Foto: Paul Stokstad, EPA / Wikimedia Commons (2020)

Blogbeitrag Philosophie aktuell

Corona-Krise und Tierethik

Fragen, die sich uns stellen, und wie wir diese angehen können

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Die Corona-Pandemie wirft neben Fragen, die sich auf unseren moralisch richtigen Umgang miteinander beziehen, ebenfalls viele Probleme auf, die unsere Mensch-Tier-Beziehung und oftmals die Grundfrage der Tierethik betreffen: Was dürfen wir mit nichtmenschlichen Tieren tun und was nicht? Auf die spezifischeren Fragen, die sich uns infolge der Pandemie in Bezug auf Tiere stellen, mögen manche bereits im eigenen Alltag gestoßen sein, andere begegnen ihnen zuhauf in der medialen Berichterstattung. Im Fokus stehen dabei sowohl domestizierte als auch frei lebende Tiere bzw. Wildtiere, verschiedene Tierarten und unterschiedliche Praktiken, in denen Tiere für diverse Zwecke (z.B. Ernährung, Unterhaltung, Forschung) genutzt werden.

 

In Bezug auf domestizierte Tiere etwa fragt sich der ein oder andere Haustierbesitzer, ob er seine Katze aus Angst vor einer Infizierung im Tierheim abgeben darf.1 Dass Hauskatzen für eine Infektion empfänglich sind, konnten Forscher/innen bereits nachweisen. Andererseits ermuntert die Krise, wie Züchter und Tierheime berichten, viele Menschen scheinbar zur Anschaffung eines Haustieres (auf Zeit), zum Teil um die eigene Langeweile zu vertreiben.2 Reitvereine klagen über fehlende Einnahmen und haben damit Schwierigkeiten, Futterkosten zu decken. Wäre die Schlachtung der Reitpferde eine moralisch vertretbare Option? Diesen Vorschlag bringt der Präsident des Landessportbundes Bremen, Andreas Vroom, ins Gespräch.3 Auch auf die sog. landwirtschaftlichen „Nutztiere“ wirkt sich die Pandemie aus. Schon unter normalen Umständen sind die Lebendtransporte eine Belastung für die Tiere. Nun aber führen durch verstärkte Grenzkontrollen hervorgerufene Megastaus dazu, dass die Transporter Stunden oder Tage länger unterwegs sind – noch mehr Stress für die Tiere, die kaum ausreichend versorgt werden. Dürfen wir Tieren das antun oder sollten Langstreckentransporte, wie der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, fordert, sofort gestoppt werden?4 Und was ist mit Tieren, die vom Menschen auf engstem Raum gezüchtet werden und sich mit dem Coronovirus infizieren können? Auf mehreren niederländische Nerzfarmen haben sich Tiere infiziert, zeigen Magen-Darm- und Atem-Probleme, die Sterblichkeit in den Ställen steigt an. Vermutlich hat ein Mitarbeiter den Erreger eingeschleppt.5

 

