Blogbeitrag Philosophie aktuell

Verschwörungstheorien

ein wissenschaftstheoretischer Zugang

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Verschwörungstheorien grassieren seit Jahrhunderten. Im Zuge der aktuellen Corona-Pandemie scheinen sie eine Hochkonjunktur zu erleben. In den sozialen Medien werden Verschwörungstheorien sowohl verbreitet als auch kritisch hinterfragt. Inhaltlich zeichnen sich Verschwörungstheorien in der Regel dadurch aus, „dass eine im Geheimen operierende Gruppe, nämlich die Verschwörer, aus niederen Beweggründen versucht, eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören“ (Butter 2018, S. 21). Unabhängig von der konkreten Verschwörung, die postuliert wird, besitzen Verschwörungstheorien die drei folgenden wesentlichen Merkmale: Erstens geschieht nichts durch Zufall; zweitens ist nichts, wie es scheint; und drittens ist alles miteinander verbunden (Barkun 2013, S. 3f, Butter 2018, S. 22). Eine aktuell viel diskutierte Verschwörungstheorie besagt beispielsweise, dass die Corona-Pandemie von der Bill & Melinda Gates Foundation initiiert worden sei, die die WHO und damit indirekt die Gesundheitspolitik der Staaten der Welt kontrolliere. Eines der Ziele der Stiftung bestehe in einer weltweiten Impfpflicht gegen das von der Stiftung selbst in die Welt gesetzte Virus mit einem von der Stiftung bereitgestellten Impfstoff. Über den Impfstoff würden u.a. Mikrochips injiziert, mittels derer z.B. eine Überwachung geimpfter Menschen möglich sei (z.B. Jebsen 2020). Ich nenne diese Verschwörungstheorie die Bill & Melinda Gates-Verschwörungstheorie (kurz: BMG-Verschwörungstheorie).

Im Folgenden unterscheide ich drei Arten des kritischen Zugangs zu Verschwörungstheorien. Die erste Art nenne ich den psychologischen Zugang zu Verschwörungstheorien. Im psychologischen Zugang werden mögliche psychische Ursachen dafür analysiert, dass Menschen Verschwörungstheorien anhängen wie z.B. Narzissmus, Kontrollverlust in Krisensituationen oder kognitive Dissonanz (Nocun und Lamberty 2020).

Die zweite Art nenne ich den kritisch-journalistischen Zugang zu Verschwörungstheorien. Der kritisch-journalistische Zugang zeichnet sich dadurch aus, dass Fehlinformationen, die Bestandteile von bestimmten Verschwörungstheorien sind, durch eine journalistische Recherche aufgedeckt und korrigiert werden. Beispielsweise wird in Walulis (2020) die Behauptung aus Jebsen (2020), dass die WHO zu 80% von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert werde, dahingehend korrigiert, dass die Finanzierung der WHO durch die Stiftung lediglich in einem niedrigen zweistelligen Bereich liege.1 Das Ziel des kritisch-journalistischen Zugangs besteht darin, die durch seriöse Recherche hinterfragte Verschwörungstheorie als falsch zu erweisen.

Die dritte Art nenne ich den wissenschaftstheoretischen Zugang zu Verschwörungstheorien. Die intuitive Idee des wissenschaftstheoretischen Zugangs liegt im Gegensatz zum kritisch-journalistischen Zugang nicht darin, zu zeigen, dass Verschwörungstheorien falsch sind, sondern darin, zu zeigen, dass Verschwörungstheorien gar nicht falsch sein können. Das bedeutet, dass Verschwörungstheorien nicht widerlegbar (falsifizierbar) und damit unsinnig und gehaltlos sind. Im Folgenden werde ich in einem ersten Schritt die philosophischen Grundlagen des wissenschaftstheoretischen Zugangs erklären und diesen in einem zweiten Schritt auf die BMG-Verschwörungstheorie anwenden.

 

Die philosophischen Grundlagen des wissenschaftstheoretischen Zugangs zu Verschwörungstheo­rien

