Blogbeitrag Philosophie aktuell

Strafe aus dem Bauch heraus?

Die Rolle von Intuitionen und psychologischer Forschung für retributive Straftheorien

·

Wir alle kennen das befriedigende Gefühl der Rache. Nicht unbedingt aus eigener, persönlicher Erfahrung – aber sehr wahrscheinlich zumindest aus unseren liebsten Romanen, Filmen, oder Fernsehserien. Es tut gut, zu sehen, dass der Schurke am Ende bekommt, was er verdient – und es bleibt ein Gefühl der Unzufriedenheit, wenn der Film zu Ende geht, ohne dass dieser seine gerechte Strafe erhalten hat.

Nicht viel anders scheint es sich mit unseren Intuitionen (oder einfacher: Bauchgefühlen, also schnelle, unreflektierte Urteile) bezüglich staatlicher Strafe zu verhalten. Schaut man sich die Kommentare auf Facebook, Twitter, oder anderen sozialen Medien an, die über furchtbare Straftaten berichten, kann man die ausgeprägten Intuitionen zu verdienter Strafe gut beobachten. Selbst in Deutschland findet man dann sogar vereinzelte BefürworterInnen der Todesstrafe oder Folter. TäterInnen wird der Personenstatus aberkannt und sie werden mit Tieren verglichen. Solche Intuitionen, die auf Strafe gerichtet sind, sind nicht nur bei politisch konservativen Menschen vorhanden, auch wenn sie dort vielleicht etwas stärker vertreten sind. In amerikanischen, liberalen Talkshows wird z.B. gerade der Moment sehnsüchtig erwartet, an dem Trump endlich seine verdiente Gefängnisstrafe bekommt. Auch auf der liberalen Seite findet man also diese Intuitionen.

Auch professionelle PhilosophInnen bleiben von derartigen Intuitionen nicht verschont. Zwar sind sie, dank ihrer Ausbildung, womöglich geübter darin, selbige als Ausdruck einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung zu artikulieren und zu rechtfertigen. Nichtsdestotrotz haben manche PhilosophInnen keinerlei Probleme damit, zuzugeben, dass ihre Überlegungen über Strafe letztendlich auf Intuitionen fußen – vielleicht sogar fußen müssen.i

Insbesondere gilt das für retributivistische Straftheorien. Der Retributivismus behauptet, grob gesagt, dass die Bestrafung von TäterInnen deswegen gerechtigfertigt ist, weil diese Strafe aufgrund ihrer Tat verdienen. Verdienst, nicht Abschreckung oder Rehabilitation, rechtfertigt also staatliche Strafe.

Besonders nennenswert ist eine Anekdote, die über einen der wichtigsten retributivistischen Texte von Herbert Morris erzählt wird.ii Morris berichtet laut dieser Anekdote, dass er im Stau auf der Autobahn in Los Angeles stand, um die Ausfahrt zu nehmen. Die FahrerInnen haben sich an das Reißverschlussverfahren gehalten, damit alles reibungslos abläuft. Dann kam ein Sportwagen, der an den beiden Spuren vorbeizog, und sich vorne an der Ausfahrt wieder hereingedrängelt hat, um die Ausfahrt möglichst schnell nehmen zu können. Morris’ wütende Reaktion auf dieses Verhalten können viele sicherlich gut nachvollziehen – und vielleicht sogar den Wunsch, dass der Sportwagen eine Panne haben möge. Laut der Anekdote hat dieses Gefühl Morris auf die Idee seiner retributivistischen Straftheorie gebracht.

Die Anekdote drückt gut aus, worauf ich hier aus bin: Oft (wohlgemerkt nicht immer) steht beim Philosophieren über Strafe die Intuition am Anfang; PhilosophInnen versuchen dann, ihre Intuitonen besser zu verstehen, sie auszuformulieren und verschiedene Intuitionen miteinander zu vereinbaren. Hieraus soll am Ende eine plausible Theorie entstehen. Ich will keineswegs ausdrücken, dass diese philosophische Arbeit bloßes Zurechterklären von Intuitionen ist. Die philosophische Theoriebildung ist spannend, und meines Erachtens wichtig. Aber für die Theoriebildung – und das möchte ich hier betonen – ist es wichtig, die ihnen zugrunde liegenden Intuition besser zu verstehen.

