Blogbeitrag von Prof. Dr. Urs Marti

Von den Segnungen des Wettbewerbs

Dem freien Spiel der Marktkräfte verdanken wir Fortschritt und Wohlstand – mit dieser frohen Botschaft werden wir täglich beglückt.

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Im freien Spiel der Marktkräfte setzt sich das Recht des Stärkeren oft ungehindert durch, so lehrt die Geschichte und die Gegenwart bestätigt es. Was hat die Philosophie zum Thema Wettbewerb zu sagen?

Der Wert eines Menschen ist sein Preis, wie Hobbes Mitte des 17. Jahrhunderts nüchtern konstatiert; er bemisst sich danach, wie viel für die Nutzung der Macht oder Fähigkeiten dieses Menschen geboten wird. Das Individuum als solches ist wertlos, erst sein für andere nutzbares Potential gibt ihm einen Wert, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage setzt ihn fest. Hobbes’ Denken ist als Antizipation kapitalistischer Mentalität gedeutet worden: Macht begreift er als Mittel der Regulierung von Angebot und Nachfrage; die Beziehungen der dem Staat unterworfenen, politisch passiven Menschen reduzieren sich auf brutale Konkurrenz; die Gesellschaft ist ein Markt für Macht, worin alle als Anbieter oder Nachfrager mitzuspielen gezwungen sind. Diese Deutungen sind umstritten, fest steht, dass Handeln im Urteil von Hobbes auf Machtakkumulation, diese auf Güterakkumulation zielt, und der Wetteifer um Macht, Reichtum und Ehre unvermeidlich zum Krieg führt, der für einige Konkurrenten tödlich endet.

Ein Jahrhunderts später beschreibt Montesquieu, wie in Monarchien eine Klasse moralisch korrupter Menschen sich herausbildet, jene der Höflinge. Ehrgeiz, Müssiggang, Niedertracht und Hochmut bilden ihren Charakter. Dennoch ist, wie Montesquieu beifügt, der Ehrgeiz nicht gering zu schätzen, erzeugt er doch eine segensreiche Konkurrenz; jeder trägt im Glauben, nur seine Interessen zu verfolgen, zum Gemeinwohl bei. Hier finden wir sie bereits, die mysteriöse unsichtbare Hand, die, wie Smith dann glaubt, alles aufs Beste regelt. Bestimmen Hass, Neid, Eifersucht, Habgier und Ruhmsucht das Verhalten, stabilisiert dies Montesquieu zufolge die politische Ordnung; Konkurrenz zwischen Individuen verhindert den Konflikt der Stände, der indes noch für Machiavelli Garant politischer Freiheit war. Montesquieus Schüler Ferguson, wie seine Freunde Hume und Smith ein Vordenker des frühen Liberalismus, urteilt skeptischer: Im Handelsstaat wird der Mensch zum bindungslosen, einsamen Atom; nur der Wettbewerb verbindet ihn mit seinesgleichen; er verkehrt mit ihnen ausschliesslich des Profits wegen, den sie ihm bringen.

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Die Angst, Konkurrenz und Wettbewerb lösten die Bindungen, welche die Gesellschaft zusammenhalten, ist ein Grundmotiv des konservativen Denkens des 19. Jahrhunderts. Marx, der den Kapitalismus als Voraussetzung individueller Emanzipation begreift, stimmt in diese Klagen interessanter Weise nicht ein. Auch die Argumente Rousseaus, des wohl heftigsten Kritikers der Apologie des Wettbewerbs im 18. Jahrhundert, gehen in eine andere Richtung. Er erkennt im Wettbewerb die Antriebskraft einer Modernisierung, welche die Freiheit der Individuen gefährdet, wie die Unterscheidung zwischen Selbstliebe und Eigenliebe demonstriert. Selbstliebe ist als Bejahung der eignen Existenz ein zuverlässiger Wegweiser des Handelns. Dagegen unterliegt die Eigenliebe dem Zwang, sich zu vergleichen; sie findet ihre Befriedigung nicht im eignen Gut, sondern im Übel, das anderen widerfährt; sie will Anerkennung um jeden Preis, auch um den der Anpassung und Selbstverleugnung. Der Mensch verliert sich, wenn er sein Mass nicht mehr in sich selbst sondern in anderen zu finden glaubt.

