von Willy Bierter

Vielheiten des Anfang(en)s und Anfänge als Vielheiten

Wo soll man anfangen? Jeder Moment in unserem wachen Leben ist immer ein Anfang. Das Jetzt und Hier ist der Anfang jeden Anfangs, es ist immer eine Neuschöpfung, eine Art "Genesis". 

Vielheiten des Anfang(en)s und Anfänge als Vielheiten 
 
 

Wo soll man anfangen? Kann man nur da anfangen, wo man bereits ist und wohnt? Frühmorgens beim zögernden Erwachen aus dem Halbschlaf, wenn man mit noch steifen Gliedern und schlaftrunkenen Augen sich aus den Laken herauswindet und ganz allmählich in den Lauf der Dinge dieser Immer-schon-gewesenen-Welt wieder eintaucht, vorwärts zum Anfang einer neuen Tageswirklichkeit, als Wesen mit inzwischen offenen Augen, das neu entscheidet und entscheiden muss, statt sich wieder schlafen zu legen? Jedenfalls sagt Heinz von Foerster [1]: Jeder Moment in unserem wachen Leben ist immer ein Anfang. Das Jetzt und Hier ist der Anfang jeden Anfangs, es ist immer eine Neuschöpfung, eine Art „Genesis“.

„Werden wir nicht nachlassen in unserm Kundschaften

Und das Ende unseres Kundschaftens

Wird es sein, am Ausgangspunkt anzukommen

Und den Ort zum erstenmal zu erkennen.

Durch das unbekannte, erinnerte Tor,

Wenn der letzte Fleck Erde, der zu entdecken bleibt,

Jenes ist, das den Anfang gebildet;

An dem Quellengrund des längsten Stromes

Die Stimme des verborgenen Wasserfalls,

Und die Kinder im Apfelbaum,

Unerkannt, weil nicht erwartet,

Aber gehört, halb-gehört, in der Stille

Zwischen zwei Wellen der See.

Rasch nun, hier, jetzt, immer –

Ein Zustand vollendeter Einfalt

(Der nichts weniger kostet als alles)

Und alles wird gut sein,

Jederlei Ding wird gut sein und

Wenn die Feuerzungen sich nach innen falten

Zum Schifferknoten aus Feuer

Und eins werden Feuer und Rose.“ [2]

Kann man überhaupt anders anfangen als mit dem „Anfang“? Oder gibt es vor dem „Anfang“ noch etwas anderes, einen anderen Anfang? Solche Fragen haben wohl jeden schon beschäftigt, der sich mit Ereignissen und Geschichten aus der fernen Vergangenheit – auch seinen ganz persönlichen –, dem Anfang des Universums und wie unsere Welt begonnen hat, oder der konsistenten Wiedergabe irgendeines Textes, eines Systems oder irgendeiner Theorie beschäftigt hat. Mit der Frage nach den Anfängen der Anfänge stösst man auf Paradoxien und gerät unversehens in logische Wirbel. Es scheint, dass die Frage nach dem Anfang zu den prinzipiell unbeantwortbaren, unentscheidbaren Fragen gehört. Doch welches Paradox: „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“ [3]

Doch weshalb sich überhaupt auf einen Anfang fixieren? Vielleicht können wir gar keinen Anfang ausfindig machen und sind dennoch nicht imstande auf ihn zu verzichten? Ist es nicht ursprungsmythisches Denken, eine einzelne Positivität auszuzeichnen und von da aus den Faden des Denkens fortzuspinnen? Wenn am Anfang weder das Sein noch das Nichts ist, so gibt es auch keinen Anfang mit dem anzufangen wäre. Somit gibt es auch keinen Ursprung als Anfang. „Ob nun eine metaphysische Idee oder das Leben selbst vorausgesetzt wird, es bleibt eine einzelne Einheit die als Anfang gesetzt wird. Die Einheit des Anfangs ist die Einheit des Grundes alles Seienden und Nicht–Seienden. Ob der Grund als Grund des Grundes, als Ur-Grund oder Ab-Grund bezeichnet wird, ändert nichts daran, dass hier eine mono-kontexturale Metaphysik am Werke ist.“ [4] Es gibt nur Vielheiten des Anfang(en)s, und Anfänge als Vielheiten. Und weder das eine noch das andere, aber auch sowohl das eine als auch das andere.

