Blogbeitrag Philosophie aktuell

Was Wissenschaftsphilosophie mit Naturschutz zu tun hat

Die Wissenschaftsphilosophie kann Annahmen und Begriffe untersuchen, die bei der Erstellung der Arten auf der Roten Liste eine Rolle spielen.

·

Die Rote Liste bedrohter Arten (www.iucnredlist.org) kennen die meisten Leute. Die Liste, die seit 1964 existiert, enthält Tier- und Pflanzenarten (sowie einige Arten von Pilzen), die vom Aussterben bedroht sind, und kategorisiert diese nach dem Grad der Bedrohung. Im Juli 2019 wurden auf der Liste etwas mehr als 28.000 Arten aufgeführt. Die Liste spielt eine wichtige Rolle als Grundlage für Natur- und Biodiversitätsschutzmaßnahmen, z. B. für die Einrichtung von geschützten Lebensräumen oder für Ein- und Ausfuhrverbote für Lebewesen stark bedrohter Arten. In dieser Hinsicht funktioniert die Rote Liste als „Brücke“ zwischen Naturwissenschaft und gesellschaftlicher Praxis – sie nimmt die Ergebnisse der biologischen Taxonomie auf und bringt diese in die Praxis des Naturschutzes ein. Dabei wird der Liste oft eine Orientierungsfunktion beigemessen. Es wird davon ausgegangen, dass die Liste Arten aufzählt, die in der Natur existieren, uns sagt, welche von diesen am meisten vom Aussterben bedroht sind, und uns in dieser Hinsicht konkrete Handlungshinweise gibt.

 

Aber wie gut kann die Liste diese Brückenfunktion erfüllen? Zur Klärung dieser Frage kann die Wissenschaftsphilosophie wichtige Einsichten beitragen, z. B. durch eine kritische Untersuchung der Annahmen und Begriffe, die bei der Erstellung der Arten, die auf der Roten Liste aufgeführt sind, eine zentrale Rolle spielen. In anderen Worten, wenn wir besser verstehen, wie in der biologischen Taxonomie Lebewesen zu Arten gruppiert werden, können wir auch besser einschätzen, was die Rote Liste für die Praxis bedeuten kann. Im Folgenden möchte ich kurz zeigen, was eine solche kritische Untersuchung beinhaltet.

 

Die Rote Liste setzt voraus, dass wir wissen, womit wir es zu tun haben, wenn wir über Arten von Lebewesen sprechen. Sie nimmt die durch die biologische Taxonomie produzierte wissenschaftliche Klassifikation von Lebewesen in Arten als Basis und listet die Arten auf, für die es deutliche Hinweise auf eine Gefährdung gibt. Das Problem dabei ist, dass es – mehr als 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Darwins Buch Über die Entstehung der Arten – immer noch unklar ist, was genau biologische Arten sind und wie man Lebewesen am besten in Arten klassifiziert. Die Diskussion über diese Frage wird seit Darwins Zeit (und bereits davor) in der Biologie und in der Philosophie der Biologie geführt. Die Diskussion hat eine dermaßen lange Geschichte und hat dermaßen viel Forschungsliteratur produziert, dass die Problematik mit einen Eigennamen – das Artproblem oder „species problem“ – versehen wurde.

 

Im Grunde geht es beim Artproblem um zwei Probleme, das „grouping problem“ und das „ranking problem“. Im „grouping problem“ ist die Frage, auf welcher Grundlage Lebewesen in Arten gruppiert werden sollen. Ist Merkmalsähnlichkeit bei der Gruppierung ausschlaggebend, oder genetische Ähnlichkeit, oder Abstammung, oder die Fähigkeit, mit anderen Lebewesen der gleichen Art Nachkommen zu zeugen, oder das Bewohnen der gleichen ökologischen Nische, oder...? Im „ranking problem“ ist die Frage auf welcher Basis man einer Gruppe von Lebewesen einen bestimmten taxonomischen Rang beimessen kann. In der biologischen Taxonomie werden Lebewesen in Arten gruppiert, die wiederum in Genera gruppiert werden, diese wiederum in Familien, diese in Ordnungen usw. Insgesamt erkennt die biologische Taxonomie sieben solcher Hauptebenen sowie eine Vielzahl von Zwischenebenen (wie „Unterart“ oder „Überfamilie“) an. Für jede Gruppe von Lebewesen ist somit die Frage, ob sie als eigenständige Art gelten sollte, oder lediglich als Unterart (oder Variation) innerhalb einer Art oder vielleicht als Gruppe oberhalb der Artebene gelten sollte.

