Neben Allem auch Nichts?

Beginn einer Auseinandersetzung

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I.

Stellen Dir vor, Du müsstest 15 Minuten lang in einem Raum sitzen, indem sich ausser Dir nichts weiter befindet als ein Tisch und ein Stuhl. Du hättest für diese Zeit weder ein Smartphone, noch ein Buch, noch Kopfhörer, noch sonst irgendeine Möglichkeit zur Ablenkung oder Beschäftigung. Für die allermeisten Menschen in unserer Gesellschaft wäre das eine fremde und unausstehliche Situation. So haben Wilson et al. (2014)1 in einem Experiment gezeigt, dass viele Menschen, welche mit genau diesen Voraussetzungen konfrontiert werden, es sogar vorziehen, sich freiwillig körperlichen Schaden zu zufügen, als die 15 Minuten ganz ohne Beschäftigung auszuhalten.

„In 11 studies, we found that participants typically did not enjoy spending 6 to 15 minutes in a room by themselves with nothing to do but think, that they enjoyed doing mundane external activities much more, and that many preferred to administer electric shocks to themselves instead of being left alone with their thoughts. Most people seem to prefer to be doing something rather than nothing, even if that something is negative" (ebd.).

Der einsame und stille Moment, ganz ohne Ablenkung und Unterhaltung, indem wir weder lernen noch arbeiten, weder lesen noch fernsehen, weder auf Zalando schoppen noch durch Instagram scrollen – indem wir einfach nichts tun2 –, scheint also zunehmend aus unserem Alltag zu verschwinden. Er findet keinen Platz in einem Leben, welches zwischen den unendlichen Dingen, die es eigentlich zu tun und denken gäbe, unendliche Möglichkeiten bietet, wie man sich (davon) ablenken könnte. Wir sind dank der Erfindung von Smartphones nicht mehr darauf angewiesen, die Zeit, bis der Bus kommt, mit unnötigem Warten zu verbringen, sondern wir können, stattdessen unsere Emails überprüfen. Wir sind nicht mehr gezwungen, den schläfrigen Vortrag des alten Professors tatenlos über uns ergehen zu lassen, sondern wir können, währenddessen die besten Restaurants für die nächsten Ferien auswählen. Wir müssen an regnerischen Sonntagen nicht länger der trägen Langeweile erliegen, sondern mit nur einem Knopfdruck öffnen sich vor uns ganze Welten, welche uns mit der nötigen Spannung, Trauer, Komik oder Fantasie versorgen, die uns im Moment gerade fehlen.

 

II.

In eben jener Zeit der perfektionierten Unterhaltungsangebote frage ich mich nun, was denn aus den Momenten der stillen Einsamkeit – dem einfach 'Nichts Tun' – werden soll. Ich frage mich, wie es zu deuten ist, dass meine innere Gefühlswelt zu toben anfängt, sobald ich ihr für einen kurzen Augenblick die Beschäftigung entziehe.

„Auch du, mein Herz, in Kampf und Sturm

So wild und so verwegen,

Fühlst in der Still’ erst deinen Wurm

Mit heissem Stich sich regen!"3

Ist es vielleicht so, wie Nietzsche schreibt, und jeder Augenblick des Lebens will mir eigentlich etwas sagen4 – ich höre ihn aber nicht, weil meine Sinne ständig betrübt werden von irgendeiner banalen Ablenkung? Oder ist es einfach der natürliche Lauf der Dinge, dass sich die Menschen beschäftigen und mit immer wie ausgeklügelteren Techniken ausstatten, um sich auch noch vom letzten Momenten zu befreien, in dem sie gerade nichts zu tun hätten?

Im neuen Format "Neben Allem auch Nichts?" werde ich in möglichst regelmässigen Zeitabständen Beiträge veröffentlichen, in denen ich mich mit genau diesen Fragen und Gedanken auseinandersetze. Die Beiträge können dabei die Form eines philosophischen Essays, einer realen oder literarischen Geschichte, eines (Selbst-) Versuchsprotokolls, eines Dialoges, u.v.m annehmen. Ich verfolge dabei kein spezifisches Ziel, sondern lasse meiner Kreativität möglichst freien Lauf, sich so zu entfalten, wie es im Moment gerade passt.

 


1 Wilson, Timothy et al. (2014): Just think – The challenges of the disengaged mind. In: Science, Vol 345, Issue 6192, S. 75-77.
2 Zur verschwindenden Tätigkeit des "Nichts -Tun" im Zeitalter der Unterhaltungsindustrien, vgl. Odell, Jenny (2021): Nichts tun – Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. C.H Beck.
3 Müller, Wilhelm (1824): Rast – aus dem Gedichtzyklus "Die Winterreise".
4 „Es geht geisterhaft um uns zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir alleine und stille sind, dass uns etwas in das Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit". Aus: Nietzsche, Friedrich (1999): Schopenhauer als Erzieher. In: Unzeitgemässe Betrachtungen. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, München/Berlin New York, KSA 1, S. 379.