Nietzsche beispielsweise hat mit der retributivistischen Intuition fundamental abrechnen wollen.iii Er glaubte, dass sie von ressentiment angetrieben sei – eine Art von Rachegefühl. Da ressentiment selbst wiederum Ausdruck einer ‘Sklavenmoral’ sei, sollten wir retributivistischen Intuitionen nicht vertrauen. Ich glaube nicht, dass Nietzsche mit seiner Genealogie recht hatte, aber das ist hier natürlich nicht der Punkt. Er hat dennoch richtig erkannt, dass wir der retributivistischen Intuition skeptisch gegenübertreten sollten, sie genau verstehen müssen, bevor wir mit ihr Theoriebildung betreiben. Beim Verstehen der Intuition kann die moderne Forschung in Biologie, Ökonomie, Psychologie und experimenteller Philosophie weiterhelfen.

Sind die retributivistischen Intuitionen verlässlicher Grund für die Rechtfertigung von Strafe? In einem gewissen Sinne kommen wir nicht umher, uns an irgendeiner Stelle auf Intuitionen zu berufen: „Es ist einfach falsch, Menschen unnötiges Leid zuzufügen!“ Dennoch könnte es sein, dass die retributivistische Intuition besonders suspekt ist. So sind TeilnehmerInnen in Studien z.B. bereit, Millionen von US-Dollars dafür auszugeben, dass Menschen ihre gerechte Gefängnisstrafe bekommen.iv Erst wenn man ihnen deutlich macht, wie teuer Gefängnisstrafen sind, nehmen die von ihnen vorgeschlagenen Haftstrafen in ihrer Länge ab. Einige sind aber auch trotz dieses Wissens bereit, TäterInnen zu sehr langen Haftstrafen zu verurteilen (man kann das sogar in den Fällen beobachten, wo TäterInnen keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstellen können). Dass Menschen ihre gerechte Strafe bekommen scheint uns ein ‘heiliger’ Wert zu sein, für den wir bereit sind, viel zu zahlen – obwohl der Staat das Geld natürlich auch für andere Projekte ausgeben könnte, wie beispielsweise der Bekämpfung von Kindheitsarmut.

Blind auf unsere Intuitionen zu vertrauen, ohne die Kosten zu beachten, ist also keine gute Idee – aber diese Schlussforderung klingt vermutlich nicht besonders überraschend. Wir PhilosophInnen sollten diese Sorgen aber natürlich auch in der Theoriebildung beachten, besonders wenn, wie Morris in seinem eigenen Fall betont, die Intuition am Anfang der Untersuchung steht.

Vielleicht missverstehen wir die Intuitionen aber auch. Dieses Phänomen ist in der Psychologie, aber auch im Alltag, nicht unbekannt. Wir glauben beispielsweise, dass bestimmte Politiker vertrauenswürdig sind, einfach nur (ohne dass es uns bewusst ist), weil wir diese als attraktiv wahrnehmen.v In Experimenten wurden TeilnehmerInnen auf eine Art und Weise hypnotisiert, dass sie Ekel empfunden haben, wenn sie das neutrale Wort „oft“ gelesen haben. Das hat sie dazu gebracht, in Texten, wo das Wort vorkam, negativere Bewertungen über moralisch relevante Handlungen zu fällen.vi Das negative Bauchgefühl in Form von Ekel wird also auf die beschriebene Handlung in der Studie projiziert. Verstehen wir vielleicht auch unsere retributivistischen Intuitionen falsch?

