Blogbeitrag von Dr. Martin Hähnel

Kann der Mensch am Wir zum Ich werden?

Auf die Frage, was uns Menschen zu Menschen macht, gibt es in der aktuellen philosophischen Diskussion unzählige mehr oder weniger befriedigende Antworten.

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Dabei liegt eine mögliche, sich hier sofort aufdrängende Antwort bereits in der Frage selbst beschlossen; denn was uns Menschen letztlich zu Menschen macht, kann nur die Zugehörigkeit aller menschlichen Exemplare zur selben Spezies sein. Diese Zugehörigkeit ist dabei der Garant dafür, dass wir uns als Menschen überhaupt erkennen und anerkennen können. Ohne dieses verbindende Element und zugleich tragende Fundament wäre gesellschaftliches Leben überhaupt nicht möglich.

Gleichsam liegt es aber auch in der Freiheit des Menschen, sich in einer bestimmten Hinsicht von dieser natürlichen Zugehörigkeit zu emanzipieren. Der einzelne Mensch ist bekanntlich nicht gezwungen nur dasjenige erkennen und anerkennen zu müssen, was seines gleichen ist. Vielmehr ist er, wie die Philosophische Anthropologie im frühen 20. Jahrhundert immer wieder versucht hat zu zeigen, ein zur Welt hin geöffnetes und dem Anderen zugewandtes Wesen. In diesem Zusammenhang ist er auch in der Lage, nicht nur sich selbst und die Mitglieder seiner eigenen Art wertzuschätzen, sondern auch Nicht-Menschliches jedweder Art lieben (und hassen) zu können: ein kostbares Erbstück, das Vaterland, eine bestimmte Landschaft, Schokoladeneis oder den eigenen Hamster Willi. Der Mensch ist demnach eine Art liebendes Ding, ein ens amans, das sich des Besitzes dieser Fähigkeit in erster Linie auch deswegen nicht unglücklich zu schätzen braucht, weil es von anderen geliebt wird bzw. weil es etwas gibt, das es wert ist, mit der entsprechenden Liebe geschätzt zu werden. Aber kann eine schöne Landschaft oder der Porzellanteller meiner Urgroßmutter mir die gleiche Liebe zurückgeben, die ich ihr schenke? Und was passiert, wenn die ‚Freiheit zu lieben‘ auch die ‚Freiheit zu hassen‘ beinhalten kann bzw. soll?

Wenden wir uns nun einer kleinen Analyse zu, die auf diese Fragen eine Antwort zu finden versucht. Die letzte Frage ist relativ problemlos zu beantworten: Die ‚Freiheit zu lieben‘ schließt die ‚Freiheit  zu hassen‘ (eine Freiheit, die den Namen keineswegs verdient) nicht mit ein, denn ein Mensch kann niemals aus Freiheit hassen, sondern sich nur einem bestimmten Hassimpuls unterwerfen, der ihn dazu bringt, alles Liebenswürdige zu verneinen und damit seine Unfreiheit zu besiegeln. Um jedoch eine angemessene Antwort auf die erste Frage geben zu können, werden die folgenden Ausführungen wohl kaum befriedigen können und damit auch das Unbehagen des Lesers nicht zum Verschwinden bringen. Dennoch möchte ich einen Versuch wagen und in aller Kürze versuchen, drei Formen bzw. Extensionen der Liebe, die zur Beantwortung jener Frage beitragen können, herauszuarbeiten:

1.) Der Mensch kann Dinge lieben, die ihm nicht die gleiche Liebe, die er diesen Dingen schenkt oder geschenkt hat, zurückgeben können.

2.) Damit aber nicht genug: So kann der Mensch als Mensch zusätzlich auch andere Dinge oder sagen wir besser, andere Personen, lieben, die befähigt sind, ihn mit der gleichen Liebe, die er diesen Dingen oder Personen bereits geschenkt hat, zurück zu lieben.

3.) Sogar ist es möglich, dass der Mensch von jemandem mehr Liebe zurückbekommt als er diesem selbst gegeben hat bzw. hätte je schenken können.  

Ziehen wir für unsere kurze Untersuchung nun diese drei eben genannten Dimensionen der menschlichen Liebe heran, so müssen wir auch fragen, welche Rolle die Gemeinschaft, das Wir, für die Entfaltung der Liebe eines Einzelnen spielt? Zunächst gilt es zu bedenken, dass es den isolierten und damit auch „ungeliebten“ Einzelnen gar nicht gibt. Sicherlich kennen wir pathologische Fälle, wo Individuen absichtlich oder unabsichtlich der Gemeinschaft entzogen sind oder dieser entzogen werden; dies sind und bleiben (hoffentlich) Einzelfälle. Normalerweise befinden wir uns als einzelne Menschen in einem Wir-Verband eingebettet und pflegen zu unserer Mit- und Umwelt mehr oder weniger intensive emotionale Beziehungen. Der Grad der Intensität dieser Beziehungen ist dabei jeweils abhängig von der qualitativen Nähe und Distanz, die ich zu Dingen und Personen, die ich wertschätze oder liebe, von vornherein einnehme (z.B. Familienmitglieder) oder in Zukunft einnehmen werde (z.B. neue Bekanntschaften).

