Auszüge aus einem Vortrag

Mensch

Wir machen uns seit jeher ein Bild von uns selbst, wie wir sind — als Mensch — und wie wir sein wollen. Das belegen uralte Höhlenbilder ebenso wie Abbildungen auf Gefässen, die aus Gräbern stammen. Auch andere Lebewesen, Tiere etwa, haben ein Bild von ihresgleichen.

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Sie können an Aussehen, Geruch und Stimme erkennen, welches einzelne Tier zu ihrem Rudel gehört und welches nicht; welche Tiere zur Beute zählen und welche zu den Fressfeinden. Die meisten Tiere haben jedoch kein Bild von sich selbst. Hunde zum Beispiel bellen ihr Spiegelbild an. Menschenaffen allerdings erkennen sich in ihrem gespiegelten Gegenüber. So wischen sie etwa einen Fleck weg, den sie im Spiegel an ihrem Körper entdecken.

Was den Menschen von seinen Vorgängern im Tierreich unterscheidet, ist die Fähigkeit, sich von sich selbst ein Bild zu machen. Sein Selbstbild enthält sehr viel mehr als eine fotografische eins-zu-eins-Abbildung. In das Bild, das wir uns von uns selbst machen, gehen Vorstellungen davon mit ein, wie wir uns sehen möchten und wie wir gesehen werden wollen. […] Dies alles ist möglich, weil Menschen zur Selbstreflexion fähig sind. Das Wort „Reflexion“ verweist ebenfalls auf die Spiegelmetapher: Wir denken nicht einfach linear, sondern beziehen uns dabei, wenn auch nicht immer ausdrücklich, kreisförmig auf uns selbst als Denkende zurück, spiegeln uns also in unseren Denkvollzügen als Ich oder Subjekt. Wir nennen dies unser Selbstbewusstsein: das Bewusstsein von uns selbst im Wissen von Etwas.

Die Philosophen haben daher die Trennungslinie zwischen menschlichen und tierischen Lebewesen von Anbeginn an bis in die heutige Zeit entlang der Kompetenz des Denkens und der kognitiven Aufschlüsselung der Lebenswelt gezogen. Menschen wissen um ihre Endlichkeit und Geschichtlichkeit, daher haben sie ein Zeitbewusstsein. Sie können ihre Herkunft rekonstruieren und sich bis zu einem gewissen Grad aus dem Kausalmechanismus der Evolution ausklinken, indem sie sich eigene Ziele setzen, damit ihre Zukunft selber planen und aktiv gestalten. […] Der Mensch, so sagen wir, ist frei, die Tiere sind determiniert. Und das macht den wesentlichen Unterschied zwischen ihnen aus.

Unser Menschenbild war Jahrtausende lang von Theologie und Philosophie geprägt. Erst als im 18. und 19. Jahrhundert die Natur- und Technikwissenschaften einerseits, Teile der Geisteswissenschaften andererseits aus dem Haus der Philosophie auszogen und sich verselbständigten, konkretisierte sich das Menschenbild, nachdem insbesondere Biologie, Psychologie und Soziologie den Menschen aus einer empirischen Perspektive ins Visier nahmen. Und doch bestimmt das klassische Menschenbild auch heute noch weitgehend unser Selbstverständnis — unbeeinflusst vom jeweiligen Zeitgeist. Blicken wir also zurück auf unsere geistesgeschichtlichen Anfänge.

[…]

Doch mit der These von der kulturellen Evolution war das autonome Menschenbild keineswegs endgültig gerettet. Danach wurde neues Geschütz aufgefahren, das sich nun auf die Selbstreflexivität richtete und die Annahme, der Mensch könne sich mittels seiner geistigen Fähigkeiten den Gesetzen der Natur entziehen, als Illusion zu entlarven suchte. Sigmund Freud, der das psychoanalytische Gespräch als Therapie von Neurosen einführte, in der Meinung, dass Patientinnen und Patienten mittels Selbstreflexion dazu gebracht werden können, wieder Herr im eigenen Seelenhaushalt zu sein, Sigmund Freud verstand sich paradoxerweise als Naturwissenschaftler. Und als Naturwissenschaftler betrachtete er das menschliche Gehirn wie ein Gefäss, in dem sich die Neuronen nach vom Menschen nicht zu beeinflussenden Gesetzen verschieben und somit quasi mechanisch Lust- und Unlustgefühle erzeugen. Als Triebwesen ist der Mensch aus Freuds Sicht ein Getriebener, weit davon entfernt, autonom zu denken, zu fühlen, zu wollen oder zu handeln.

