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Brauchen wir eine (parakonsistente) ‚Logik des Glaubens‘?

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Widersprüche gelten gemeinhin als Indizien dafür, dass Theorien, innerhalb derer sie auftreten, unmöglich wahr sein können. Dies gilt auch für theologische Widersprüche. Ein berühmtes Beispiel bildet ein von Lactanz Epikur zugeschriebenes Fragment, in dem das sog. logische Problem des Übels skizziert wird: (Wie) Sind die zahllosen Übel in der Welt zu vereinbaren mit einem (oder mehreren) allwissenden, allgütigen und allmächtigen göttlichen Wesen, das um unser Leid weiß, dies nicht wollen und auch ohne Weiteres verhindern kann?1 Weitere theologische Widersprüche könnten sich aus den Eigenschaften ergeben, mit denen wir Gott charakterisieren. So führen etwa Allmacht (Omnipotenz) und Allwissenheit (Omniszienz) zu den sog. Omniparadoxien: Kann ein allmächtiges Wesen etwa einen ‚überschweren‘ Stein schaffen, der so schwer ist, dass es selbst ihn nicht heben kann? Die Annahme, es gäbe ein allmächtiges Wesen, scheint so oder so unhaltbar zu sein: Es kann den Stein nicht schaffen oder nicht heben und somit in jedem Falle nicht allmächtig sein.2 Eine weitere, spezifisch christliche Quelle von theologischen Widersprüchen ist die Trinitätslehre, der zufolge Gott in Form von drei göttlichen Personen existiert, denen z. T. unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben werden sollen.

 

Versuchen, die vermeintlichen Widersprüche unter Beibehaltung der klassischen Logik aufzulösen, bleibt dabei kaum eine Wahl, als eine oder mehrere der zugrundeliegenden Prämissen (wie Allmacht oder Allwissenheit) abzuschwächen oder gänzlich aufzugeben. Bereits seit dem Mittelalter wird jedoch die alternative Vorgehensweise verfolgt, nicht eine der involvierten Prämissen zu revidieren, sondern die dem Schluss zugrundeliegende Logik. Dabei soll eine spezifische ‚Logik des Glaubens‘ etabliert werden, so dass – im Rahmen einer Spielart dieser Idee – die vermeintlichen Widersprüche als wahr akzeptiert werden können. Positionen, die die Existenz wahrer widersprüchlicher Sätze behaupten, werden dabei als dialetheistisch bezeichnet. Dialetheistische Positionen bestreiten den seit Aristoteles kaum angefochtenen und als vermeintlich sicherstes logisches Prinzip geltenden Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch. Aufgrund des in der klassischen Logik gültigen Prinzips ex falso quodlibet, dem zufolge aus widersprüchlichen Aussagen Beliebiges folgt, kann eine dialetheistische Position sinnvollerweise nicht zusammen mit der klassischen Logik vertreten werden. In jüngster Zeit wurde vorgeschlagen, zu diesem Zweck alternativ auf sog. parakonsistente Logiken zurückzugreifen, die sich gerade dadurch auszeichnen, dass in ihnen ex falso quodlibet nicht gilt. Im Rahmen solcher Logiken können vereinzelte Widersprüche als wahr akzeptiert werden, ohne jede Aussage akzeptieren zu müssen. Es wäre so möglich, vollumfänglich an den göttlichen Eigenschaften der Allmacht, Allwissenheit und Allgüte festzuhalten.

 

Ein früher Vorläufer dieses Ansatzes ist die im Mittelalter u. a. vom dominikanischen Theologen Robert Holcot (ca. 1290–1349) propagierte Logik des Glaubens. Holcots Überlegungen drehen sich um die Frage, ob die klassische (aristotelische) Logik ‚formal‘ sei, d. h., ob sie universell ohne Ansehung der Besonderheiten des jeweiligen Diskursbereiches angewandt werden könne. Holcot kommt dabei zu dem Schluss, dass dem nicht so ist und insbesondere die Trinität ein Phänomen darstelle, das außerhalb des Diskurses über das Göttliche nicht anzutreffen sei und deshalb bei der Entwicklung der aristotelischen Logik nicht berücksichtigt werden konnte.3 Berücksichtigt man jedoch die Trinität, müsse die aristotelische Logik modifiziert werden. Bei seinen Modifikationsvorschlägen entwickelt Holcot zwar noch keine dialetheistische Position und behauptet nicht, dass ein Satz und seine Negation zugleich wahr sein können. Er nähert sich einer solchen Position aber doch beträchtlich an, indem er davon ausgeht, dass von Gott – im Gegensatz zu erschaffenen Dingen – scheinbar widersprüchliche Prädikate wie „Vater“ und „Nicht-Vater“ wahrheitsgemäß prädiziert werden können, da sie verschiedenen der drei göttlichen Personen (hier Vater und Sohn) zukommen. Dabei folgt nach Holcot aus dem Satz „Gott ist Nicht-Vater“ – mit ‚interner‘ Negation des Prädikats – nicht die ‚externe‘ Satznegation „Es ist nicht der Fall, dass Gott Vater ist“, so dass kein expliziter Widerspruch und aufgrund von ex falso quodlibet Beliebiges impliziert wird.4

