Blogbeitrag von Prof. Dr. Konrad Christoph Utz

Philosophie der Liebe

Man kann auch ohne Liebe Glück genießen und sich sinnvollen Aufgaben widmen. Aber nur in der Liebe glückt unser Dasein als Ganzes und nur in ihr sind wir frei.

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Die Liebe ist der Ursprung unseres Daseins, sie ist seine Mitte und seine Vollendung. Das mag zunächst nach Mystik oder nach Poesie klingen. Aber es ist eine ganz einfache, nüchterne philosophische Einsicht. Überhaupt ist die Liebe zunächst einmal eine ganz einfache, normale, nüchterne Angelegenheit.

Sie ist unser Ursprung zunächst in dem Sinn, dass es uns nicht geben würde ohne die Liebe unserer Vorfahren zu ihren Partnern, zu ihren Kindern, zu ihren Familien und zu ihren Gemeinschaften wie etwa ihrem Volk. Nicht in jedem Fall waren diese Beziehungen von Liebe erfüllt und in den wenigsten Fällen war diese Liebe ganz frei von Selbstsucht. Aber ohne die Liebe all der Menschen vor uns würde es uns so, wie wir heute sind, nicht geben.

Die Liebe ist Vollendung zunächst in dem einfachen Sinn, dass Menschen, wenn sie mit ihrem ganzen Bewusstsein oder mit ihrem ganzen Herzen lieben zumindest in der Gegenwart dieses Bewusstseins glücklich sind und ihnen zu ihrem Glück nichts fehlt.

Es gibt allerdings noch einen tieferen Sinn, in dem die Liebe Ursprung, Vollendung und Mitte unseres Daseins ist. Dieser Sinn erschließt sich, wenn wir darüber nachdenken, was unser Dasein darstellt. Darüber lässt sich sehr vieles sagen, aber wenn wir nur nach den ganz grundlegenden, einfachen Bestimmungen unseres Daseins suchen, dann stoßen wir auf das Sein und auf das Bewusstsein. Was auch immer sonst unser Dasein ausmachen mag, diese beiden sind auf jeden Fall die Grundlage. Wir sind da als bewusste Wesen. Wenn wir nun auf das Sein und das Bewusstsein blicken, dann bemerken wir, dass beide in einem grundlegenden Sinn unzureichend sind. Diese Unzulänglichkeit bedeutet, dass Sein und Bewusstsein weder ihren Ursprung, noch ihre Vollendung, noch auch ihre Mitte in sich selbst haben können.

Was ist, ist. Es ist, wie es ist. Diese Sätze formulieren nicht nur eine Wahrheit – wenn auch eine selbstverständliche, banale. Sie haben nicht nur positiven Sinn. Sie bringen auch eine Beschränkung zum Ausdruck: Was ist, ist nur, was es ist, es ist nicht mehr, als es ist. Und es ist nicht weniger, als es ist. Das Sein beschränkt sich auf sich selbst und es erfüllt sich durch sich selbst. Es geht nicht über sich hinaus und es lässt nichts in sich ein. Das ist die absolute Einsamkeit des Seins. Insofern wir sind, insofern wir schiere Existenzen darstellen, sind wir absolut einsam. Von allem, was es außer uns geben mag, empfängt unsere Existenz allenfalls Wirkungen. Alles, was wir unserer Existenz einverleiben mögen, hört in eben dem Moment auf, Fremdes zu sein. Es gibt keine Kommunikation zwischen schieren Existenzen. Es mag Beziehungen zwischen ihnen geben. Aber für die gilt wiederum, dass sie den Existenzen selbst äußerlich sind. Und wenn sie ihnen innerlich werden sollten als Eigenschaften, die eine Existenz durch sie erhält, dann hören sie eben damit auf, für diese Existenz ein Anderes zu sein. Die Existenz gelangt niemals zum Anderen. Weil nun aber wir Menschen endliche, unvollkommene Wesen sind, die Ursprung und Vollendung nicht in sich selbst haben, sondern in anderem, bedeutet diese Einsamkeit, dass wir in unserer Existenz abgeschnitten sind von unserem Ursprung wie auch von unserer Vollendung.

Für das Bewusstsein gilt gewissermaßen das Gegenteil: es ist schiere Bezogenheit. Das Bewusstsein ist nicht eine Gegebenheit, die sich auf etwas bezieht und dann dabei bestimmte Zustände hat. Es ist die Bezogenheit selbst. Und zwar ist es genauer Einheit von Fremdbezüglichkeit und Selbstbezüglichkeit. Diese Einheit kann man in der Wendung „Für-mich“ zum Ausdruck bringen. Im Bewusstsein ist etwas für mich. Das bedeutet, dass ich im Bewusstsein einerseits auf etwas bezogen bin und andererseits in dieser Bezogenheit zugleich um mich selbst, nämlich eben um mein Mich-Beziehen weiß. Denn sonst wäre ja nur das Wissen der Gegebenheit da, aber nicht das Bewusstsein, dass sie mir oder für mich gegeben ist. Dieses Für-mich kann sich auf zwei unterschiedliche Weisen verwirklichen: im Erkennen und im Wollen. Im Erkennen ist etwas für mich als Gegebenheit, als Seiendes. Im Wollen ist etwas für mich als Gesolltes: es soll für mich so sein – nämlich zum Beispiel: dass ich etwas zu essen bekomme.