Was unserer Aufmerksamkeit immer zu entgehen scheint: Kein Bewusstsein kann sich als anfangend erleben, kein Augenblick ist der erste, denn unsere Sinneswahrnehmungen laufen simultan-parallel ab. Wir können sie deshalb nicht zugleich wahrnehmen. Jeder noch so hartnäckige Versuch einer Annäherung ans Erlebbare eines solchen Moments bleibt somit unerfüllt – was übrigens erst recht für den Anfang des Lebens, der Geburt, und damit den Eintritt in die Welt zutrifft. Zwar wissenwir, dass wir angefangen worden sind, denkenkönnen wir es aber nicht. Anfang wie Ende des Bewusstseins gehören nicht zu den physischen Realitäten wie unsere alltägliche Objektwelt und bleiben uns verschlossen.

*

Heinz von Foerster hat ein kurzes Theaterstück geschrieben. [5] Vorhang auf. Auf der Bühne sieht man: einen Baum, eine Frau und einen Mann. Der Mann zeigt auf den Baum und sagt laut und theatralisch: „Dort steht ein Baum!“ – Darauf die Frau: „Woher weisst Du, dass dort ein Baum steht?“ – Der Mann: „Weil ich ihn sehe!“ – Darauf die Frau mit einem kleinen Lächeln: „Aha.“ Der Vorhang fällt. Was können wir aus diesem Dialog lernen?

Zu jedem Anfang gehört zunächst untrennbar eine Beobachtung bzw. ein Beobachter, und: Jeder Anfang basiert auf dem Treffen einer Unterscheidung, damit der Beobachter sehen kann, was er sieht – hier mit dem Ausruf „Dort steht ein Baum!“. Bildlich gesprochen: Der Mann schneidet ein „Etwas“ aus der Welt heraus, betrachtet es und bringt dieses „Etwas“ in Zusammenhang mit dem Begriff „Baum“. Damit haben wir eine klassisch-zweiwertige Situation mit ihrem einzigen Identitätsprinzip: Auf der einen Seite die irreflexive Identität des Objekts „Baum“ und auf der anderen Seite die „lebendige“, in sich selbst reflektierte Identität eines sich vom Objekt „Baum“ ausdrücklich absetzenden Ichs, dem Mann. Mit seiner etwas abrupten Antwort auf die Frage der Frau „Woher weisst Du, dass dort ein Baum steht?“ bekräftigt der Mann seine Weltanschauung: Er behauptet eine beobachterunabhängige Existenz des Baumes und der Umwelt. Für ihn gibt es nur eine Realität und eine Rationalität, d.h. ein Original und Spiegelbild davon (in seinem Geist). Anders gesagt: Der Mann geht davon aus, dass es eine allgemeingültige Sichtweise auf die Realität gibt, und dass er ohne jegliche Anstrengung einer empirischen Präzisierung und Verifikation beanspruchen kann, dass seine Aussage immer wahr ist, egal, was da draussen in der Welt los ist und was andere Subjekte dazu äussern mögen. Dem Mann bleibt allerdings verborgen, dass erstens Wahrheit nur als isolierter subjektiver Prozess widerspruchsfrei ist, also im Monolog, während sie sich im Dialog zwischen einem Ich und einem Du, d.h. beim Durchgang durch ein objektives Medium, zu einem Umtauschverhältnis möglicher Bewusstseinsstandpunkte entwickelt. Und zweitens, dass er nicht gleichzeitig seine Unterscheidung – den Wahrnehmungsprozess – und den Inhalt der Wahrnehmung – den „Baum“ – beobachten kann, weswegen er nicht wissen kann, dass er nicht sieht, was er nicht sieht. Mit anderen Worten: Ein Auge kann zwar Gegenstände erblicken, aber es kann den eigenen Sehprozess nicht optisch wahrnehmen. Nun bringt die Frau als zweiter Beobachter von einem anderen Standort aus mit ihrer Frage „Woher weisst Du, dass dort ein Baum steht?“ – zumindest indirekt – eine andere mögliche Unterscheidung ins Spiel. Mit ihrem ironischen „Aha“ auf die Wiederholung der ursprünglichen Aussage des Mannes – mit der dieser lediglich zum Ausdruck bringt, dass er nach wie vor in seinem System „Eine Welt – eine Logik“ [6] verblieben ist –, macht sie ihn darauf aufmerksam, dass er von dem Baum nur weiss, weil er ihn sieht und deutet damit gleichzeitig an, dass er etwas anderes sehen würde, wenn er eine andere Unterscheidung treffen würde.

