Blogbeitrag von Prof. Dr. Vittorio Hösle

Eine sehr kurze Geschichte der Erotik

Heute hat das Bedürfnis nach erotischer Liebe zugenommen, und zwar durch den Rückgang der religiösen Glaubensüberzeugungen wie auch der nationalistischen Bekenntnisse, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts bemüht hatten, die Religion zu ersetzen.

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Erotische Erwartungen sind nach dem Zusammenbruch religiöser Hemmnisse nicht einfach zu ihrer „natürlichen“ Form zurückgekehrt, denn eine menschliche Natur jenseits ihrer kulturellen Ausgestaltung gibt es nicht, und die Geschichte des menschlichen Geistes wird uns weiterhin begleiten, selbst wenn wir uns von bestimmten Glaubensüberzeugungen lösen. Eine nachchristliche Kultur etwa unterscheidet sich deutlich von einer vorchristlichen, paganen Kultur.

Es ist in keiner Weise überraschend, dass die erste Theorie der erotischen Liebe eine Beziehung betrifft, die weder zur Reproduktion führt, noch Sippen miteinander verbindet: Die griechische Philosophie der Liebe in Platons Dialogen Lysis, Symposion und Phaidros ist primär der männlichen homosexuellen Liebe gewidmet, und noch in Pseudo-Lukians Erotes (Arten der Liebe) wird diese als eine Form der Liebe verteidigt, die der Heterosexualität überlegen sei; auch ein Großteil der erotischen Poesie im antiken Griechenland beschäftigt sich mit männlicher und weiblicher homosexueller Liebe. Dieser Typ der erotischen Liebe konnte leichter seine Autonomie erlangen als eine Liebe, die auf Reproduktion abzielt. Die Bestimmung der Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe, die Frage, ob man eher mit einer ähnlichen oder mit einer anders gearteten Person eine Beziehung eingehen solle, der Gegensatz zwischen Kalkül und Leidenschaft, die angeblichen Vorteile einer sexuellen Beziehung ohne Liebe und die Verwandlung der erotischen Begierde in einen Aufstieg des Geistes sind einige der Themen, die in Platons Dialogen diskutiert werden.

Eines der relativ wenigen Gebiete, auf dem die römische Kultur gegenüber den Griechen tatsächlich innovativ war, ist die Ausrichtung ihrer erotischen Poesie auf heterosexuelle Liebe, die in Plutarchs Erotikos (Gespräch über die Liebe) als die überlegene Form der Liebe vorgestellt wird. Die hohe Wertschätzung der Römer für die Institution Familie und der gesellschaftliche und rechtliche Status von Frauen aus der Oberschicht in der späten Republik erklären diesen Wandel.

Das Christentum leitete eine sexuelle Revolution ein, und zwar durch seine Verurteilung von Geschlechtsakten außerhalb der Ehe, die zum unauflöslichen Sakrament wird, was der Entfaltung der Erotik enge Grenzen setzt. Dennoch führte die höfische Liebe des hohen Mittelalters, die in Südfrankreich teilweise unter dem Einfluss Ovids entstand, zu einer neuen Idealisierung von Frauen, die der gesamten antiken Welt wie auch dem frühen Mittelalter unbekannt gewesen war. Das erotische Ideal der Ritterlichkeit ist asymmetrisch: Die reale Macht liegt bei Männern, doch diese müssen sie nutzen, um Frauen zu dienen und sie zu beschützen; so werden die Männer durch Frauen zu edlen Taten inspiriert.

Sowohl Rousseaus neue Sensibilität als auch ein metaphysisches Vakuum, das sich aus der langsamen Auflösung des traditionellen Christentums ergab, trugen zum Aufstieg der Romantik bei; Liebe wird hier einerseits als ein Mittel wahrgenommen, um den Weltschmerz der religiösen Verzweiflung zu überwinden, selbst wenn ihre gewöhnliche Entfaltung andererseits das Leiden bedeutend vergrößert.

Heute hat das Bedürfnis nach erotischer Liebe zugenommen, und zwar durch den Rückgang der religiösen Glaubensüberzeugungen wie auch der nationalistischen Bekenntnisse, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts bemüht hatten, die Religion zu ersetzen. Die unauslöschliche Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, die jene Vereinigungen transzendiert, die sich auf Eigennutz gründen, scheint sich nur in der Erotik befriedigen zu lassen; gleichzeitig aber unterminiert die Verbreitung eines naturalistischen Weltbilds die Möglichkeit, ernsthaft an eine solche Gemeinschaft zu glauben, auf die wir so dringend angewiesen sind. Die Spannung zwischen überzogenen Erwartungen an die Liebe, die manchmal sogar ersetzen soll, was das Vertrauen in Gott für traditionelle Kulturen leistete (eine ziemlich einschüchternde Aufgabe), und die „wissenschaftliche“ Überzeugung, dass Eros und Liebe nichts anderes als Deckmäntelchen sexueller Triebe seien, ist der gemeinsame Hintergrund vieler Entwicklungen, die heute in der westlichen Erotik stattfinden. Die eloquenteste Verteidigung einer traditionellen Metaphysik und Ethik der Liebe – sicherlich ein umfassenderer Begriff als derjenige der erotischen Liebe, ohne dessen Klärung jedoch die erotische Liebe sich kaum als eine Form von Liebe begreifen lässt – verdanken wir meines Erachtens dem katholischen phänomenologischen Philosophen Max Scheler. Sein Buch Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe und Hass (1913) unterscheidet die Liebe scharf von Sympathie und interpretiert sie als eine Wahrnehmung von Werten.

