Blogbeitrag von Prof. Dr. Markus Tiedemann

Loslassen - eine Kardinaltugend der Liebe?

Unser Dasein ist erfüllt und glücklich, wenn es über uns hinaus auf etwas oder jemanden verweist.

·

If you love something, set it free! If it comes back, it´s yours. If it doesn´t, it never was.

Dieses englische Sprichwort ist ebenso romantisch wie einleuchtend. Loslassen wäre demnach die Königsdisziplin der Liebe.

Allerdings wird die Sache schnell kompliziert, wenn wir überlegen auf welche Weisen wir etwas oder jemanden loslassen können. Loslassen kann sowohl fallenlassen als auch gehen oder gar fliegen lassen bedeuten.

Beginnen wir mit der Möglichkeit sich selbst los- bzw. gehen zu lassen, die bereits in der Antike sehr unterschiedliche Bewertungen erfahren hat. Keinesfalls muss dieses Phänomen allein mit negativen Assoziationen wie Verwahrlosung verbunden werden. Der Dionysos-Kult zeugt von dem Bewusstsein für die lustvolle Erfahrung von Rausch und Raserei. Nach Aristoteles besteht Tugend in der Fähigkeit zur rechten Zeit, am rechten Ort angemessen zu handeln. Ein vollständiger Kontrollverlust wäre demnach mit Vorsicht zu genießen. Gegen einen zeitlich begrenzten Rausch der Sinne ist nach dieser Konzeption allerdings nichts einzuwenden. Erst die Lustfeindlichkeit der monotheistischen Religionen erklärte vor allem die sexuellen Ausschweifungen des Dionysos-Kultes zur Sünde. Zuvor hatte die griechische Antike noch die Idee der romantischen Liebe hervorgebracht. Ihr Prototyp ist Rede des Aristophanes in Platons Symposion. Nach Aristophanes waren unsere Vorfahren Kugelwesen mit vier Armen und Beinen, die sich bei Eile radschlagend fortbewegen konnten. Sodann vereinten unsere Ahnen mindestens zwei Geschlechter in sich. Die Kugelmenschen waren sehr mächtig, wagten es die Götter anzugreifen und zogen somit den Zorn des Göttervaters Zeus auf sich. Zeus zerschnitt alle Kugelwesen in je zwei Hälften. Apoll tat sich als Meister der plastischen Chirurgie hervor, drehte die Gesichter zur ehemaligen Innenseite und band die zerschnittene Haut vor dem Bauch zusammen. Der Strafe der Götter folgte allerdings eine unerwartete Entwicklung. Die getrennten Hälften sehnten sich sosehr nach ihrer alten Vollkommenheit, dass sie einander umschlangen und in dieser verzweifelten Umarmung verstarben. Um nicht auf Opfergaben verzichten zu müssen, ersann Zeus die folgende Lösung: Er verlegte die Geschlechtsorgane des Menschen auf dessen Vorderseite. Von nun an war es den Menschen möglich, sich zumindest zeitweise zur alten Vollkommenheit zu vereinen und aus dieser Erfahrung Trost und Kraft zu schöpfen. Die Sehnsucht nach Vereinigung zur alten Vollkommenheit ist uns Menschen daher von alter Zeit her eingepflanzt. Demnach ist Liebe die rauschhafte Erfahrung der Symbiose, der Ausbruch aus dem Gefängnis einer monadischen Individualität. Liebe impliziert somit immer auch das lustvolle Loslassen des Selbst.

 

Noch komplexer wird das Thema Loslassen, wenn es darum geht, etwas oder jemanden frei zu geben. So manche vorgespiegelte Großzügigkeit entpuppt sich schnell als unerwartetes Desinteresse. Aber können oder sollten wir auch etwas heiß Geliebtes loszulassen?  Nach Nietzsche wäre es absurd, eine solche Selbstlosigkeit zu preisen. Lieben heißt besitzen wollen, heißt Exklusivrechte an Leib und Seele des anderen zu beanspruchen. Liebe ist egoistisch. Die einen Menschen besitzen die Kraft sich dies einzugestehen, die anderen flüchten sich in Hirngespinste. Ein Liebender verhält sich zum Geliebten wie ein Drache zu seinem Goldschatz, schreibt Nietzsche. Verbrauchen: ja, aber loslassen: niemals! Wer sich nun entrüstet von Nietzsche distanziert macht es sich zu leicht. Er übersieht, dass die positive Kehrseite der Begierde, die Leidenschaft ist. Wir wollen ja –zumindest gelegentlich- erobert, niedergerungen und gebraucht werden, zumindest, wenn der oder die Richtige am Werke ist. Ein gefährliches Spiel, aber Rücksicht und Vorsicht sind nach Nietzsche die Werte der Absterbenden.

Ist das liebevolle Loslassen also entweder Schwäche oder Verblendung? Diese Schlussfolgerung ist keinesfalls notwendig.  Nietzsche übersah, dass zu den Motiven der Liebe nicht nur Habsucht, sondern auch Wertschätzung und Wohlwollen gehören.

