Wie die Zeit gemacht wird

Ein Versuch über die Zeit (II)

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Der rückwärts laufende Film ist nicht nur geeignet den Begriff der Zeitumkehrbarkeit der physikalischen Gesetze als Folge der Postulierung einer Zeit überhaupt zu entlarven, er entlarvt auch - und das weiß jedes Kind - die Absurdität der Zeitumkehr überhaupt. Spiegeleier, die zurück ins Ei springen um dann in einer Henne zu verschwinden, werden nicht nur nicht beobachtet, sie sind absurd, weil die Sprache keine Begriffe dafür bereitstellt. Die Künstlichkeit der Beschreibung der 'Zeit'umkehr durch die Vorsilbe 'un' z.B. in 'ungeboren werden' oder 'einen Brief unsenden' macht dies deutlich. Die Sprache scheint die Umkehrung generell auszuschließen, denn rückwärts gelesene Bücher, Sätze und Worte bleiben unverständlich. Die Sprache ist in dieser Beziehung durchweg sehr konsequent. So unterscheidet sie streng zwischen 'öffnen' und 'schließen', 'kommen' und 'gehen', 'verbinden' und 'trennen', 'fallen' und 'aufstehen', denn keines ist die zeitliche Umkehrung des anderen. Im Englischen unterscheidet man ferner die räumliche Richtung von 'to bring' und 'to take', und das Italienische zeigt mit 'prego' und 'per favore' auf die Richtung der Bitte um Gewährung einer Gunst. Und selbst wenn wir vom Gehen reden, impliziert das eine geradezu biologisch implementierte Richtung, die das Rückwärtsgehen schwierig macht und ästhetisch absurd erscheinen läßt. Die Sprache zeigt in gangbare Richtungen (Kairos), nicht auf zeitlich entfernte Zwecke oder Ziele (Chronos), wie es uns die causa finalis des Aristoteles glauben machen will. Die Anzahl gangbarer Sprachrichtungen ist zwar sehr groß, aber notwendig endlich, denn Sprache ist diskret und kann daher das Flüssige, das Kontinuum nicht fassen. Wenn wir aber das Terrain der Sprache erst in beliebige Richtungen durchtrampelt haben, bleibt nur noch eine richtungslose sprachliche Einöde. Interessanterweise betreiben wir die Zertrampelung des Sprachterrains mit wissenschaftlicher Strenge, dadaistischem Eifer und geradezu infantiler Unbekümmertheit. Die politisch-korrekte Bezeichnung für diese Sprach- und Sinnzerstörung ist das 'nachhaltige Gestalten der Zukunft'. Als direkte Folge gilt in freier Anlehnung an Beckett: fail, fail again, fail better, keep on failing... Wen interessiert da noch der feine Unterschied zwischen scheitern und versagen?

 

Können wir die Zukunft gestalten? Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich argumentiert, dass Zeit und Zeitlichkeit erst durch die zerstörerische Selbstbezüglichkeit der logischen Analyse entstehen, d.h. durch die Behandlung des Diskreten mit dem Diskreten. Es geht also nicht darum zu verstehen was die Zeit und so die Zukunft ist, sondern darum wie sie 'gemacht' wird. Der Heyday der Zeitmacher ist das romantische, d.h. das 19. Jahrhundert. Hier wird die Logik zum universellen Mittel zur Überwindung der hierarchisch-autoritär gesehenen Statik der klassischen Periode. Die Methode, die dabei bis heute zur Anwendung kommt, besteht schlicht darin, das Verb eines jeden beliebigen Satzes als die Bewegungsform des grammatikalischen Subjekts zu interpretieren. Damit werden die Richtungen, die die natürliche Sprache vorgibt, zu technisch-wissenschaftlich analysierbaren und scheinbar beherrschbaren Zeitgestalten, zu Prozessen in der Zeit. Newton nannte seine Theorie der Bewegung 'Mechanik', die Romantik missversteht sie als Dynamik, die sie nach und nach auf alle Lebensbereiche ausweitet - Panta Rhei! Prägende 'Dynamiker' der Romantik sind L. Ranke, Schelling, A. v. Humboldt, Darwin, Marx und Freud. In ihrer Wissenschaftlichkeit berufen sie sich auf die lange Tradition der englischen Empirie, d.h. der präzisen sinnlichen Beobachtung und der objektiven Interpretation des Beobachteten. Tatsächlich glaubte Ranke, als führender Historiker seiner Zeit, eine nur philosophisch-moralisierende Geschichtsschreibung zu einer empirischen Wissenschaft (Historismus genannt) gemacht zu haben, die genau das beschreibt was wirklich geschehen war. Darwin, der ohne die Rankesche Schule undenkbar ist, tat es ihm mit der Evolutionstheorie gleich. Humboldt und Schelling gehören zu den Verzeitlichern der Gegenwart und können als Vorläufer der Komplexitätstheoretiker angesehen werden, während Marx und Freud die Vergangenheit mit 'empirischen' Mitteln über die Gegenwart in die Zukunft verlängern. Wie auch immer, die Narrative der Romantiker bestehen in jedem Fall aus Ketten von logisch miteinander verbundenen Sprachrichtungselementen. Diese machen sie zuallererst verständlich und glaubhaft. Damit folgt die Technik des wissenschaftlichen Narrativs den Konstruktionsprinzipien des Märchens und muß, wie dieses, vor langer, langer Zeit, in der Zukunft oder hinter den sieben Bergen stattfinden, d.h. auf keinen Fall im Hier und Jetzt. All dieser drei unzugänglichen Dimensionen bedient sich die temporalisierende Wissenschaft. Nachdem aber so jede Falsifikation im Hier und Jetzt prinzipiell ausgeschlossen ist, läßt sich trefflich über ihre 'Erkenntnisse', 'Prognosen' und 'Retrodiktionen' streiten. Und sollte sich eine Prognose nach Jahren doch als falsch erweisen (Der Wald ist tot!) interessiert das niemanden mehr, denn es gibt längst andere Theorien an denen sich die Gemüter erhitzen.

