst differenziert Arendt zwischen Judenhass und Antisemitismus, wobei ersterer ein immer schon dagewesenes Phänomen ist, während letzterer aus den politischen Umbrüchen der letzten Jahrhunderte (Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus) erwachsen ist: „Was aber den Antisemitismus anbelangt, so ist offensichtlich, dass er politisch nur dann relevant und virulent werden kann, wenn er sich mit einem der wirklich entscheidenden politischen Probleme der Zeit verbinden kann [Hervorhebung, nn]“ (Arendt 2009: 84).1

Generell würde ich sagen, dass Ideologien oder Ideen mit ideologischem Potential sich nicht verhindern lassen, weil sie durch die Lebenssituation und durch das geistige wie emotionale Potential des Individuums bestimmt sind. Einzelne Existenzen können in jedem politischen System scheitern, wobei das Scheitern aus persönlichen und/oder gesellschaftlichen Gründen herbeigeführt worden sein kann. Des Weiteren ist der Mensch in gewissem Sinne auch immer ein des-informiertes Wesen, aber hierzu später mehr. Ein solches Scheitern kann dazu führen, dass der Mensch sich aus psychologischen Gründen eine ideologische Krücke des eigenen Selbstwertgefühls erdenkt.2 Diese Erklärung ist sehr vereinfachend. Nichtsdestotrotz betrifft ein solcher potentieller psychischer „Zerfall“ uns alle. Insofern gebe ich Dir recht, dass wie Du sagst „negatives“ Gedankengut schwer zu verhindern ist.

Entscheidend ist aber etwas anderes. Damit totalitäres oder extremistisches Gedankengut in den Massen Anklang findet oder eine politische Durchschlagskraft entwickelt, müssen gewisse Umstände gegeben sein. Es gilt, die Triebfedern der gesellschaftlichen Dynamik offenzulegen, die den Nazismus politisch ermöglichten. Mit Arendt gesprochen: Was sind die wirklich entscheidenden politischen Probleme, mit denen sich der Nazismus verbinden konnte?

Arendt erklärt die Etablierung des Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert durch die Position der Juden im Interessenkonflikt (grob gesagt) zwischen dem Adel und der Bourgeoisie. Die „erste antisemitische Welle [wurde] durch jenes Jahrzehnt von Krisen, Depressionen und Finanzskandalen, das auch das imperialistische Zeitalter einleitete und dessen Ursachen rein wirtschaftlicher Art in einer Überproduktion von Kapital zu suchen ist“, eingeläutet. (...). Juden spielten in all diesen Finanzskandalen nur die sekundäre Rolle von Mittelsmännern“ (Arendt 2009: 98-99). Dabei hatte das Kleinbürgertum nicht nur am schwersten unter der Krise gelitten, sondern war „vor allem antisemitischer Propaganda zugänglich“ (Arendt 2009: 99). Ehemals durch „Handwerkszünfte und Kaufmannsinnungen“ bestehend wurde das Kleinbürgertum einer „Gesellschaft von Konkurrenten ausgeliefert“ und sah „sich innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft auf den Kredit der [z. T. jüdischen] Banken“ verwiesen“ (Arendt 2009: 100-101). Die prekäre wirtschaftliche Situation verbunden mit antisemitischer Propaganda führte zu einem Aufschrei, der als Schrei der „Deklassierten“ nach dem Führer widerhallte (Arendt 2009: 247). Auch der von Dir erwähnte „Appell an den gesunden Menschenverstand“ fand kein Gehör mehr. Arendt (2009: 747) erklärt dies folgendermassen: „Die Revolte der Massen gegen den Wirklichkeitssinn des gesunden Menschenverstands und das, was ihm im Lauf der Welt plausibel erscheint, ist das Resultat einer Atomisierung, durch die sie nicht nur ihren Stand in der Gesellschaft verloren, sondern mit ihm die ganze Sphäre gemeinschaftlicher Beziehungen, in deren Rahmen der gesunde Menschenverstand allein sinngemäss funktionieren kann“ (Arendt 2009: 747).