Die Katastrophe des zivilisatorischen Fortschritts besteht für Rousseau in einer Art der Kooperation, die mit individueller Autarkie im ökonomischen wie psychischen Sinn unvereinbar ist. Eifersucht, Rivalität und der Wunsch, seinen Profit auf Kosten anderer zu machen, nähren bei der Aneignung materieller Güter wie im Kampf um soziale Wertschätzung und politische Macht einen permanenten Konflikt. Den „ungeheuren“ sozialen Wert der Konkurrenz betont hingegen Simmel: Sie wirkt keineswegs atomisierend, sondern zwingt die Konkurrenten, den potentiellen Nachfrager zu umwerben, sich mit ihm zu verbinden und seinen Wünschen anzupassen. Dies geschieht allerdings um den Preis persönlicher Würde; der Bewerber muss sich den Instinkten und Launen der Umworbenen unterwerfen. Im Kampf, der nicht mehr wie bei Hobbes zwischen allen, sondern um alle geführt wird, ist Intelligenz nur ein Hindernis. Hier haben wir die Gegenposition zu Rousseau; Simmel lobt die allgemeine Anpassung, die Adaptierung der Anbietenden an die Nachfragenden als ungeheure synthetische Kraft. Der Kampf mit dem Menschen zielt nicht mehr auf dessen Versklavung, sondern, mittels Konkurrenz, auf dessen Seele, auf die Schaffung von Abhängigkeit.

Unvermeidlich entsteht zwischen Menschen Wetteifer; er bewirkt Gutes wie Schlechtes. Sich dem Wettbewerb zu entziehen, der im Markt und andernorts mehr oder weniger spontan entsteht, ist nicht einfach, zumal in einer Zeit, in der die Idee des Wettbewerbs zur Ideologie verkommen ist. Unterschiedlichste menschliche Aktivitäten sollen ins Verhältnis der Konkurrenz gebracht und an utilitaristischen Kriterien gemessen werden, definiert von Experten, deren Wert wiederum im Namen des Wettbewerbs zu messen wäre – doch wer evaluiert die Evaluatoren? Jüngst durfte ich erfahren, dass die Fähigkeit, korrekt Geschäftsbriefe zu schreiben, in den Geisteswissenschaften zu den wichtigen Qualifikationen gehört. Kein Wunder, geht es doch um den Kampf um verknappte finanzielle Mittel – die ja nicht wirklich knapp sind, wie die regelmässig veröffentlichten Berichte zur Reichtumsverteilung belegen. In Konkurrenz und Wettbewerb, diesen für die Gegenwart so fundamental gewordenen Prinzipien, erkannte Rousseau eine neue Art der Unfreiheit, deren Ausmass wir zu ahnen beginnen im Zeitalter permanenter Evaluationen, rankings und ratings, die für Individuen, Staaten und Volkswirtschaften katastrophale Folgen zeitigen können. Eine im Namen des Wettbewerbs ausgeübte tyrannische Macht erzeugt Anpassungs- und Unterwerfungszwänge, während der Sinn des Wettbewerbs zunehmend bezweifelt wird. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, diese hohen Werte eines verblichenen Liberalismus, werden zu vernachlässigbaren Gütern. Wer bestehen und gewinnen will, muss wohl oder übel die gerade modischen Kriterien des Besseren und Schlechteren akzeptieren; auf die eigne Urteilskraft zu hören ist nicht ratsam. Ob diese Art der Fremdbestimmung der Entfaltung des individuellen produktiven Potentials dienlich ist, ist zweifelhaft. Wenn Staaten sich im „Standortwettbewerb“ gegenseitig unterbieten im Bemühen, sich den Launen der Investoren gegenüber als willfährig zu zeigen, was meist den Abbau sozial- und umweltrechtlicher Regeln erfordert, bleibt demokratische Selbstbestimmung auf der Strecke. Dass mittlerweile auch im Wissenschaftsbetrieb Hobbes’ Krieg aller gegen alle – zuweilen mit tödlichem Ausgang – ausgebrochen ist, beklagen immer häufiger besorgte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ironie der Geschichte: je intensiver evaluiert wird, desto mehr Skandale zeugen von der Unfähigkeit der Evaluatoren – der Hüter des Wettbewerbs sozusagen – Manipulation und Betrug zu erkennen. 

 

Weitere Lektüre:

  • Hobbes, Leviathan;
  • Montesquieu, De l’esprit des lois;
  • Rousseau, Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité;
  • Rousseau juge de Jean-Jacques; Les Rêveries du promeneur solitaire.
  • Leo Strauss, Hobbes’ politische Wissenschaft; Naturrecht und Geschichte;
  • Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft;
  • Crawford Brough Macpherson, Die politische Theorie des Besitzindividualismus.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Urs Marti, Universität Zürich, Philosophisches Seminar