PhilosophInnen in der Schweiz

Helena Mettler: Leiterin der Kulturfachstelle der Stadt Chur

Lernen Sie die Philosophinnen und Philosophen in der Schweiz kennen. Im Interview bringen wir Ihnen monatlich eine Persönlichkeit näher.

Philosophie.ch: Was gehört zu Ihren jetzigen Hauptaufgaben im Berufsalltag und begegnen Ihnen dabei auch philosophische Fragen?

Helena Mettler: Ganz spontan ein grosses Ja. Als Kulturbeauftragte bin ich mit dem Lesen vieler Schriften und Dokumente beauftragt. Gesuche werden gesichtet, es gilt Verhandlungen zu führen, kulturelle Anlässe zu beurteilen und die Qualität, beispielsweise von geplanten Theater- oder literarischen Produktionen einzuschätzen. Dabei stellt die Fähigkeit, einen Text schnell zu erfassen, eine Kernkompetenz dar, welche ein*e Philosoph*in erlernt hat. Im politischen Kontext meiner Arbeit geht es ums Argumentieren, was ja als Königsdisziplin der Philosophie gilt. In meinem Berufsalltag zählt also weniger das philosophische Wissen, als vielmehr die Arbeitsmethode.

 

Philosophie.ch: Welche Rolle hat die Philosophie in der Gesellschaft und welche sollte sie haben?

Helena Mettler: Für mich ist Philosophie eine ganz wichtige Metawissenschaft. Eine Wissenschaft, die sich mit anderen Wissenschaften befasst, ist gerade in der heutigen Zeit essentiell für den Fortschritt, beispielsweise wenn sich die Frage stellt, ob man Klonen soll. Auch ein Beispiel wären Genderformulierungen, wo genau hingeschaut werden sollte, da sich meines Erachtens nicht leugnen lässt, dass die Sprache unser Denken massgeblich beeinflusst. Ein vertieftes Nachdenken über solcherlei Fragen ist absolut gefordert, fehlt aber immer wieder in Zeitungsartikeln. So liest man dort auch mal Formulierungen wie „das Hirn macht“, obschon nur Subjekte bewusst Entscheidungen treffen können. Im ersten Moment klingen solche Formulierungen vielleicht schlüssig, sind es ist es keineswegs. Da sind die kritischen Philosoph*innen gefragt.

Dass ein gesellschaftliches Bedürfnis nach dem philosophischen Adlerblick besteht, erkennt man auch daran, dass jeder zweite Vortrag mit einem philosophischen Zitat begonnen wird. Ist dies nicht Ausdruck davon, dass der Wunsch nach Stellungnahmen der Philosophie zu gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen zu Gunsten von qualifizierten Debatten latent ist?

 

Philosophie.ch: Was halten Sie von den Aussagen, dass das Philosophiestudium in die Brotlosigkeit führen wird oder, dass PhilosophieabsolventInnen «nichts Richtiges» können?

Helena Mettler: Ich habe da eine zweigeteilte Meinung. Zur einen Seite hatte ich, weil die Philosophie bei mir der zweite Bildungsweg war, immer schon ein Auskommen. Und entsprechend mutig fand ich die Leute frisch von der Matura kommend, weil es ja keine für Philosophieabsolvent*Innen ausgeschriebenen Stellen gibt. Es ist zwar mutig, Geisteswissenschaften zu studieren, aber es ist doch nicht so, dass man nachher keine Stelle finden kann. Ich würde daher niemandem abraten, Philosophie zu studieren, auch weil ich der Meinung bin, dass es auch mehr Philosoph*Innen braucht. Auf der anderen Seite hatte ich während meines Studiums keinen einzigen Mitstudierenden, der nicht gearbeitet hätte. Ob im Journalismus, an der Uni, in der Verwaltung oder in einem Museum - alle gingen einer Arbeit nach. Die „Berufserfahrung“, welche man während dem Studium sammelt, ist aus meiner Sicht enorm wichtig.

Das heisst: Brotlos ist es nicht, aber es ist ein Frust: Wenn man Karriere macht, weiss niemand wieso. Da sagt dann niemand, das ist, weil du Philosophin bist!

 

Philosophie.ch: Was würden Sie den PhilosophInnen für den Berufseinstieg raten?

Helena Mettler: Früh anfangen zu arbeiten und während dem Studium das machen, was euch gefällt und interessiert oder etwas Unbekanntes ausprobieren. Hinsichtlich Bewerbungsgesprächen kann ich nur sagen: Wenn man mal da ist, hält man den Joker in den Händen mit den Qualifikationen; Denn dann kann man argumentieren und zeigen, welche Skills man mitbringt. Weil die meisten Leute keine Ahnung haben davon, das Philosophie harte Arbeit ist und verschiedene Methoden umfasst, kann man das Gegenüber positiv überraschen. Aber auch im Bewerbungsschreiben würde ich darauf eingehen, dass die erlernte Technik relevant ist und nicht nur das erlangte Wissen.

 

Philosophie.ch: Was hat Ihnen die vertiefte Auseinandersetzung mit der Philosophie gebracht? Inwiefern war diese Auseinandersetzung nützlich?

Helena Mettler: Das klingt jetzt wohl etwas kitschig, aber: Ich bin ein besserer Mensch geworden oder zumindest eine bessere Version von mir selbst. Wenn man sich mit Schriften befasst, die schon alt sind und sich verschiedene Meinungen anhört, wird man dadurch differenzierter. Man lernt konstruktive Kritik zu üben und wird dadurch gerechter und fairer bei der Beurteilung anderer Leute und von sich selbst.

Ausserdem habe ich gelernt, dass jedes Problem das ich habe, jemand anders vorher wahrscheinlich auch schon einmal hatte. Dann kann ich nach Literatur suchen und jedes Problem lösen: Egal, ob es um Liebeskummer geht oder um abstrakte Gedanken. Die Philosophie hat mein Leben vereinfacht, weil ich nicht mehr alles selber rausfinden muss. Ich habe gewissermassen eine Betriebsanleitung fürs Leben gefunden.