Blogbeitrag Philosophie aktuell

Macht Selbstoptimierung glücklich?

Philosophische Analyse der impliziten Glücksvorstellungen

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Seit Aristotels herrscht in der Philosophie und der breiten Bevölkerung ein Konsens darüber, dass alle Menschen nach Glück streben. In der heutigen glücksbesessenen Gesellschaft scheint das Streben nach Glück aber nachgerade zur Pflicht geworden zu sein. Der Glücks-Boom hat zu einem massenmedial umworbenen Markt an Produkten, Apps, Ratgebern, Speaker- und Coaching-Angeboten geführt, die uns den Weg zum Glück weisen. Da gibt es philosophische Abendveranstaltungen in der Berliner „School of Life“, einen „Lebensfreude-Kongress“, zahllose Glückscoache, Praxen für positive Lebensgestaltung und Ausbildungsmöglichkeiten zum „Happiness Trainer“. Insbesondere während des coronabedingten „Lockdowns“ wurde man von allen Seiten daran erinnert, dass man ja die Zeit nutzen könne, um sich selbst und sein Leben zu analysieren und zu optimieren. Wann, wenn nicht jetzt, sollte man beginnen, auf seine Ernährung zu achten, beim Joggen seine Herzfrequenz zu messen, sich online weiterzubilden und beruflich neu zu orientieren?

Gegen diese „Diktatur des Glücks“ oder „Tyrannei des Glücks“ gibt es zwar eine Opposition von Intellektuellen, die zu Demut, Selbstbescheidenheit und Dankbarkeit für die je eigenen „natürlichen“ Eigenschaften und zur Aufwertung von „miesen Stimmungen“ mahnt. Denn wer erkenne, dass jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit schon perfekt ist, könne getrost so bleiben, wie er ist. Doch ist er auch glücklich – zumal wenn er nicht an eine göttliche Schöpfungsordnung glaubt? Was ist Glück und auf welche Weise kann Selbstoptimierung einen Beitrag dazu leisten? Was sagt die Philosophie dazu?

Die Philosophie liefert keine zehn todsicheren Tipps, wie man glücklich werden kann, sondern leitet zum kritischen Nachdenken über sich selbst, sein eigenes Leben und die verschiedenen Glücksvorstellungen an. Auch wenn es heute vorwiegend die (positive) Psychologie und die populäre Lebenshilfeliteratur sind, die Antworten auf die Frage nach dem Glück geben, wird immer wieder gern auf die stoische Philosophie, allen voran auf Seneca und Epikur zurückgegriffen: Um glücklich zu sein braucht es die richtige Einstellung oder Grundhaltung (Antike: „Tugend“), die in einer inneren Seelenruhe und Besonnenheit besteht und aus der Erkenntnis der Dinge auf dieser Welt, der wichtigen und unwichtigen resultiert.

Was im Zeitalter der Selbstoptimierung als „Mindstyling“ angeboten wird, lässt sich jedoch oft gar nicht mehr vergleichen mit dem antiken Ideal der Kontemplation: Motiviations- und Persönlichkeitstrainer euphorisieren teilweise wie Sektenführer in riesigen Hallen und inszenierten Bühnenshows ein Maßenpublikum und suggerieren, ein erfolgreiches und glückliches Leben hänge allein vom positiven Denken, der richtigen Einstellung und dem unbedingten Willen zum Erfolg ab. Statt wie in der antiken Lebenskunst das Unabänderliche akzeptieren zu lernen, werden trügerische Omnipotenzphantasien und der Glaube geweckt, mit mehr Eigenaktivität, Selbstwirksamkeit und Resilienz alle äußeren Hindernisse überwinden und sein Glück machen zu können auf dieser Welt. Ein solcher naiver Optimismus führt aber zu einer Überschätzung der eigenen Kontrollfähigkeit und einer Immunisierung gegen Kritik und sämtliche Anzeichen von Gefahren und Risiken – und ist damit ein sicherer Weg ins Unglück.

Ende des 20. Jahrhunderts wurden neue Psychopharmaka als „Glückspillen“ beworben, die angeblich auch bei Gesunden eine Stimmungsaufhellung und positive Glücksgefühle bewirken können. Dahinter stehen hedonistische Vorstellungen vom Glück als Maximum an subjektiven Erlebnissen der Lust oder Freude, die seit der Antike heftig kritisiert werden. Auch wenn man faktisch immer noch nach dem „Glück auf Rezept“ sucht, stellte ein durch „emotionales Enhancement“ direkt chemisch induziertes subjektives Wohlbefinden ohnehin nur ein „illusionäres“ oder „inauthentisches Glück“ dar: Es wäre vollständig von der realen Außenwelt abgetrennt und täuschte über schwierige Lebenssituationen hinweg, in denen vielleicht Trauer oder Ärger angemessenere Gefühle wären. Erstrebenswert scheint nur ein Glück zu sein, das in Kontakt steht mit der Realität und durch erfüllende Tätigkeiten wie z.B. das Musizieren oder die Freundschaftspflege hervorgerufen wird. Glück ist sozusagen der Grundzug eines aktiven Lebensvollzugs, einer „Passung“ von „Welt“ und „Selbst“ oder eines harmonischen „Welt-Selbst-Verhältnisses“. Wer beim Auftreten von Problemen regelmäßig Glückspillen schluckte, verlöre dadurch aber die für ein übergreifendes Glück notwendigen Krisenbewältigungskompetenzen.