Der wissenschaftstheoretische Zugang zu Verschwörungstheorien basiert auf den Arbeiten des Wiener Kreises (Carnap 1931, Schlick 1930) und des österreichischen Philosophen Karl Popper (1934 [1966]). Sowohl die Philosophen des Wiener Kreises als auch Popper suchten nach einem Kriterium zur Unterscheidung von Wissenschaft und Metaphysik. Der gemeinsame Grundgedanke eines solchen Abgrenzungskriteriums ist folgender: Wissenschaft sagt etwas über die (empirische) Welt aus. Eine wissenschaftliche Theorie sollte also an der Erfahrung, z.B. durch Beobachtungen oder Experimentresultate, überprüfbar sein. Die Metaphysik hingegen trifft keine Aussagen über die (empirische) Welt, sie ist nicht an der Erfahrung überprüfbar. Für den Wiener Kreis galt es, die Metaphysik zu überwinden, da diese lediglich unsinnige Scheinaussagen beinhalte. Ein Paradebeispiel für ein System unsinniger Scheinaussagen war für den Wiener Kreis die Philosophie Martin Heideggers. Popper war in seiner Bewertung der Metaphysik nicht so resolut wie der Wiener Kreis. Für ihn galt es nicht, die Metaphysik zu überwinden, aber die Etablierung einer klaren Grenze zwischen Wissenschaft und Metaphysik war auch für ihn ein wichtiges Anliegen. Poppers Idee für ein Abgrenzungskriterium ist wie folgt: Wissenschaft unterscheidet sich dadurch von Metaphysik, dass wissenschaftliche Theorien an der Erfahrung scheitern können. Er nannte dieses Abgrenzungskriterium das Falsifikationsprinzip: Wenn ein System von Aussagen prinzipiell nicht durch die Erfahrung widerlegt (falsifiziert) werden kann, dann ist es metaphysisch. Wenn es durch die Erfahrung falsifizierbar ist, dann ist es wissenschaftlich.2 Eine wissenschaftliche Theorie schließt also bestimmte Sachverhalte in der Welt aus. Beispielsweise folgt aus der Theorie der Mechanik von Newton (und gewissen Anfangsbedingungen), dass der Mond zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Position im Verhältnis zur Erde steht. Jede andere Position des Mondes zu demselben Zeitpunkt wird also von der Theorie ausgeschlossen. Ein metaphysisches System passt hingegen immer zur Welt und ist somit keine Theorie im wissenschaftlichen Sinn.3 Das liegt daran, dass metaphysische Fragen zu Themen wie Identität, Universalien oder dem Nichts sich nicht auf die empirische Welt beziehen. Zum Verständnis des Falsifikationsprinzips ist es wichtig, zu unterscheiden, dass eine Theorie nicht falsifiziert sein muss, um wissenschaftlich zu sein, sondern dass sie falsifizierbar ist. Es muss also prinzipiell möglich sein, dass sie durch die Erfahrung widerlegt wird.

 

Anwendung auf die BMG-Verschwörungstheorie

Ist die BMG-Verschwörungstheorie eine wissenschaftliche Theorie oder ist sie ein metaphysisches System, das keine Aussagen über die empirische Welt macht? Auf den ersten Blick scheint die BMG-Verschwörungstheorie eine wissenschaftliche Theorie zu sein, da sie für bestimmte Vorgänge in der Welt eine in sich stimmige Erklärung bereitstellt. Wie fällt die Bewertung der BMG-Verschwörungstheorie durch Poppers Falsifikationsprinzip aus? Auch nach diesem Kriterium scheint die BMG-Verschwörungstheorie auf den ersten Blick eine wissenschaftliche Theorie zu sein, da sie falsch sein könnte. Zur Erinnerung: Es ist für die Wissenschaftlichkeit der BMG-Verschwörungstheorie nicht relevant, ob sie tatsächlich wahr oder falsch ist, sondern nur, ob es möglich ist, dass sie falsch ist. Diese Bedingung der Falsifizierbarkeit scheint erfüllt zu sein, denn es ist z.B. möglich, dass die Bill & Melinda Gates Foundation Covid 19 nicht in die Welt gesetzt hat oder dass sie nicht die WHO kontrolliert.

Ein weiteres Indiz für die Falsifizierbarkeit der BMG-Verschwörungstheorie scheint der oben beschriebene kritisch-journalistische Zugang zu sein. Dieser verfolgt schließlich das Ziel, die BMG-Verschwörungstheorie zu falsifizieren, indem er wichtige Annahmen dieser Verschwörungstheorie widerlegt. Wenn die BMG-Verschwörungstheorie durch den kritisch-journalistischen Zugang tatsächlich falsifiziert ist, dann müsste sie folglich auch falsifizierbar sein: Wenn sie tatsächlich falsch ist, dann ist es auch möglich, dass sie falsch ist. Ist die BMG-Verschwörungstheorie also nach dem Falsifikationsprinzip eine wissenschaftliche Theorie?