Beginnend mit Arthur Schopenhauer und gipfelnd bei Sigmund Freud begannen Philosophen, Wissenschaftler und Künstler die Bedeutung sexueller Begierde für zahlreiche Gebiete der menschlichen Kultur wahrzunehmen; nach der Darwin’schen Revolution ließ sich unschwer begreifen, weshalb ein Verhalten, das auf Reproduktion zielt, so durchsetzungsstark ist und sich über andere Bedenken, wie etwa moralische, hinwegsetzt. Mit diesen neuen Einsichten nahm das Bedürfnis zu, Sexualität zu diskutieren und darzustellen; darunter litt der Anstand, doch nicht weniger das Geheimnis, das erheblich zur Aura des Erotischen beitrug, das nunmehr wie ein bloßer Überbau einer tierischen Begierde wirkt. In vielerlei Hinsicht erlebte das 20. Jahrhundert eine Umkehr jener sexuellen Revolution, die das frühe Christentum bewirkt hatte, wozu auch die Rehabilitierung homosexueller Beziehungen zählt, die zur Selbstverständlichkeit wird, sobald die Sexualität nicht länger der Reproduktion dient.

Doch der menschliche Geist kennt keine vollständige Rückkehr zu früheren Entwicklungsstufen. Ovid glaubte noch an göttliche Mächte, die sich in der erotischen Begierde offenbarten; der Niedergang des christlichen Gottes hat sie nicht zu neuem Leben erweckt. Frauen waren in der vormodernen Welt den Männern weitestgehend schutzlos ausgeliefert; dagegen ist gleiche Freiheit das vorherrschende, wenn nicht das einzige moralische Prinzip unserer Epoche. Doch die Ethik der Authentizität und die zunehmende Konzentration auf den eigenen besonderen Wert lassen sich nicht leicht befriedigen, wenn erotischen Bedürfnissen dieselbe Bedeutung zugeschrieben wird wie dem Bedürfnis nach Nahrung, um das sich eine sozialstaatliche Bürokratie kümmern kann: Denn hinter dem Aufstieg der modernen Technologie verbirgt sich der Wunsch, Kontrolle auszuüben; doch dieser Wunsch steht in krassem Widerspruch zur erotischen Begierde, zu der ein Kontrollverlust notwendig hinzugehört, und zwar in oberflächlicher Weise beim Geschlechtsakt und in einer tieferen Form, wenn die eigene Autonomie von der Liebe eines anderen abhängt und dadurch verwundbar wird; auch Techniken, die die Auflösung der Selbstkontrolle in begrenzten Raum- und Zeitintervallen erfahrbar machen, lösen dieses Problem nicht. Die Spannung zwischen dem Spiel der Verführung, durch das eine andere Person angelockt und dem eigenen Willen unterworfen wird, und dem Bedürfnis nach symmetrischer Liebe mit unbedingtem Vertrauen, und daher zwangsläufig auch mit unbedingten Verpflichtungen, ist ohne Zweifel älter als die Moderne. Doch die Tatsache, dass Verführung moralisch weniger tadelnswert geworden ist, da sie von beiden Geschlechtern ausgehen kann, und dass eine Institution, die dieses Vertrauen sicherstellt, mehr oder weniger verschwunden ist (denn die moderne Ehe bleibt unsicher durch das beständige Risiko der Ehescheidung), erschwert das Happy End der traditionellen Komödie.

 

Dieser Text stellt einen gekürzten Auszug dar des Unterkapitels Eine sehr kurze Geschichte der Erotik aus dem demnächst im Wilhelm Fink Verlag erscheinenenden Buch Éric Rohmer. Einführung in seine Filme und Filmästhetik, übersetzt aus dem Englischen von Felix Rohls. Der Textauszug erscheint mit freundlicher Genehmigung des Wilhelm Fink Verlags und des Autors.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Vittorio Hösle, er wurde 1960 in Mailand geboren und studierte Philosophie, Wissenschaftsgeschichte, Gräzistik und Indologie an den Universitäten Regensburg, Tübingen, Bochum und Freiburg. Nach Promotion (1982) und Habilitation (1986) in Tübingen im Fach Philosophie war er Professor an der New School for Social Research in New York, in Essen, Hannover und seit 1999 an der University of Notre Dame für deutsche Literatur, Philosophie und Politikwissenschaft.