Blogbeitrag von Dr. Marcello Ruta

Was ist Kreativität?

Kreativität ist heutzutage ein sehr beliebtes, vielleicht ein bisschen abgegriffenes Wort.

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Man will immer kreativ sein (oder mindestens aussehen), vielleicht weil man Angst hat, unbemerkt zu leben und zu sterben. Trotz der Änderungen der letzten 30 Jahre, trotz der Individualisierung der Konsumgesellschaft prägt die Angst vor Anonymität noch jeden Tag, mehr oder weniger bewusst, unser Leben. Möglicherweise ist jene selbe Individualisierung ein Ausdruck dieser Angst. Wenn wir konsumieren müssen, wollen wir zumindest in unserer eigenen und eigentümlichen Weise konsumieren. In diesem Sinn wäre das Bedürfnis an Kreativität hauptsächlich ein Bedürfnis an Originalität.

Doch ist Kreativität vielmehr als ein bloßer Schutz vor einer Angst. Wenn wir kreativ handeln, fühlen wir vielmehr, dass wir wirklich leben. In diesem Sinn hat Kreativität etwas mit Liebe und Freiheit zu tun: Ein Leben ohne sie ist fast ein verpasstes Leben. Diese positive, fast privilegierte Bezeichnung der Kreativität hat mit der besonders in der Ästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelten, u.a. von Kant entscheidend geprägten Figur des Künstlers als Genies zu tun: „Das eigentliche Feld für das Genie ist das der Einbildungskraft: weil diese schöpferisch ist und weniger als andere Vermögen unter dem Zwange der Regeln steht, dadurch aber der Originalität desto fähiger ist“. In dieser Passage von Kants Anthropologie wird eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Originalität und Schöpfung formuliert, die auch unsere alltägliche Ansicht von Kreativität prägt. Kreativität ist nicht nur Originalität, sondern auch Kreation. Diese zwei Begriffe sind zwar nicht identifizierbar (die Geburt eines Kindes wird nie, und soll auch nicht, als Zeichen der Originalität der Eltern betrachtet), doch werden sie in unseren alltäglichen Gesprächen über Kreativität oft in einem Schlag zusammengefasst: In diesem Sinn ist die romantische Figur des Genies das Vorbild der prophetischen, quasi göttlichen Rolle der Künstler, die heutzutage noch wirkend ist. Die genialen Künstler bieten nicht nur Entertainment. Sie kreieren, indem sie das Neue imaginieren und zur Existenz bringen. Sie treten quasi per Definition einen Schritt vorwärts. Kreation des Neuen, so sieht es aus, ist das Merkmal des genialen Künstlers als kreativer bzw. schöpferischer und origineller Mensch.

Es ist doch merkwürdig, dass wir in dieser Hinsicht auch eine schon in Plato wirkende, doch in der Romantik (z.B. in Schelling und Schopenhauer) wieder eine entscheidende Rolle spielende Idee annehmen, die der oben kurz skizzierten konzeptuellen Konstellation teilweise widerspricht: die Idee, dass das Genie eine Art privilegierter Verbindung mit der ideellen bzw. außerzeitlichen Welt habe. Diese Idee ist in unserem Alltaggespräch über Kunst in den Begriffen von Inspiration und einfallen implizit angenommen. Und das bezeichnet auch unsere Selbstbeschreibung: Wir brauchen Inspiration, um kreativ handeln zu können. Doch weist das Wort Inspiration (eine Art Atmen der Imagination) daraufhin, dass es sich hier vielmehr um eine Öffnung für als um eine Schöpfung von handelt. Inspiriert zu sein, meint, etwas aufzunehmen, das schon vor der Inspiration da war. In dieser zweiten Konfiguration wäre der Künstler weniger Schöpfer und vielmehr Entdecker: Wie ein Mathematiker-Genie würde er noch außerordentlich originell aussehen, doch würde seine Originalität vielmehr in einer Entdeckung als in einer Kreation bestehen.

Ein Leitmotiv der Ontologie der Kunst ist genau der Streit zwischen unserer Auffassung der künstlerischen Aktivität als Kreation oder Entdeckung. Die Ontologie der Kunst befasst sich hauptsächlich (wenn auch nicht ausschließlich) mit der Frage nach dem ontologischen Status von Kunstwerken, d.h. was für eine Art von Entitäten die Kunstwerke sind. So treffen wir einerseits auf eine platonische Stellungnahme, in der behauptet wird, dass Kunstwerke, genau wie die platonischen Ideen, über eine außerzeitliche Existenz verfügen und deshalb nur entdeckt werden können. Andererseits behaupten die Kreationisten, dass Kunstwerke zeitliche Entitäten sind, da sie nur durch den schöpferischen Akt des Künstlers anfangen zu existieren.

Man könnte einfach annehmen, dass nicht alle Kunstwerke über denselben ontologischen Status verfügen, und behaupten, dass einige (z.B. Romane) abstrakte bzw. außerzeitliche, während andere (z.B. Gemälde) physische bzw. zeitliche Entitäten sind. Aber die Alternative ist nicht so einfach darzustellen und die Idee, dass Gemälde kreiert, während Romane einfach entdeckt werden, ist nicht so einfach zu akzeptieren. Der sogenannte Common-Sense (wenn es einen im Kunstbereich gibt) kann uns hier nicht helfen, da wir schon gesehen haben, wie die zwei Ansätze in unserer alltäglichen Ansicht von Kunst und generell von Kreativität fast enigmatisch zusammengegliedert sind. So sollte man vielleicht diesmal die Philosophie nutzen, um unsere alltäglichen Stellungnahmen zu erklären oder zumindest in Frage zu stellen: Wie ist es möglich, dass zwei so gegensätzliche Betrachtungsweisen quasi unbemerkt in unsere vortheoretische Auffassung der Kunst und generell der Kreativität gekommen sind? Wie, wann und warum ist es passiert? Und weiter: Betrifft eine solche Zwiespältigkeit nur den Bereich der Kunst oder hat sie allgemein mit dem Verhältnis zwischen Kultur (breit verstanden) und Natur zu tun?

Unabhängig von den möglichen Antworten, scheint mir der folgende Punkt vertretbar: Auch eine anscheinend rein theoretische Frage, wie die nach dem ontologischen Status von Kunstwerken, verbindet uns fast unmittelbar mit Themen, die unser Alltagleben betreffen. Nur durch diese Verbindung werden philosophische Fragen mehr als bloße Denkaufgaben. Aber nur durch jene theoretische Überarbeitung können wir versuchen, unsere Antworten vor dem Einfluss der Ideologien zu schützen.

 

Über den Autor

Beitrag von Dr. Marcello Ruta, Universität Bern