Blogbeitrag von Prof. Dr. Johannes Heinrichs

Die Binde- und Sprengkraft namens Liebe

Liebe begründet Gemeinschaft als kommunikative wie auch als spirituelle Gemeinschaft, untergründiger auch durch sexuelles Begehren und erotische Anziehungskraft im geselligen Umgang.

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Wo von „Liebe“ philosophisch die Rede ist, sollten die zueinander spannungsreiche Ebenen dieses vieldeutigen Wortes unterschieden werden. Erst recht, wenn man das Verhältnis von Liebe und Gemeinschaft bedenken will.

Plato hatte Liebe als Streben nach Einheit, nach Wiedervereinigung der getrennten Individuen, verstanden. Allerdings hat er nicht die Ebenen dieses Einheitsstrebens unterschieden. Für ihn nahm Eros die zentrale Stellung ein, auch wenn er zugleich die Philia, die Freundschaftsliebe, namhaft machte.[1] Mein Lehrer bei den Jesuiten, Johannes B. Lotz, unterschied aus der Tradition heraus: Eros – Philia – Agape.[2] Letztere ist der frühchristliche Ausdruck für die spirituell motivierte Liebe.  Einzig bei dem Philosophen-Theologen Paul Tillich fand ich die phänomenologische Unterscheidung einer Vierheit, indem er zusätzlich Eros von Sexus, sexuellem Begehren, unterschied.[3]

Es ist aber für unsere heutigen Verständigungsansprüche wichtig, das Prinzip zu erkennen, wonach alle diese Stufen eine Einheit bilden und wonach sie unterschieden sind. Dieses Prinzip der Einheit und Unterscheidung der Liebesstufen zugleich bildet nach meiner Einsicht die interpersonale, gelebte Reflexion: die wechselseitige Spiegelung des Einen im Anderen. Die Spiegelung ist gestuft, und diese Reflexions-Stufung hat überragende Bedeutung für die Analyse der großen Gesellschaft[4], aber eben auch für die Liebesgemeinschaft auf jeder Ebene, von der Zweierbeziehung bis Volksgemeinschaft (heute als Kulturgemeinschaft, nicht mehr als Abstammungsgemeinschaft zu verstehen)[5].

Bei sorgfältiger gedanklicher Rekonstruktion (einem Hin und Her von Erfahrung und Begriff) ergeben sich die folgenden aufeinander aufbauenden Reflexions-Stufen der Liebe, wobei diese durchgehend „nur“ als verschiedene Formen der platonischen Wiedervereinigung der getrennten Individuen verstanden werden.