Zwar endet das Theaterstück hier und wir vernehmen nicht, wie der Mann auf das „Aha“ der Frau reagiert. Wir können jedoch das Stück weiterspinnen und sagen: Er wird durch diese Ironie überrascht, weil er bei all seinem Wissen noch nicht weiss, dass er gar nicht anders als mit kontingenten Unterscheidungen starten kann: Es gibt keine notwendigen Unterscheidungen. Wie könnte der Mann denn auf den leisen Zwang des ironischen „Aha“ der Frau reagieren? Erstens könnte er ihn ignorieren, weiterhin auf sich selbst bezogen bleiben und in sich verharren – entweder nach den Motti „Ich weiss es einfach“ oder „Halte das Alte, scheue das Neue“. Zweitens könnte er ihm nachgeben und beginnen, seine Wahrnehmung zu überprüfen – z.B. durch einen Wechsel seiner Standorte, was ihm neue Perspektiven eröffnen und ihm erlauben würde, Entscheidungen zu treffen, die andere Umgebungen schaffen. Es wäre ein erstes Anzeichen dafür, dass sein Geist aus seiner „einfachen Beziehung auf sich“ ausbricht und er allmählich aufmerkt, dass im Übermass an Positivität keine Erfahrung möglich ist, dass der Geist erst angesichts des Anderenerwacht. Drittens könnte er seine bisherige Denkposition – das dyadische Ich-Es-Modell – verlassen, sein Denken nicht ausschliesslich auf sich selbst beziehen, sondern in einen Dialog mit der Frau, d.h. in das triadische Modell von „Ich (Mann) – Du (Frau) – Es (Baum, Landschaft, ...?) eintreten („Was siehst du, was ich nicht sehe“ usw.). [7] Dies setzt einen Willensakt voraus, also wiederum eine Entscheidung, die einen Unterschied und damit eine neue Umgebung schafft, darin sich „Nachbarschaften“ ergeben können, bei denen beide sich verwundert an Ähnlichem wie Neuem erfreuen können. Denn immer ist es Verwunderung, wenn eintritt, wovon man nicht wissen kann, weil es keinem Bedürfnis entspricht, ausser jenem, das es selbst erst erschaffen soll. Wenn die beiden nicht auf Anhieb verstehen, was der jeweils andere zu sehen, hören, fühlen, riechen oder zu schmecken behauptet, so müssen sie wiederholen, um beharrlich und auf Umwegen doch zu verstehen versuchen: „Dass die Wiederholung gleich einem Mittel und nicht für sich selbstanzieht und im Unterschied zwischen dem Selben und dem Gleicheneine Änderung der Ansichten und des Verfahrens bewirkt.“ [8] Erst dann können beide allmählich verstehen, dass „ergriffen“ werden erst in der Absetzung vom Ich eine andere Form des Verstehens findet. Diese Form des wechselseitigen Verstehens und Verstanden-werdens „löst sich in der Klarheit auf; sie hat gewirkt; sie hat ihre Aufgabe erfüllt; sie hat gelebt.“ wie Valéry sagt. [9] Jetzt verstehen die beiden auch, dass man sich verstehen kann, indem man sich auf die Wiederholungversteht. Jede Wiederholung bedeutet eine Verschiebung in der Zeit, so dass ein Unterschied geltend gemacht werden kann, der nicht im „Ich“ und „Jetzt“ aufgehoben ist, weil er der Augenblick der Wiederholung ist. „Das wäre eine Wiederholung, die – nach Günther – den Weg der Kybernetik einschlägt, wenn sie damit beginnt, ‚sich selbst als Prozess‘ und nicht mehr ‚als Ausdruck einer ich-haft privaten, aber überall gleichen Subjektivität zu interpretieren‘. Wenn sie im Unterschied von Ich und Du ein ‚objektives, allen individuellen Ichs sowohl in gleicher Weise bekanntes als auch in gleicher Weise fremdes Modell der Subjektivität‘ annimmt. Objektiv nicht im Allgemeinen, was nur auf dasselbe hinausliefe, sondern einzeln und auch gemeinsam, wie es nur eine in gleicher Weise bekannte und fremde Umgebung sein kann.“ [10]