Erich Fromm (1991: 180) knüpft an Arendts Erklärungen an, wenn er meint, dass der „Nazismus ein ökonomisches und politisches Problem [ist], doch dessen Macht über die Massen (...) psychologisch erklärt werden“ muss [Übersetzung aus dem Englischen, nn].3 Fromm (1991: 183) begründet „den Reiz der Nazi-Ideologie in der Charakterstruktur der unteren Schichten der Mittelklasse [auch Kleinbürgertum].“ Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Sturz der Monarchie im Zuge der Novemberrevolution erfuhr die „untere Mittelklasse“ ökonomisch im Vergleich zur Arbeiterklasse einen stärkeren Abstieg. Zusätzlich verlor die untere Mittelschicht an sozialem Prestige durch die Etablierung einer parlamentarischen Demokratie, da sie „ein Gefühl der Sicherheit und des narzisstischen Stolzes“ aus der Autorität der Monarchie bezogen hatte (Fromm 1991: 184-186). Das „nationalistische Ressentiment“ der unteren Mittelschicht gegen den Versailler Vertrag beispielsweise „war eine Rationalisierung, eine Projektion des Gefühls sozialer Inferiorität auf die nationale Ebene“ (Fromm 1991: 187). Völkische Propaganda wie die Dolchstosslegende ideologisierte und politisierte dieses Ressentiment. Durch den ökonomischen Abstieg konnte das Kleinbürgertum auf niemanden mehr herabschauen (Fromm 1991: 186). Gemäss Fromm glichen sich die Charakterstruktur Hitlers und diejenige des Kleinbürgertums, das ökonomisch durch den „monopolistischen Kapitalismus“ und sozial durch die gesellschaftliche Öffnung am stärksten unter Druck geraten war. Beide hatten sadistische und masochistische Züge, das Verlangen nach Machtausübung über sozial niedriger Gestellte und nach Unterwerfung unter eine Autorität (Fromm 1991: 184-194). Dieser sado-masochistische Charakter lässt sich gut am Beispiel der Hitler’schen Popularisierung des Darwinismus aufzeigen. Hitler identifiziert „den Instinkt der Selbsterhaltung mit der Herrschaft über Schwächere“ (Fromm 1991: 196). Er will den totalen Krieg oder in ökonomischer Terminologie einen uneingeschränkten Wettbewerb, so dass gemäss dem „Gesetz der Selbsterhaltung“ der Stärkste siegen möge (Fromm 1991: 196, 203). Dieses Verlangen nach Unterwerfung unter ein archaisches Verständnis einer allmächtigen Natur bezeichnet Fromm als masochistisch. Hitlers (1943: 456; zit. in Fromm 1991: 193) Bemerkungen zum psychologischen Effekt der nationalsozialistischen Massenkundgebungen zeugen von seinem Bewusstsein des kleinbürgerlichen Verlangens nach Autorität, in deren Grösse der Einzelne aufgehen kann: „Wenn er [der Sympathisant] aus seiner kleinen Arbeitsstätte oder aus dem grossen Betrieb, in dem er sich recht klein fühlt, zum ersten Male in die Massenversammlung hineintritt und nun Tausende und Tausende von Menschen gleicher Gesinnung um sich hat, wenn er als Suchender in die gewaltige Wirkung des suggestiven Rausches (...) die Richtigkeit der neuen Lehre“ bestätigt glaubt, verlässt er die Versammlung als „Glied einer Gemeinschaft.“4

Während die psychologische Disposition der Mittelklasse die Entwicklungsbasis des Nazismus bildete, waren die Ursachen des Nazismus mannigfach. Die Grossindustriellen spielten eine wohl nicht zu vernachlässigende Rolle. Als Kapitalbesitzer waren sie über das Parlament mit anfänglich grossem sozialdemokratischen Stimmenanteil um ihre ökonomische Dominanz besorgt. Sie neigten sich schliesslich aus opportunistischen Gründen den Nazis zu (Fromm 1991: 188-189).

