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Wissen wir, dass die Inflationsrate steigt, wenn die EZB den Leitzins senkt?

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Wann immer wir den Wirtschaftsteil einer herkömmlichen Tageszeitung aufschlagen, lesen wir, dass der Realzins sinkt, wenn die EZB ihren Leitzins senkt; dass die aggregierte Nachfrage steigt, wenn der Realzins sinkt; dass die Inflationsrate sinkt, wenn die aggregierte Nachfrage sinkt etc. Was wir da lesen, sind die Prinzipien konventioneller wirtschaftspolitischer Maßnahmen, wie sie fast überall auf der Welt fast täglich ergriffen werden: Prinzipien, von deren Wahrheit die allermeisten Journalist*innen, Leser*innen, Politiker*innen und natürlich Ökonom*innen fest überzeugt sind. Dennoch müssen wir uns klar machen, dass es sich bei diesen Prinzipien um Hypothesen handelt, die auf tönernen Füßen stehen: um Hypothesen, von denen wir nicht so recht wissen können, ob sie wahr sind.

Um uns dies klar zu machen, müssen wir zweierlei verstehen. Erstens müssen wir verstehen, dass diese Hypothesen kausaler Natur sind: sie sagen, dass eine Leitzinssenkung Ursache einer Realzinssenkung ist, dass ein fallender Realzins ursächlich für eine sinkende aggregierte Nachfrage ist, dass eine sinkende aggregierte Nachfrage ein Absinken der Inflationsrate verursacht etc. Zweitens müssen wir verstehen, dass unsere Möglichkeiten, kausale Hypothesen dieser Art durch Experimente zu bestätigen, sehr begrenzt sind, und dass wir über die Wahrheit dieser Hypothesen nichts wissen können, solange wir sie durch Experimente nicht bestätigen können.

Ökonomen haben beeindruckende statistische Methoden entwickelt, um kausale Hypothesen experimentell zu bestätigen. Am Ende eines Tages müssen aber drei Bedingungen erfüllt sein, wenn eine kausale Hypothese experimentell bestätigt werden soll. Im Falle der Hypothese, dass eine sinkende aggregierte Nachfrage ein Absinken der Inflationsrate verursacht, lauten diese Bedingungen wie folgt:

(1) Wir müssen in der Lage sein, die aggregierte Nachfrage durch Manipulation zu senken, oder ein markantes Sinken der aggregierten Nachfrage zumindest zu beobachten.

(2) Wir müssen sicherstellen können, dass die Ursache einer sinkenden aggregierten Nachfrage nicht zugleich Ursache einer Änderung der Inflationsrate ist.

(3) Wir müssen gewährleisten können, dass die Ursache einer sinkenden aggregierten Nachfrage nicht zugleich Ursache der Änderung einer aggregierten Größe ist, deren Änderung Ursache einer Änderung der Inflationsrate ist.

Wenn auch nur eine dieser drei Bedingungen nicht erfüllt ist, werden wir die Hypothese, dass eine sinkende aggregierte Nachfrage ein Absinken der Inflationsrate verursacht, nicht bestätigen können, werden wir also nie wissen, ob diese Hypothese wahr ist.

Nun ist Bedingung (1) zweifellos erfüllt: wir können die aggregierte Nachfrage senken, indem wir beispielsweise die Mehrwertsteuer erhöhen, und wir können eine (markant) sinkende aggregierte Nachfrage sicherlich von Zeit zu Zeit beobachten. Bedingung (2) ist ebenfalls erfüllt: wenn eine sinkende aggregierte Nachfrage Ursache einer sinkenden Inflationsrate ist, ist die Ursache einer sinkenden aggregierten Nachfrage natürlich auch Ursache einer sinkenden Inflationsrate; sie ist aber nicht „zugleich“ Ursache einer sinkenden Inflationsrate, weil zwischen der Verursachung einer sinkenden aggregierten Nachfrage und der Verursachung einer sinkenden Inflationsrate einige Zeit verstreicht.