Neuere Forschung stützt diese Vermutung. Viele verstehen das intuitive Urteil in Bestrafungskontexten als bloß auf die Bestrafung von TäterInnen abzielend – was die Intuition fordert, mit anderen Worten, ist die Bestrafung der TäterIn, nichts weiter. Aber, so haben PsychologInnen gefragt, sollten in diesem Fall die Menschen nicht zufrieden sein, wenn eben diese Bestrafung stattfindet? Der Hinweis auf unsere Roman- und Serienvorlieben am Anfang scheint diese Erwartung plausibel zu machen. In einigen Studien aber wurde klar, dass dies nicht immer zutrifft. Einige TeilnehmerInnen der Studien waren sogar frustrierter, wenn sie die Möglichkeit hatten, nachdem sie in einem Experiment von einem anderen (fiktiven) Teilnehmer übers Ohr gehauen wurde, als Strafe etwas Geld von der anderen Person abzuziehen – und viele waren nicht deutlich zufriedener wenn sie den Schummlern ihre gerechte Strafe zufügen konnten.vii Stattdessen waren TeilnehmerInnen zufrieden, wenn die bestraften Schummler den TeilnehmerInnen eine Nachricht geschickt haben, in der sie anerkannt haben, dass das, was sie getan haben, falsch war. Worauf die angeblich retributive Intuition also eher abzielt, um es grob auszudrücken, ist neber einer potentiellen Strafe die Kommunikation von Vorwürfen und die Hoffnung auf Anerkennung dieser Vorwürfe.viii

Vielleicht ist die Intuition von Morris also kein Hinweis auf eine Theorie, die rechtfertigt, dass TäterInnen ihre gerechte Strafe verdienen. Vielleicht geht es vielmehr darum, dass diese verstehen, dass das, was sie getan haben, falsch war – und dies auch so ausdrücken. Ob Bestrafung wirklich eine gute Methode ist, dies zu erreichen, bleibt zu sehen – ich selbst erachte restaurative Methoden als vielversprechender. Restaurative Methoden, wie der Täter-Opfer-Ausgleich, zielen darauf ab, alle von der Straftat Betroffenen in einem Gespräch freiwillig zusammenzubringen, um allen die Möglichkeit zu geben, die Konsequenzen der Straftat zu kommunizieren und sich dann auf eine angemessene Strafe oder Kompensation zu einigen. Aber wie auch immer wir am besten das erreichen, worauf die Intuition eigentlich abzielt: wir müssen anerkennen, dass wir diese zuerst richtig verstehen sollten. Hier können psychologische Forschung und philosophische Theoriebildung voneinander lernen.ix


i Siehe zum Beispiel Michael S. Moores, Placing Blame, Oxford: OUP, 1997.

ii Jeffrie Murphy schreibt in einer Fußnote davon, wie Herbert Morris ihm diese Anekdote erzählt hat. Siehe Jeffrie Murphy, Punishment and the Moral Emotions, Oxford: OUP, 2012, S. 123 (Fußnote 16).

iii Siehe beispielsweise Paragraph 10 von Nietzsches Erster Abhandlung aus der Genealogie der Moral.

iv Siehe „Justice at any cost? The impact of cost-benefit salience on criminal punishment judgments” von Eyal Aharoni, Heather M. Kleider-Offutt, Sarah F. Brosnan und Julia Watzek (Behavioral Science and the Law 37(1), 2019).

v Siehe generell für dieses Phänomen „Judging a Book by its Cover: Beauty and Expectations in the Trust Game“ von Rick Wilson und Catherine Eckel (Political Research Quarterly, 2006).

vi Siehe “Hypnotic Disgust Makes Moral Judgments More Severe” von Thalia Wheatley und Jonathan Haidt (Psychological Science 16(10), 2005, S. 785 – 791).

vii Siehe „The Paradoxical Consequences of Revenge” von Kevin Carlsmith, Timothy Wilson und Daniel Gilbert (Journal of Personality and Social Psychology 95(6), 2008, 1316 – 1324)

viii Siehe „Get the Message: Punishment is Satisfying If the Transgressor Responds to Its Communicative Intent” von Friederike Funk, Victoria McGeer und Mario Gollwitzer (Personality and Social Psychology Bulletin 40(8), 2014, S. 986 -997).

ix Ich danke Paul Rehren und Tim Niklas Nissel für hilfreiche Kommentare zu früheren Versionen des Textes.