Zumeist ist es so, dass Personen in mittelbarer Nähe, d.h. engere Familienmitglieder, die Liebe und Aufmerksamkeit bekommen, die sie als Personen dieser verwandtschaftlichen Entfernung verdienen (vgl. 2.)). Personen in unmittelbarer Nähe (z.B. der oder die geliebte Partner/-in) sollten hingegen analog zur 3. Dimension mehr (Liebe) bekommen als sie verdienen (wenn dies überhaupt möglich ist, weil heutige Fernbeziehungen diese unmittelbare Nähe zwischen den Partner örtlich und qualitativ gar nicht mehr ermöglichen bzw. zulassen). Dieser Anspruch dient unter anderem auch dazu, um sich von der nur mittelbar nahen Gruppe der natürlichen Familienmitglieder zu unterscheiden. Dabei sollte auch der Grad der Reziprozität bzw. das allgemeine Reziprozitätsanforderungsniveau der Liebe (amo ut amas) beim Übergang von Beziehungen in mittelbarer Nähe zu Beziehungen in unmittelbarer Nähe sinken (die Freundschaft bildet hier übrigens einen Schwellenwert, weil sie eine unmittelbare Beziehung aus mittelbarer Nähe darstellt). Dieser Grad sinkt noch weiter, wenn es sich um Beziehungen in unmittelbarer Ferne handelt (z.B. um Beziehungen zu Arbeitskollegen oder zur Bäckerfrau, bei der ich jeden Morgen die Brötchen hole). Hier wäre es meines Erachtens auch verfehlt von genuiner „Liebe“ zu sprechen, wenngleich ich mich auch zu diesen Menschen in unmittelbarer Ferne aufgrund einer latent vorhandenen und situativ instantiierbaren Gattungssolidarität (die sich z.B. durch eine freundliche Geste ausdrücken lässt) „liebend“ verhalten bzw. mich dabei auch als „liebend“ erfahren kann. Übrigens, und das bringt uns wieder zurück zum Thema des Hasses als Gegenbild der Liebe, gibt es keine liebende Beziehung in mittelbarer Ferne (‚mittelbare Ferne‘ wäre hier nur ein anderer Ausdruck für das Nichts), sondern allenfalls könnte hier von Hass als einer negativen Beziehung oder Beziehungslosigkeit im Sinne der Verneinung der Liebe zu mir selbst und anderen die Rede sein. 

Für die abschließende Beantwortung der Frage, inwieweit sich in einem sehr weiten Sinne Liebe auf Gemeinschaft bzw. Gemeinschaft auf Liebe beziehen lässt, würde ich also zur besseren Differenzierung und Exploration dieses Themas genau diese soeben genannten „Entfernungsstufen“ einführen. Beziehungen in unmittelbarer Ferne stehen aufgrund ihrer Unabhängigkeit von natürlichen Zugehörigkeitsrelationen gewissermaßen in direkter Verbindung zu Beziehungen in unmittelbarer Nähe (nur Fremde lernen sich ohne Vorschuss kennen und unmittelbar lieben), wobei sich letztere dadurch auszeichnen, dass sie den größten Konkretions- und den niedrigsten Reziprozitätsgrad aufweisen. Zwangsläufig kann der Adressat einer unmittelbaren Liebe auch nur ein Individuum und nicht ein Kollektiv sein. Dieses geliebte Individuum steht aber nicht jenseits der Gemeinschaft, sondern bleibt stets ein Teil von ihr; als geliebtes Individuum wird es jedoch durch die Person, von der es geliebt wird, aus der Gleichgültigkeit und Anonymität jener Gemeinschaft, zu der es gehört, als geliebtes Du herausgehoben. Bekanntlich kann nach Martin Buber der Mensch nur am Du zum Ich werden, was sicherlich eine schöne Paraphrase der Liebe zwischen zwei Menschen bzw. für deren Entfaltung ist. Nichtsdestoweniger ist jede exklusive Ich-Du-Relation auch weiterhin Teil eines größeren (fremden) Wir, das aber – um Liebe zu sein – nicht mit dem (eigenen) Wir zusammenfallen kann, welches das Ich und das Du als zwei Seiten ihrer gemeinsamen Liebe für sich entdecken und formen. 

 

Über den Autor

Beitrag von Dr. Martin Hähnel, er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie der KU Eichstätt-Ingolstadt.

Zum Thema ist von ihm zuletzt erschienen: Was ist Liebe? Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart (mit Annika Schlitte und René Torkler), Reclam: Ditzingen 2015.