So gesehen erscheint es nur als folgerichtig, dem Menschen Freiheit abzusprechen, nachdem auch die letzte Bastion der Autonomie, das Gehirn, gestürmt und als ein fremdbestimmtes Organ behauptet wurde, das dem Diktat der Natur unterworfen sei, unfähig, eigene Ziele zu setzen. Die kulturelle Evolution verdankt sich dieser These zufolge nicht der sich verselbständigenden Selbstreflexivität des autonom werdenden Menschen, sondern einer List der Gene, die dem Menschen Freiheit vorgaukeln, damit er seine Fitness fürs Überleben steigert. Aus naturwissenschaftlicher Sicht bleibt der Mensch unausweichlich Sklave der biologischen Evolution.

Auch die derzeit von führenden Neurowissenschaftlern dominierte Debatte über die Willensfreiheit läuft darauf hinaus, dass menschliche Wesen durch ihre genetische Ausstattung weitgehend, wenn nicht gar vollständig determiniert sind, sie mithin gar keine Wahlmöglichkeiten haben, was die wesentliche Voraussetzung von Willensfreiheit ist. Nur wer sich jederzeit auch anders hätte entscheiden können, als so, wie er sich entschieden hat zu handeln, darf sich zu Recht Freiheit zuschreiben. Sollte jedoch alles, was ein Mensch denkt, fühlt, will und tut, inklusive sein Freiheitsbewusstsein, auf die Gene bzw. die Neuronen als die eigentlichen Akteure in ihm zurückzuführen sein, wird Freiheit zur Illusion.

Aber auch dieser Hypothese kann man etwas entgegensetzen. Selbst wenn die Gene mich mittels ihrer Programme steuern, ist damit meine Freiheit noch keineswegs aufgehoben. Denn ich kann zum mindesten meine Determination erkennen und mich dazu rational verhalten. Anders als das Tier, bei dem wir unterstellen, dass sein gesamtes Verhalten durch die Natur festgelegt ist, sein Instinkt ihm also keine Abweichung von dem ihm eingeschriebenen Programm erlaubt, vermag sich der Mensch zu seiner Natur zu verhalten und diese aus einer distanzierten Perspektive nicht nur so zu beurteilen, wie sie de facto ist, sondern er vermag sie auch mit Modellen einer wünschenswerten Natur zu konfrontieren und die faktische Natur danach umzugestalten.

Wenn wir davon sprechen, dass der Mensch aus der biologischen Evolution ausgeschert ist und eine kulturelle Evolution in Gang gesetzt hat, ist damit nicht gemeint, dass die Biologie keine Rolle mehr spielt. Der Mensch ist und bleibt ein Naturwesen. Aber er überlässt seine Entwicklung nicht mehr allein dem Kausalmechanismus der biologischen Evolution, sondern setzt sich eigene Ziele und Zwecke. Er schafft sich eine zweite Natur, indem er sich selbst kultiviert. Durch Selbstkultivierung ist es dem Menschen gelungen, sich aus einem rohen Naturprodukt zu einem sich selbst bestimmenden humanen Wesen zu entwickeln. So wie man einen Acker kultiviert, indem man im Umgang mit dem Boden lernt, welche Sorte an Getreide, Gemüse, Pflanzen etc. dort am besten gedeiht und welche Düngemittel die Fruchtbarkeit des Bodens steigern, so kultiviert sich auch der Mensch, um mittels seiner intellektuellen, kreativen und handwerklichen Geschicklichkeit reiche Ernteerträge aus seinen ausgebildeten Fähigkeiten und Talenten zu gewinnen.