 

Obwohl die biologische Taxonomie praktisch brauchbare Einteilungen von Lebewesen produziert und die Diskussion über das Artproblem seit langem geführt wird, sind das „grouping problem“ und das „ranking problem“ nach wie vor ungelöst. Die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Fachcommunities der Biologie und der Philosophie der Biologie über die Fragen, was genau biologische Arten sind und wie man Lebewesen in Arten ordnet, sind groß und eine Einigung ist nicht in Sicht. Es gibt etwa 20-30 verschiedene Definitionen des Begriffs ‚Art‘, die zum Teil zu stark unterschiedlichen Klassifikationen führen. So können abhängig von der gebrauchten Definition zwischen 100 und 250 verschiedene in Mexiko endemische Vogelarten unterschieden werden!

 

Dieser Umstand führt für viele BiologInnen und PhilosophInnen zu einer instrumentalistischen Position, nach der Arten keine real existierenden Gruppen sind, sondern menschengemachte, subjektive und gewissermaßen willkürliche Einteilungen. Diese instrumentalistische Position ist im Bereich der bakteriellen Taxonomie stark vertreten. Andere vertreten dahingegen eine pluralistische Auffassung, nach der es mehrere aus biologische Sicht legitime Weisen gibt, Lebewesen in Arten zu unterteilen, die real existierende Gruppen repräsentieren, wobei es allerdings keine einzig richtige Einteilung gibt. Worin sich die VertreterInnen beider Sichtweisen einige sind, ist lediglich die Feststellung, dass es keine objektive, endgültige Einteilung von Lebewesen in Arten gibt und die biologische Taxonomie mit einer nebeneinander bestehenden Mehrzahl von Möglichkeiten leben muss.

 

Aus wissenschaftsphilosophischer Sicht ist dies durchaus ein befriedigendes Ergebnis: Zumindest verstehen wir durch detaillierte Analyse dieser Probleme mehr darüber, wie die biologische Taxonomie funktioniert, mit welchen grundlegenden Fragen sie konfrontiert ist und was für Produkte sie liefert. Aber was bedeutet dieses Ergebnis für die praktische Brauchbarkeit der Roten Liste? Die wissenschaftsphilosophische Analyse zeigt, dass die Rote Liste als Grundlage für den Natur- und Biodiversitätsschutz nicht ohne Probleme ist. Sie kann zwar eine motivierende Rolle im Natur- und Biodiversitätsschutz einnehmen, indem sie uns für das Artensterben und die gegenwärtige Biodiversitätskrise sensibilisiert. D. h., sie kann darauf hinweisen, dass wir die Natur schützen müssen. Aber sie kann uns nicht sagen, was geschützt werden muss. Wenn es möglich gewesen wäre, eine endgültige Einteilung von Lebewesen in Arten zu erhalten, welche tatsächlich in der Natur existierenden Gruppen von Lebewesen entsprechen würden, könnte die Liste uns tatsächlich konkrete Handlungshinweise geben. Aber dies ist leider nicht möglich. Die Literatur zum Artproblem zeigt, dass die Einteilung von Lebewesen in Arten sehr stark von der Definition des Artbegriffs abhängig ist, den man verwendet, und unterschiedliche Definitionen manchmal zu stark verschiedenen Einteilungen führen.

 

Wissenschaftsphilosophie kann also Klarheit bringen – in diesem Fall über die Rolle der Roten Liste im Natur- und Biodiversitätsschutz. Wir haben gesehen, dass die Liste in diesem Kontext eine wichtige Rolle spielt. Allerdings hat sich herausgestellt, dass diese Rolle eine andere ist als oft gedacht: Die Liste kann uns zum Handeln motivieren, aber sie kann uns nicht sagen, was wir tun sollten.

 

Literatur

 

  • Agapow, P.-M., Bininda-Emonds, O.R.P., Crandall, K.A., et al. (2004): ‘The impact of species concept on biodiversity studies’, Quarterly Review of Biology 79: 161-179.

  • Peterson, A.T. & Navarro-Sigüenza, A.G. (1999): ‘Alternate species concepts as bases for determining priority conservation areas’, Conservation Biology 13: 427-431.

  • Reydon, T.A.C. (2004): ‘Why does the species problem still persist?’, BioEssays 26: 300-305.

  • Reydon, T.A.C. & Kunz, W. (2019): ‘Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: New perspectives on the grouping and ranking problems’, Biological Journal of the Linnean Society 126: 623-636.

  • Richards, R.A. (2010): The Species Problem: A Philosophical Analysis, Cambridge: Cambridge University Press.

  • Zachos, F.E. (2016): Species Concepts in Biology Historical Development, Theoretical Foundations and Practical Relevance, Cham: Springer.