Blogbeitrag von Prof. Dagmar Fenner

Was kann und darf Kunst?

Zur Ethik der Kunst.

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Die sich erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts innerhalb der philosophischen Ethik herausgebildete Teildisziplin der Angewandten Ethik verfolgt das Ziel, Menschen im alltäglichen Leben Orientierung zu bieten. Sie hat damit auf den erhöhten Orientierungsbedarf in der Öffentlichkeit und die vielen drängenden aktuellen Probleme wie Klimawandel, Gentechnik und Massentierhaltung reagiert, die oft erst durch die neuen naturwissenschaftlich-technischen Handlungsmöglichkeiten entstanden sind. Angesichts der Vielfalt und Komplexität der Probleme haben notwendig wissenschaftliche Spezialisierungen auf bestimmte menschliche Handlungsbereiche mit spezifischen moralischen Konflikten stattgefunden und zu sogenannten „Bereichsethiken“ geführt. Zu den bereits als klassisch geltenden Bereichsethiken gehören die Medizin-, Umwelt-, Wirtschafts-, Technik- und Medienethik. Mittlerweile gibt es aber auch etwa eine Ernährungs-Ethik, Friedens-Ethik oder Abfall-Ethik. Mit meiner jüngsten Publikation Was kann und darf Kunst? Ein ethischer Grundriss (Campus 2012) habe ich erstmals eine Ethik der Kunst oder Kunst-Ethik entworfen. Sie ist für den Handlungsbereich der Kunstrezeption und produktion zuständig und stellt die grundsätzlichen Fragen, welche Rolle die Kunst im alltäglichen individuellen und gesellschaftlichen Leben spielt und ob der Kunstfreiheit im Einzelfall auch Grenzen gesetzt werden dürfen.

Die auch rechtlich geschützte „Freiheit der Kunst“ bedeutet negativ formuliert, dass weder der Staat noch Einzelpersonen auf die künstlerische Tätigkeit einwirken dürfen, indem sie den Künstlern bestimmte Stilrichtungen oder Inhalte vorschreiben oder andere unterdrücken. Positiv ausgedrückt darf jeder Mensch künstlerisch aktiv werden und seine Werke oder Performances auch der Öffentlichkeit darbieten. Dieses Recht auf Kunstfreiheit ist aber nicht grenzenlos, sondern seine Grenzen liegen da, wo Grundrechte anderer Menschen verletzt  oder die demokratische Ordnung oder der öffentliche Friede gefährdet werden. Ein gutes Beispiel zur Illustration ist der „Mord auf der Bühne“: Er mag künstlerisch im Rahmen einer Inszenierung gut motiviert sein. aber wenn am Ende ein Schauspieler tot ist, hat man den Rahmen der Kunstfreiheit eindeutig gesprengt. Die Grenzen der Kunstfreiheit sind aber insofern weiter gesteckt als beim Handeln in der realen Alltagswelt, weil in der Kunst die dargestellten Handlungen in aller Regel nur „zum Schein“ in einer fiktiven Welt ausgeführt werden. Solche „Als-ob-Handlungen“ wie z. B. ein von Schauspielern bloß simulierter Mord ist natürlich nicht gleich zu beurteilen wie ein tatsächlicher Mord, bei dem am Ende das Opfer tot ist. Ausschlaggebend für die ethische Beurteilung eines Gewaltakts ist prinzipiell die Art und Weise seiner Präsentation im jeweiligen Gesamtkontext. Ethisch bedenklich ist die Kunst nur dann, wenn die im Werk zum Ausdruck kommende Haltung Gewalt verherrlicht oder ästhetisiert.

Ethisch zu verurteilen ist grundsätzlich auch die Gefährdung von Leben oder Gesundheit der Darsteller oder Rezipienten wie z.B. bei risikoreichen Dreharbeiten, Theater- oder Tanzaufführungen. Man denke an die schweren Unfälle bei den Dreharbeiten zu Werner Herzogs Dschungelepos „Fitzcarraldo“. Verwerflich ist unter Umständen auch die Nutzung von Tieren als Bestandteilen von Kunstwerken, die getötet werden oder großen Schaden erleiden. Berühmt geworden ist Damian Hirsts Kunstwerk mit einem extra für das Kunstwerk gefangenen, getöteten und in Formaldehyd eingelegten Tiegerhai. Bis vor Gericht gezogen werden häufig Verletzungen von Persönlichkeitsrechten wie die Rechte auf Ehre oder auf Privatsphäre der in bestimmten Kunstwerken dargestellten und klar identifizierbaren realen Personen. Zu einer juristischen Grundsatzdebatte führte z. B. Klaus Manns Roman „Mephisto“. Problematisch kann auch realistische historische oder dokumentarische Kunst sein, die Fakten und Fiktionen vermischt und den Rezipienten über den Anteil an Realitätsentsprechungen täuscht oder seine Gefühle und Phantasien in eine einseitige Richtung lenkt. Bei politisch engagierter Kunst können Schriftsteller infolge ungenügender Recherchen und undifferenzierter Analysen Zusammenhänge falsch darstellen und unnötig provozieren und polarisieren. Künstler sind meines Erachtens verantwortlich für eine reflektierte Rezeption ihrer Werke, die allein zu einer veränderten kritischen Wahrnehmung bestehender Verhältnisse und damit indirekt zu einer „besseren Welt“ beitragen kann.

 


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2013. Ca. 300 Seiten. kartoniert ISBN 978-3-593-39871-6

Dagmar Fenner diskutiert anhand von Themen wie der Verletzung von Persönlichkeitsrechten, dem Einsatz von Tieren, der Darstellung von Gewalt und Sexualität oder Blasphemie, wie weit die Verantwortung des Künstlers für die Wirkung seiner Werke reicht. Der systematische Grundriss richtet sich an Künstler, Kunstvermittler, Dozenten und Studierende im Kunstbereich an Hochschulen und Gymnasien sowie an alle Kunstinteressierten.

 

Über die Autorin

Beitrag von Prof. Dagmar Fenner, Titularprofessorin für Philosophie an der Universität Basel, unterrichtet Ethik an den Universitäten Tübingen und Basel