 

Aktuelle Vorschläge einer ‚Logik des Glaubens‘ greifen auf moderne parakonsistente Logiken zurück. Ein Beispiel einer solchen Logik ist das System LP (Logic of Paradox) G. Priests,5 das für Aussagen drei mögliche semantische Zustände vorsieht: (nur) wahr, (nur) falsch sowie wahr und falsch. Dabei kommt im Rahmen von LP der Negation einer Aussage mit klassischem Wahrheitswert derselbe Wahrheitswert wie im klassischen Fall zu; ist eine Aussage hingegen wahr und falsch, gilt dasselbe auch für ihre Negation. Konjunktionen sind wahr, wenn ihre Konjunkte wahr sind, und falsch, wenn mindestens eines ihrer Konjunkte falsch ist.6 Eine Konklusion folgt aus Prämissen, wenn es nicht möglich ist, dass die Prämissen zugleich wahr (oder wahr und falsch) sind, die Konklusion aber nur falsch ist. Das Prinzip ex falso quodlibet gilt in diesem Rahmen nicht: Ist eine Aussage A wahr und falsch, sind die Prämissen A und A beide wahr und falsch, eine beliebige Konklusion B könnte hingegen nur falsch sein. Somit impliziert ein widersprüchliches Satzpaar A, A im Rahmen von LP nicht jeden beliebigen Satz B.

 

Parakonsistente theologische Ansätze unterscheiden sich dabei darin, wie viele Widersprüche sie als wahr akzeptieren wollen. Im Ansatz von A. J. Cotnoir (2018) sollen so etwa alle Widersprüche akzeptiert werden, die sich durch Omniparadoxien wie die des überschweren Steins ergeben. Im Gegensatz dazu sollen im Rahmen der ‚kontradiktorischen Christologie‘ J. C. Bealls (2019, 2021) theologische Widersprüche nur sporadisch als wahr akzeptiert werden wie im Falle der Trinitätsproblematik. Hier sollen insbesondere nur solche widersprüchlichen Aussagen als wahr anerkannt werden, die sich aus dem ‚fundamentalen Problem‘ der Christologie ergeben, also daraus, dass Christus sowohl als menschlich als auch als göttlich erachtet wird. So ergibt sich aus Christus’ menschlicher Natur etwa seine Sterblichkeit, während er aufgrund seines göttlichen Wesens zugleich nicht sterblich ist.

 

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als büßten parakonsistente Theologien erheblich an Plausibilität dadurch ein, dass sie den seit der Antike kaum bestrittenen logischen Grundsatz vom ausgeschlossenen Widerspruch aufgeben. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um ein Ad-hoc-Manöver; aufgrund der Ausnahmestellung Gottes wurde vielmehr verschiedentlich in Zweifel gezogen, dass unsere sprachlichen Prädikate auf Gott genauso wie auf profane Dinge angewandt werden können (diesen Gedanken teilt etwa die Tradition der negativen Theologie). Während übliche Gegenstände (einmal abgesehen von Fällen von Vagheit u. Ä.) stets entweder unter ein Begriffswort oder seine Negation fallen, könnte dies im außerordentlichen Fall eines trinitarischen Wesens anders liegen. Ähnlich den im letzten Abschnitt skizzierten Überlegungen Holcots könnte man etwa annehmen, dass Christus aufgrund seiner trinitarischen Beziehung zu Gott den Begriff unsterblich erfüllt, aufgrund seiner menschlichen Natur und dem Tod am Kreuz zugleich jedoch den Begriff sterblich.7

 

Ein Problem der genannten Ansätze besteht darin, die theologischen Paradoxien einzugrenzen. Während aus ihnen aufgrund der zugrunde gelegten parakonsistenten Logik zwar nicht Beliebiges folgt, ergeben sich über die Omniparadoxien hinaus noch weitere theologische Widersprüche. Insbesondere ist etwa im Rahmen von Cotnoirs Ansatz auch die Existenzbehauptung eines allwissenden und allmächtigen Wesens wahr und falsch.8 Die parakonsistente Theologie enthielte damit die Behauptung der Nichtexistenz Gottes (neben der Behauptung seiner Existenz). Durch die Billigung dieser aus Sicht der Theologie absurden Aussage stellte sich die Frage, ob im Rahmen dieser Ansätze noch ein rationaler Diskurs über das Göttliche möglich ist. Ob und wie diese Problematik ohne Ad-hoc-Manöver ausgeräumt werden kann, muss die zukünftige Diskussion zeigen. Insbesondere die dialetheistische Behandlung der Trinität bildet aber eine vielversprechende Option, die Vergleiche mit konkurrierenden Konzeptionen, die an der klassischen Logik festhalten wollen, nicht scheuen muss. Parakonsistente Theologien führen dabei in zeitgemäßer Weise eine Tradition fort, die sich um alternative Logiken zur Lösung vermeintlicher theologischer Widersprüche bemüht und bereits bis ins Mittelalter zurückreicht.


