von Manuel Güntert

Über die Offenbarung der Offenbarung – Die Verdoppelung der Hure Babylon

Hier geht es um das Dilemma, in das das Gute getrieben wird, wenn es sich als gut offenbart. Diesem Zwang wohnt etwas inne, dass es als das Gute, als das es sich offenbart, in Frage stellt.

Liegt das eigentliche Dilemma des Guten nicht darin, dass es sich zeigen – also: offenbaren – muss? Als das Gute, das es sein will, muss es ja zur Kenntnis genommen werden. Wie sonst wüsste es darum, also – um sich selbst? Für sich, für seinen Ruf als gut, muss es doch etwas tun. Das Gute kann sich unmöglich erlauben, nicht als solches zu erscheinen, um überhaupt als ebendieses Gute (an-)erkannt werden zu können. So offenbart sich ein Gutes, wenn es sich denn offenbart, nie nur als das Gute, als das es sich eben offenbart, sondern es offenbart mit sich immer auch die Tatsache seines Sich-Offenbaren-Müssens. Und diesem Zwang, dem sich das Gute ausgesetzt sieht, um auch gut sein zu können, eben jenem, sich als gut seiend offenbaren zu müssen, wohnt schon eine potentiell offenbarende Infragestellung seiner selbst inne. Denn schließlich könnte man immer meinen, eine gute Handlung sei weniger der Güte des gut-Handelnden selbst als eben dem latent vorhandenen Zwang geschuldet, sich als gut offenbaren zu müssen.[1]

Welche Konsequenzen es zeitigen kann, dass eine Offenbarung des Guten immer und notwendig etwas mit sich offenbart, offenbart sich in aller Deutlichkeit – es ist fast schon zu deutlich – am Schluss jenes Buches der Bibel, das den Namen der Offenbarung selbst trägt, dort an jener Stelle, an der die Hure Babylon vernichtet wird: Es kommt einer der sieben Engel, welche die sieben Schalen tragen, zu Johannes und sagt zu ihm: „Komm, ich zeige dir das Strafgericht über die große Hure, die an den vielen Gewässern sitzt. Denn mir ihr haben die Könige der Erde Unzucht getrieben, und vom Wein ihrer Hurerei wurden die Bewohner der Erde betrunken.“[2]

Da die die Vernichtung der Hure Babylon bevorsteht, wird das Volk Gottes aufgefordert, die Stadt zu verlassen, damit es nicht mitschuldig wird an ihren Sünden und von ihren Plagen mitbetroffen. Die Sünden der Hure Babylon haben sich bis zum Himmel aufgetürmt, und Gott hat ihre Schandtaten nicht vergessen.[3] Offenbar stellt man sich Gott hier als denjenigen vor, der alles gesehen hat und sich auch an alles erinnert. Deshalb ist er jener, vor dem man zu offenbaren hat, dass man eben gut ist. Zudem ist nicht minder offenbar, dass er derjenige ist, der darüber zu entscheiden hat, was gut und was böse ist – das heißt, wenn er die Schandtaten der Hure Babylon nicht vergessen hat, dann hat er die Entscheidung darüber bereits getroffen.[4] Das einzelne Mitglied seines Volkes jedenfalls trifft die Entscheidung, was gut ist und was böse, als bereits für es getroffene – und damit: für es offenbarte – an. Gott hält hier Strafgericht über jene, die sich ihm als nicht gut seiend offenbart haben, über jene, die vor seinen allsehenden Augen gesündigt haben. Wenn aus dem (Sündigen), was Gott erblickt hat, eine konkret vollzogene Vernichtung hervorgeht, dann macht der göttliche Blick wahr. Er schafft eine strafende Wahrheit gegen das, was er gesehen hat.

Dass die verworfene Seite der Entscheidung – das Böse oder die Sünde – nicht ganz so verworfen ist, wie sie sein sollte, offenbart sich in der folgenden Aufforderung: „Zahlt ihr mit gleicher Münze heim, gebt ihr doppelt zurück, was sie getan hat. Mischt ihr den Becher, den sie gemischt hat, doppelt so stark. Im gleichen Maß, wie sie in Prunk und Luxus lebte, lasst sie Qual und Trauer erfahren.“[5] Evident wird hier das gegenseitige Durchdrungen-Sein von Gut und Böse: Wer sich seinem Gott bislang als gut-seiend offenbart hat – und dafür von den Schergen der Hure Babylon unterdrückt worden ist –, der sieht sich von diesem Gott legitimiert, das Erlittene nicht nur zurückzuzahlen, sondern doppelt zurückzuzahlen.

