Blogbeitrag vom 22. Januar 2016

Was ist der Mensch? Ein philosophischer Grundbegriff

In der 1781 erstmals publizierten „Kritik der reinen Vernunft“ (KrV) schreibt Kant: „Alles Interesse meiner Vernunft (das spekulative sowohl, als das praktische) vereinigt sich in folgenden Fragen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen?“ (KrV A 804/B 832–A 805/B 833).

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Nach dem 1800 von Gottlob Benjamin Jäsche (1762–1842) herausgegebenen Handbuch „Immanuel Kants Logik/ein Handbuch zu Vorlesungen“ beziehen sich diese drei Fragen auf die einzige Frage „Was ist der Mensch?“.

 

Diese durch Kant prominent gewordene Frage wurde und wird im deutschen Sprachbereich performativ als bildungsbürgerlicher Ausdruck der Melancholie verwendet. So schrieb Gottfried Benn (1886–1956) in seinem Gedicht „Melancholie“: „Was ist der Mensch – die Nacht vielleicht geschlafen, / doch vom Rasieren wieder schon so müd, / noch eh ihn Post und Telefone trafen, / ist die Substanz schon leer und ausgeglüht.“ Als Ausdruck der Nichtigkeit des Menschen erscheint diese Frage bereits in den Psalmen: „Was ist der Mensch, dass du sein/ Und des Menschen Kind, gedenkest, /Dass du dich sein annimmst?“ (8, 5, übers. M. Luther).

Allerdings ist und bleibt die Frage auch eine eminent philosophische. In der Tat lautet in der westlichen Philosophie die erste Bestimmung des Menschen wie folgt: „Mensch ist, was wir alle kennen“ (Demokrit, um 460–370 v. Chr., nach Sextus Empiricus, Grundzüge der Pyrrhonischen Skepsis, 5, 23). Freilich besagt diese Definition nur, dass wir in einem Einzelfall einen Menschen von einem anderen Sinnenwesen („zôon“) – einer Pflanze oder einem Tier, etwa einem Menschenaffen oder sogenannten „hominoiden“ Wesen – unterscheiden können. Wir sagen beispielsweise: „Dies ist ein Mensch, dies ein Orang-Utan, dies ein Gorilla usw.“, und es unterlaufen uns diesbezüglich – wenigstens in der Regel – keine Verwechslungen. Wir können einen Menschen aber auch von einem „homininen“ Wesen, etwa einem Neandertaler, unterscheiden, ungeachtet der Behauptung Oswald Spenglers: „Den ‚Neandertaler‘ sieht man in jeder Volksversammlung“ (Der Mensch und die Technik, München 1931, S. 26). Allerdings setzte er den Ausdruck „Neandertaler“ hier in Anführungszeichen.  

Die philosophische Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“ gibt nun die philosophische Anthropologie. Sie ist eine Subdisziplin der Philosophie. Ihr Gegenstand oder „Materialobjekt“ ist der Mensch, ihr Gesichtspunkt oder „Formalobjekt“ der Mensch in allgemeiner Hinsicht oder der Mensch als Mensch. Damit unterscheidet sie sich von der biologischen Anthropologie, der Kulturanthropologie, der theologischen und anderen Anthropologien, deren „Formalobjekt“ der Mensch als biologisches, kulturelles oder religiöses Wesen ist. Gegenüber diesen spezialisierten Anthropologien zielt die philosophische Anthropologie auf das Wesen des Menschen im Allgemeinen oder den Menschen als Menschen.  

Drei Wesensbestimmungen könnten dabei das traditionelle westliche Menschenbild charakterisieren:

  • Der Mensch ist ein vernünftiges Lebewesen, griechisch zôon logon echon, lateinisch animal rationale.
  • Der Mensch ist nach dem Abbild Gottes geschaffen.
  • Der Mensch ist in der Mitte des Universums und Schöpfer und Bildner seiner selbst (plastes et fictor sui ipsius).

