Ein Beitrag von H.H.J. Luediger

Zeitsplitter (3)

Schwaches Denken und das Ende der Geschichte

Die Vernunftkritik des 20. Jahrhunderts versteht sich als Kritik der Zweckrationalität und Verdinglichung, ohne sich darüber klar zu werden, daß sie damit eben nicht die zeit-lose Vernunft (Rationalität), sondern ihre dynamisierte Form - die Logik - angreift. Sie versteht deshalb auch nicht, daß beide, Technologisierung einerseits und die sozio-politische Zertrümmerung aller Universalien andererseits, im wollenden Gestalten der Zukunft ihre gemeinsame Wurzel haben. Die Vernunftkritik ist daher wesentlich Sozialtechnologie und selbst unvernünftig. Habermas erkennt zwar diese Selbstbezüglichkeit der Vernunftkritik, der Weg zurück zur Vernunft ist ihm aber ideologisch (metaphysisch) versperrt. Im Glauben an die 'Machbarkeit' von Sprache geht er den einzig offenen Weg und dockt sein Denken bewußt oder unbewußt an die Pessimistische Induktion der modernen Logik-Physik und Zweckrationalität an, d.h., an das Diktum, daß wissenschaftliche 'Wahrheit' ein fließender gesellschaftlicher Konsens ist, eine bloß temporär vorherrschende beste Meinung, die ständig neu verhandelt werden muß. Seine Theorie des kommunikativen Handelns - der gewaltfreie Diskurs - zieht sich konsequent auf die Bedingungen der Verhandlung zurück und senkt damit die Wahrheitsschwelle auf das logisch Verhandelbare ab. Diese vielleicht größte Kapitulation vor Vernunft und Wahrheit hat nicht nur die Wissenschaftsskepsis extrem befördert, sondern auch den folgenden Zerfall von Sprache und Gesellschaft in eine Vielzahl von konsensgedrungenen aber integrationsunfähigen Ich-will-Strukturen. Obwohl die Saat dieser allgemeinen (Links- wie Neo-) Liberalisierung schon in den Studentenkrawallen der 1960er und 70er angelegt war, kam sie erst nach dem Marsch durch die Institutionen (etwa ab der Jahrtausendwende) in der Auflösung der Kernfamilie, der Volksparteien, Gewerkschaften, Kunst, Medien, Kirchen, etc. zur vollen Entfaltung. Die praktischen Konsequenzen der Liberalisierung (Entgrenzung) aller Lebensbereiche, d.h. ihr zerstörerischer Einfluß auf die Sprache, waren daher weder Vattimo, der heute wieder mehr dem Marxismus zuneigt, noch Fukuyama bekannt, der das Scheitern seiner Theorie vornehmlich dem Linksliberalismus in die Schuhe schiebt.

 

Unbegrenztes Wachstum scheitert weder an gutem Willen, natürlichen Ressourcen noch an Finanzmitteln. Es scheitert ultimativ an der Sprache, die - um über Heidegger hinauszugehen - die Festung des Seins ist. Liberalismus, als partikulare Vorteilsnahme durch Konventionsbruch, wirkt von multiplen Zentren her, die sich anderen solchen Zentren aber nicht erschließen und diese sogar in ihrer Existenz angreifen. Der Habermas'sche Konsens dient zwar der momentanen Befriedung der involvierten Zentren, verdeckt aber nur die basale Unvereinbarkeit ihrer logischen Positionen und führt so zu gesellschaftlicher Dysfunktionalität, die, entgegen Habermas', Rortys oder Vattimos Annahmen, nicht durch Solidarität, Tolerierung oder Empathie behoben werden kann. Im Gegenteil, der semantische Konsens (anders als der numerische Kompromiss) bleibt sprachlich unverdaubar und hinterläßt langfristig nur eins: Verlierer. Er kann nicht in die Sprache eindringen und führt mit der Zeit zum ihrem und dem Auseinanderfallen der Gesellschaft, insbesondere wenn Partikularansprüche (Werte) rechtlich verbrieft werden. Heute, nach der retardierten flower-power Umwertung aller Werte, funktioniert fast nichts mehr ohne die exzessive Algorithmik normativer Substitute einst trivial-natürlicher Vorgänge. Sprache ist aber kein Konglomerat grammatikalisch korrekter und logisch argumentierbarer Sätze, sondern ein System, wenn auch kein affirmativ definierbares. Der Liberalismus hat dieses System durch Entgrenzung weitgehend zerstört. Die normativen 'Werte', die er gesetzt hat und in inflationärer Weise setzt, sind aber nur intellektualistische 'Papierwerte'; sie erschließen sich nicht und schon gar keine Welt. Wie ein Holzwurm dringt der Liberalismus in die Möbel des Seins ein - und hinterläßt außer Sägespänen nichts. Die, denen wir die Sprache anvertraut haben - DichternInnen und DenkernInnen - verwandeln sie aus ideologischem Eifer bzw. akademischer Überforderung in Sprachmüll. Es ist eine geschichtlich einmalige Situation, daß eine Gesellschaft versucht ihre Unbeherrschbarkeit durch den Einsatz ungeheurer Forschungsmittel bewußt herbeizuführen. Man muß sich darüber klar werden, daß künstliche Intelligenz auf genau die Daten zugreift, die das Schwache Denken (das vernetzte Denken) zuallererst diskussionswürdig gemacht und zu Tage gefördert hat. Es ist eine konservative Annahme, daß neunzig Prozent aller 2019 zur Förderung zugelassenen 'wissenschaftlichen' Studien und Projekte aus allen Fakultäten noch vor fünfzig Jahren als esoterisch und absurd abgelehnt worden wären. Und die Daten, die sie generieren, betreffen in der Tat nichts anderes als die Illusion des Werdens und den daraus erwachsenden Komplexitätsmüll, aus dem Palo Alto hunderte von Milliarden schöpft. Vordergründig erscheint die Digitalisierung als ultimative Antwort auf überbordende Komplexität und wird auch unter diesem Aspekt vermarktet. Wer aber genauer hinschaut, wird leicht feststellen können, daß eine datenbasierte Gestaltung sämtlicher Lebensbereiche die eh schon gebeutelte Sprache weiter in die Defensive treiben wird, denn Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind maschinell potenziertes Schwaches Denken.

