Ein Blogbeitrag von MMag. Dr. Susanne Moser

Selbstverantwortung als Selbstsorge

Wie viel kann und darf man Kindern zumuten? Wie viel sollen Lehrende oder TrainerInnen vorgeben?

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Im Wort Verantwortung steckt das Wort antworten, man hat sich vor einer Rechtfertigungsinstanz zu verantworten, sei diese nun extern wie Gott, ein Gericht oder ein Vorgesetzter, oder man selber, wie im Falle der Selbstverantwortung. Der Verantwortungsbegriff umfasst mindestens drei Ebenen: die Subjektebene (Wer ist verantwortlich?), die Gegenstandsebene (Wofür ist jemand verantwortlich?) und die Rechtfertigungsebene (Wovor hat sich jemand zu verantworten?).

Selbstverantwortung ist ein Kind der Aufklärung: Jeder Mensch soll die Verantwortung für sich selbst und sein eigenes Handeln übernehmen. Dies setzt auf der Subjektebene nicht nur Zurechnungsfähigkeit, sondern auch Mündigkeit und Gleichwertigkeit voraus. Damit steht die Selbstverantwortung, bei der ich nur mir selber gegenüber Rechenschaft schuldig bin (Gewissen), in einem dialektischen Spannungsverhältnis zur (Fremd)Verantwortung.

Paradigmatisch für letztere ist das hierarchisch angelegte Eltern-Kind-Verhältnis. Eltern müssen nicht nur Verantwortung für die Handlungen ihrer Kinder übernehmen, sondern sind auch verpflichtet, für diese zu sorgen (Gegenstandsebene). Sie haften für ihre Kinder und haben sich vor Gericht zu verantworten (Rechtfertigungsebene). Analog dazu spricht man in Unternehmen von Führungsverantwortung, wenn die Verantwortung für Handlungen Untergebener nicht diesen selbst, sondern den Vorgesetzten zufällt.

In beiden Fällen gibt der/die VerantwortungsträgerIn, um das Risiko zu beschränken, den Handlungsspielraum vor, was kaum oder wenig Platz für eigene Zielsetzung lässt. Selbstverantwortliches Handeln versteht sich jedoch genau darin, nämlich sich selbst eigene Ziele zu setzen und für sich selbst zu sorgen. Neben der rechtlichen Anerkennung als Subjekt bedarf es dafür psychologischer, sozialer und vor allem auch ökonomischer Ressourcen. Kaum jemand kann heute jedoch als Selbstversorger mehr leben, vielmehr befinden wir uns in einer arbeitsteiligen und vernetzten Gesellschaft.

Um den Zusammenhang zwischen Verantwortung und Sorge besser aufzeigen zu können, ist es hilfreich einen Bezug zum Wertequadrat von Schulz von Thun herzustellen. Jeder Wert, so auch die Selbstverantwortung, kann nur dann zu einer konstruktiven Wirkung gelangen, wenn er sich in einer ausgehaltenen Spannung zu einem positiven Gegenwert, zu einer „Schwestertugend“ befindet. Ohne diese Balance verkommt ein Wert zu einer „Entartungsform“, d.h. zu einer entwertenden Übertreibung.

Bei der Verabsolutierung des Wertes Selbstverantwortung kommt es zu einer Selbstüberforderung, zu einer Tyrannei der Selbstverantwortung. Über das Gegenteil, nämlich die Selbstunterforderung und Ausbeutung Anderer (Schmarotzertum) kommen wir zur notwendigen Schwesterntugend, nämlich der Fremdverantwortung im Sinne von Sorge-Tragen für Andere und Solidarität. Während bürgerliche Frauen des 19. Jahrhunderts aufgrund von Unterforderung und Machtlosigkeit immer wieder in Ohnmacht fielen, ist die neue Krankheit die Überforderung und das Burnout. Der Selbstverantwortung müsste also die „Schwesterntugend“ Fremdverantwortung zur Seite gestellt werden, jedoch nicht mehr länger im hierarchischen und paternalistischen Sinne als Bevormundung, sondern im Sinne von Sorge-Tragen für Andere als Solidarität. Die Sorge steht also im Zentrum der Verantwortung, sie ist die Achse, an der sich Selbstverantwortung und Fremdverantwortung kreuzen: Sorge zu tragen, für eigene (Eigenverantwortung) oder fremde Handlungen (Fremdverantwortung), Sorge zu tragen, für das Wohl Anderer (Pflichten gegenüber Anderen) oder für sich selbst (Selbstverantwortung).

Sorge zu tragen, wird hier nicht mehr als Herrschaftsgestus verstanden, sondern als Freiheit zur Selbstbestimmung. Nur in einer immer wieder aufs Neue herzustellenden Balance kann es gelingen, als Individuum ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dies trifft auf alle Bereiche des Lebens zu. Wie viel kann und darf man Kindern zumuten? Wie viel sollen Lehrende oder TrainerInnen vorgeben? Immer wieder werden wir uns der Gratwanderung stellen müssen zwischen einer Unterforderung durch ein zu weitreichendes Sorge-Tragen für Andere und einer Überforderung durch einen allzu großen Spielraum an Selbstverantwortung.

 

(Dies ist ein Ausschnitt eines grösseren Artikels. Sie können diesen Artikel hier herunterladen: https://homepage.univie.ac.at/Susanne.Moser/down/down/Druckversion_Moser_IOA%20TB%202012b.pdf)