Der Haken an Verschwörungstheorien ist, dass sie in der Regel so gestrickt sind oder auf Kritik hin derart modifiziert werden, dass sie grundsätzlich nicht falsifiziert werden können. Aber wie kann das sein, wenn Verschwörungstheorien durch den kritisch-journalistischen Zugang scheinbar falsifiziert werden? Zur Veranschaulichung kann das oben genannte Beispiel der Finanzierung der WHO noch einmal aufgegriffen werden: Nach Angabe der WHO wird diese zu 12,2 % (und nicht zu 80 %) von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert. Eine typische Argumentationsstrategie in Verschwörungs­theorien ist es, der Verschwörungstheorie widersprechende Annahmen in diese mit einzubauen und sie so statt als Falsifikationsfälle als Stützung der Theorie zu bewerten. In diesem Fall könnte eine Entgegnung von Seiten der BMG-Verschwörungstheorie in der folgenden Zusatzannahme bestehen:

„Die auf der Homepage zu findende Angabe der Finanzierung der WHO zu 12,2 % durch die Bill & Melinda Gates Foundation ist selbstverständlich falsch. Denn die Bill & Melinda Gates Foundation hat ein Interesse daran, ihre hohe Beteiligung von 80 % an der WHO zu verheimlichen, und veranlasst deshalb, dass die WHO den falschen Wert von 12,2 % auf ihrer Homepage ausweist. Dies ist möglich, da die WHO zu 80 % von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert und damit von dieser kontrolliert wird.“

Eine Annahme, die nur deshalb eingeführt wird, um eine Theorie vor einem Konflikt mit den Tatsachen zu schützen, wird eine Ad-hoc-Annahme genannt. Für Ad-hoc-Annahmen gibt es keine von der Theorie unabhängigen Belege. Die Begründung einer Ad-hoc-Annahme besteht also ausschließlich darin, dass die Theorie falsch wäre, falls die Ad-hoc-Annahme nicht richtig wäre. Mit Ad-hoc-Annahmen können Theorien somit gegen jeden Konflikt mit der Erfahrung immunisiert werden. Ad-hoc-Annahmen einzuführen, kann ein legitimes Mittel sein, um ansonsten bewährte Theorien vor einer Falsifikation zu schützen. Das Besondere an Verschwörungstheorien ist allerdings, dass sie aufgrund ihrer oben genannten wesentlichen Merkmale gegen jeglichen Konflikt mit der Erfahrung immunisiert sind: Alles, wodurch eine Verschwörungstheorie widerlegt zu werden scheint, ist Bestandteil der behaupteten Verschwörung (nichts ist, wie es scheint) und somit kein Falsifikationsfall, sondern eine Stützung der Theorie. Verschwörungstheorien sind somit derart konstruiert, dass sie nicht falsifizierbar und folglich vom wissenschaftstheoretischen Zugang aus betrachtet keine Theorien, sondern metaphysische Systeme sind. Sie machen keine Aussagen über die Welt, da sie nichts ausschließen und deshalb mit jedem möglichen Zustand der Welt übereinstimmen. Aus der Perspektive des Wiener Kreises sind sie damit als Unsinn, d.h. als eine Menge von Sätzen, die im semantischen Sinn keine Bedeutung haben, zu verstehen. Verschwörungstheorien dieser Art nenne ich metaphysische Verschwörungstheorien.

Bedeutet dieses Resultat, dass es keine Verschwörungen gibt? Nein, selbstverständlich gibt es Verschwörungen, die beispielsweise zur Watergate-Affäre oder zur Ermordung Caesars führten. Ich nenne Verschwörungstheorien, die solche Verschwörungen zum Gegenstand haben, in Abgrenzung zu metaphysischen Verschwörungstheorien empirische Verschwörungstheorien. Worin besteht der Unterschied zwischen metaphysischen und empirischen Verschwörungstheorien? Der Unterschied besteht darin, dass empirische Verschwörungstheorien im Gegensatz zu metaphysischen Verschwörungstheorien falsifizierbar sind – sie könnten falsch sein (sind aber in der Regel sehr gut bestätigt). Bei den FBI-Ermittlungen zur Watergate-Affäre hätte sich z.B. herausstellen können, dass der Einbruch in das Hauptquartier der Demokraten nicht auf den Mitarbeiterkreis Nixons zurückführbar ist, sondern dass er z.B. von normalen Dieben durchgeführt wurde. Dies hätte die Theorie über eine entsprechende Verschwörung entkräftet. Andersherum argumentiert: Angenommen, es hätte sich herausgestellt, dass sich der Einbruch nicht auf den Mitarbeiterkreis Nixons zurückführen lässt, und die Watergate-Verschwörungstheorie wäre dennoch mit dem Argument aufrechterhalten worden, dass dies daran läge, dass das FBI und die Justiz unter der Kontrolle der angenommenen Verschwörung stünden. Dann wäre die Watergate-Verschwörungstheorie von einer empirischen Verschwörungs­theorie in Richtung einer metaphysischen Verschwörungstheorie gerückt, da sie durch Ad-hoc-Annahmen gegen Falsifikation immunisiert worden wäre.