*

Wagen wir mit dem kurzen Theaterstück noch einen regelrechten Ortswechsel, einen Sprung in das alte China. Dabei geht es nicht darum, den Orient dem Okzident vorzuziehen, zwei Blöcke einander gegenüberzustellen, sondern darum, das chinesische Denken als Hintergrundfolie zu nutzen, um einige unserer eigenen Denkweisen und Praktiken in einem etwas anderen Licht zu betrachten und – zumindest – eine dritte Fähigkeit zu entwickeln, nämlich auf polylogische Art und Weise Zusammenhänge anders zu erfassen: „Zum Beispiel eine Wahrheitslogik mit einer Kohärenzlogik konfrontieren, die eine durch die andere und dank der anderen überprüfen und dem Spiel ihrer Divergenz eine Bedeutung geben. Man kann durchaus sagen, dass das chinesische Denken auf diese Weise ‚instrumentalisiert‘ wird, aber zu heuristischen Zwecken, zur ‚Neubeschreibung‘. Im Grunde sind die Wahrheiten, die der Osten uns ‚lehrt‘, im Westen nicht völlig ignoriert worden, aber dieser hat sie anders angeordnet unddramatisiert. (...) Mir kommt es praktisch so vor, dass das chinesische Denken vor allem eine Methode zur Neuentdeckung und Entdramatisierungliefern kann, wenn wir unsere Fixierungen-Begriffe aufgeben und auf einen bestimmten Narzissmus (auf der Ebene der Zivilisation) verzichten.“ [11]

Wiederholen wir zunächst nochmals: Der Mann mit seinem Ausspruch „Dort steht ein Baum!“ widerspiegelt geradezu sinnbildlich die Grundlage des griechisch-europäischen Denkens: Es hat sich dafür entschieden, abgrenzbare-identifizierbare Gegenstände zu denken, die sich klar „vor“ dem Geist abzeichnen. Dieses „vor“ bildet die Bühne: Auf der einen Seite der „Beobachter“ (der Mann), auf der anderen Seite die „Natur“ (der Baum), die tatsächlich ausserhalb des Subjekts als Entgegen-Stehendes „Bestand hat“. Beide – der Mann und der Baum – sind voneinander getrennt, als Gegenüber „gesetzt – kein Raum also für Ungeschiedenes oder Undifferenziertes. Demgegenüber hat sich das vorwiegend taoistische China dafür entschieden, das Ungeschiedene, das tao, ungeschieden zu denken. [12]

Dadurch, dass der Mann ein Objekt, den Baum, und damit auch einen Horizont fixiert, entreisst er sich selbst dem ständigen Wandel der Dinge und ihrer Umgebungen, verschliesst sich den Möglichkeiten, anders und andere Aspekte aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen. Ein so (fest)gewordener Geist unterscheidet nurmehr zwischen „es ist dieses“ oder „es ist nicht dieses“, es ist „so“ oder es ist „nicht so“. Die Koexistenz der verschiedenen Sichtweisen und Perspektiven geht dabei verloren, während doch auf eben dieser Koexistenz die Kohärenz des Wirklichen beruht.

Wie könnte denn das Theaterstück in China beginnen? Vielleicht so: Der Mann ruft etwas ins Sein und gibt diesem „Etwas“ gleichzeitig einen Namen, nämlich „Baum“. Bereits hier blitzt eine erste Ahnung auf, wie die klassisch-zweiwertige Subjekt-Objekt-Beziehung mit ihrer Herrschaft des Objekts sich verwandelt, nämlich zu „Empfangendes – Empfangenes“, zu einem Verhältnis der Gastfreundschaft (des „Empfangs“) und nicht zu einem der Neutralität. Mit anderen Worten: der Begriff „Subjekt“ kann als „Gastgeber“ übersetzt werden, wobei das „Objekt“ das „Aufgenommene“ ist. „ ‚Aufnehmend‘/‚aufgenommen‘: Man sieht (...), wie sich das chinesische Sprechen-Denken nur ungern dazu hergegeben hat, die prinzipielle Trennung zwischen dem ‚Subjekt‘ und dem ‚Objekt‘, die Grundlage der Neutralität der Erkenntnis, wiederzugeben. [13] Dazu passend ein Zitat von Zhuangzi: „Unparteiisch und nicht Parteigänger, / vermögend und ohne etwas Besonderes, / auf entschiedene Weise ohne [etwas] Anleitendes / streben zu den Dingen ohne Zwiespalt, / nicht daran festhalten zu grübeln, / sich nicht bemühen zu erkennen, / von den Dingen nichts auswählen, / stets mit ihnen gehen ...“ [14]