Das Bewusstsein ist unzulänglich, weil es auf der einen Seite nie von seiner Selbstbezogenheit, nämlich von seiner Egozentrizität loskommt. Immer geht es mir im Bewusstsein um mich selbst. Aber in dieser Selbstbezogenheit kommt das Bewusstsein nie zur Ruhe und nie zum Ziel, weil es auf der anderen Seite immer angewiesen ist auf äußere Gegebenheiten, die sich ihm darbieten. Das Bewusstsein erkennt und will alles für sich, aber für sich ist es nichts. Das Fremde bleibt ihm fremd. Sein Selbst bleibt ihm leer. Es findet in den Gegebenheiten kein Selbst und in sich selbst keine Gegebenheit, keinen Gehalt und keinen Halt. Das Bewusstsein hat seine Mitte nicht in sich selbst, es steht sozusagen ortlos zwischen leerem, haltlosem Selbst und stummen, toten Gegebenheiten.

Diese Unzulänglichkeit des Seins und des Bewusstseins überwindet die Liebe, und zwar allein sie. In der Liebe ist die Gegebenheit, die mir bewusst ist, nicht bloßer Gegenstand, sondern ein bewusstes Wesen wie ich selbst. In der Liebe findet das Bewusstsein ein anderes Selbst, das für es da ist. Zugleich bin in der Liebe ich selbst als bewusstes Wesen Dasein für ein anderes Bewusstsein. Ich begreife mich selbst als eine Gegebenheit für den Anderen, als ein Selbst im Blick des Anderen. Damit höre ich auf, gehaltloses Selbst-für-sich-selbst zu sein. Ich werde Dasein für den Andern, so, wie er für mich da ist. Die Liebe vermittelt das Sein mit dem Bewusstsein, sie ist deren Mitte, und diese Mitte ist zugleich ihr Ursprung und ihre Vollendung. Liebe ist Sein und Bewusstsein von bewusstem Sein für anderes bewusstes Sein.

Damit Bewusstsein sich auf ein anderes Sein beziehen kann als ein solches, das selbst bewusst ist, muss es sich in sich selbst umkehren, nämlich sich von sich selbst, von seinem eigenen Zentrum weg und hin zum Anderen kehren, um ihn ins Zentrum zu stellen. Das einfache Bewusstsein ist unüberwindlich egozentrisch. Auf direktem Weg kann es nicht in das Bewusstsein eines Anderen hineintreten, um zu erkennen, dass auch dieser Andere bewusst ist. Ich kann nicht in fremdes Bewusstsein „hineinsehen“. Das Erkennen anderen Bewusstseins kann sich nur so vollziehen, dass ich den Bezug meines eigenen Bewusstseins auf den Anderen hinwende, dass ich die wesentliche Bezogenheit meines Bewusstseins auf mich selbst umkehre auf den Anderen hin – ohne dabei den Bezug auf mich selbst zu verlieren.

In dieser Hinwendung wird das Erkennen zum Anerkennen, nämlich zum Anerkennen des Anderen als ein eigenes Selbstsein. Das Wollen wird zum Wohlwollen, nämlich zum Wollen des Wohls für den Anderen um seiner selbst willen – und nicht bloß als Mittel zu meinem eigenen Glück. Die Liebe ist deshalb Einheit von Erkennen und Anerkennen des Anderen, von Wollen des Anderen für mich und von Wohlwollen für ihn.

Die Gegenseitigkeit dieser Liebe nennt man Freundschaft. In der Freundschaft vollendet sich unser Dasein als bewusste Wesen, weil in ihr ein anderes Selbst uns selbst sich zuwendet in eben der Weise, wie wir selbst uns ihm zuwenden. Der Andere selbst gibt sich zu erkennen und lässt sich von uns begehren, er kommt unserem liebenden Erkennen und Wollen entgegen. Und er nimmt unsere Anerkennung und unser Wohlwollen an. Unser Bewusstsein steht nicht mehr einem bloßen Sein gegenüber, von dem es immer nur den Vorschein empfängt, sondern es steht in der gegenseitigen Mitteilung und Anteilnahme mit einem, das ihm entspricht, weil es Selbst ist, wie wir selbst Selbst sind. In dieser gegenseitigen Liebe ist zugleich auch unser Sein vollendet, weil der Andere unser Dasein als gut erkennt und weil er will, dass wir da sind. Unser Sein ist nicht mehr schiere, leere, selbstbeschränkte, bedeutungslose Existenz, sondern Existenz, die gut ist für den Anderen, die da sein soll in den Augen des Anderen.

Die Vollendung in der Liebe bleibt aber immer eine endliche Vollendung, eine Vollendung in Raum und Zeit, in besonderen Vollzügen, in beschränkten Maßen und eine solche, in der Irrtum und Enttäuschung möglich sind. Sie ist eine Vollendung, die uns als endlichen Wesen entspricht. Die Liebe als Vollendung und als Ursprung unseres Daseins akzeptieren, bedeutet, unser Endlichkeit zu akzeptieren. Zugleich bedeutet es, einzusehen, dass die Endlichkeit der Vollendung nicht widerspricht. Die Vollendung liegt – scheinbar paradoxerweise – nicht am Ende, in einem letzten Ziel absoluter Perfektion, sondern in der Mitte, in der Gegenwart unseres Daseins: in der Gegenwart der Liebe.

Man kann auch ohne Liebe Glück genießen und sich sinnvollen Aufgaben widmen. Aber nur in der Liebe glückt unser Dasein als Ganzes und nur in ihr sind wir frei. Allein die Liebe ist Ursprung und Vollendung unseres Seins und Bewusstseins: ein Ursprung und eine Vollendung in der Mitte unseres Daseins, in der Gegenwart unseres Lebens, in der Zuwendung zum konkreten Anderen, die wir liebend vollziehen.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Konrad Christoph Utz, Studium der Philosophie und der katholischen Theologie in Tübingen und Pune (Indien), Promotion über Hegels spekulative Dialektik, seit 2006 Professor für Philosophie an der Bundesuniversität von Ceará (UFC) in Fortaleza (Brasilien).