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Blogbeitrag Philosophie aktuell

Tätiges Leben und Einsamkeit in Zeiten der Krise

Hoffnung schöpfen mit Hannah Arendt

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Was im eigenen Leben wirklich zählt, merken wir häufig nicht, solange es vorhanden ist. Fraglos gehen wir unserem Alltag nach, pflegen Beziehungen, verfolgen Aktivitäten. Die Coronakrise hat die meisten ganz unvermutet, aus heiterem Himmel heraus getroffen. Von einem Tag auf den anderen ist all das, was selbstverständlich schien, plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Die von politischer Seite aus erhobene Versicherung, man fahre „auf Sicht“, kann da kaum beruhigen. Nicht nur die Sorge um geliebte Menschen, die zur Risikogruppe gehören, sondern auch die Unsicherheit, nicht zu wissen, wie es weitergeht und das Gefühl, keine Kontrolle mehr über die eigene Lebensplanung zu haben, führen zu inneren Krisen.

 

Diese Erfahrung des Zusammenbruchs von Sicherheiten ist nicht neu. Jede Zeit der Krise, sei sie verursacht durch Kriege, Epidemien oder andere Katastrophen, ist geprägt von Einschränkungen und Verlusterfahrungen. Sie kann schmerzlich vor Augen führen, was das kleine und große „Glück“ ausgemacht hat, das nun plötzlich vermisst wird.

 

Soweit die Situation, die festzustellen noch keine sonderliche Denkanstrengung erfordert. Sind philosophische Einsichten aber überhaupt hilfreich, um mit solchen Krisen umzugehen? Ist die Frage, wie man sein Leben führt, nicht ohnehin eine rein persönliche, allenfalls psychologische? Was hat die Philosophie, deren Wesen es ist, allgemeingültige Aussagen zu treffen, hierzu zu sagen? Nun, bereits seit Sokrates ist dies eine ganze Menge. Auch Hannah Arendt (1906-1975) war, wiewohl sie sich nie als „Philosophin“ bezeichnet wissen wollte, dem unbequemen Querdenker sehr verbunden, der bereits im antiken Athen das Leben seiner Mitmenschen hinterfragt hat.

 

Zwei der interessantesten Fragen, denen sie nachgeht, ist einerseits die, wie ein tätiges Leben, eine Vita activa, aussieht und andererseits, was Einsamkeit bedeutet. Beide Themen sprechen direkt in die jetzige Krisenzeit hinein. Es werden zwar keine einfachen „Lösungen“ geliefert – welche in ihrer scheinbaren Einfachheit ohnehin immer verdächtig sind –, aber doch wertvolle Denkanstöße.

 

In Arendts Werk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ unterscheidet sie drei Lebensvollzüge oder Tätigkeiten des Menschen: Das Arbeiten, Herstellen und Handeln.

 

1) Arbeiten ist notwendig, um das physische Überleben zu sichern. Es findet im Austausch mit der Natur statt, in einem ständigen Kreislauf von Arbeit und Konsum (VA 117). Mit der Arbeit wird man im Unterschied zum Herstellen nie „fertig“. Arbeiten kann man auch allein, ganz ohne andere Menschen.

 

2) Beim Herstellen hingegen arbeitet man auf ein Ziel hin, das fertige Produkt. Produkte werden nicht sofort verbraucht oder konsumiert, sie nutzen sich nur langsam ab. Mit dem, was wir herstellen, verändern wir die Welt um uns herum, wir gestalten sie. Die Entwicklung von Maschinen und der Vormarsch der Automation werden dabei durchaus kritisch gesehen (VA 178-181).

 

3) Beide Tätigkeiten machen allerdings noch nicht das tätige Leben, die Vita activa aus. Erschöpft man sich im Arbeiten, der Sicherung von Grundbedürfnissen, der Gestaltung der Dinge und der Produktion, so wurde die entscheidend menschliche Tätigkeit, das Handeln, noch gar nicht begonnen:

 

„Handeln allein ist das ausschließliche Vorrecht des Menschen; weder Tier noch Gott sind des Handelns fähig, und nur das Handeln kann als Tätigkeit überhaupt nicht zum Zuge kommen ohne die ständige Anwesenheit einer Mitwelt.“ (VA 33f.)

 

Handeln meint nun, gesellschaftlich und politisch wirksam zu sein. Wie im antiken Stadtstaat sollte jede und jeder Verantwortung übernehmen für das Wohlergehen der anderen. Im Handeln geht es um die Interaktion mit anderen, um die Gestaltung von Gesellschaft. Es ist die spannendste Form der Tätigkeiten, weil man niemals völlige Kontrolle über das Ergebnis hat. Im sozialen Bereich liegt es immer auch an der Mitwirkung und Reaktion aller anderen, ob Vorhaben gelingen oder nicht (VA 237).