Das schmunzelnde „Aha“ der Frau drückt jetzt ihre Freude darüber aus, dass der Mann beginnt, sich dem chinesischen „Malerei-Denken“ zu nähern. Sie hat ihm die beiden ersten Hexagramme des Buches der Wandlungen(I-Ging) erläutert: Qian, das Schöpferische/das initiatorische Vermögen, und Kun, das Empfangende/das rezeptive Vermögen. Für ihn war die erste grosse Überraschung, dass dieses Buch nicht auf einem Wort aufbaut, sondern auf zwei Strichen – je nachdem einem durchzogenen yang-Strich (–) oder einem unterbrochenen yin-Strich (- -). Seine zweite Überraschung: Das Buch lehrt keine Botschaft, verkündet keine endgültigen Wahrheiten, legt keinen Sinn frei, weder über das Rätsel der Welt noch das Mysterium des Lebens. Sie erklärt ihm, dass diese beiden ersten Hexagramme die übrigen 62 repräsentieren, die in ihrer Folge variiert werden und das Funktionierender Realität darstellen. Für die chinesische Art des Denkens von zentraler Bedeutung sei, dass sich die Quelle der Erkenntnis nicht in einem Subjektfinde, sondern in dem Vermögen, einen Prozess fortzusetzen. Die praktischen wie theoretischen Konsequenzen dieser beiden ersten Hexagramme würden sich darin zeigen, dass alle Gegensatzpaare sich auflösen oder auf andere Weise arbeiten: Anwesenheit undAbwesenheit, Leben undTod, Subjekt undObjekt ... [15]

Ich ist wandelbar-erfinderisch (prozesshaft), (...) es hütet sich vor der Erreichung und Festlegung. Es ist das, wodurch Leben(Begehren, Verstand, Unruhe ...) sich immer wieder befördert und wandelt, sich sammelt, ohne zu erlahmen.“ [16]

Jetzt ist der Mann in der Lage, nicht länger als bloss externer Beobachter in der Landschaft zu stehen. Er hat seine Position geräumt, alles und jedes, was ihm begegnet, in die Gegenüberstellung von binären Begriffspaaren – wie „Subjekt“ / „Objekt“ („an sich“und „für sich“), „Geist“ / „Materie“, „Gott“ / „Welt“ – einzuordnen, Dualismen, von denen seine Vernunft beständig ausgegangen ist. Er konnte deren Joch endlich abschütteln und sich von ihnen befreien – und vor allem: Identität nicht als Spitze der Hierarchie von Ich und Welt, sondern als temporäre Identifikation innerhalb einer Konstellation, Identität als Verhalten und Prozess und nicht als Einheit(spol) begreifen. Er hat sich auf den Weg gemacht, seine Beobachtungsgabe zu schärfen, dabei alle seine Sinne zu benutzen, kurz: anderes anders wahrzunehmen. Sein Blick ruht nicht länger aufetwas, sondern kommt und geht von einem zum anderen, besser noch: er ist zwischenihnen. Landschaft taucht jetzt auch für ihn nur auf, wenn sein Blick sich in Bewegung setzt und umherschweift: Wahr-nehmen erschliesst ihm die Dinge und sich selbst nur durch Bewegung und Ortswechsel. Allerdings kann er nicht alle Betrachtungen gleichzeitig in eine Gesamtschau zusammenbringen, denn die je betretenen Orte bleiben im Moment ihres Betreten-seins und der dort gewählten Perspektiven immer momentan absoluter Ort bzw. absolute Perspektive. Seine heraufdämmernde Einsicht: Notwendig wird die Gleichzeitigkeit mehrfacher Beschreibungen, also die äquivalente, nicht-perspektivische Standpunktpluralität, die die Beschreibungen gleichwertig auf die Orte und deren Beziehungen verteilt, bezieht und vermittelt. Dass die heterogene Gleich-Gültigkeit der vielen Orte und Perspektiven Identitäten brüchig werden lässt, kann er jetzt gelassen zur Kenntnis nehmen und vorbehaltlos akzeptieren.