Der Niedergang der Weimarer Republik zeigt, wie Macht auch hinter der demokratischen „Kulisse“ verhandelt wird und wie einflussreich ökonomische Interessen sind. Ein Befund, der heute noch in den westliche Demokratien von zentraler Bedeutung ist (Streeck 2011).5 Der kürzlich verstorbene, amerikanische Philosoph Sheldon S. Wolin (2010: 213) diskutierte die totalisierende Wirkung von Privatisierungsbestrebungen, die klassisch staatliche Funktionen unter die Ägide privater Investoren stellen und so die demokratische Kontrolle über diese Domänen erschweren.6 Wolin nennt diese neue Form „invertierten Totalitarismus“, weil vordergründig demokratische Institutionen bestehen bleiben, während im Grunde eine privatwirtschaftliche Entmachtung des Volkes stattfindet. Diese Entmachtung bedient sich u. a. einer Ideologie des „freien“ Marktes, die wohlfahrtsstaatliche Dienstleistungen bekämpft.7 Gleichzeitig verweist Wolin auf den sogenannten war on terror, in dessen Zuge man ein Klima der Angst geschaffen, den Überwachungsstaat ausgebaut und Freiheiten abgebaut habe.

Die Ideologie des IS

Dieser war on terror, wie Präsident Bush die Militärkampagne im Anschluss an 9/11 bezeichnete, ist gemäss dem britischen Journalisten und wohl einem der besten IS-Kenner Patrick Cockburn gescheitert.8 Doch zuerst auch hier ein kurzer historischer Abriss, wie der Wahhabismus, eine ultraorthodoxe Auslegung des Islams und Quelle der Ideologie des IS, sich auf der arabischen Halbinsel und seit einigen Jahren über den IS in Teilen des ehemaligen Staatsgebiets des Iraks und Syriens etablieren konnte.

Muhammad Ibn Abdul Wahhab (1703-1792), auf den die Bezeichnung „Wahhabismus“ zurückgeht, forderte einen radikalen islamischen Puritanismus (Ali 2003: 152-153).9 Er rief zum Dschihad gegen „alle nicht-sunnitischen [Schiiten] und sogar [gegen] einige sunnitische Gruppen“ auf (Ali 2003: 153).10 Darüber hinaus war er für die Steinigung von Ehebrecherinnen und weitere drakonische Bestrafungen, wie wir das von den Taliban, der al-Quaida und auch vom IS kennen. Dieser fanatische Prediger missfiel den damaligen Herrschern, wurde ins arme Darija vertrieben und verbündete sich dort mit dem „berüchtigten Emir und Raubritter Muhammad Ibn Saud,“ der sofort verstand, „dass Ibn Wahhabs Lehren seinem militärischen Ehrgeiz von Nutzen sein konnten“ und so war „die theologische Rechtfertigung für (...) Ibn Sauds (...) permanenten Dschihad“ und Eroberungsfeldzug gegeben (Ali 2003: 154). Die heutige Monarchie Saudi Arabiens geht auf diese Vereinigung zurück und wurde später durch Grossbritannien aus imperialistischen Interessen gestützt. Heute ist die saudische Monarchie sozusagen ein Protektorat der USA. Das Erdöl spielt dabei natürlich eine zentrale Rolle. Die Machtbasis der saudischen Königsfamilie basiert auf dem „Ölgeld“, internationaler Unterstützung und auf der radikalen Version des sunnitischen Islams, dem Wahhabismus. Gleichzeitig ist die saudische Monarchie Schützerin der heiligsten islamischen Stätten: Mekka und Medina. Nun traten in der neueren Geschichte einige Ereignisse ein, die den Zerfall und gleichzeitig die Radikalisierung islamisch geprägter Staaten einläuteten. Dabei spielten die Herrscher Saudi Arabiens und der Kalte Krieg eine entscheidende Rolle.