Literatur

Beall, J. C., „Christ – A Contradiction: A Defense of Contradictory Christology“, in: Journal of Analytic Theology 7 (2019), S. 400-433.

Beall, J. C., „On Contradictory Christology: Preliminary Remarks, Notation and Terminology“, in: Journal of Analytic Theology 7 (2019), S. 434-439.

Beall, J. C.; Pawl, T.; McCall, T.; Cotnoir, A. J. & Uckelman, S. L., „Complete Symposium on J. C. Beall’s ‘Christ – A Contradiction: A Defense of Contradictory Christology’“, in: Journal of Analytic Theology 7 (2019), S. 400-577.

Beall, J. C., The Contradictory Christ, Oxford: Oxford University Press 2021.

Bromand, J., „Von der ‚Logik des Glaubens‘ zur parakonsistenten Theologie. Negative Theologie, Robert Holcot, Nikolaus von Kues, Descartes und die neuere Entwicklung“, erscheint in: Religionsphilosophie im Umbruch. Positionen – Probleme – Perspektiven, hg. v. Esther Ramharter & Michael Staudigl, Freiburg & München: Karl Alber 2021.

Bromand, J. & Kreis, G. (Hg.), Gotteswiderlegungen, Berlin: Suhrkamp (in Vorbereitung).

Cotnoir, A. J., „Theism and Dialethism“, in: Australasian Journal of Philosophy 96 (2018), S. 592-609.

Gelber, H. G. (Hg.), Exploring the Boundaries of Reason. Three Questions on the Nature of God by Robert Holcot, OP, Toronto: G. Alzani 1983.

Grim, P., The Incomplete Universe, Cambridge (MA) & London: MIT Press 1991.

Priest, G., An Introduction to Non-Classical Logic, 2. Aufl., Cambridge: Cambridge University Press 2008.

Usener, H. (Hg.), Epicurea, Nachdruck, Stuttgart: Teubner 1966.


1 Epikur, Fragment 374 (überliefert bei Lactanz, De ira dei 13, 19-22) in Usener (1966), S. 252f.

2 Patrick Grim weist auf ähnliche Omniparadoxien hin, die aus der Allwissenheit resultieren. Siehe Grim (1991), Kap. 2 & 4.

3 Siehe R. Holcot, In quattuor libros Sententiarum quaestiones (Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombardus), Teil I, Frage 5, „Utrum Deus sit tres personae distinctae“, in H. G. Gelber (Hg.), Exploring the Boundaries of Reason, S. 26-27, Anm. 72. Eine deutsche Übersetzung des Textes erscheint in J. Bromand & G. Kreis, Gotteswiderlegungen (in Vorbereitung).

4 Siehe hierzu und zu den folgenden Ausführungen R. Holcot, „Utrum cum unitate essentiae divinae stet pluralitatis personarum“ (Determinatio 10), Artikel 3, ad 2 in H. G. Gelber (Hg.), Exploring the Boundaries of Reason, S. 87f. Eine deutsche Übersetzung des Textes erscheint in J. Bromand & G. Kreis, Gotteswiderlegungen (in Vorbereitung).

5 Eine Einführung in parakonsistente Logiken wie LP oder die ebenfalls im Zusammenhang mit parakonsistenten Theologien diskutierte Logik FDE findet sich bei G. Priest (2008), Kap. 7 und 8.

6 Besteht eine Konjunktion beispielsweise aus einem wahren Konjunkt und einem, das wahr und falsch ist, ist somit auch die gesamte Konjunktion wahr und falsch. Die anderen Junktoren können nun wie üblich mit Hilfe der Negation und der Konjunktion eingeführt werden.

7 Parakonsistente theologische Ansätze können somit durchaus eine gewisse Anfangsplausibilität für sich verbuchen. Zudem fällt dem dialetheistischen Theologen nicht die Last zu, Vertreter anderer Disziplinen zur parakonsistenten Logik ‚bekehren‘ zu müssen: Zwar wird er – wie mittelalterliche Befürworter einer ‚Logik des Glaubens‘ – behaupten, dass die klassische Logik nicht universell gültig und insbesondere nicht zur Anwendung auf außerordentliche Fälle wie den der Trinität geeignet ist. Dies erfordert aber keine Abkehr von der klassischen Logik in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie etwa der Mathematik.

8 A. J. Cotnoir, „Theism and Dialethism“, S. 604. Ähnliche Schwierigkeiten könnten sich für den Ansatz Bealls ergeben. Siehe hierzu Bromand (2021).