Es ist Bedingung (3), die niemals erfüllt ist. Man könnte meinen, dass Bedingung (3) nicht erfüllt ist, weil unser Wirtschaftssystem hochkomplex ist und wir deshalb damit rechnen müssen, dass es aggregierte Größen gibt, deren Änderung die gleiche Ursache wie eine sinkende aggregierte Nachfrage hat, und deren Änderung zugleich Ursache einer sinkenden Inflationsrate ist. Dieser Einwand zieht aber genauso wenig wie in anderen Bereichen der Wissenschaft. Solange wir Entscheidungen treffen müssen, genügt der vage Hinweis auf die hohe Komplexität des untersuchten Systems nicht. Wird behauptet, dass es Größen gibt, die sich so verhalten wie die in Bedingung (3) genannte aggregierte Größe, müssen diese Größen beim Namen genannt werden. Ansonsten darf die Behauptung getrost ignoriert werden.

Der wahre Grund dafür, dass Bedingung (3) niemals erfüllt ist, liegt in unseren Inflationserwartungen. Solange wir glauben, dass eine Änderung der aggregierten Nachfrage Ursache einer Änderung der Inflationsrate ist, ist die Ursache einer Änderung der aggregierten Nachfrage zugleich Ursache einer Änderung unserer Inflationserwartungen. Die Änderung unserer Inflationserwartungen ist wiederum Ursache einer Änderung der Inflationsrate, weil unsere Erwartungen der Inflationsrate unser gegenwärtiges Produktions- und Konsumverhalten und damit die gegenwärtige Preisentwicklung beeinflusst.

Wir könnten gewährleisten, dass die Ursache einer sinkenden aggregierten Nachfrage nicht zugleich Ursache der Änderung unserer Inflationserwartungen ist, oder dass die Änderung unserer Inflationserwartungen nicht Ursache einer Änderung der Inflationsrate ist, wenn wir unsere Inflationserwartungen irgendwie „kontrollieren“ (also z.B. konstant halten) könnten. Manche Ökonom*innen glauben, dass die EZB unsere Inflationserwartungen kontrollieren kann, indem sie diese „verankert“, d.h. indem sie uns glaubhaft verspricht, dass sie alles tun wird, um die Inflationsrate konstant zu halten. Nur können wir unsere Inflationserwartungen leider nicht messen. Und wenn wir sie nicht messen können, können wir auch nicht wissen, ob wir (oder Zentralbanken) sie kontrollieren können. Ökonom*innen verteilen zwar manchmal Fragebögen an Mitarbeiter*innen von Firmen oder Banken, um Inflationserwartungen zu messen. Sie wissen aber nie, ob diese Mitarbeiter*innen die Wahrheit sagen, oder ob sie ihre Inflationserwartungen nicht schon in dem Moment ändern, in dem sie die Fragebögen zurückgeben.

Es sind also unsere Inflationserwartungen, aufgrund deren wir nicht wissen können, ob eine sinkende aggregierte Nachfrage eine sinkende Inflationsrate verursacht. Leider bilden wir Erwartungen nicht nur im Hinblick auf Inflation, sondern auch im Hinblick auf aggregierte Nachfrage und andere aggregierte Größen. Die Gegenwart dieser Erwartungen vereitelt eine experimentelle Bestätigung auch der anderen oben genannten Hypothesen. Die Gegenwart von Erwartungen ist ein sehr spezielles Problem, das die Makroökonomie und keine anderen Wissenschaftsbereiche (auch nicht die Mikroökonomie) betrifft. Ein Problem ist sie aber, und zwar ein sehr gravierendes. Denn sie zeigt, dass viele der Hypothesen, die uns im Wirtschaftsteil von Tageszeitungen als unumstößliche Prinzipien präsentiert werden, tatsächlich auf tönernen Füßen stehen.