So offenbart sich der belohnende Gott als logische Kehrseite des strafenden Gottes. Schließlich könnte man meinen, es trage seinerseits böse Züge, das von einem Erlittene doppelt zurückzuzahlen. Die göttliche Belohnung liegt also eigentlich darin, dass derjenige, der sich ihm als gut offenbart hat, nun Böses mit doppelt Bösem vergelten darf: Er darf vor den Augen Gottes Böses tun, ohne selbst vor diesem als böse zu gelten. Wiewohl Gottes Volk und die Angehörigen der Hure Babylon trennscharf separiert worden sind, offenbart sich so, dass das, was nunmehr als unrettbar sündig deklariert und deshalb der Vernichtung preisgegeben, jenseits des Trennstrichs liegt, auch diesseits von diesem zu finden sein muss. Deshalb ist es durchaus nicht klar, ob hier wirklich das Gute das Böse vernichtet, dann das Kriterium, das über Vernichtung und Weiterleben entscheidet, ist offenbar nicht das Gut-Sein, sondern das sich-seinem-Gott-als-gut-seiend-Offenbaren. Wer sich den göttlichen Vorstellungen über Gut und Böse fügt und sich ihnen entsprechend offenbart, der darf böse sein.

In nur einer einzigen Stunde kommt das Gericht dann über Babylon, die mächtige Stadt. Die Kapitäne, die Schiffsreisenden, die Matrosen und alle, die Unterhalt auf See verdienen, sie können kaum es glauben, als sie den Rauch der brennenden Stadt sehen: „Wer nur kann sich mit der großen Stadt messen?“ Der Himmel, die Heiligen und die Apostel und die Propheten, sie werden aufgefordert, sich über den Untergang zu freuen: „Denn Gott hat Euch an ihr gerächt! Gottes Urteile sind wahr und gerecht und er hat die große Hure gerichtet, die mit ihrer Unzucht die Erde verdorben hat. Er hat Rache genommen für das Blut seiner Knechte, das an ihren Händen klebte.“ Noch einmal rufen sie: „Halleluja! Der Rauch der Stadt steigt auf in alle Ewigkeit.“[6]

Gott hat also in Namen seiner Knechte (re?-)agiert und er hat etwas vernichtet, über dessen Anziehungskraft sich seine Adepten bewusst sein müssen. Um die Feststellung der Schadenfreude, mit der die Vernichtung der Hure Babylon vollzogen wird, kommt man schlechterdings nicht umhin – und das wirft die Frage auf, inwiefern dieses Zelebrieren von dem durchdrungen ist und bleibt, was es vernichtet. Immerhin ist Neid fühlen zwar menschlich, aber Schadenfreude teuflisch.[7] Schadenfreude, die für Nietzsche der gemeinste Ausdruck über den Sieg und die Wiederherstellung der Gleichheit ist, auch innerhalb der höheren Weltordnung,[8] wird hier zu mehr als das: Denn sie feiert offenbar nicht etwa „nur“ eine Gleichstellung, sondern ein vernichtendes Unter-sich-Graben.

Angesichts der Wollust, die sich in der Vernichtung der Hure Babylon offenbart, ist es weit weniger klar, wo Jerusalem[9] steht und wo Babylon, als es scheint. Wenn Gott Rache genommen hat und das Blut seiner Knechte an der Hure Babylon klebt, dann muss da ein Wille sein, sich an dieser Hure gütlich zu tun. Es muss dies ein starker Wille sein, immerhin sieht Gott sich gezwungen, vernichtend einzuschreiten, um diese Anziehungskraft zu unterbinden. Hier wird die Sünde zum Unterlassungsgrund ihrer selbst – und dabei offenbart sie sich als: sündig. So ist davon auszugehen, dass die lustvoll offenbarte Schadenfreude an der Vernichtung als eine Art verzerrtes Spiegelbild der Lust an der Hure selbst fungiert.

