Blogbeitrag von Prof. Dr. Hans-Martin Schönherr-Mann

Welche Gemeinschaft stiftet die Liebe?

Mit einem Vorurteil muss man gleich aufräumen, dass die Verbindung von Liebe und Ehe eine romantische Vorstellung ist. Die romantische Liebe vereinigt die Liebenden nämlich erst im Jenseits.

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Es handelt sich vielmehr um eine bürgerliche Idee, die im 18. Jahrhundert von den Aufklärern entwickelt wurde. Der Adel heiratete aus dynastischen oder monetären Erwägungen. Die Aufklärung setzte diesen Vorstellungen das Modell einer Einheit von Liebe und Ehe entgegen, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich Bürgermädchen gerne von Adligen verführen ließen – die Gretchen-Tragödie in Goethes Faust –, was die Bürger verständlicherweise ärgerte.

Die bürgerliche Verbindung von Ehe und Liebe grenzte die erotische Liebe aber aus – Wielands Aufklärungsroman Agathon oder Rousseaus Julie oder die neue Heloise – und schließt an die christliche Nächstenliebe Agape an, nicht an den griechischen Eros. Das führte in besagte romantische Vorstellungen oder in die sogenannte petrarcistische Liebe, wenn Hölderlin vergebens seine Diotima besingt oder eben das Vorbild aus dem 14. Jahrhundert Petrarca seine Laura gleichfalls vergebens anbetet. In der petrarcistischen Liebe gelingt es den Liebenden nicht sich zu vereinigen, handelt es sich vielmehr um die scheiternde Liebe – ein böses Omen für die Verbindung von Liebe und Ehe? Nein, reiner Realismus!

Die bürgerliche Liebe domestiziert den Eros, genauer verdrängt ihn. Nach Rousseau muss die Frau, die gesellschaftlich nicht verbildet ist, sondern von ihrer natürlichen Scham beherrscht wird, das Begehren des Mannes so kontrollieren, dass aus ihm ein guter Staatsbürger wird. Das Modell wird das 19. Jahrhundert durchherrschen und die gängige traditionelle Vorstellung einer Verbindung von Liebe und Ehe prägen.

Sexy durfte die werdende und vollendete Gattin nie sein, musste der werdende Gatte vor allem seine moralische Zuverlässigkeit beweisen, was obendrein noch die Familie kontrollierte – Stifters Nachsommer von 1856. Doch es führte nur in die literarischen Ehe-Katastrophen von Flauberts Madame Bovary oder Fontanes Effi Briest. Gemeinschaft hat in allen diesen Fällen die Liebe nicht hergestellt, sondern bestenfalls die Ehe, die entweder qualvoll erst mit dem Tod geschieden wird oder vorher genauso qualvoll unter gesellschaftlicher Ächtung.

Dass Liebe etwas mit Erotik zu tun haben könnte, nachdem 1600 Jahre Christentum (von ca. 300-1900) die Erotik mit der Erbsünde disqualifiziert hatten, kam erst Anfang des 20. Jahrhunderts in den Sinn breiter Bevölkerungskreise und wurde dabei von den beginnenden Massenmedien befördert: erotische Druckerzeugnisse, die im deutschen Kaiserreich den juristischen Markennamen ‚Schmutz und Schund‘ erhielten, vor allem aber der frühe Film auf dem Jahrmarkt in dunklen Buden, in die sich viel Volk drängelte. Vorher musste man ins Feld, als die Ähren noch hoch wuchsen.

Hat die Sexualisierung der Liebe die Gemeinschaft gefördert? Nein, seit den siebziger Jahren erhöhten sich parallel zur zweiten Frauenbewegung die Scheidungsraten massiv. Oder hat just das die Gemeinschaft gefördert? Wenn man die Ehe als Zwangsinstitution betrachtet, die noch dazu sehr stark und heute auch immer noch von den beteiligten Familien beeinflusst wird, dann befreite die Sexualisierung aus der Zwangsgemeinschaft und eröffnete erst die Perspektive zu einer freiwilligen Verbindung von zwei oder auch mehreren Personen, ganz nach Lust der Liebenden.

Aber sind der Zweck der Ehe nicht die Kinder, also die Fortpflanzung und heute muss man das als Beitrag zum Generationenvertrag bezeichnen, also zur Gemeinschaft? Wenn man sich von den Sozialpolitikern unter Druck setzen lässt, dann schon. Ansonsten hat dem bereits Kant widersprochen: der Zweck der Ehe ist der lebenswährende wechselseitige Besitz der Geschlechtseigenschaften, was zur Folge hat, dass sich der Mann eine flüchtende Ehefrau mit Gewalt wieder aneignen darf: das hält die Gemeinschaft aufrecht.