 

Die zur Zeit zu beobachtende Schwäche des Liberalismus kann als Sprachimmunantwort interpretiert werden, d.h. als Reaktion auf einen allgemeinen Sinnzerfall, der lange - zu lange - im Tausch gegen materiellen Wohlstand in Kauf genommen wurde. In früheren (vormedialen) Zeiten waren lokale Sprachstörungen (schwaches Denken) von kurzer Dauer, da dysfunktionale Neuerungen mangels Informationsmobilität sich selbst demontierten, lange bevor sie sich ausbreiten konnten. Dieser Selbstschutz der Sprache begann in der Romantik zu bröckeln und ist heute durch wissenschaftliche, wirtschaftliche und ideologische Globalisierung über verzögerungsfreie Kommunikationskanäle quasi ausgeschaltet. Die Sprache ist täglich neuen Ideen, oder besser Visionen, aus der ganzen Welt ausgesetzt. Da viele dieser Visionen aus millionenteurer Forschung stammen, sind sie jeweils too-big-to-fail und werden mit weiteren Millionen weltmarktfähig gemacht, bzw. in supranationale Gesetzgebung, Regulierung und Etikette von NGOs überführt. Aber keine dieser Technologien oder Ideologien (Werte) ist durch einen natürlichen (De)Selektionsprozess gegangen; sie bleiben daher nicht-integrable logische Fremdkörper in allen Sprachen und führen nicht nur zu deren Zerfall in Scheinsprachen, sondern zu fortschreitender Dysfunktionalität und einer daraus erwachsenden, allumfaßenden Wohlverhaltensindustrie (Ethikkommissionen, die über Gütesiegelkommissionen wachen, die jeden Handelnden und jede Handlung überwachen). Die denkschwache Leugnung dieser Sprach- und Funktionsstörungen beruht auf der gleichen 'Logik', die die freiheitsberaubende Berliner Mauer zum antiimperialistischen Schutzwall umdeutete. Wenn sich aber Sprache und Erfahrung nicht mehr decken (wenn das Handeln nur noch algorithmisch bestimmt ist), bedarf es zur Aufrechterhaltung des Scheins politischer Handlungsfähigkeit eines exponentiell steigenden Energieaufwands, weil jede Pseudorealität weitere Pseudorealitäten nach sich zieht und so fort. Die westlichen liberalen Demokratien sind im Zuge solcher Algorithmisierung (normativer Kodifizierung) des Handelns zu privatsprachlichen Patchworkgesellschaften geworden, deren Zusammenhalt nur noch durch die massive Zufuhr von Energie (d.h. Geld) gewährleistet werden kann. Doch, wie die DDR gezeigt hat, gibt es ökonomische Grenzen der Finanzierbarkeit von Scheinwelten, jenseits derer auch die ausgeklügeltste Wortakrobatik zusammenbrechen muß, weil die funktionalen Störungen nicht mehr wegdiskutiert werden können**. Bei der Bewertung von im Namen des gewaltfreien Diskurses formulierten partikularen (Rechts)Ansprüchen kann es also nicht um ein großmütiges Geltenlassen gehen, sondern um Sein und Nichtsein. Sprache als breites Kulturgut - und nur als solche existiert sie - verzeiht keine Fehler, sie entzieht sich den Handelnden. Fukuyamas 'Endstation Liberalismus' und Vattimos Traum von einem geglückten Nihilismus scheitern nicht an fehlender Solidarität oder Empathie - sie scheitern daran, daß wir die Sprache hinter uns nicht abbrechen können ohne daß es vor uns dunkel wird. Das Ende der Geschichte könnte sich als böses Erwachen aus dem Schwachen Denken entpuppen.

 


*Es ist erstaunlich, daß wir erhebliche Mittel einsetzen um historische Gebäude, alte Kunst, gefährdete Tierarten und die Natur zu erhalten und genau soviel Mittel um traditionelle Gesellschafts- und Sozialmodelle zu beseitigen.

 

**Die gigantischen Staatsdefizite aller westlichen Demokratien sind fast vollständig auf gesellschaftliche Desintegration und Dysfunktionalität zurückführbar. Liberale Utopien aller Art - allesamt much too big to fail - drücken das Wirtschaftswachstum trotzt Nullzinsen! unerbittlich in den negativen Bereich. Das groteske Ausmaß der Zerrüttung von Sprache läßt sich daran ermessen, daß man heute Zinsen bezahlt, wenn man sein Geld zur Bank bringt oder daran, daß ein heulendes Mädchen (15) den versammelten Lenkern dieser Welt die CO2-Leviten liest und dafür von diesen beklatscht wird. Leben wir schon in Absurdistan oder ist dies erst der Anfang?