Blogbeitrag von David Wörner

Warum bin ich morgen noch die gleiche Person wie heute?

Ich bin heute derselbe, der ich als Kind war. Wenn alles gut geht, wird es mich auch in einigen Jahrzehnten noch geben. Und dann werde ich derselbe sein, der ich jetzt bin.

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Es klingt seltsam, diese und ähnliche Überzeugungen auszusprechen. Trotzdem gehen wir in unserem alltäglichen Leben ständig von ihnen aus und messen ihnen eine grosse Bedeutung zu. Denn sie betreffen etwas, das uns in ganz unterschiedlichen Hinsichten wichtig ist.

Mir ist es nicht nur wichtig, dass irgendjemand morgen in meinem Bett aufwacht, gesund ist, und einer Tätigkeit nachgeht, die ihn erfüllt. Mir ist es wichtig, dass ich es bin, der diese Dinge tut. Das aber heisst immer auch, dass mir etwas daran liegt, dass morgen jemand in meinem Zimmer aufwacht, der derselbe ist, der ich jetzt bin. Es würde mich beunruhigen, wenn morgen jemand in meinem Bett aufwachte, der mir bloss sehr ähnlich, aber nicht derselbe wie ich wäre. Gäbe es morgen niemanden mehr, der derselbe ist, der ich jetzt bin, dann gäbe es mich morgen nicht mehr – mit anderen Worten: Ich wäre tot.

Mir ist natürlich nicht nur meine eigene Identität wichtig. Wenn ich mich darauf freue, morgen einen guten Freund zum Abendessen zu treffen, dann liegt mir viel daran, dass er dieselbe Person ist, die ich bereits früher einmal getroffen habe. Ich möchte ihn selbst treffen, nicht bloss jemanden, der ihm ähnlich ist. Wenn ein guter Freund stirbt, trauern wir, weil es niemanden mehr gibt, der jetzt derselbe ist, wie jene Person, die unser Freund war. Dass es immer noch viele Leute gibt, die unserem Freund in allen möglichen Hinsichten ähnlich sind, spendet uns keinen Trost.

Auch in unserem Rechtssystem sind Tatsachen darüber, welche Person mit welcher identisch ist, von grosser Bedeutung: Begeht jemand ein Verbrechen, so soll eine Person bestraft werden, die mit derjenigen Person identisch ist, die das Verbrechen begangen hat. Würden wir systematisch Leute bestrafen, die den Verbrechern nur sehr ähnlich, aber nicht mit ihnen identisch wären, wäre unser Rechtssystem in höchstem Masse ungerecht.

All diese Beobachtungen mögen auf den ersten Blick völlig trivial wirken. Doch was uns im Alltag unproblematisch scheint, wird bei genauerem Hinsehen zum Rätsel. Denn es ist ungemein schwierig, genau zu sagen, woran es liegt, dass eine Person über die Zeit hinweg dieselbe bleibt – auch wenn sie sich stark verändert. Gibt es eine Art „Kern“ der Person, der über die Zeit hinweg gleich bleibt, und der sie stetig zu ein und derselben Person macht? Wenn ja, worin könnte dieser Kern bestehen?

In meinem Forschungsprojekt betrachte ich diese und verwandte Fragestellungen aus einer historischen Perspektive. Genauer untersuche ich, was für Gedanken sich Philosophen im ausgehenden 17. Jahrhundert zu diesen Fragen gemacht haben. Diese Periode ist besonders interessant, weil in ihr einer der bedeutendsten Brüche in der Geschichte des westlichen Denkens geschehen ist: In dieser Zeit setzte sich die Auffassung durch, dass die Welt um uns herum aus kleinen, unsichtbaren Teilchen besteht, die sich nach strikten Gesetzen zueinander verhalten. Diese Auffassung warf Fragen auf, die weit über das Gebiet der im engeren Sinn verstandenen Naturwissenschaften hinausgehen: Wenn die Dinge um uns herum aus nichts anderem als aus kleinsten Teilchen bestehen, heisst dass dann nicht, dass sie nichts anderes als Ansammlung kleinster Teilchen sind? Wenn ja, wie können die Dinge dann über die Zeit hinweg dieselben bleiben, wo sich ihre Teilchen doch ständig im Fluss befinden? Und was ist mit mir selbst? Bin ich nichts weiter als eine Ansammlung kleiner Körperchen? Gibt es dann den angesprochenen „Kern“ meiner Person nicht? Oder soll ich davon ausgehen, dass es doch etwas gibt, das über Ansammlungen von Körperchen hinausgeht?

Diese und ähnliche Fragen wurden im 17. Jahrhundert intensiv diskutiert. Einige Philosophen und Philosophinnen machten damals Vorschläge, die auch heute noch an Radikalität kaum zu überbieten sind. Andere versuchten, unsere alltäglichen Überzeugungen so gut es geht zu retten, auch wenn sie dazu manchmal nicht minder radikale Zusatzannahmen treffen mussten. Immer aber wurden extrem originelle und durchdachte Thesen auf hohem Niveau diskutiert.

Heute haben die meisten von uns gelernt, mit einem naturwissenschaftlichen Weltbild zu leben, das weit von unserem alltäglichen Selbstverständnis abweicht. Die Fragen der neuzeitlichen Philosophie sind heute ausserhalb der Akademien weitgehend verschwunden. Aber wurden sie gelöst? Oder können wir aufrichtig sagen, dass sie uns nichts angehen?

 

Über den Autor

Beitrag von David Wörner, Universität Zürich