Phantasieren wir noch etwas weiter: Der Mann bewegt sich jetzt nicht nur, er beginnt zu tanzen, anfänglich noch etwas unbeholfen, dann nimmt er die Hand der Frau und sie tanzen gemeinsam. Nicht dass sie sich programmatisch entschieden hätten, jetzt zu tanzen, nein, sie tun es einfach. Sie führen sich gegenseitig, erspüren den nächsten Schritt und verschmelzen mit den Bewegungen des anderen zu einer Wesenheit, die mit vier Augen sieht. Wirklichkeit wird zur Gemeinsamkeit – und zur Gemeinschaft. Sie drehen sich immer weiter und entfalten von jedem Ort aus nach allen Richtungen hin so etwas wie eine Circumperspektive [17] – und sehen wieder etwas Neues, gänzlich Unerwartetes. Was sich darbietet, sind Bilder von Landschaften mit ihren Dingen und Wesen, ihrem manchmal kaum wahrnehmbaren Werden, mannigfaltige Sichten – doch auch dann bleibt noch so manches verborgen. So kann ihr Sehen, aber auch ihr fragendes Denken, zurückkehren in das anfängliche „Haus der Welt“, in dem alle Dinge und Wesen werden und entwerden in einer Art gleitender Übergänge diesseits von Bejahung und Verneinung. [18] Und das Endliche kann sich in den jeweiligen Ausdruck des Unendlichen zu verwandeln beginnen, was beide veranlasst, im Einfachen und Unscheinbaren das Scheinen des Unendlichen und/oder Grenzenlosen zu sehen, zu bestaunen und zu denken.

In seinen Gesprächen mit der Frau gewann der Mann noch eine weitere Einsicht, die ihm bisher verborgen geblieben war. Er entdeckte etwas über das Wort „Erfahrung“, zwar nicht über die Erfahrungen, die er sich durch die Ausübung seines Berufs oder im Laufe des Lebens angeeignet hat oder besonderen Erlebnissen verdankt, sondern über jene Erfahrungen, die das Substrat seiner bewussten Handlungen bilden, denen er in der Regel keine Aufmerksamkeit schenkt bzw. kaum je zur Kenntnis nimmt; dies nicht allein deshalb, weil sie ihm zu nahe und zu vertraut sind, sondern weil sie sprachlich kaum auszudrücken sind. Für Zhuangzi ist es blosse Einbildung, wenn die Menschen glauben, dass die Sprache ihnen erlaubt, die Wirklichkeit der Dinge zu erfassen. Er sieht den Grund dieses Irrtums darin: „So ist das, was man beim Anschauen sieht, nur Form und Farbe, was man beim Hören vernimmt, nur Name und Schall. Ach, dass die Weltmenschen Form und Farbe, Name und Schall für ausreichend erachten, das Ding an sich zu erkennen! Darum: ‚Der Erkennende redet nicht; der Redende erkennt nicht.‘ Die Welt aber, wie sollte die es wissen?“ [19] Die Welt vielleicht nicht, aber wir können jederzeit beobachten, wie das Vermögen des sprachlichen Ausdrückens peripher wird, wenn unsere Aufmerksamkeit auf eine sinnliche Realität – sei es ausserhalb von uns oder in uns – fokussiert ist, wie auch umgekehrt wir uns nicht mehr auf unsere Wahrnehmung konzentrieren können, wenn wir über etwas sprechen. Das ist übrigens auch Wittgenstein aufgefallen: „Während ich einen Gegenstand sehe, kann ich ihn mir nicht vorstellen“, [20] und umgekehrt: „Wenn wir uns etwas vorstellen, beobachten wir nicht.“ [21] Ebenso schreibt Valéry in seinen Cahiers: „Was ich denke, stört das, was ich sehe – und umgekehrt.“ [22] Wir können eben nicht gleichzeitig einen Bewusstseinsinhalt und den Bewusstseinsprozess beobachten. Mehr Klarheit über den Sprung in einen anderen Bereich ist nur zu haben, wenn wir deutlich zwischen Bewusstseinsinhalten und Bewusstseinsprozessen unterscheiden. Man kann zwar seine Bewusstseinsinhaltepositiv-sprachlich darstellen und ausdrücken, aber eben nicht den Bewusstseinsprozess. Damit stecken wir in einem Dilemma: zum einen lässt sich der Bewusstseinsprozess positiv-sprachlich nicht definieren – Sprache ist ein sequentieller Prozess und damit auch das sprachlich-inhaltliche Denken –, zum anderen können wir unsere innere Gewissheit, dass wir denken, nicht einfach negieren. Der Ausweg: Wir müssen den prinzipiell selbstbezüglichen Charakter des Bewusstseins zur Kenntnis nehmen!