Der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan im Jahre 1979 löste eine Kaskade politischer Katastrophen aus. Dschihadisten aus aller Welt, unterstützt und finanziert von Saudi Arabien, Pakistan und den USA, vertrieben schliesslich die Russen und stürzten das Land in einen Bürgerkrieg, den die Taliban, unter gütiger Mithilfe Pakistans, dann mit ihrer Schreckensherrschaft für eine Weile beendeten. Allerlei terroristische Gruppierungen hatten sich im kriegszerstörten Afghanistan ansiedeln können, so auch Osama bin Ladens al-Quaida. Nach 9/11 marschierte die von den USA angeführte Koalition in Afghanistan ein und wiederum wurde ein Dschihad gegen die USA und den Westen ausgerufen. Der Sturz des sunnitischen Saddam Husseins durch die USA führte auch dort zum Bürgerkrieg und vermehrt zu einer Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten, wobei letztere die neue Regierung und Bevölkerungsmehrheit stellen. Erst nach dem Einmarsch nistete sich die al-Quaida im Irak ein und das intra-religiöse Sektierertum zwischen Schiiten und Sunniten entzündete sich.11 Der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, ein al-Quaida Mitglied, das in Afghanistan gekämpft hatte, nahm den Einmarsch der USA im Jahre 2003 in den Irak als Anlass, dort den brutalsten Flügel der sunnitischen Aufstandsbewegung anzuführen, eine Miliz, die heute IS genannt wird (Burke 2015).12

Das saudische Regime wie der IS betreiben beide eine anti-schiitische Politik, die so weit geht, dass es in „heute von sunnitischen Rebellen [sprich IS] kontrollierten Gebieten des Iraks und Syriens für Schiiten (...) so gefährlich geworden ist wie für einen Juden in von Nazis kontrollierten Gebieten Europas im Jahre 1940“ (Cockburn 2014) [Übersetzung aus dem Englischen, nn].13 Dass das saudische Regime vom Westen, insbesondere von den USA, gestützt wird, ist kein Geheimnis. Erdöl als das Blut der Weltwirtschaft spielt eine entscheidende Rolle für das westliche Engagement. Die amerikanische Machtpolitik in den Golfstaaten war auch einer der Hauptgründe, wieso Osama bin Laden in seinem religiösen Wahn den USA den Krieg erklärt hatte.14

Das Machtvakuum, das insbesondere durch den Krieg im Irak – das Bombardement Libyens und Syriens werden hier ausgeklammert – entstand, füllte relativ schnell der IS als brutalste und am besten organisierte Gruppierung, die im Einklang mit der anti-schiitischen Doktrin des Wahhabismus steht. Gleichzeitig bedienen sich autoritäre Regime wie Saudi Arabien der fundamentalistisch ausgelegten Religion, um ihre Macht nach aussen zu erhalten, während sie dieselben fundamentalistischen Gruppierungen im eigenen Land als Bedrohung erachten. Eine ähnliche paradoxe Konstellation ergibt sich für die USA, welche das saudische Regime aussenpolitisch schont, während innenpolitisch die Angst vor dem islamistischen Terror geschürt und politisch ausgeschlachtet wird. Dies befremdet angesichts des Tatsache, dass 15 der 19 Flugzeugentführer der Terroranschläge des 11. Septembers (9/11) Saudi-Araber waren.15 Solche Paradoxien ergeben sich durch eine Politik, die in erster Linie Macht und Profit zu sichern bestrebt ist.

Das Verdikt fällt also nüchtern aus: Der IS und seine pathologische Ideologie finden dann weniger Zulauf, wenn nicht der politische Nährboden wie anarchische Kriegszustände und bittere Armut in den islamisch-geprägten Regionen dieser Welt grassieren. Analogien sind mit Vorsicht zu geniessen, doch kollektivistische Projektionen, ob religiös oder völkisch motiviert, zeugen von einer Entfremdung, die sich die Dschihadisten für die Rekrutierung zunutze machen. Mit anderen Worten sollten wir im Westen dafür sorgen, dass wir nicht selbst fundamentalistische Regime aus ökonomischen Interessen unterstützen oder aus Gründen der Geopolitik selbst Terror betreiben (z. B. durch Drohnenattacken) und Krieg (Irak, Libyen, Afghanistan) führen, während wir gleichzeitig Flüchtlingen aus den zerbombten Gegenden Zuflucht und menschenwürdige Lebensbedingungen verwehren. Gemässigte und vernünftige Stimmen innerhalb des Islams werden es dann auch einfacher haben, sich argumentativ den dschihadistischen und extremistischen Strömungen entgegenzustemmen.