Doch 1974 hat die WHO die sexuelle Lust als zur Gesundheit gehörig anerkannt und damit offiziell nachvollzogen, was ein Jahrzehnt früher die Kontrazeptiva bereist ermöglichten: Den Genuss ohne Reue. Damit kehrte nur wieder, was in der Antike in Griechenland und Rom gang und gäbe war, der Gebrauch der Lüste mit dem eigenen Geschlecht und ganz ohne Reue, heute auch mit dem anderen Geschlecht. Stiftet dergleichen etwa noch Gemeinschaft? Nur, wenn man es selber will! Nicht der Staat und nicht die Familie oder die rechtspopulistischen Nachbarn, die laut nach der drei-Kind-Familie schreien.

Solcher Biopolitik kann man sich heute entziehen und ein selbstbestimmtes Leben inklusive eines fleißigen Gebrauchs der Lüste führen, und die Liebe dabei primär als Eros verstehen, muss man ihr nicht mehr als Agape huldigen, muss man kein Christ mehr sein.

Aber löst das nicht alle Gemeinschaften auf? Die traditionellen schon. Was aber nicht heißt, dass dadurch nicht neue Gemeinschaften entstehen, die auf der individuellen Selbstverantwortung beruhen und die selbstredend der Tod nicht scheiden muss.

Die Vorstellung von ewiger Liebe entspricht entweder christlichen oder romantischen Vorstellungen. Das kann keine Liebe sein, der man in der Erfahrungswelt begegnet. Dieser bleibt nichts anderes, als endlich zu sein.

Und wenn sie mit dem Eros verbunden wird – sollte das Sünde sein: nur weil Adam falsch gegessen hat? – dann spielt sie mit dem Flüchtigsten auf der Welt, nämlich der Lust. Dass alle Lust Ewigkeit will, ist der dümmste Satz Nietzsches. Nein, sie kommt und geht. Auf Dauer gestellt, wäre sie keine Lust mehr. Mit ihr vergehen auch die Gemeinschaften. Aber sie entstehen mit ihr auch. Und das sind die leidenschaftlichsten. Und mehr Gemeinschaft geht nicht.

Nur auf Dauer lassen sie sich nicht stellen. Und auf Seelenruhe muss man gleich verzichten. Doch das ist anders, als es sich Gehlen vorstellt, kein Verlust. Denn die kommt irgendwann ganz von alleine.

 

Thematisch damit verbundene Buchpublikationen:

SEXYNESS ALS KOMMUNIKATION – Die Geburt der Sexualität aus dem Geist der Massenmedien, BoD, Norderstedt 2016

Fröhliches Philosophieren, Edition fatal, München 2015

PHILOSOPHIE DER LIEBE – Ein Essay wider den Gemeinspruch ‚Die Lust ist kurz, die Reu’ ist lang’, Matthes & Seitz, Berlin 2012

Vom nutzen der philosophie – Pragmatismus als Lebenskunst, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2012

SIMONE DE BEAUVOIR UND DAS ANDERE GESCHLECHT, dtv, München 2007, seit 2011 auch als E-Book

POLITISCHER LIBERALISMUS IN DER POSTMODERNE – Zivilgesellschaft, Individualisierung, Popkultur, Wilhelm Fink Verlag, München 2000

VERFÜHRUNG MIT AIDS – Eine philosophische Satire in sechs Monologen, Edition Passagen, Wien 1989

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians Universität München; Lehr- und Prüfungsbeauftragter an der Hochschule für Politik/TUM; regelmäßiger Gastprof. an der Univ. Innsbruck.

Neuere Buchpublikationen:

Die Macht der Verantwortung, Karl Alber Hinblick 2010;

Politik zwischen Verstehen und Werten – Hermeneutik als politische PhilosophieVorlesung am Geschwister-Scholl-Institut 2002/2003, SVH 2016;

Was ist politische Philosophie, Campus Studium 2012;

Protest, Solidarität und Utopie – Perspektiven partizipatorischer Demokratie, Edition fatal 2013;

Gewalt, Macht, individueller Widerstand – Staatsverständnisse im Existentialismus, Nomos 2015;

Camus als politischer Philosoph, Innsbruck Univ. Press 2015;

Übermensch und Lebenskünstlerin – Nietzsche, Foucault und die Ethik, Matthes & Seitz Berlin 2009;

Sexyness als Kommunikation – Die Geburt der Sexualität aus dem Geist der Massenmedien, BoD 2016.