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Mensch-Tier-Chimären als Organspender – Hoffnung oder Horror?

Wie essentialistische Vorstellungen unsere Einschätzung der Chimärenforschung prägen

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Wagen wir einen Blick in die nicht allzu ferne Zukunft. Durch eine entzündliche Nierenerkrankung ist Patientin X dauerhaft auf eine Dialysebehandlung angewiesen. Sie hofft auf ein Spenderorgan. Da die Wartezeit für ein postmortal gespendetes Organ mehrere Jahre beträgt, schlägt ihr Arzt eine neue Behandlungsmethode vor: X werden einige Körperzellen entnommen und zu Stammzellen zurückentwickelt. Diese sogenannten iPS-Zellen werden in einen Schweineembryo injiziert, bei dem mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas9 die Entstehung von Schweinenieren unterbunden wurde. Der Embryo wächst zu einem Schwein mit menschlichen Nieren heran – einer Schwein-Mensch-Chimäre. Seine Niere besteht aus Zellen, die die gleiche genetische Ausstattung besitzen wie die Körperzellen von X. Der Arzt kann X daher nun ein passgenaues (wenn auch nicht freiwillig „gespendetes“) Organ transplantieren.

Tier-Mensch-Chimären, in denen menschliche Organe in maßgeschneiderter Form heranwachsen, sind bisher noch Zukunftsmusik. Aber die Erzeugung von biologischen Chimären – also Individuen, die sich aus Zellen oder Geweben unterschiedlicher embryonaler Herkunft zusammensetzen – ist heute schon möglich. Dabei können die Zellen auch von unterschiedlichen Tierarten stammen. So wurden 2017 Ratte-Maus-Chimären mit einer Bauchspeicheldrüse aus Mausezellen in einem Rattenkörper geboren.1 Und auch die ersten Schwein-Mensch-Embryonen wurden bereits im Labor erzeugt, obwohl sie sich bisher nur wenige Wochen entwickelten und nicht ausgetragen wurden.2 Hinter dieser Forschung steht die Hoffnung auf die Lösung zweier zentraler Probleme der Transplantationsmedizin: den Mangel an Spenderorganen und die häufige Abstoßung des fremden Organs. Statt auf eines der wenigen verfügbaren Organe zu warten, das im schlimmsten Fall nach der Transplantation vom Körper des Organempfängers abgestoßen wird, könnte mit Hilfe der Chimären in vergleichsweise kurzer Zeit aus menschlichen Körperzellen im Körper eines Tieres ein garantiert immunkompatibles Organ gezüchtet werden.

Angenommen, wir könnten X auf die beschriebene Weise zu einem neuen Organ verhelfen – sollten wir dies dann tatsächlich tun? Was spricht aus bioethischer Sicht für und was gegen die Erzeugung von Mensch-Tier-Chimären zu Transplantationszwecken? Was zunächst nach einer perfekten Lösung klingt, wirft bei näherer Betrachtung eine Reihe von Problemen auf. Zwar sind die erhofften gesundheitlichen Vorteile für Patient*innen wie X ein gewichtiger Plus-Punkt für die neue Transplantationsmethode. Aber die menschlichen Nutznießer sind nicht die einzigen Betroffenen. Auch die negativen Auswirkungen für die tierlichen „Organspender“ müssen in die ethische Waagschale geworfen werden. Dazu kommen bislang nur schwer kalkulierbare Risiken für die Organempfänger, etwa durch eine Übertragung von tierlichen Viren. Wie bei vielen bioethischen Problemen können wir die Frage, ob die Gewinnung von Organen aus Chimären moralisch zulässig (vielleicht sogar geboten) oder unzulässig ist, nur durch eine genaue Betrachtung der konkreten Umstände beantworten.

Die Notwendigkeit einer Abwägung des Für und Wider mag im Hinblick auf das geschilderte Beispiel zunächst überraschen. Denn so erstrebenswert die Aussicht auf personalisierte Spenderorgane ist: Spätestens, wenn Forscher die Grenze zwischen Mensch und Tier überschreiten, werden oft Argumente vorgebracht, die für eine kategorische Ablehnung der Erzeugung von Mensch-Tier-Chimären sprechen. Besonders häufig wird dabei auf die vermeintliche Unnatürlichkeit der Chimären verwiesen.3 Aber ist dieses „Argument“ aus bioethischer Sicht mehr als ein intuitives Bauchgefühl? Was genau stört uns an Mischwesen?

