Blogbeitrag Philosophie aktuell

Krisenpotential

Paradoxien der Lebenswelt im Schatten von Corona

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«Stillstand, der den Schleier des Gewohnten zerreisst», Verwirrung, Anomie oder Widersprüchlichkeit geltender Werte und Normen: Die Rede von der Krise bringt eine Häufung von Begriffen mit sich, welche Unsicherheiten ausdrücken. Wird die Corona Krise zur Zäsur, die unsere Einstellungen, das Zusammenleben, die nationale und internationale Gesundheits- und Wirtschaftspolitik langfristig verändert? – Analysen des Geschehens beschränken sich auf bisherige Entwicklungen und das Hier und Jetzt. Prognosen bleiben spekulativ. Schöpfen wir aus dem historischen Fundus vergangener Krisen, lassen sich jedoch gewisse strukturelle Merkmale von Krisenzeit ableiten. In «Krise und Routine» beleuchtet der Soziologe Ulrich Oevermann die grundsätzliche Polarität, welche mit dem Krisenbegriff einhergeht. Er wählt den Begriff der «Krisengesellschaft», um die Krise als distinktes Merkmal der menschlichen Entwicklungsgeschichte auszuweisen. – Krisen sind gekennzeichnet durch eine Offenheit der Entwicklung nach ihrer Klimax. Sie fungieren als Wendepunkte in der Geschichte, sind zeitlich begrenzte Erfahrungen von Ungewissheit. Krisenfähigkeit setzt das Aushalten Können von Ambivalenzen voraus. In der Phase der Krise werden bestehende Routinen aufgebrochen, die Krise entspricht einer aufdringlichen und oft schmerzhaften Irritation. Die positive Seite: Gesellschaften und Krisen sind ohne das «Konstitutivum der Krise» schlechterdings «nicht denkbar».1 Krisen sind Anstoss für Wandel, Reflexion und Bewusstwerdung.

 

Analysieren wir die gegenwärtige Corona-Krise mit dem Kriterium der Gegensätze und auf der Spur von Paradoxien, dann drängen sich verschiedene Assoziationen auf. Im Privatbereich pendeln wir zwischen Dankbarkeit und Abwehr gegenüber dem Freiheitsverlust, der ins Homeoffice zwingt und gleichzeitig mehr Familienzeit ermöglicht. Der New Yorker Gouvernor Cuomo beteuert in einer Rede ans Volk, dass er seit Jahren nicht mehr derlei tiefgehende Gespräche mit seinen Kindern geführt habe, wie während der Corona-Krise. Versäumnisse werden offenbar, zwischenmenschliche Bedürfnisse dringen ebenso an die Oberfläche wie Sinnfragen und Grundsatzüberlegungen zur eigenen Lebensführung. Eine Umfrage in der Schweiz zeigt, dass viele Menschen den Rückzug in die eigenen vier Wände, das intensivierte Familienleben und regelmässigere Selber-Kochen zuhause schätzen lernen. Viele der Befragten wollen diese Erfahrungen auch nach der Corona Krise verstärkt pflegen. Das Zurückgeworfen sein auf sich selbst und der verkleinerte Bewegungsradius bringen offenbar Qualitäten zum Vorschein, die im ungebremsten Arbeitsalltag in der Gesellschaft zu kurz gekommen sind.

 

Introversion und Beziehung erhalten in der Isolation eine grosse Bedeutung. Für die Einen ist dies ein Privileg, für die Anderen eine Grenzerfahrung. Viele Familien befinden sich in einer grossen Belastungsprobe, die schwächsten Mitglieder bräuchten besonderen Schutz – oftmals mehr, als in der Krise möglich ist. Nicht nur die Nähe, auch die Konflikte nehmen zu. Das sich die subjektiven Krisenerfahrungen kaum generalisieren lassen, zeigt sich gerade innerhalb der Psychotherapie. Klienten, die bis anhin unter der depressiven Isolation litten, sich selbst im Kampf gegenüber der extraversionsgierigen sozialen Welt behaupten mussten und mit Gefühlen der Minderwertigkeit und Einsamkeit kämpften, werden Experten der Zeit. Das Aushalten von inneren Ambivalenzen ist ihr tägliches Brot. Zu sehen, dass das Kollektiv nun gleichermassen damit kämpfen muss, überwindet Distanz zu den Anderen. Kreative Blockaden lösen sich, der sichere Schutz und die ungestörte Ruhe zuhause können sich entlastend auswirken. Der Umgang mit Isolation, Ängsten und Unsicherheiten, der für viele psychisch belastete Menschen zum alltäglichen Schauspiel auf der innerpsychischen Bühne gehört, wird nun auf der Bühne der Gesellschaft, sogar der Weltgesellschaft abgearbeitet. Der Unterbruch der sozialen Exposition ist hier nicht per se belastend, er führt paradoxerweise dazu, dass die gefühlte Distanz zwischen der Erfahrung des Ich und der Anderen sich reduziert. Andere Klienten halten dieselbe Situation kaum aus, reagieren mit erhöhter Bedürftigkeit oder gar Suizidalität.