Auch auf frei lebende Tiere bzw. Wildtiere wirkt sich die Pandemie aus. So fürchten einige Tierschützer/innen, dass Stadttauben infolge der Einschränkungen des öffentlichen Lebens (insbesondere aufgrund der geschlossenen Gastronomie) verhungern könnten, da Essensreste fehlen, von denen die Tiere sich ernähren.6 Vorausgesetzt, die Tauben sind tatsächlich derart bedroht, stellt sich die Frage, ob wir die Pflicht haben, das Fütterungsverbot aufzuheben und den Tieren zu helfen. Zudem zeigen viele Plattformen Bilder von Wildtieren, die aufgrund der Ausgangssperre in Städten freie Bahn haben – in Santiago spazierte sogar ein Puma durch die Hauptstadt.7 Auch die Nilgänse, die den Ruf haben, die einheimischen Stockenten zu vertreiben, scheinen angeblich die Ruhe am Main in Frankfurt zu nutzen.8 Die fehlende Lärmbelästigung in den Städten könnte insgesamt positive Auswirkungen auf die Brutzeit vieler Vögel haben.9 Andererseits nutzen momentan zahlreiche Menschen die Natur für Ausflüge im Freien. Ein Vogelschutz-Verbund beklagt, dass sich viele dabei unvorsichtig verhalten (d.h. Müll hinterlassen, Wege verlassen, Hunde nicht anleinen) und damit einige Vögel in der Brutzeit belästigen und verschrecken. Unser Verhalten in der Natur wirkt sich aber nicht nur auf Vögel aus. Dürfen wir in Zeiten der Kontakt- und Ausgangssperre die Natur für das eigene Wohlbefinden nutzen und dadurch die Gefahr eingehen, Tiere zu stressen (insbesondere die im Frühjahr Junge bekommenden) und ihr Habitat zu verkleinern? Einige Tiere meiden Gebiete, auf denen sie Menschen gewittert haben.10 Nicht zuletzt hat die Pandemie Auswirkungen auf nicht-domestizierte Tiere, die im Zoo gehalten werden. Wie auch den Reitvereinen fehlen den Zoos die Besucher und damit Einnahmen, welche u.a. für Futterkosten genutzt werden. Der Tierpark Neumünster hat sogar Notpläne für das Schlachten der Tiere erarbeitet. Und wieder stellt sich die Frage, ob diese Option moralisch vertretbar ist.11 Zudem hat ein Mitarbeiter des New Yorker Zoos, so nimmt man an, mehrere Großkatzen angesteckt.12 Auch vermutet die Tierrechtsorganisation PETA, dass ein Orang-Utan-Baby im Leipziger Zoo an Covid-19 verstarb; der Zoo selbst streitet dies ab.13 Die Pandemie hat im Kontext der Impfstoffentwicklung ohnehin Auswirkungen auf nichtmenschliche Primaten. Neben Frettchen und genetisch veränderten Mäusen werden zwar keine Menschenaffen, wohl aber andere nichtmenschliche Primaten als Versuchstiere genutzt. Dürfen wir die Tiere dafür nutzen?

 

All diese Beispiele verdeutlichen, dass die Corona-Pandemie nicht nur unseren Alltag, sondern auch das Leben vieler nichtmenschlicher Tiere direkt oder indirekt beeinflusst. Sie bringen ein z.T. fragwürdiges Mensch-Tier-Verhältnis zum Vorschein und zeigen, dass wir in diesem Kontext oftmals moralischen Problemen begegnen – d.h., es liegt „ein als moralisch defizitärerer bzw. unmoralisch wahrgenommener Ist-Zustand [vor] [...], der in einen moralisch befriedigenden Soll-Zustand überführt werden soll, dies aber [ist] mit Schwierigkeiten verbunden“14. Manchmal sind solche Probleme sehr offensichtlich, manchmal muss herausgearbeitet werden, worin das moralische Problem genau besteht. Da die Tiere infolge der Pandemie bzw. infolge unseres Handelns großes Leid erfahren oder getötet werden und meistens Einigkeit dahingehend besteht, dass auch  empfindungsfähige nichtmenschliche Tiere (direkt) moralisch zu berücksichtigen sind, sollte eines feststehen: Wir müssen uns diesen Problemen widmen. Doch wie können wir sie angehen und zu einem begründeten moralischen Urteil gelangen?

 