  1. Die Sexualität sucht das Erlebnis der Einheit im Körperlichen, in der Körperwelt, die uns alle verbindet. Dieses Zurück aus der Vereinzelung in die ursprüngliche körperliche Einheit aller ist alles andere als ausschließlich, wenngleich gerade sie im Kulturprozess zunehmend als exklusiv betrachtet wurde. Doch rein sexuell würden die meisten Frauen und Männer zusammenpassen, mag auch die Lust dazu sehr verschiedene Grade haben – und mag auch nicht die körperliche Einheit überhaupt, sondern die Symbolisierung des Körperganzen durch bestimmte Geschlechtsorgane dabei eine entscheidende Rolle spielen. Woher kommt aber eigentlich die Exklusivität des Sex? Sie erklärt sich aus der Verbindung mit den folgenden Liebesebenen.
  2. Der Eros spiegelt den Anderen vorstellungsmäßig. Er hat es mit dem schönen Schein zu tun: mit dem schönen Anblick des Anderen und dem tänzelnden, flirtenden Miteinander. Der so verstandene Eros setzt zwar, mehr oder weniger unbewusst, die Vorstellung der sexuellen Einheit voraus, doch er negiert sie, indem er sie zugleich spielerisch bewahrt und auf eine andere Ebene hebt, eben auf die Vorstellungsebene: „Aufhebung“ im hegelschen Sinne von Bewahrung (1), Negation, also Abweisung (2), und höherer Realisierung (3) als Einheit der Beteiligten in der Vorstellung, der gegenseitigen Spiegelung. Die Gesellschaftswelt als Spiegelkabinett der schönen Individuen, die aber - im Allgemeinen - Abstand halten voneinander, somit von der sexuellen Berührung und Vereinigung. Die mögliche Grenzüberschreitung zwischen Eros und Sexus bildet dabei das höchst prickelnde Grundthema.
  3. Die Liebe als Philia wurde zu einseitig und zweideutig mit „Freundschaftsliebe“ übersetzt. Sie ist die kommunikative Liebe. Während der Andere im Eros nur je subjektiv gespiegelt (reflektiert) wird, besteht die Philia aus kommunikativen Beziehungen. Kommunikation ist wechselseitige und doppelte Reflexion: Ich spiegele den Anderen nicht einseitig für meine Schaulust oder strategischen Zwecke und werde auch nicht bloß auf dieser Ebene von ihm gespiegelt. Wir tauchen vielmehr in eine tiefere, inhaltliche Gegenseitigkeit des Blicks ein. Während der Sex für sich allein nur den jeweiligen Egoismus der Triebe befriedigen würde und während der Eros im Grunde nur Narzissmus wäre, also das subjektive Kreisen um sich selbst nach dem Muster der mythischen Figur des Narziss, der selbstverliebt in sein eigenes Spiegelbild im Wasser stürzte, geht es in der kommunikativen Liebe um eine tiefere Gegenseitigkeit: Ich schaue den anderen an als einen, der sich in der anspruchsvollen Erwartung auf mich bezieht, dass ich mich meinerseits gleichermaßen auf ihn und seine Erwartungen und Wünsche, beziehe. Wir bauen so einen gemeinsamen Sinn mit Inhalten auf, ein Zwischen der Verständigung, der Annahme, des Vertrauens, der Verlässlichkeit – des Wir einer Gemeinschaft. Wobei die genannten Qualitäten der Gegenseitigkeit für die Liebe wesentlicher sind als die anderen Inhalte der Kommunikation. Die anderen Inhalte (Lebensunterhalt, Haus und Hof, persönliche Entwicklung betreffend bis hin zu Bildungsinhalten) spielen zwar für kommunikative Gemeinschaften, ob für Familien oder sonstige Gruppen auch eine mehr oder weniger große Rolle. Doch die kommunikative und damit auch emotionale Zuwendung ist die eigentlich gemeinschaftsbildende Form der Liebe, grundlegend für alles freundschaftliche Miteinander und für alle verwandtschaftlichen Beziehungen, von der frühesten Mutter-Kind-Beziehung angefangen (die freilich auch aus einer körperlichen, wenngleich nicht sexuellen Einheit herausgewachsen ist). Deshalb wird diese kommunikative Liebe durch alle Machtansprüche, bewussten Unwahrheiten und unbewussten Verdrängungen so empfindlich gestört, dass sie leicht ins Gegenteil, in Hass, umschlagen kann.  
  4. Die kommunikative Liebe hat aber meta-kommunikative Voraussetzungen, die wir nicht alle selbst aus der Zweierbeziehung oder der Gruppe heraus selbst schaffen können. Selbst wenn wir uns einer gemeinsamen Sprache bedienen, die ursprünglich auch einmal im Miteinander geschaffen und überliefert wurde, so hat dieses wichtige Medium der Sprache ein umfassenderes Medium von Sinn-überhaupt zur Bedingung der Möglichkeit. Wir begegnen uns in dieser Offenheit von Sinn-überhaupt, der weit über den genormten Sprachsinn hinausgeht. Es ist eine unendliche und unbedingte Offenheit. Dieser unbedingte Sinn ist Voraussetzung für alle Ethik, für alle Verantwortung. Spiritualität bedeutet nichts anderes als die Art, mit diesem (göttlich) Unbedingten umzugehen. So kommt es zu spirituellen Formen der Liebe: unbedingte Sorge und Verantwortung für den Anderen, auch wo es keine Lust bereitet. Agape war antike und frühchristliche Bezeichnung für diese Liebe zum Anderen „um Gottes willen“. Das Zusammensein im Zeichen und Namen des göttlich Unbedingten ist spirituelle Gemeinschaft. Alle menschlichen Gemeinschaften hatten und haben auch eine spirituelle, religiöse Komponente. Man meinte in exklusiv religiösen und klösterlichen Gemeinschaften, auf die vorhergehenden Liebeskomponenten, teilweise selbst auf die volle Kommunikation, verzichten zu können, zugunsten einer rein spirituellen Liebe als „Brüder- oder Schwestern im Herrn“, was allzu oft daneben ging.