Im Vernichtungsakt offenbart das Gute, was es in sich trägt und durch was es bedingt wird. In der offenen Vernichtungslust vergreift man sich in dem Sinne doppelt an der Hure Babylon, als man sie einmal vernichtet, um sich dann noch an dem zu delektieren, was man vorgängig vernichtet hat. In dieser Vernichtungslust des Guten liegt demnach auch der Offenbarungseid, den die Offenbarung leistet. Die Offenbarung offenbart, dass das, was sich in ihr als „gut“ offenbart, (auch) dem entspringt, was sie verbirgt und auch verbergen muss, will sie als das „gelingen“, als was sie sich eben offenbaren muss: Sie wird eigentlich von Hure Babylon angetrieben, die sie vor aller Augen auslöscht. In gewisser Weise wird diese dadurch zum Vernichtungsgrund ihrer selbst und sie vernichtet sich durch sich selbst. Am (Vernichtungs-)Grund ihrer selbst stehen bleibend, kann die Hure Babylon aber auch nicht wirklich vernichtet werden.

Das wiederum offenbart, welchem Zweck diese – vermeintliche – Vernichtung eigentlich dient. In der Vernichtungsszene haben das Gut und das Böse einerseits den Platz getauscht – das Gute offenbart sich ja als selbst als böse Züge tragend –, andererseits sind sie an Ort und Stelle verblieben. Denn wiewohl die Vernichtung eine Wollust in sich trägt, die jener (an) der Hure selbst gleicht, handelt es sich deshalb um ein verzerrtes Spiegelbild, weil die Hure Babylon im Volk Gottes sich zwar an der Vernichtung ihrer selbst erbaut, in den Konsequenzen ihrer Vernichtung aber wirklich unsichtbar gemacht wird. Denn auf der nunmehr durch Handlungen generierten Oberfläche erscheint sie nicht mehr. Schließlich wird fortan gehandelt, als ob sie wirklich vernichtet worden sei. Dafür aber muss die latent drängende Hure in den einzelnen christlichen Köpfen und Körpern immer wieder auf das Neue zurückgebunden werden.

Dadurch wird die (Fast-)Vernichtung der Hure Babylon zu einem permanent zu wiederholenden Akt. Wenn sie selbst in ihrer verhüllten Gestalt es war, die – offen! – ihre eigene Vernichtung zelebriert hat, dann offenbart das auch, dass sie sich selbst gar nicht loswerden kann. Jedes Mal, wenn die Hure Babylon in einem einzelnen Christen aufkeimt, muss er sie wieder vernichten. So bleibt sie als ihre unterdrückte Kehrseite der eigentliche Auslöser jener Handlungen, die sich gegen sie wenden. Folglich ist sie nicht etwa vernichtet, sondern nur verleumdet worden und diese Verleumdung entspricht zugleich einer permanent zu vollziehenden Selbstverleumdung. Selbstverleumdung ist hier also der eigentliche Preis jenes Guten, das sich gezwungen sehen, sich als gut zu offenbaren – nur offenbart das Gute damit unvermeidlich auch, was es als seine eigentliche Bedingung immer noch in sich birgt bzw. verbergen muss.

So kommt ihre Vernichtung einem eigentümlichen Sieg der Hure Babylon gleich. Schon der triumphierende Blick des Volks Gottes auf ihre Vernichtung offenbart auch ihren heimlichen Triumph. Offenbar hat sie sich durch das Volk Gottes durch sich selbst betrachtet, sich an ihrer eigenen Vernichtung ergötzt und das sich als gut Offenbarende hat sich blind dafür machen müssen, dass es in seiner und durch seine Offenbarung selbst im noblem Namen Gottes böse geworden ist. Dennoch hat es, was es erfolgreich vor sich selbst verborgen hat, just im selben Akt auch offenbart. Das Gute kann sich zwar glauben lassen und sich überzeugen, es sei wirklich nur das Gute, als dass es sich offenbart, eigentlich aber muss ihm klar sein, dass die Bedingung seiner Offenbarung das bleibt, was es in sich verbirgt und auch verbergen muss.

Da die zwangsweise erfolgende Offenbarung des Guten sich nicht ganz vollziehen kann, ohne ihren offenbarenden Charakter zu verlieren, bleibt sie auf die Sünde der Hure Babylon angewiesen. Die Sünde selbst ist die Bedingung, die Erlösung – von ihr – überhaupt denken zu können. Insofern die Offenbarung des Guten also die Sünde in sich behalten muss, weil diese sie als solche überhaupt ermöglicht, mündet die vermeintliche Vernichtung der Hure Babylon keineswegs in der tausendjährigen Herrschaft,[10] und die neue Welt Gottes[11] ist genauso ein Trugbild wie das neue Jerusalem.[12] Dennoch wohnt diesen Ideal-Bildern ersichtlich ein Zwecke inne: Sie werden als unerreichbarer Handlungshorizont von just jener Sünde so permanent vor sich hergeschoben, wie dieselbe Sünde im Streben dahin ausgelöscht werden muss.