 

Unabhängig von der psychischen Befindlichkeit sehen wir uns mit kollektiven Erwartungshaltungen und akzentuierten Normen konfrontiert. Solidarität und generationelle Rücksichtnahme sind nicht mehr nur erwünscht, sie werden gesellschaftlich eingefordert. Die Freiheitsbeschränkungen, die damit einhergehen, umfassen Bewegungsfreiheiten, soziale Freiheiten und die wirtschaftliche Selbsterhaltung. Dieser Einschnitt in die individuellen Freiheiten wird mit dem Wohl und der Gesundheit des grösseren Ganzen gerechtfertigt. Die Strategie provoziert Interessenskonflikte: auf der Ebene des Subjekts werden individuelle und kollektive Notwendigkeiten abgewogen, auf der gesellschaftlichen Ebene kontrastieren «Gesundheit» und «Wirtschaft», «Privatheit» und «staatliche Regulation» (bspw. hinsichtlich der Einführung von Apps zur Bewegungskontrolle). Die erzwungene Regression, welche der gesellschaftlich beschleunigten Progression des Leistens, Eilens und Abarbeitens Abbruch getan hat, betrifft über die Erfahrung des Subjekts hinaus politische und ethische Fragen. Das Aufeinanderprallen von Gegensätzen, die globale Betroffenheit und die Erfahrung der Machtlosigkeit, welche Teil der Virus Pandemie ist, gibt auf allen Ebenen Gelegenheit für Grundsatzüberlegungen. Was also sind die Chancen dieser Krise?

 

Im Umgang und Ausgang von der Krise versagen bisherige Lösungsstrategien, jeder Einzelne muss sich neu organisieren, kreative Umgangsweisen entwickeln, bemerken, was ihm gegeben der staatlich verordneten Freiheitsbeschränkungen fehlt, und was nicht. Wie bei einem Tabu, dass seinen Reiz hat, weil es verboten ist, führt die verhängte soziale Abstandnahme zu einem verstärkten Bewusstsein für den Wert der direkten sozialen Begegnungen. Angesichts der Grenzen der kollektiven und individuellen Machbarkeit, des Aushalten-Müssens der vorübergehenden Unlösbarkeit der Krise fallen das eigene Verhalten und die einzelne Handlung verstärkt ins Gewicht. Nachbarschaftliche Gespräche am Gartenzaun werden zum ausserfamiliären Höhepunkt des Tages, lange Telefonate mit Freunden gewinnen an längst vergessener Attraktivität. Dass Meetings, Schulunterricht und Gespräche plötzlich nur noch online stattfinden, nährt das Verlangen nach direktem Kontakt. Die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der sozialen Befriedigung im virtuellen Raum werden spürbar: Über den Wert der individuellen Freiheiten hinaus zeigt sich, dass soziale Wertschätzung und Beziehungen sich nicht ohne Qualitätsverlust der Begegnung «outsourcen» lassen.

 

Die Digitalisierung hat es erlaubt, Dienstleistungen, Lehre und beruflicher Austausch im Notstandregime aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig verdeutlichen gerade die hochfrequenten Zoom-Meetings die dynamischen Grenzen dieser Interaktion, das Fehlen der leiblichen Begegnung und des gemeinsamen Blickfeldes. Markant akzentuiert hat sich zudem der Wert der Regression. Im verhängten Hausarrest stellt sich ein verändertes Zeitbewusstsein ein. Der wohltuende Effekt des Rückzugs legitimiert unwillkürlich das im Zustand der «Routine» überschattete psychische Bedürfnis nach Eigenzeit, Reizdämmung, intersubjektiver Widmung und Introversion. Erinnert an die Qualitäten direkter Begegnung und den genuinen Durst nach individueller Regression stellt sich die Frage nach der zukünftigen Integration dieser Wertungen.

 

Der gemächliche gesellschaftliche Wiedereinstieg nach der Krise bietet im Privaten Gelegenheit zur Reorganisation. Während der kollektive Fahrplan sich wieder dem Vor-Krisen-Tempo anpasst, besteht die Herausforderung darin, diese positiven, in der Krise erhaschten Qualitäten als neue Freiheitsräume zu behaupten. – Für die Betroffenen, welche die Krise durch den Verlust von Angehörigen oder das Zerbrechen bisheriger beruflicher Sicherheiten in die Knie zwingt, ist ihre destruktive Macht unerträglich. Für die Privilegierten, die vom Virus versehrt werden oder ihn überstanden haben, kann sie jedoch als Anstoss zur bewussteren Gestaltung von alltäglichen Routinen und Beziehungen dienen. Hier zeigt sich auch ihr transformatives Potential.


1 Ulrich Oevermann, «‹Krise und Routine› als analytisches Paradigma in den Sozialwissenschaften (Abschiedsvorlesung)» (Institut für Hermeneutische Sozial- und Kulturforschung E.V. Frankfurt a. M., o. J.), zugegriffen 20. April 2020.