Blogbeitrag von Daniel Cabalzar

Was verstehen wir unter einem „Kontext“?

Wir kennen Kontexte. Wir sprechen selbstverständlich von naturwissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Kontexten.

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Wir reissen Zitate aus dem Kontext und setzen dies und jenes in einen neuen Kontext. Wohlmöglich verlassen Sie in diesem Moment Ihren alltäglichen Kontext, ohne darüber nachzudenken.

Was wir aber unter einem „Kontext“ verstehen, ist gar nicht so einfach zu bestimmen.

Im Alltag klären wir die Bedeutung eines Wortes meist mit einer hinweisenden Bewegung. Wir weisen auf das, was mit dem Wort gemeint ist. Auf was müssen wir verweisen, wenn wir einen Kontext erklären möchten? Einige Wörter sind kontextabhängig: „Indexikalische Ausdrücke“ wie „ich“, „du, „hier“, „dort“, „jetzt“ oder „gestern“ zum Beispiel. Ihnen lässt sich nicht ein für allemal zuordnen, wofür sie stehen (beim Farbwort „rot“ wäre dies vielleicht möglich). Der Bezug „indexikalischer Ausdrücke“ verändert sich. An einem Dienstag z.B., bezieht sich „gestern“ auf einen Montag und am nächsten Tag, bezieht sich „gestern“ auf den Dienstag. Im sprachlichen Handeln verändert sich jeweils der hergestellte Bezug eines solchen Wortes von Kontext zu Kontext. Ein Kontext, liesse sich schliessen, ist die Gesamtheit der Faktoren, die zu einer solchen Bezugs-Veränderung beitragen. Wir verweisen auf diese Faktoren, um die Bedeutung von Kontext zu erklären.

Mit dem bisher Gesagten, verstehen wir unter einem Kontext einen scharf begrenzten Bezirk. Einen Bezirk, der von verschiedenen Faktoren begrenzt wird. Um die Bedeutung eines Satzes wie: „Wir treffen uns morgen ungefähr hier.“ zu verstehen, müssten einfach alle relevanten Faktoren geklärt sein. Hier wird es aber schwierig: Wie viele Faktoren sind aufzulisten, um die Bedeutung des Satzes zu verstehen (der genaue Ort, die genaue Zeit, wen meint die Sprecherin mit „wir“, verweist die Mimik auf Ironie, etc.)? Wie genau müssen die Angaben sein und was davon ist relevant um einen Satz zu verstehen? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Wir können nicht einfach auf die Faktoren verweisen – schliesslich würden sich diese auch wieder von Kontext zu Kontext verändern. Im Alltag gebrauchen und verstehen wir solche Sätze auch ohne die Angabe von solchen Faktoren. „Kontext“ entsprechend einem von Faktoren begrenzten Bezirk zu erklären, scheint unangebracht.

Im Alltag schildern wir aber auch Situationen, um etwas verständlich zu machen. So würde man die Bedeutung des Wortes „Entschuldigung“ eher durch eine Schilderung der sozialen Situation, in der es verwendet wird, verständlich machen. Was „Entschuldigung“ bedeutet, lernt man nicht durch Faktoren des Entschuldigens, sondern dadurch, dass man Menschen und ihre Reaktionen beim Entschuldigen beobachtet und sich selber für etwas entschuldigt. Ein Kontext ist vielleicht mehr eine Umgebung: ohne scharfe Begrenzung, aber ohne welchen Handlungen, wie „sich entschuldigen“, unverständlich blieben.

In einer vertrauten Umgebung kennt man sich aus. „Sich-Auskennen“ ist ein Hintergrundwissen, das nicht thematisch wird, sondern eher implizit die Grundlage unserer expliziten Erklärungen bildet. Dieses Hintergrundwissen wird z.B. durch die Teilnahme an Gesprächen vermittelt und entsteht schlussendlich aus gemeinsamen Handlungsweisen. Es ist ein praktisches Wissen, wie wir uns in einer spezifischen Umgebung bewegen können. Daraus entsteht nach und nach eine Gewissheit im fraglichen Kontext so und nicht anders zu handeln.

Umgebungen können uns aber auch völlig fremd sein. In einem fremden Land mit fremden Traditionen können wir uns nicht auf ein gemeinsames Hintergrundwissen berufen. Wir kennen uns in dieser Umgebung nicht aus. Bleibt uns ein fremder Kontext fremd?

Gemeinsame Handlungsweisen reichen aus, um uns miteinander zu verständigen. Wir können uns z.B. eine fremde Sprache deuten, da Sprache eng mit gemeinsamen Handlungsweisen verwoben ist. Dann haben wir die Möglichkeit uns über unseren Kontext mit anderen zu unterhalten. Indem wir ganz einfach die uns unverständlichen Verhaltensweisen ansprechen. Wir verständigen uns über diese oder jene Handlungsweise.

Natürlich kann dies wieder weitere Missverständnisse heraufbeschwören. Diese lassen sich aber durch weitere Fragen und den darauffolgenden Antworten aus dem Weg schaffen. Auf diesem Weg, der sich wieder mit anderen Wegen verbindet und sich gewebeartig fortsetzt, erschliessen wir uns Stück für Stück eine fremde Umgebung.

Die Auseinandersetzung mit einem Kontext ermöglicht uns eine Übersicht. Es schafft ein Verständnis füreinander, voneinander. Die Übersicht deckt dabei aber nichts Verborgenes auf. Es braucht keine Erklärung der Verhaltensweise selbst. Die Schilderung der Umgebung zeigt, wie Sprache und Handlung miteinander verwoben sind. Sie sind so eng miteinander verwoben, dass Kontexte selbstverständlich werden. Im Alltag denken wir gar nicht darüber nach, in welchem Kontext wir uns gerade bewegen. Wir handeln einfach entsprechend.

Wenn jemand von einem „Kontext“ spricht, dann fordert sie Verständnis für ein praktisches Wissen ein. Ein Wissen, wie in einer spezifischen Umgebung gehandelt wird. Sie spielt auf die Gewissheit an, die sich gebildet hat und sich nicht durch exakte Faktoren angeben lässt. Eine solche Wendung zielt auf die Einbettung des Gesagten in ein Hintergrundwissen, das nötig ist, sich in dieser Umgebung zu bewegen.

Mit dieser kurzen Übersicht, was unter einem Kontext verstanden werden kann, sollten wir uns schon ein bisschen besser in der Umgebung von Kontexten auskennen und bewegen können.