 

Wie steht es nun mit dem Einsamsein? Man könnte vermuten, dass Einsamkeit etwas sehr Problematisches sein muss, da ja die hervorstechendste Tätigkeit des Menschen im Handeln in und für die Gesellschaft besteht. Das Gegenteil aber ist erstaunlicherweise der Fall. Einsamkeit ist die Grundvoraussetzung, um eine Persönlichkeit, ein „Jemand“ zu werden. Und nur voneinander unterschiedene „Jemande“ können wirklich handelnd miteinander in Kontakt treten. Wie aber ist das zu verstehen? In Vita activa schreibt Arendt:

 

„Einsamsein heißt mit sich selbst zusammensein“. (VA 93)

 

Diese Form des Alleinseins, die Einsamkeit als „Zwei-in-Einem“ (ÜB 82), ist Voraussetzung für das Denken. Denken ist Zwiegespräch mit sich selbst und das gelingt nur, wenn ich gerade nicht gleichzeitig mit anderen oder anderem befasst bin, d.h. mich in der Mit- oder Dingwelt verliere. Im Unterschied zu manchem, was Arendt kurz darauf als „Isoliertheit“ oder „Verlassenheit“ bezeichnet (ÜB 82), ist Einsamkeit daher nichts Negatives!

 

Isoliertheit nämlich bedeutet, gerade nicht mit sich selbst zusammenzusein, sondern sich z.B. auf eine bestimmte Arbeit oder die Herstellung von etwas zu konzentrieren. Andere würden hier nur stören – aber eben auch das eigene Selbst, das hierbei ganz in den Hintergrund tritt (ÜB 83).

 

Verlassenheit dagegen kann einen auch mitten in einer Menschenmenge überwältigen. Man sieht Paare, Familien, Freunde um einen herum und es wird einem vielleicht sogar stärker bewusst als in der eigenen Wohnung: Das hat man alles nicht. Die Verlassenen stehen weder im einsamen Zwiegespräch mit sich selbst, noch im Kontakt mit anderen – sie sind in einer negativen Weise allein.

 

Einsamkeit dagegen als Fähigkeit, mit sich selbst zusammen sein zu können, sich selbst auszuhalten und mit sich selbst in ein Zwiegespräch einzutreten, ist eine der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten. Diejenigen, die sie nicht ertragen, wissen gar nicht, wer sie eigentlich sind. Besonders problematisch daran ist, dass sie ihr Handeln nicht reflektieren. Denn ob ich gut gehandelt habe oder nicht, merke ich nicht im Augenblick der Handlung, sondern oft erst im Nachhinein. Dass sich manche Menschen dieser nachträglichen Selbstprüfung nie aussetzen, gedankenlos dem Alltag nachgehen – freilich hat Arendt hier auch den Alltag und die grausamen „Pflichten“ der Mitläufer und Täter der NS-Zeit im Blick –, ist der Nährboden des Bösen. Gerade wegen seiner mangelnden Tiefe wird dieses gedankenlose, unreflektierte Mit-Tragen und Mit-Tun des Bösen zuletzt als ‚wurzelloses‘ Böses bezeichnet (ÜB 77, 86). Es kann sich grenzenlos ausbreiten, weil Getanes stets aus dem Bereich eigener Verantwortung verdrängt wird:

 

„Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben, und ohne Erinnerung kann nichts sie zurückhalten.“ (ÜB 77)

 

Ins Positive gewendet bedeutet Einsamkeit daher die Chance, zu einem guten Menschen, ja mehr noch, überhaupt zu einem Menschen im Sinne einer Persönlichkeit zu werden. Wer ganz im Arbeiten oder Herstellen aufgeht, ist zwar ein menschliches Wesen, aber noch keine Persönlichkeit. Erst Denken und Erinnern führt in die Tiefe, wo man dann „Wurzeln [] schlagen“ kann (ÜB 85). Die Auseinandersetzung mit sich selbst konstituiert Persönlichkeiten.

 

So wünsche ich uns allen, dass wir einerseits kreative Lösungen entwickeln, um das tätige Leben im gemeinsamen Handeln fortzuführen, so gut und intensiv es geht. Andererseits sollten wir aber auch lernen, die Einsamkeit zu schätzen. Sie darf, ja muss sein, um zu einem erfüllten Leben zu gelangen, welches dann das Leben einer Persönlichkeit, von „Jemandem“ statt von „Niemandem“ ist.


Literaturhinweise:

Arendt, Hannah: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, 8. Aufl., München/Zürich 2013. [ÜB]

Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben, 13. Aufl., München/Zürich 2013. [VA]

Bordt, Michael: Die Kunst sich selbst auszuhalten. Ein Weg zur inneren Freiheit, München 2013.