  Zwischen diesen Bestimmungen besteht ein Zusammenhang, wobei die Fähigkeit der Vernunft, Gründe zu geben, das vermittelnde Moment ist. Die Fähigkeit meiner Vernunft, Gründe zu geben, macht mich nämlich in gewissem Sinne zum Abbild Gottes, denn Gründe − wenn es denn solche sind − sind selbstverursacht oder selbstbestimmt, und ich kann durch diese Fähigkeit – ähnlich wie Gott – Wunder wirken, d. h. hier etwas aus Nichts schaffen oder bin sozusagen „Schöpfer und Bildner“ meiner selbst oder eben frei.  

Dieses Menschenbild wurde und wird jedoch zunehmend kritisiert. Erwähnenswert sind insbesondere die Kritik des Kopernikus, Darwins und die Kritik Freuds, hier sehr knapp zusammengefasst:

  • Nach Kopernikus ist der Mensch nicht in die Mitte des Universums gestellt.
  • Darwin konstruiert in einem „langen Argument“, wie eine bestimmte natürliche Art A eine bestimmte Eigenschaft E erhalten hat. Da nun auch der Mensch eine natürliche Art ist, so ergibt sich die Vermutung, dass auch er nicht in einem separaten Schöpfungsakt erschaffen worden ist, sondern sich aus „niedrigeren“, so genannten „hominoiden“ und „homininen“ Wesen entwickelt hat. Die darwinsche Kritik versucht, den Menschen in die Natur einzuordnen oder zu naturalisieren.
  • Freud ist zwar nicht der Entdecker des Unbewussten oder von dessen Wirkung. Doch Freud akzentuiert dessen Bedeutung neu und entwickelt eine bestimmte Theorie der Wirkung des Bewusstseins, nämlich die Verdrängungslehre: Danach sollen die einzelnen „hysterischen“ Symptome durch Erweckung der Erinnerung an den veranlassenden traumatischen Vorgang im Verlauf einer „Redekur“ verschwinden. Infolge der Wirkung des Unbewussten auf den Menschen ist der Mensch aber sicher nicht mehr „Schöpfer und Bildner“ seiner selbst.

  Doch ergeben sich nicht nur Einwände gegen die drei klassischen Definitionen des Menschen, sondern auch Einwände gegen diese Einwände, d. h. eine Kritik der Kritik oder eine Metakritik:

  • Zum einen ist der Darwinismus grundsätzlich mit dem Kreationismus vereinbar, insofern Gott auch „Urtypen“ geschaffen haben könnte, die sich dann nach dem Grundgesetz des Darwinismus entwickelt haben. Dies ist zwar ein spekulativer Gedanke, kann aber andererseits auch nicht leicht widerlegt werden. Insbesondere aber steht der Darwinismus nicht im Widerspruch zum Kreationismus, insofern dieser auf eine letzte Ursache abzielt, der Darwinismus aber keine Letztursache im Sinne einer letzten Wirkursache für die Entstehung des Lebens abzugeben beansprucht.
  • Freuds „Verdrängungslehre“ aber kann schwerlich als wissenschaftliche Theorie gelten. Das „harte“ Kriterium einer wissenschaftlichen Theorie ist nämlich, dass sie deterministische oder strikte Gesetze aufstellen kann, aus denen sich Vorhersagen ableiten lassen wie z. B. in der Astronomie. Im Verhältnis dazu gibt der Darwinismus nur probabilistische Gesetze (Wahrscheinlichkeitsgesetze), die jedoch zusammen „mehr als eine Hypothese“, nämlich ein etabliertes Forschungsprogramm bilden. Die Verdrängungslehre dagegen liefert überhaupt keine strikten deterministischen und wohl auch keine probabilistischen Gesetze. Es ist also keineswegs erwiesen, ob eine Verdrängung überhaupt pathogene Folgen hat und entsprechende Symptome nach sich zieht.

  Daraus ergibt sich die Folgerung: Ungeachtet der Begünstigung einer Naturalisierung des Menschen durch den Darwinismus und die Psychoanalyse kann die Auffassung des Menschen als blosses Naturwesen zumindest nicht vollständig überzeugen. Worin besteht nun die anthropologische Differenz, d. h. die Differenz des Menschen als Menschen vom Tier, wenn er nicht völlig naturalisiert werden kann? Die Antwort liegt wesentlich in dem, was das Wort „logos“ bedeutet, wenn denn der Mensch das Wesen ist, das Logos hat. Doch das ist Thema für einen anderen Blog.