Ein zentraler Grund für unser Unbehagen ist, dass chimärische Lebewesen unsere gewohnte Einteilung natürlicher Objekte in Kategorien in Frage stellen. Unser Bild der Natur ist seit jeher von essentialistischen Vorstellungen geprägt. Verkürzt kann man sagen: Eine Essenz macht ein Wesen zu diesem Wesen, mit all seinen Eigenschaften und Fähigkeiten. Was genau diese in belebten und unbelebten Objekten unserer Umwelt verborgene Essenz sein soll, wurde im Laufe der letzten Jahrhunderte sehr unterschiedlich beantwortet, z.B. als Seele, Molekularstruktur oder genetische Ausstattung eines Lebewesens. Wie entwicklungspsychologische Studien gezeigt haben, sind noch heute die meisten Menschen Essentialisten.4 Denn als kognitive Strategie ist diese Art des Denkens durchaus sinnvoll. Essenzen dienen als Ordnungsprinzip, mit dem wir vermeintlich feste Kategorien in der Natur bilden können, über die wir nicht immer wieder neu nachdenken müssen. Sehen wir ein großes, vierbeiniges Tier mit orange-schwarz gestreiftem Fell und langem Schwanz, dann können wir es (mehr oder weniger mühelos) der Kategorie „Tiger“ zuordnen. Ohne das individuelle Wesen näher zu kennen, können wir daraus z.B. schließen, dass es uns gefährlich werden kann, und rechtzeitig die Flucht ergreifen. Essentialistische Kategorien geben uns so eine wichtige Hilfestellung zur Orientierung in einer komplexen Welt.

Chimären widersetzen sich auf eindrückliche Weise unserer Einteilung der Welt in essentialistische Kategorien mit unumstößlichen und durch die Natur vorgegebenen Grenzen. Aus essentialistischer Sicht gilt: Ganz oder gar nicht – entweder ein Wesen gehört zu einer Kategorie, oder es gehört nicht dazu. Bei Chimären funktioniert diese Einteilung jedoch nicht: Wenn eine Ratte-Maus-Chimäre weder ganz Ratte noch ganz Maus ist, was für eine Art von Tier ist sie dann? Diese Uneindeutigkeit muss beunruhigend, vielleicht gar unnatürlich erscheinen, wenn wir erwarten, dass jedes Lebewesen durch seine Essenz eindeutig einer bestimmten Kategorie zugeordnet werden kann.

Dazu kommt, dass essentialistisches Denken nicht nur auf kognitiver Ebene eine wichtige Funktion besitzt, sondern auch auf moralischer. Moralische Kategorien ermöglichen eine überschaubare, leicht erlernbare Einteilung menschlicher Handlungen in erlaubt und verboten, gut und böse. Chimären entziehen sich auch hier unseren Einteilungsversuchen. Dies irritiert vor allem, wo die Grenze zwischen Mensch und Tier – lange Zeit die paradigmatische Trennlinie zwischen moralischen Kategorien – überschritten wird. Die Mensch-Tier-Chimäre hat nicht nur einen unklaren ontologischen Status (wir wissen nicht, was sie ist), sondern auch einen unklaren moralischen Status: Sollen wir sie behandeln wie einen Menschen oder wie ein Schwein?

Wenden wir uns wieder der Schwein-Mensch-Chimäre aus unserem Beispiel zu. Die Sorge um deren vermeintliche Unnatürlichkeit kann in zwei Richtungen gelesen werden:

1. Mit Blick auf den chimärischen „Organspender“: Wird das Schwein durch eine menschliche Niere ein Stück weit menschlich? Könnte es z.B. eine höhere Form der Rationalität entwickeln? Wenn ja, was bedeutet das für seinen moralischen Status?