Wertschätzung ist der Wesenskern der Platonischen Liebe. Auch nach Platon geht es zunächst um eine Art Besitzstreben. Wir wollen Anteil am Schönen haben und die Methode dies zu erreichen ist das Erzeugen des Schönen im Leib wie in der Seele. Daher lieben wir diejenigen, die in uns das Schöne zeugen oder in denen wir das Schöne gezeugt haben. Auf diese Weise erlangen wir einen Anteil an der Idee des Schönen während konkrete Besitzansprüche in den Hintergrund treten. Süffisant ließe sich der platonische Liebespfad wie folgt beschreiben:

Petra verliebt sich in Peter, weil dieser einen schönen Körper hat. Sie ist Liebhaberin eines schönen Körpers. Allerdings besucht Peter mit seiner Geliebten ein Freibad und Petra stellt erfreut fest, dass es viele schöne Körper gibt. Nun wird sie Liebhaberin aller schönen Körper und erfreut sich dieser in vollen Zügen. Bei einer ihrer Streifzüge trifft sie erneut auf Peter und macht eine erstaunliche Entdeckung: Es ist auch schön, sich mit Peter zu unterhalten. Was Peter sagt klingt gebildet und klug. Petra wird nun Liebhaberin von Peters schöner Seele. Allerdings begeht Peter sehr bald seinen zweiten Fehler. Er nimmt Petra mit in Diskussionsrunden, ins Theater oder zu Vorträgen. Petra erkennt, dass es viele schöne Seelen gibt und wird sogleich Liebhaberin der vielen schönen Seelen. Bald darauf erkennt Petra, dass Klugheit und Gerechtigkeit die entscheidenden Ursachen der schönen Seelen sind. Petra liebt nun die Wissenschaft und die Politik. Vielleicht wird die geistige Auseinandersetzung mit Wahrheit und Gerechtigkeit sie eines Tages sogar zur vollkommenden Erkenntnis der Idee des Schönen und Gerechten führen.

Je höher Petra hinaufsteigt, je weniger hat sie das Bedürfnis konkrete Personen oder Dinge zu besitzen. Vielmehr empfindet sie Wertschätzung für alles, was Anteil am Schönen und Gerechten hat.

 

Es bleibt das dritte Leitmotiv der Liebe, das Wohlwollen. Nach Aristoteles und Erich Fromm tritt das Wohlwollen nirgends deutlicher zu Tage als in der Mutterliebe. Mutterliebe – so viel Emanzipation muss sein- kann natürlich auch von einem Vater geschenkt werden. Entscheidend sind die beiden erstaunlichen Eigenschaften der Mutterliebe.  Erstens: Das Wohlergehen des Kindes wird ultimativ bejaht. Fürsorge und Liebe sind an keine Bedingungen geknüpft. Das Kind muss nichts tun, um geliebt zu werden. Es genügt, dass es ist. Zweitens:  Das Telos der Mutterliebe ist die Befähigung zum Verlassen der Symbiose. Sie hat nicht das Ziel, Abhängigkeiten zu vertiefen, sondern Selbstständigkeit und Selbstzufriedenheit zu ermöglichen. Echte Mutterliebe ist das Paradebeispiel eines von Wohlwollen bestimmten Loslassens.  „Wenn Kinder klein sind, gebt ihnen tiefe Wurzeln, werden sie größer, gebt ihnen Flügel.“ – nicht schlecht Herr Goethe!

Wie sehr Wertschätzung und Wohlwollen zu den Leitmotiven unserer Liebe werden können, wird durch den Reifegrad unseres Charakters bestimmt. Erich Fromm unterschied zwei wesentliche Charaktertypen.  Reife Charaktere haben ein positives Verhältnis zur Welt entwickelt und vermögen aus eigener Kraft glücklich zu sein. Ihre Liebeserklärung lautet: „Ich brauche dich, um dich zu lieben. Ich kann ohne dich leben und glücklich sein, allerdings möchte ich dir gern meine Liebe zuteilwerden lassen.“ Der reife Charakter ist zum Loslassen bereit. Er wünscht dem anderen nur das Beste und ist nicht existenziell auf diesen angewiesen. Der unreife Charakter hingegen ist erfüllt von Angst und Selbstzweifeln und kann diese nur mit Hilfe des Anderen kompensieren. Seine Liebeserklärung lautet: „Ich liebe dich, weil ich dich brauche.“ Loslassen ist für ihn unvorstellbar.  „I can´t live, if living is without you.“  Formulierungen wie diese sind nicht romantisch, sondern stehen für die schlimmste aller Erpressungen. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal zusammen mit Mariah Carey trällern.

Natürlich ist es nicht leicht, selbstlos zu lieben. Es handelt sich um die Königsdisziplin dessen, was Erich Fromm die „Kunst des Liebens“ nannte. Wem dies aber gelingt, der wird nach Erich Fromm und Viktor Emil Frankl mit einem kostbaren Gut belohnt: Selbsttranszendenz.

Unser Dasein ist erfüllt und glücklich, wenn es über uns hinaus auf etwas oder jemanden verweist. Die Tat, die wir setzen, ein Werk, das wir schaffen, die Erfahrung, an der wir reifen und die Liebe, die wir geben, vermögen unser Leben mit einem Sinn zu erfüllen, der unabhängig von unseren Begehrlichkeiten, ja über unsere Existenz hinaus bestand hat.

 Auf dieser, zugegeben seltenen Reifestufe, wird Loslassen in der Tat zur Kardinaltugend der Liebe.

 

Dieser Text erschien zuerst als Artikel in der Frankfurter Rundschau am 19.06.2015.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Markus Tiedemann, er ist Professor für Didaktik der Philosophie und für Ethik an der Technischen Universität Dresden. Er studierte Philosophie, Psychologie, Geschichte und Erziehungswissenschaften. Nach dem Studium arbeitete er zwölf Jahre als Lehrer und Fachseminarleiter in Hamburg. Er lehrte als Professor für Philosophie und Philosophiedidaktik an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz und folgte dann einem Ruf an die Freie Universität Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen u.a. Philosophiedidaktik, Philosophieren mit Kindern und die Möglichkeit ethischer Orientierung in der Moderne.

Markus Tiedemann ist Autor des Buches: Liebe, Freundschaft und Sexualität. Fragen und Antworten der Philosophie. Olms 2014