In der Angewandten Ethik finden wir verschiedene Vorgehen, die uns dabei helfen, solche Urteile nicht einfach willkürlich, sondern begründet zu fällen. Zum einen besteht die Möglichkeit, abstrakte moralische Prinzipien oder Theorien, die in der Allgemeinen Ethik entworfen werden, auf konkrete Probleme der Praxis „anzuwenden“. Die richtige Handlungsweise leiten wir bei diesem Top-down-Modell aus den universellen Prinzipien (z.B. Nützlichkeitsprinzip des Utilitarismus) und den vorzufindenden situativen Umständen ab. Ein Problem dieses Ansatzes besteht z.B. darin, dass die Ethik verschiedene Theorien und Prinzipien erarbeitet hat und wir uns entscheiden müssen, welche(s) wir bei einem konkreten Problem anwenden möchten. Oftmals liest man, wie sich ein bestimmtes Problem „aus Sicht“ dieser oder jener Theorie lösen lässt. Doch solange ich nicht weiß, ob ich mich dieser bestimmten Theorie anschließen sollte, ist mir wenig geholfen. Zudem kritisieren einige, dass die Prinzipien und Theorien zu unbestimmt seien, um mit ihrer Hilfe in einem deduktiven Verfahren zu eindeutigen Handlungsweisen für konkrete Einzelfälle zu gelangen. Im Unterschied zu Top-down-Modellen setzen Bottom-up-Modelle direkt bei einem konkreten Problem an und versuchen, dieses durch den Vergleich mit ähnlichen Fällen zu lösen. Der Kontext des jeweiligen Problems wird hierbei genau untersucht und herausgearbeitet, worin Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Fällen bestehen. Ausgehend von dieser Analyse lassen sich allgemeine Prinzipien herleiten. Doch auch dieses Vorgehen ist nicht kritikfrei. Einige werfen ihm z.B. vor, die (tendenzielle) Theorielosigkeit führe dazu, dass moralische Urteile von ungerechtfertigten individuellen oder sozialen Vorurteilen beeinflusst werden. Und was passiert, wenn gegensätzliche Situationsdeutungen aufeinanderstoßen? Eine dritte Möglichkeit bieten kohärentistische Modelle, die einen Mittelweg zwischen den beiden genannten Ansätzen einschlagen. Aus der Annahme, dass konkretes Urteilen nie theorielos ist und normative Theorien die Praxis u.a. als Korrektiv benötigen, resümieren die Vertreter dieses Modells: Ethiker/innen müssen zwischen Theorie- und Praxisebene hin- und hergehen, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite Anpassungen durchführen und ein Netz von deduktiven und induktiven Überlegungen knüpfen. Doch wie zu erwarten ist, erntet auch dieses Modell Kritik; so heben einige beispielsweise hervor, es sei zu konservativ.15

 

Natürlich ist diese Darstellung der verschiedenen Modelle sehr vereinfacht und deutet Probleme lediglich an. Erkennbar sollte aber sein, dass die Behandlung von Fragen nach dem moralisch richtigen Umgang mit Tieren, auch in der Corona-Krise, nicht damit getan ist, Probleme zu benennen. Ethiker/innen diskutieren verschiedene Vorgehensweisen zur Urteilsfindung. Um nicht willkürlich, sondern begründet auf Fragen nach dem moralisch richtigen Umgang zu antworten, um nicht bei einem methodenfreien „Herumschwafeln“ oder bloßem Meinungsaustausch zu verbleiben (was spätestens der Fall sein sollte, wenn es um gesellschaftliche Entscheidungen geht), dürfen wir über die spezifischen Probleme nicht die grundlegenderen Fragen vergessen, die sich stellen. Zum Beispiel: Welche Stärken haben die oben genannten Modelle der Angewandten Ethik, welche Schwächen und wie können wir diesen begegnen? Was genau heißt hier „Anwendung“? Welche Ethik-Theorie hat welche Vorteile und welche Theorie sollten wir bei den dargestellten Fragen warum nutzen? Müssen wir uns für eine Theorie entscheiden? Ist es gerechtfertigt, im Zusammenhang mit Tieren andere Theorien als im Zusammenhang mit Menschen zu nutzen? Brauchen wir für frei lebende Tiere andere Ansätze als für domestizierte? Inwieweit sollten spezifische Umstände eines konkreten Problems das moralische Urteil beeinflussen? Dass diverse Medien Missstände in unserem Umgang mit Tieren in Zeiten der Corona-Pandemie thematisieren und sich mittlerweile bei immer mehr Menschen ein Bewusstsein hierfür entwickelt, ist eine erfreuliche Beobachtung und ein Schritt hin zu einem reflektierterem Umgang mit Tieren. Um konkrete Praxisprobleme begründet zu lösen, müssen darüber hinaus jedoch auch weitere, z.B. die oben genannten, Fragen von u.a. der Ethik geklärt werden.


1 Kabel, Claudia (29.04.2020): Tierheime in der Corona-Krise: Haustiere unter Virus-Verdacht. https://www.fr.de/rhein-main/darmstadt/darmstadt-ort28564/darmstadt-corona-coronavirus-tierheim-haustier-katze-hund-pfungstadt-ruesslesheim-zr-13735407.html (letzter Aufruf: 21.06.2020).