Dass in großen, staatlichen Gesellschaften die religiöse Gemeinschaftlichkeit sowie von der kulturellen Gemeinschaft (dem Produkt der zwischenmenschlichen Kommunikation) und erst recht von der Politik (dem Produkt der je individuellen Interessenverfolgung und rechtlichen Abgrenzung) unterschieden wurde, war ein langer historischer Prozess.

Die Unbedingtheitskomponente der Liebe zeigt sich indessen nicht nur als Verantwortung füreinander und als Verbundenheit in spirituellen Werten, sondern auch - als Leidenschaft. Leidenschaftliche Liebe ist die „kurzschlüssige“ Verbindung der zuvor genannten Ebenen von Liebe mit dieser dem Menschen innewohnenden Unbedingtheitskomponente: leidenschaftliches sexuelles Begehren und Eifersucht, leidenschaftliche Verehrung eines schönen Stars, leidenschaftlicher Einsatz für eine kulturelle Gemeinschaft, eine Nation usw.

Fazit: Liebe begründet Gemeinschaft als kommunikative wie auch als spirituelle Gemeinschaft, untergründiger auch durch sexuelles Begehren und erotische Anziehungskraft im geselligen Umgang. Doch sie kann als Leidenschaft und damit verbundene Eifersucht (über deren teilweise Berechtigung hier nicht diskutiert werden kann) sowie als Fanatismus (als pseudoreligiös aufgeladener Nationalismus) ebenso alle Gemeinschaft sprengen. Liebe ist die gewaltige Energie, die Gemeinschaften ebenso elementar und vielfältig zu begründen wie zu sprengen vermag. Faszinierende Substanz aller Gemeinschaft wie ihr möglicher Sprengstoff durch Misslingen oder Missbrauch. Mit dieser Energie umzugehen, lernen wir nicht durch Friede–Freude-Eierkuchen-Sprüche. Eher durch gefühlsgetränkte Einsicht.

 



[1] Platon, Dialog Symposion (Das Gastmahl).

[2] Johannes B. Lotz, Die Stufen der Liebe. Eros – Philia – Agape, Frankfurt/M. 1971.

[3] Paul Tillich, Liebe, Macht, Gerechtigkeit, in: G.W. 11, Stuttgart 1969 (Love, Power, and Justice, 1954).

[4] Johannes Heinrichs, Reflexion als soziales System. Zu einer Reflexions-Systemtheorie der Gesellschaft, Bonn 1976 = Logik des Sozialen, Woraus Gesellschaft entsteht, Varna – München 2005. - Die Konsequenzen für eine   viergegliederte Wertstufendemokratie werden dargelegt in: Revolution der Demokratie, Sankt Augustin 22014.

[5] Ders., Die Liebe buchstabieren. Das große ABC für Erlebnis- und Denkfreudige, Weinheim 21994 (derzeit vergriffen), bes. die Stichworte „Ebenen/Stufen der Liebe“ sowie der zusammenfassende Essay „Liebe und Leidenschaft“, 243-273.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Johannes Heinrichs, er ist Professor für Philosophie und Sozialökologie, lehrte ab 1975 Sozialphilosophie an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt/M. Seine damals schon entwickelte Reflexions-Systemtheorie war aus einem dialogischen Beziehungsdenken hervorgegangen. Seit Verzicht auf diese Professur wirkte er hauptsächlich als Forschungsbeauftragter und Schriftsteller. Von 1998 bis 2002 lehrte er Sozialökologie an der Humboldt-Universität zu Berlin als Nachfolger Rudolf Bahros.

 

Die thematisch einschlägigsten von ca. 35 Büchern: Die Liebe buchstabieren, 1994; Logik des Sozialen, 2005; Revolution der Demokratie, 2014; Revolution aus Geist und Liebe. Hölderlins Hyperion duchgängig kommentiert, 2007; Integrale Philosophie 2014; Gastfreundschaft der Kulturen, 2017.

www.johannesheinrichs.de