2. Mit Blick auf den menschlichen Organempfänger: Könnten durch die Transplantation essentielle Eigenschaften des Schweines auf X übertragen werden? Könnte sich dadurch die individuelle Persönlichkeit von X oder gar ihre Identität als menschliches Wesen verändern?

Beide Probleme werden relativiert, wenn man die dahinterstehenden essentialistischen Vorstellungen mit der biologischen Wirklichkeit vergleicht. Die Fähigkeiten und Eigenschaften eines Lebewesens sind nicht als solche übertragbar. Ihre Realisierung hängt vielmehr davon ab, in welche Umgebung die Zellen bzw. Organe nach der Injektion bzw. Transplantation gelangen. Der Besitz einzelner „Bausteine“ menschlicher Herkunft macht ihren Träger nicht zu einem Lebewesen mit menschlichen Eigenschaften – und umgekehrt. Denn was übertragen wird, sind nicht die Eigenschaften selbst, sondern biologische Materialien, die das bei der Entwicklung eines nicht-chimärischen Organismus vorliegende kausale Gefüge um zusätzliche Kausalfaktoren erweitern. Die Chimäre „erwirbt“ keine fremde Essenz, und damit auch keine fremde Identität. Sie besitzt die für sie charakteristischen individuellen Eigenschaften, die sich aus dem Zusammenspiel molekularer und zellulärer Bestandteile unterschiedlicher Herkunft ergeben.

Dazu kommt, dass Artgrenzen in der Natur nicht so klar gezogen werden können, wie es das Unnatürlichkeitsargument glauben macht. Biologische Arten sind keine essentialistischen Kategorien, schon weil sie einem ständigen evolutionären Wandel unterworfen sind. Und selbst zu einem gegebenen Zeitpunkt sind Artgrenzen in der Natur nicht immer eindeutig. So sind Hybridbildungen zwischen Individuen unterschiedlicher Spezies bei mindestens 25% aller Pflanzenarten und 10% aller Tierarten zu beobachten.5 Eine klare Zuordnung der Hybride zu einer der beiden Elternspezies ist nicht möglich: Sie liegen in Aussehen und Verhalten und auch genetisch „zwischen“ ihren Eltern. Ähnlich problematisch für eine klare Kategorisierung sind Lebewesen wie Flechten, bei denen Pilze und Grünalgen in enger Symbiose leben. Diese Organismen überschreiten ganz natürlich die Artgrenzen. In der Natur ist das klare „Ja oder Nein“ eher die Ausnahme als die Regel, häufig finden wir ein Kontinuum verschiedener Zustände zwischen den Extremen. Und die Existenz von Chimären macht uns nachdrücklich darauf aufmerksam, dass die biologischen (und auch die moralischen) Kategorien, die wir in der Natur zu entdecken meinen, nicht so eindeutig sind, wie wir glauben.

Das bedeutet nicht, dass aus bioethischer Sicht nichts gegen chimärische Schweine als Organlieferanten spricht – ganz im Gegenteil. Aber die Chimärenforschung sollte nicht pauschal, auf der Grundlage essentialistischer Vorstellungen, verurteilt werden. Vielmehr müssen in jedem Einzelfall handfeste und moralisch höchst relevante Einwände diskutiert und abgewogen werden, etwa im Hinblick auf gesundheitliche Vor- und Nachteile, mögliche Risiken und die moralische Zulässigkeit der Nutzung von Tieren zu Transplantationszwecken.


1 Yamaguchi, T., Sato, H., Kato-Itoh, M. et al. (2017): Interspecies Organogenesis Generates Autologous Functional Islets, in: Nature 542, 191-196.

2 Wu, J., Platero-Luengo, A., Sakurai, M. et al. (2017): Interspecies Chimerism with Mammalian Pluripotent Stem Cells, in: Cell 168(3), 26 January 2017, 473-486.e15.

3 Vgl. dazu z.B. Robert, J. S., Baylis, F. (2003): Crossing Species Boundaries, in: The American Journal of Bioethics 3, 1-13.

4 Gelman, S. A. (2005): The Essential Child. Origins of Essentialism in Everyday Thought, Oxford: OUP.

5 Mallet, J. (2005): Hybridization as an Invasion of the Genome, in: Trends in Ecology and Evolution 20(5), 229-237.