 

Die Märchenstruktur der temporalisierenden Wissenschaften (als Gegenpol der komplementären) erklärt auch warum wir der Prognose (dem Sein-Werden einer bestimmten Zukunft) kritischer gegenüberstehen als der Retrodiktion (dem Gewesensein einer bestimmten Vergangenheit). Jede Retrodiktion kann nur mit den Materialien der Gegenwart beginnen, z.B. Knochen, Dokumente, Artefakte. Die Kunst des Machens der Zeit besteht dann darin, Sprachrichtungselemente logisch=zeitlich so miteinander zu verbinden, dass aus einer postulierten Vergangenheit das Dasein besagter Materialien in der Gegenwart möglichst widerspruchsfrei folgt (Darwin mußte z.B. auf eine diffizile Folge von zig-Millionen Kleinstwunder zurückgreifen, um diesen Effekt zu erzielen). Die leichte Glaubwürdigkeit der Vergangenheit liegt darin begründet, dass sie im tatsächlichen Sein der Gegenwart endet, ungeachtet ihrer fiktionalen Herleitung. Nachdem Sprachrichtungselemente aber nicht umkehrbar sind ohne absurd zu werden, funktioniert diese Methode nicht in Bezug auf die Zukunft. Denn um die Zukunft mit der leichten Glaubbarkeit der Vergangenheit auszustatten, müßten wir eine postulierte Zukunft rückwärts so erzählen, dass die Gegenwart daraus folgt. Dies ist aber wegen der Unumkehrbarkeit der Sprachrichtungselemente nicht möglich. Die Zukunft kann nur aus der Gegenwart heraus erzählt werden und endet damit zwangsläufig in einer ungestützten Utopie, einer von unendlich vielen. Dies ist der Grund der Asymmetrie von Vergangenheit und Zukunft und zeigt, dass es auch im umgangssprachlichen Bereich nichts gibt was den Namen Zeit verdient. Eher sind Vergangenheit und Zukunft die erzählerisch mehr oder weniger glaubhaft 'bewegten Abbilder der Ewigkeit' von denen Platon sprach. Aus diesem Grund sollten wir die Vergangenheit als ein gewachsenes, gesellschaftliches Gemeinschaftskunstwerk betrachten, die Zukunft im Zaum halten und unsere Probleme im Hier und Jetzt lösen.

 

Zum Schluß ein Wort zum Gefühl des Vergehens der Zeit. Der moderne Mensch ist zu einem großen Teil seiner Zeit sein eigener Biograph. Sein Wirken und seine Entscheidungen sind nur noch sekundär von den Sprachrichtungen, die uns von einem Ort des Daseins zum nächsten tragen, abhängig. Primär richtet sich sein Wandel an seiner eigenen Biographie aus, die er aber in einer sprachrichtungslosen Zeit, in der es keine gerechtfertigten Erwartungen (Richtungen) mehr gibt, täglich gezwungen ist um oder neu zu schreiben, bzw. zu ergänzen. Der Anteil des Tages, den er mit dem Update seiner Biographie beschäftigt ist, ist ein Maß für den Grad des Zerfalls der Sprache und damit für die Geschwindigkeit mit der die 'Zeit' zu vergehen scheint. Entropie ist daher keine Zeitrichtung - die Idee einer Zeit ist inhärent entropisch. Die Zeit ist entweder der wunderbare 'Sonntag des Denkens' oder Fake!

 

Die Moderne zerfällt mit ihrem und durch ihren Diskurs und wird in der Postmoderne zum sprachlich-kulturellen Vakuum. Die rationalen Bestände, von denen sie fast zweihundert Jahre lang gezehrt hat, sind aufgebraucht. Auf dem Grabstein Europas könnte eines Tages stehen: Sie bauten Luftschlösser an Orten, die einst bewohnbar waren und hielten das Fallen für Fliegen.