2 Corona treibt den Hundewunsch nach oben (10.06.2020). https://www.bayernwelle.de/meine-region/corona-treibt-den-hundewunsch-nach-oben (letzter Aufruf: 21.06.2020).

3 Breitensport in der Corona-Krise. „Die Alternative wäre Schlachten der Tiere. Es ist dramatisch“ (02.05.2020). https://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/breitensport-leidet-unter-corona-krise-lsb-chefs-warnen-16751051.html (letzter Aufruf: 21.06.2020).

4 Tiere leiden in Corona-Megastaus (19.03.2020). https://www.bwagrar.de/Pflanzenbau/Tiere-leiden-in-Corona-Megastaus,QUlEPTY1NDE1MzgmTUlEPTE2MjkzMg.html (letzter Aufruf: 21.06.2020).

5 Charisius, Hanno (14.05.2020): Pelztiere erkranken massenhaft an Covid-19. https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/nerze-coronavirus-nerzfarmen-niederlande-1.4906368 (letzter Aufruf: 21.06.2020).

6 Weniger Futter wegen Corona. Stadttauben vom Hungertod bedroht? (16.04.2020) https://www.hessenschau.de/panorama/weniger-futter-wegen-corona-stadttauben-vom-hungertod-bedroht,tauben-und-corona-100.html (letzter Aufruf: 21.06.2020).

8 Riechelmann, Cord (29.03.2020): Die Verhaltensauffälligen. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/corona-pandemie-jetzt-kommen-die-tiere-in-die-stadt-16700362.html (letzter Aufruf: 21.06.2020).

9 Positive Folgen des Coronavirus – Natur erobert Städte zurück (24.04.2020). https://www.mdr.de/brisant/natur-erobert-stillgelegte-staedte-zurueck-100.html (letzter Aufruf: 21.06.2020).

10 Scherer, Dennis (09.06.2020): Waldpfade in Bonn leiden unter Ansturm in der Corona-Krise. https://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/wenig-ruecksicht-von-wanderern-sorgt-fuer-schaeden-an-bonner-waldpfaden_aid-51551171 (letzter Aufruf: 21.06.2020).

11 Zwangsschließung wegen Corona. Zoo erarbeitet Notpläne für Schlachtungen (15.04.2020). https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/coronavirus-zoo-zootiere-notschlachtungen-100.html (letzter Aufruf: 21.06.2020).

12 Corona-Krise. Tiger im New Yorker Zoo infiziert (06.04.2020). https://www.tagesschau.de/ausland/corona-tiger-uebertragung-101.html (letzter Aufruf: 21.06.2020).

14 Zichy, Michael (2012): Was ist ein moralisches Problem in der Bioethik? Zur Frage des Gegenstandes einer wissenschaftlichen Disziplin. In: Zichy, Michael/ Ostheimer, Jochen/ Grimm, Herwig (Hrsg.): Was ist ein moralisches Problem? Zur Frage des Gegenstands angewandter Ethik. Freiburg/ München: Alber. S. 222.

15 Siehe zu diesem Abschnitt und einführend z.B. Ach, Johann S./ Siep, Ludwig (2014): Methoden der Ethik. In: Ach, Johann S./ Bayertz, Kurt/ Siep, Ludwig (Hrsg.): Grundkurs Ethik. Bd. 1. Münster: mentis. S. 17-19; Fenner, Dagmar (2009): Angewandte Ethik zwischen Theorie und Praxis. Systematische Reflexionen zum Theorie-Praxis-Verhältnis der jungen Disziplin. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 63 (1). S. 99-121; Paganini, Claudia (2018): Ethik zwischen Theorie und Praxis. In: dies.: Entwurf einer rekonstruktiven Medienethik. Analyse und Auswertung internationaler und nationaler Selbstverpflichtungskodizes. Eichstätt/ München: zem::dg. S. 30-46; Stoecker, Ralf/ Neuhäuser, Christian/ Raters, Marie-Luise (2011): Wie funktioniert die Angewandte Ethik? In: dies. (Hrsg.): Handbuch Angewandte Ethik. Stuttgart/ Weimar: Metzler. S. 5-11.