Wir sind also keineswegs aufgrund unserer psychophysischen Mitgift bloss Marionetten, die an den Drähten ihrer Gene und Neuronen zappeln, ohne jeglichen Spielraum für selbst bestimmtes Handeln. Das Problem der Willensfreiheit ist so alt wie der Mensch als intelligentes, seiner selbst bewusstes Lebewesen. Seitdem er denken kann, schreibt er sich Freiheit zu — und Verantwortung für sein Handeln.

Autonomie als die dem Menschen wesentliche Freiheit, die sich auf das Selbstbestimmungsrecht gründet, kann aus naturwissenschaftlicher Perspektive letztlich deshalb nicht in Frage gestellt werden, weil Freiheit kein biologischer Begriff ist. Die Evolutionstheorie und die Neurowissenschaften sind Seinswissenschaften, aber keine Sollenswissenschaften. Ihre Erforschung des menschlichen Körpers gilt empirischen Ist-Beständen, die sich durch Beobachtung oder experimentelle Methoden nachweisen lassen. Aus diesem Grund ist Freiheit mit naturwissenschaftlichen Mitteln gar nicht thematisierbar, denn Freiheit ist ein normativer Begriff, der sich nicht auf eine faktisch vorhandene Eigenschaft, sondern auf etwas Gesolltes bezieht.

Das Missverständnis der Naturwissenschaften resultiert daraus, dass sie die biologische Perspektive verabsolutieren und jede andere Perspektive als unwissenschaftlich deklarieren. Wie wir jedoch aus unserem Alltag wissen, pflegen wir die Dinge aus vielen unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, wenn wir daran interessiert sind, uns ein möglichst umfassendes Bild zu machen. Wenn also die Naturwissenschaftler behaupten, dass sie für die menschliche Autonomie keine Belege finden, so ist dies völlig zutreffend, denn mit naturwissenschaftlichen Methoden wird man der Freiheit nicht habhaft. Die weitergehende Behauptung indes, dass es deshalb Autonomie nicht gäbe, Freiheit eine Illusion sei, ist nicht haltbar. Man muss nur die Perspektive wechseln. So tritt Freiheit unter ethischer Perspektive als die Forderung auf, sich selbst und seine Mitmenschen nach Massgabe moralischer Regeln zu behandeln.

Wenn Freiheit kein biologischer Begriff ist, kein Begriff also, der sich auf eine empirische Eigenschaft oder Qualität der menschlichen Natur bezieht, dann ist das angebliche Diktat der Gene, selbst wenn ihm der Körper (also die Natur) des Menschen vollständig unterworfen ist, kein Hindernis für die Zuschreibung von Autonomie. Freiheit ist wie alle übrigen ethisch-praktischen Begriffe — wie zum Beispiel Mass, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität, Toleranz, Menschenwürde — ein normativer Begriff, und normative Begriffe sind Sollensbegriffe: durch sie wird nicht etwas, das ist, beschrieben, sondern etwas vorgeschrieben. Der Mensch ist nicht von Natur aus gerecht, tolerant, frei; im Gegenteil. Aber dass er sich dazu entschieden hat, als moralisches Wesen zu existieren, das Rücksicht nimmt auf die berechtigten Bedürfnisse und Wünsche seiner Mitmenschen, ist ein Indiz dafür, dass er sich anders entworfen hat, als die blosse Natur es für ihn vorsah.

[…]

Durch Kultivierung der menschlichen und der aussermenschlichen Natur ist es dem Menschen gelungen, sich bis zu einem gewissen Grad vom Kausalmechanismus unabhängig zu machen. Selbstbewusstsein und lebenslanges Lernen haben über Generationen hinweg in der Auseinandersetzung mit Fremdbestimmungen aller Art zur Bildung von Gehirnstrukturen geführt, die das menschliche Streben nach Autonomie unterstützen. Ich schlage daher vor, die These der Neurowissenschaften umzudrehen. Das Gehirn programmiert nicht seinen Träger, sondern das Individuum programmiert sein Gehirn. Das Individuum erweist sich als autonome Person, indem es sich an die Normen und Wertvorstellungen hält, die es im Zuge seiner Selbstkultivierung seinem Gehirn einprogrammiert hat.