In der Gegenwart dominiert die Vorstellung vom Glück als Selbstverwirklichung oder Selbstentfaltung: Ein gelingendes Welt-Selbst-Verhältnis vollzieht sich stets als Entfaltung der eigenen Talente und Fähigkeiten oder Verwirklichung seiner wichtigsten Wünsche oder identitätsstiftenden Lebensziele in der Außenwelt. Nach Erkenntnissen in Philosophie und psychologischer Flow-Forschung erleben Menschen größere Erfüllung bei komplizierteren Tätigkeiten, bei denen sie höhere Fähigkeiten einsetzen und diese weiterentwickeln können. Glücksförderlich sind daher Selbstoptimierungsprogramme, die z.B. mittels Potentialanalyse beim Erkennen der eigenen Stärken und Talente helfen und zur Qualifikation spezifisch menschlicher Fähigkeiten anleiten. Wenn es gelingt, die wichtigsten Lebensziele sukzessive zu verwirklichen und das Leben als Ganzes als „gut“ zu erfahrend, kann die daraus resultierende positive Stimmung auch zeitweilige Trübungen etwa durch einen Rückschlag oder eine soziale Zurückweisung überdauern. Es muss daher nicht alles im Leben Vergnügen bereiten oder erfüllend sein, wie es die Selbstoptimierungs-Ideologie verbreitet. Grundsätzlich ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn bei der Entfaltung seiner Talente neben herkömmlichen Methoden wie Weiterbildung, Körpertraining oder Meditation auch neue Technologien zum Einsatz kommen. Denn technikbasierte Hilfsmittel wie z.B. Computerprogramme oder Neuroenhancer zur Konzentrationssteigerung unterstützen in aller Regel nur die eigenen Anstrengungen etwa beim Lernen oder Schreiben, sodass höhere Ziele erreicht werden können.

Auch philosophische Theorien des guten Lebens und die empirische Lebensqualitätsforschung können Kriterien dafür liefern, welche menschlichen Eigenschaften oder Fähigkeiten für menschliches Glück wichtig oder vernachlässigbar sind. In der Ethik bezeichnet man jene Ziele menschlichen Strebens als „Allzweckgüter“, die für praktisch alle menschlichen Lebensentwürfe nützlich sind. Dazu zählt man z.B. Gesundheit, Intelligenz oder Fähigkeit zur Selbstkontrolle. Vielen Menschen gelingt es dank klarer Rückmeldungen von digitalen Hilfsmitteln wie Fitness-Uhren oder Ernährungs-Apps, sich selbständiger und motivierter um ihre Gesundheit zu kümmern. Erforderlich sind jedoch Qualitätskontrollen für die ständig neu auf den Markt kommenden Gesundheits-Apps sowie umfassende Aufklärung über die richtige Nutzung, um z.B. eine Selbstüberforderung und den Verlust des subjektiven Körpergefühls zu vermeiden. Schönheit hingegen trägt nicht zu einem guten und glücklichen Leben bei. Sie nützt den Betroffenen nur indirekt über den ethisch verwerflichen „Lookism“, d.h. die willkürliche Höherbewertung „schöner“ Menschen. Die von der Modewelt und Schönheitsindustrie propagierten Schönheitsideale mit ihren Versprechungen von Glück und Erfolg müssen daher kritisch hinterfragt werden.

Pauschal lässt sich die Frage kaum beantworten, ob Selbstoptimierung glücklich macht, weil die verschiedenen Selbstoptimierungspraktiken viel zu verschieden sind und im Einzelnen geprüft werden müssen. Die Kernbotschaft der Selbstoptimierung, dass man an sich selbst arbeiten und durch erhöhte Selbstreflexion und -kontrolle aktiv etwas für sein Glück tun kann, ist aber durchaus glücksförderlich. Ein zu großer äußerer Druck durch einen omnipräsenten „Glücks-Imperativ“ kann allerdings zu einem Perfektionszwang, unerfüllbaren Erwartungen und Selbstüberforderung führen. Problematisch ist auch eine ständige Fixierung auf sich selbst und seine eigenen positiven Gefühle, weil Glück nach dem „hedonistischen Glücksparadox“ nicht direkt angepeilt, sondern nur indirekt über wertvolle Tätigkeiten in der Außenwelt erlangt werden kann.