Philosophie in der Schweiz - Forschungsprojekte

Wie denken wir über Emotionen und Schmerzen?

Affektive Zustände wie Emotionen und Schmerzen haben eine positive oder negative Komponente des Erlebens. So fühlt es sich zum Beispiel schlecht an Kopfschmerzen zu haben und gut, wenn man vor Freude tanzen will.

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Die empirischen Wissenschaften haben beeindruckende Fortschritte auf dem Gebiet der affektiven Zustände erzielt. Diese können allerdings nur wenig darüber hinwegtäuschen, dass wir immer noch darüber rätseln wie wir als Menschen Schmerzen und Emotionen begreifen. Im vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projekt «The Conceptual Space of the Affective Mind» erforsche ich zusammen mit den beiden Doktorierenden Rodrigo Díaz und Michael Sienhold unser Verständnis affektiver Sprache und des affektiven Erlebens. Besonders herausfordernd dabei ist, dass die Sprache, mit der wir uns auf Emotionen und Schmerzen beziehen, oft sehr unklare Strukturen und Bedeutungen aufweist. Daher ist es notwendig unsere primär philosophische Herangehensweise mit Experimenten zu unterstützen, d.h. wir entwerfen Szenarien, die wir einer großen Menge an Personen vorlegen, um deren Intuitionen zu Emotionen und Schmerzen zu testen. Im Folgenden möchte ich zwei der zentralen Fragestellungen des Projekts etwas näher vorstellen und unsere bisherigen Ergebnisse darlegen.

 


1. Sind Schmerzen im Körper oder Zustände des Gehirns?

Stellen Sie sich vor, Sie haben Schmerzen im rechten Daumen, worauf Sie Ihren rechten Daumen in Ihren Mund stecken. Haben Sie dann auch Schmerzen in Ihrem Mund? Diese Frage scheint in gewisser Weise amüsant, aber auch verwirrend zu sein. «Natürlich habe ich keine Schmerzen im Mund!» denken Sie womöglich. Doch warum eigentlich nicht? In den meisten Fällen, in denen a in b (z.B. eine Tasse im Schrank) und b in c ist (z.B. der Schrank in der Wohnung), können wir schlussfolgern, dass a in c ist (die Tasse in der Wohnung). Warum also nicht auch bei Schmerzen? Eine mögliche Erklärung ist, dass Schmerzen einfach nicht körperliche Zustände sind – also in Beinen, Armen, Schultern zu finden sind – sondern Zustände des Gehirns sind. In der philosophischen Literatur wird diese Position oft dadurch untermauert, dass Schmerzen angeblich nur dann existieren, wenn sie auch wirklich bewusst erlebt werden. Der Schmerz ist sozusagen ein im Bewusstsein liegender Zustand des Geistes bzw. des Gehirns. Gegen diese These spricht allerdings, dass wir Schmerzen nicht nur im Körper empfinden, sondern auch so reden, als wenn sie im Körper wären: «Die Schmerzen sind im Daumen, und nicht in meinem Gehirn». Wer hat nun Recht? Sind Schmerzen im Körper oder im Gehirn, oder vielleicht in beiden zugleich?

Unsere bisherigen Untersuchungen machen deutlich, dass Laien eine stark ausgeprägte Auffassung von Schmerzen als körperliche Zustände besitzen. So ergeben die Resultate unserer experimentellen Studien, dass die meisten von uns nicht glauben, ein Schmerz müsse erlebt oder erfahren werden, um zu existieren. Einer Person, welche Knieschmerzen aufgrund der Einnahme von Schmerztabletten nicht mehr spürt, werden von der Mehrheit der Befragten trotzdem weiterhin Schmerzen im Knie zugeschrieben – entgegengesetzt der philosophischen und medizinischen Lehrmeinung. Auch bei genauerer Betrachtung des oben genannten «Schmerz im Mund» - Arguments zeigt sich, dass die meisten Personen nur deswegen die Schlussfolgerung «Ich habe Schmerzen in meinem Mund» ablehnen, weil diese impliziert, dass etwas mit dem Mund nicht in Ordnung ist. Wir sind viel stärker geneigt die Schlussfolgerung zu akzeptieren, wenn klargestellt wird, dass mit dem Mund alles ok ist.


Diese Ergebnisse weisen nicht nur daraufhin, dass viele Laien ein anderes Verständnis von Schmerzen besitzen als der Großteil der Expertinnen und Experten in der Philosophie, Psychologie und der Medizin, sondern auch, dass es besonderer Anstrengungen bedarf die Auffassung von Schmerzen von Laien zu verstehen. Wenn Schmerzpatienten mit Ärztinnen und Ärzten reden, ist es von zentraler Bedeutung, dass Schmerzkommunikation funktioniert.

 


2. Beeinflussen normative Bewertungen Zuschreibungen von Emotionen?

Ein weiteres Forschungsgebiet unseres Projekts betrifft die verschiedenen Einflüsse auf die Zuschreibung emotionaler Zustände. Denken wir, zum Beispiel, dass ein sadistischer Folterknecht genauso glücklich oder traurig sein kann wie ein grosszügiger hilfsbereiter Mensch? Neueste Ergebnisse aus der experimentellen Philosophie zeigen, dass die Frage, ob jemand glücklich ist, moralischen Standards unterworfen zu sein scheint. Stellen Sie sich zur Veranschaulichung dieser These vor, dass ein Hausmeister einer Schule voller Freude seiner Arbeit nachgeht und abends hochzufrieden einschläft. Im einen Fall hat der Hausmeister diese positiven Empfindungen, weil er die Schüler bestiehlt, im anderen Fall, weil er die Schüler unterstützt, so gut er kann. Die Ergebnisse von Philips et al. (2017) zeigen, dass die meisten von uns den moralisch guten Hausmeister deutlich glücklicher einschätzen, als den moralisch schlechten, auch wenn beide die gleichen positiven Gefühle haben. Muss man also tugendhaft leben, um wirklich glücklich zu sein, wie unter anderem von Aristoteles und Foot behauptet wurde?

Diese Schlussfolgerung wäre durchaus plausibel, wenn nicht auch weitere Emotionen davon betroffen wären. In unseren eigenen Studien konnten wir nachweisen, dass anderen Personen nicht nur weniger Glück, sondern auch weniger Traurigkeit und Verärgerung zugeschrieben wird, wenn sie sich moralisch fragwürdig verhalten. Dieser Effekt ist allerdings nicht durch moralische Urteile zu erklären, sondern ob das Gefühlte mit der Situation zusammenpasst. Wenn nun also eine Person vor einem Pudel zittert und weglaufen möchte, dann wird dieser Person weniger Angst zugeschrieben, als wenn der Hund ein Pit Bull ist. Mit anderen Worten, wir meinen oft, dass eine Person so verängstigt ist, wie sie verängstigt sein sollte. Falls Sie nun also erfahren, dass eine Pianistin vor ihrem Konzert keine Angstgefühle hat, werden Sie ihr womöglich trotzdem etwas Angst zuschreiben; schliesslich sollte man doch etwas Lampenfieber vor einem öffentlichen Auftritt haben.

In diesem Forschungsprojekt entwickeln wir daher einen theoretischen Rahmen für das Studium von Emotionen und Schmerzen, um unsere Erkenntnisse darüber, wie wir unsere affektiven Zustände verstehen, zu verbessern.