Was bedeuten die Resultate des wissenschaftstheoretischen Zugangs für die Argumentation mit Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretikern? Wenn jede Widerlegung einer Verschwörungstheorie misslingt, da die der Theorie widersprechenden Fakten als Teil der Verschwörung deklariert werden, dann handelt es sich um eine metaphysische Verschwörungstheorie. Diese ist so konstruiert, dass sie durch Ad-hoc-Annahmen gegen jede Falsifikation immunisiert ist. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive sollte in diesem Fall dahingehend argumentiert werden, dass die Verschwörungstheorie durch diese Immunisierung nicht falsifizierbar und somit keine wissenschaftliche Theorie ist. Sie ist eine vermeintliche Theorie, die zwar den Anschein erweckt, Erklärungen zu liefern, aber tatsächlich keine Aussagen über die Welt macht. Anders formuliert: Wenn eine Verschwörungstheorie eine echte Theorie sein soll, dann müssen deren Vertreterinnen und Vertreter klar angeben können, unter welchen Umständen sie akzeptieren würden, dass die Theorie falsch ist. Nur unter dieser Bedingung kann eine Verschwörungstheorie wirksam durch den kritisch-journalistischen Zugang hinterfragt und gegebenenfalls widerlegt werden.


DANK: Für hilfreiche Kommentare und Korrekturen danke ich Max Bauer, Rainer Kornmesser und Mark Siebel.


Literatur:

Barkun, M. (2013): A Culture of Conspiracy. Apocalyptic Visions in Contemporary America. 2. Aufl. Berkeley: University of California Press.

Butter, M. (2018): >>Nichts ist, wie es scheint<<. Über Verschwörungstheorien. Frankfurt a. M.: Suhr­kamp.

Carnap, R. (1931): Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache. Erkenntnis 2, S. 219-241.

Jebsen, K. (2020): Gates kapert Deutschland. https://www.youtube.com/watch?v=MmNxsu7HPC8 (zuletzt abgerufen am 8.6.2020).

Kornmesser, S. und Büttemeyer, W. (2020): Wissenschaftstheorie. Eine Einführung. Berlin: Metzler.

Nocu, K. und Lamberty, P. (2020): Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Köln: Quadriga.

Pfahl-Traughber, A. (2002): „„Bausteine“ zu einer Theorie über „Verschwörungstheorien“: Definitionen, Erscheinungsformen, Funktionen und Ursachen“. In: Helmut Reinalter (Hg.), Verschwörungstheorien. Theorie – Geschichte – Wirkung. Innsbruck: StudienVerlag, S. 30-44.

Popper, K. R. (1934 [1966]): Logik der Forschung. 2., erweiterte Auflage. Tübingen 1966.

Schlick, M. (1930/31): Die Wende der Philosophie. Erkenntnis 1, S. 4-11.

Walulis (2020): „Gates kapert Deutschland“ zerlegt. https://www.youtube.com/watch?v=0EmH7hHaVNQ (zuletzt abgerufen am 8.6.2020).


1 Nach Angaben der WHO, auf die sich Walulis (2020) indirekt stützt, betrug der Anteil der Finanzierung der WHO durch die Bill & Melinda Gates Foundation in den Jahren 2016/2017 16,95 % und in den Jahren 2018/2019 12,12 % (https://open.who.int/2018-19/contributors/contributor (zuletzt abgerufen am 24.6.2020)).

2 Für eine ausführliche Darstellung des Abgrenzungskriteriums vom Wiener Kreis über Popper bis zum späten Logischen Empirismus siehe Kornmesser und Büttemeyer (2020, Kap. 3-5).

3 Ich spreche von metaphysischen Systemen, da ich den Ausdruck Theorie für wissenschaftliche Aussagensysteme verwende. Aus diesem Grund wird der Ausdruck Verschwörungstheorie z.B. durch Verschwörungsideologie oder Verschwörungsmythos (Pfahl-Traughber 2002, S.32) bzw. durch Verschwörungserzählung (Nocun und Lamberty 2020, S. 21) ersetzt. Ich verwende im Folgenden weiterhin den Ausdruck Verschwörungstheorie, da dieser für Aussagensysteme, die Verschwörungen zum Gegenstand haben, etabliert ist.