Wenn nun jeder einzelne Christ jene Hure Babylon, die er vor seinen Augen vernichtet hat, auch immerfort in sich vernichten muss, dann handelt es sich um eine ständig zu vollziehende  Doppel-Vernichtung. Da die Hure Babylon selbst der Grund ihrer andauernden und doppelten Vernichtung ist – und bleibt! –, droht auch ständig eine doppelte Wiederkehr. Diese unbezwingbare Hure kann in jedem einzelnen Christen, der sie in sich verleumden muss, wiederkehren, und aus der Ecclesia selbst kann sich jene Hure entkleiden, die sie als einen ihrer Daseinsgründe ständig in sich verleumden muss.[13] Und so kann diese Hure jederzeit in ihrer eigentlichen Gestalt, also als offen sich zu sich bekennende Hure Babylon aus ihrer Verhüllung ausbrechen. Das wäre die dann tatsächlich die offenbarende Offenbarung dessen, was die Offenbarung in sich verbirgt, um überhaupt Offenbarung sein zu können…

 

 

 

 

 

 

[1] Eine vorgängige Anmerkung: Der hier verlinkte Text zeigt, weshalb Forderungen, wie sie beispielsweise im Matthäusevangelium – Matthäus 6.1 – erhoben werden, praktisch undurchführbar sind.

[2] Gemeint ist die Macht, die das Mittelmeer beherrscht, also das römische Reich. Offenbarung 17.1-17.2.

[3] Rom hat die Sünden „aufgetürmt“; man achte auf die Parallele zum Turmbau zu Babel. Offenbarung 18.4-18.5.

[4] Für Spaemann gibt es, wenn es den Blick Gottes nicht gibt, keine Wahrheiten jenseits unserer subjektiven Perspektiven. An anderer Stelle spricht er dann davon, dass Vergangenes Wirklichkeit annimmt im Erinnertwerden. R. Spaemann, Der letzte Gottesbeweis. München 2007: S. 27 und 31. Hier zeigt sich, wie verschlungen das hier ist: Denn durch diesen Blick, der alles sieht, nimmt das, woran er sich erinnert, brutale Wirklichkeit an: Gott hat die Sünden der Hure Babylon, die er gesehen hat, nicht vergessen und das löst in der – vom Johannes-Evangelium imaginierten – Wirklichkeit eine umfassende Vernichtung aus. Der göttliche Blick macht also wahr und hier er macht wahr gegen das, was er gesehen hat.

[5] Offenbarung 18.6-18.7.

[6] Offenbarung 18.10-19.3.

[7] A. Schopenhauer, Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: Sämtliche Werke in fünf Bänden. III. Band. Leipzig 1915: S. 593.

[8] F. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Werke Band II. München/Wien 1980: Der Wanderer und sein Schatten. Aphorismus 27.

[9] Die Vernichtung ist gewissermaßen die Bedingung, damit die Heilige Stadt, wie von Johannes später gesehen, von Gott her aus dem Himmel herabkommen kann, bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Offenbarung 21.2-21.3. Jerusalem ist als Anlage schon präsent, es muss noch auslöschen, was seinem Herabkommen noch im Wege steht – und sich dafür blind machen, dass dasselbe, was dieses Herabkommen bislang verhindert hat, zugleich und vor allem dasjenige ist, das eine solche Imagination überhaupt ermöglicht.

[10] Offenbarung 20.1-20.6.

[11] Offenbarung 21.1.-22.5

[12] Offenbarung 21.9-22.5

[13] Für Johannes greift Satan das Volk Gottes von zwei Seiten gleichzeitig an: von außen durch die römischen Behörden und von innen durch Häretiker, die christlichen Gruppen unterwanderten. E. Pagels, Apokalypse. Das letzte Buch der Bibel wird entschlüsselt. München 2013: S. 108. So entspricht auch dieses Bild dem Doppelcharakter der Vernichtung: Die Hure Babylon vor den eigenen Augen muss genauso vernichtet werden, wie das, was sich als unterwanderndes Element im Körper der Ecclesia selbst eingerichtet hat. Dabei gilt für die Häresie dasselbe wie für die Hure Babylon: jeder Versuch, eine Häresie abzutöten, wird eigentlich von der Häresie selbst betrieben.