Abschlussbemerkungen

Nun komme ich noch kurz auf die am Anfang des Textes erwähnte conditio humana, dass der Mensch in gewissem Sinne ein des-informiertes Wesen ist, zu sprechen. Des-informiert deswegen, weil der Mensch die Natur, sich selbst, zwischenmenschliche Verhältnisse und gesellschaftliche Zusammenhänge immer nur beschränkt versteht und dass zweitens aus den gegebenen Informationen Fehlurteile gebildet werden können und werden. Eine fundamentalistische Ideologie ist eine Verfestigung des Denkens und birgt Gefahren, weil sie das Selbstverhältnis und das eigene Verhalten gegenüber anderen bestimmt und sich darüber hinaus auch anmasst, anderen vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben – dann besteht noch die Problematik, dass überhaupt zwischen Information und Propaganda unterschieden werden muss. Die Idee der Toleranz (siehe Voltaire, Traité sur la tolérance, 1763) oder die klassische liberale Zurückhaltung bezüglich Sittengesetzen (siehe Wilhelm von Humboldt, Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, geschrieben 1792) tragen der menschlichen Fehlbarkeit Rechnung. Nun sind die sozio-ökonomischen Faktoren, die im Hauptteil dieses Textes zur Erklärung beigezogen wurden zentral, aber nicht ausreichend, um das Vorherrschen inhumaner Ideologien zu erklären – im Falle des Nazismus und des IS finde ich die sozio-ökonomische und politische Komponente jedoch derart wichtig, dass sie ins Zentrum der Debatte rückte. WissenschaftlerInnen und DenkerInnen der Aufklärung hatten sich gegen allerlei Ideologien zu behaupten, und dies ist auch für heutige Aufklärer und Aufklärerinnen noch so.16 Die Diskussion, was überhaupt als Wissen gelten kann, ist von grosser Bedeutung. Der Siegeszug der Naturwissenschaften ist dabei entscheidend. Gleichzeitig ist es doch wichtig, da der Mensch immer des-informiert bleiben wird, dass man eine Haltung einnimmt, die sich dieser menschlichen Beschränktheit bewusst ist. Man denke an Sokrates (siehe Platon, Apologie 21d ff.) berühmte Verteidigungsrede, in welcher er seine Weisheit dadurch begründet, dass was er nicht weiss, auch nicht zu wissen glaubt. Philosophie sollte zu letzterer Haltung einen entscheidenden Beitrag leisten, während sie gleichzeitig auch auf die Wissenschaft rekurrieren sollte.17 Dagegen stehen die religiösen Dogmen mit Anspruch auf Offenbarungscharakter.

Ein Beispiel ist die Debatte um die Gleichberechtigung von Homo- und Heterosexuellen oder von Menschen verschiedenen Geschlechts. Wieso sollte z. B. eine homosexuelle Person weniger Rechte besitzen oder eine Frau prinzipiell weniger verdienen als ein Mann in gleicher Stellung? Nancy Fraser (2003) argumentiert diesbezüglich plausibel, dass einerseits mangelnde Anerkennung und andererseits ökonomische Ungleichheit zu fehlender sozialer Gerechtigkeit führen.18 Die Anerkennung basiert dabei auf institutionalisierten Normen und kann z. B. einer Gruppe wie den Homosexuellen prinzipiell versagt werden. Jemand Homosexuelles könnte z. B. ökonomisch sehr gut dastehen, jedoch unterdrückt werden, weil seine sexuelle Orientierung verpönt und/oder strafbar ist. Hier wird die normative Differenz zwischen einer beispielsweise auf religiösen Dogmen wurzelnden Ideologie, dass Homosexualität etwas Sündhaftes, Widernatürliches oder Minderwertiges sei, und eine durch den Feminismus inspirierte, für Machtasymmetrien sensibilisierte Philosophie deutlich. Verhindern lassen sich paternalistische Ideologien also nicht, jedoch „unschädlicher“ machen, indem immer wieder eine Gesellschaftsstruktur erkämpft wird, die verschiedene Lebensstile unter Achtung individueller Rechte und Freiheiten zulässt. Hierfür ist eine Referenz auf universell gültige Rechte m. E. unerlässlich.

Viele Grüsse,

Nahyan Niazi

1 Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge des Totalitarismus. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München/Zürich: Piper, 2009, 84.