 

 

 

 

 

[1]  von Foerster, Heinz: „Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen – Eine Selbsterschaffung in sieben Tagen“, Berlin 2002, S. 1

[2]  Eliot, Thomas Stearns: „Gesammelte Gedichte. Englisch und Deutsch“, übersetzt von Christian Enzensberger, u.a. Frankfurt/M. 1972; das Gedicht „Little Gidding“ übersetzte Nora Wydenbruck.

[3]  von Foerster, Heinz: „Wahrnehmen wahrnehmen“, in: Ars Electronica (Hrsg.): „Philosophien der neuen Technologie“, Berlin 1989, S. 30

[4]  Kaehr, Rudolf: „Disseminatorik. Zur Dekonstruktion der Techno-Logik.(1995)“, in: www.vordenker.de (Sommer Edition, 2017) J. Paul (Ed.), URL: http://www.vordenker.de/rk/rk_Zur-Dekonstruktion-der-Techno-Logik_1995.pdf, S. 69

[5]  von Foerster, Heinz, und Pörksen, Bernhard: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker“, Heidelberg 2016, S. 24

[6]  Kaehr, Rudolf: „Weltentwurf durch Sprache – Diamond-Strategien – Buch des Wandels“, in: www.vordenker.de (Edition Sommer 2017, J. Paul, Hrsg.) – URL: http://www.vordenker.de/rk/rk_Diamond-Strategies_Weltentwurf-durch-Sprache_1997.pdf,S. 137 f.

[7]  Bierter, Willy: „Wege eines Wanderers im Morgengrauen. Auf den Spuren Gotthard Günthers in transklassischen Denk-Landschaften“, Books on Demand, Norderstedt 2018, insbes. Kap 6: „Die Triade Ich - Du - Es“, S. 91 f.; vgl. auch Bierter, Willy: „Denk-Wege – Gotthard Günthers Geburtsarbeit an einem neuen Format von Menschsein“, in: https://www.philosophie.ch/artikel/2018/denk-wege-gotthard-guenthers-geburtsarbeit-an-einem-neuen-format-von-menschsein, September 2018

[8]  Meyer, Eva: „Der Unterschied, der eine Umgebung schafft: Kybernetik, Psychoanalyse, Feminismus“, Wien 1990, S. 9

[9]  Valéry, Paul: „Zur Theorie der Dichtkunst“, Frankfurt 1962

[10]Meyer, Eva: a.a.O., S. 12

[11]Jousset, Philippe: „Wie man dem Subjekt aus dem Weg geht oder sich von ihm befreit“, in: „Kontroverse über China“, Berlin 2008, S. 62 f.

[12]Jullien, François: „Das grosse Bild hat keine Form“, München 2005, S. 58

[13]Jullien, François: „Vom Sein zum Leben“, Berlin 2018, S. 265

[14]Zhuangzi:hrsg. v. Guo Qingfan: „Xiaozheng Zhuangzi jushi“, Taipei 1962, 2 Bde., Kap. 33

[15]Jullien, François: „Das grosse Bild hat keine Form“, München 2005, S. 46

[16]Jullien, François: „Schattenseiten: Vom Bösen oder Negativen“, Zürich – Berlin 2005, S. 190

[17]Tsujimura, Koichi: „Über Yü-chiens Landschaftsbild ‚In die ferne Bucht kommen Segelboote zurück’“, in: Ohashi, Ryosuke (Hrsg.): „Die Philosophie der Kyoto-Schule“, Freiburg/München 1990, S. 455 f.

[18]Merleau-Ponty, Maurice: „Das Sichtbare und das Unsichtbare“, München 1986, S. 138

[19]Dschuang Dsi: „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“, Köln 1986, Kapitel XIII, Abschnitt 10, S. 153

[20]Wittgenstein, Ludwig: „Werkausgabe“, Frankfurt a.M. 1984, Band 8, Zettel, S. 420, § 621

[21]Wittgenstein, Ludwig: a.a.O., S. 423, § 632

[22]Valéry, Paul: „Cahiers“, Paris 1973, Bd. 1, S. 795