2 Soziologisch bzw. sozialphilosophisch könnte man hier wie Axel Honneth (Kampf um Anerkennung, 1992) mit Anerkennungsstrukturen argumentieren.

3 Erich Fromm, The Fear of Freedom, London/New York. Routledge, 1991.

4 Adolf Hitler, Mein Kampf, München: Zentralverlag der NSDAP, 1943, 456, https://archive.org/stream/Mein-Kampf2/HitlerAdolf-MeinKampf-Band1Und2855.Auflage1943818S._djvu.txt, abgerufen am 17.01.2016.

5 Wolfgang Streeck, „The Crisis of Democratic Capitalism,“ New Left Review 71 (2011): 5-29.

6 Sheldon S. Wolin, Democracy Incorporated. Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism, Princeton/Oxford: Princeton University Press, 2010.

7 Für die Propagierung einer extremen Form des Laissez-faire Kapitalismus siehe Yaron Brook, Direktor des Ayn Rand Instituts (https://ari.aynrand.org), Free Market Revolution: How Ayn Rand’s Ideas Can End Big Government, http://www.cato.org/events/free-market-revolution-how-ayn-rands-ideas-can-end-big-government (24.09.2012), abgerufen am 17.01.2016.

8 Patrick Cockburn, „Why Washington’s War on Terror Failed,“ http://www.tomdispatch.com (22.08.2014), abgerufen am 13.01.2016. Siehe auch Patrick Cockburn, The Rise of Islamic State: Isis and the New Sunni Revolution, London/New York: Verso, 2015.

9 Tariq Ali, Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung. Die Krisenherde unserer Zeit und ihre historischen Wurzeln, München: Heyne, 2003.

10 Die „Kontroverse um die Nachfolge des Propheten“ Muhammads hatte den Islam in eine schiitische Minderheit und eine sunnitische Mehrheit gespalten. Tariq Ali, Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung, 108.

11 Amerikanische Propaganda schaffte es, dass ca. 60% der US-WählerInnen fälschlicherweise glaubten, dass Saddam Hussein in die Anschläge von 9/11 involviert war. Siehe Patrick Cockburn, „Why Washington’s War on Terror Failed,“ http://www.tomdispatch.com (22.08.2014), abgerufen am 13.01.2016.

12 Jason Burke, „The Rise of Islamic State review – the story of ISIS. Patrick Cockburn’s intelligent account of the rise of ISIS – and the uselessness of the west – makes depressing reading,“ http://www.theguardian.com (09.02.2015), abgerufen am 13.01.2016.

13 Patrick Cockburn, „Saudi Complicity in the Rise of ISIS,“ http://www.counterpunch.org (21.07.2014), abgerufen am 13.01.2016.

14 Osama bin Laden, Messages to the World. The Statements of Osama bin Laden, hrsg. v. Bruce Lawrence, London/New York: Verso, 2005, 36 ff.

15 The 9/11 Commission report, http://www.9-11commission.gov/report/911Report.pdf, 2-4, abgerufen am 14.01.2016. Siehe auch Patrick Cockburn, „Saudi Complicity in the Rise of ISIS,“ http://www.counterpunch.org (21.07.2014), abgerufen am 13.01.2016.

16 Siehe z. B. die Unterdrückung der Forschungsergebnisse des US-amerikanischen Forschers James Hansen, der schon sehr früh auf die Gefahren von Global Warming aufmerksam gemacht hatte. Seine Ergebnisse wurden lange nur in zensurierter Form an die Öffentlichkeit getragen. Heute scheint die Wirtschaft die Rolle der Kirche zuzeiten Galileo Galileis zu spielen.

17 Auch ein hohes Mass an Mitgefühl zu kultivieren, erachte ich wie Rousseau als wichtig. Siehe Jean-Jacques Rousseau, Diskurs über die Ungleichheit – Discours sur L’inégalité, hrsg. und übers. v. Heinrich Meier, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2008.

18 Nancy Fraser, „Soziale Gerechtigkeit im Zeitalter der Identitätspolitik. Umverteilung, Anerkennung und Beteiligung,“ in Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003.