von Dr. Rebecca Gutwald, Ludwig-Maximilians Universität München

So nah und doch so fern? Was sollen wir für Fremde in Not leisten?

Viele Menschen in Westeuropa assoziieren mit Sankt Martin oft nur noch einen Laternenumzug in Kindergarten oder Schule. Einige mögen ihn als moralischen Helden ansehen. Hat das aber etwa mit politischer Philosophie zu tun, um die es in diesem Blogbeitrag gehen soll?

Sankt Martin und der Bettler

Bald, am 11.11., feiern wir Sankt Martin. Laut Überlieferung war Martin von Tours ab 334 n.Chr. als Soldat unterwegs. Während des harten Winters begegnete Martin eines Tages vor den Stadttoren von Amiens einem unbekleideten Armen, der in der Kälte fast erfror. Der Mann bat die Vorbeigehenden, ihm etwas zu geben, um seine Not zu lindern, jedoch reagierte niemand außer Martin auf seine Bitten. Martin hatte nichts dabei, was er geben konnte, außer seinem Mantel und Schwert. Er entschloss sich aus Mitleid, seinen Mantel mit dem Schwert zu teilen, und eine Hälfte dem Armen zu geben, damit dieser nicht mehr fror.[1] Soweit, so bekannt. Viele Menschen in Westeuropa assoziieren mit Sankt Martin oft nur noch einen Laternenumzug in Kindergarten oder Schule. Einige mögen ihn als moralischen Helden ansehen. Hat das aber etwa mit politischer Philosophie zu tun, um die es in diesem Blogbeitrag gehen soll? Kann uns diese Geschichte etwas über die Gestaltung unserer politischen Institutionen und unseres sozialen Lebens lehren? Weit weg muss man nicht schauen, um die Antwort zu finden, denn vieles spielt sich vor unserer europäischen Haustür ab. Die Bedürftigen, die Bettler in Not, landen an unserer Schwelle auf löchrigen Schlauchbooten oder nach langen Fußmärschen. Viele fliehen vor Krieg oder extremer Armut, die immer noch zu den dringlichsten Problemen auf der Welt gehört: gemäß der Erhebungen der Weltbank beläuft sich der Prozentsatz derer, die in absoluter Armut leben, auf etwa 10 Prozent der Menschen auf dieser Erde[2]. Absolut arm, das sind Menschen, die mit weniger als 1,90 Dollar am Tag auskommen müssen. Das reicht auch in Ländern mit niedrigen Lebenshaltungskosten in der Regel nicht, um sich satt zu essen und ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben. Kurz gesagt: diese Menschen leben sehr schlecht. Viele Menschen auf dieser Welt sind in der Situation des Bettlers in der Geschichte von Sankt Martin. Und wir sind die Wohlhabenden, die entweder vorübergehen oder wie Sankt Martin stehen bleiben und etwas geben. Wer wollen und sollen wir sein?

Wohlstand verpflichtet? Tun, was man kann

Die Übersetzung des Barmherzigkeits-Gedankens in die Sprache der politischen Philosophie führt uns zu Fragen danach, ob wir Verpflichtungen im Namen der sozialen Gerechtigkeit gegenüber Menschen in Not haben – und, wenn ja, welche. Der australische Philosoph Peter Singer, der über die Grenzen der akademischen Philosophie hinaus für seine umstrittenen Forderungen bekannt ist, hat diese Debatte im Jahre 1972 mit einem wissenschaftlichen Artikel eröffnet. Er bezieht sich auf das Gedankengebäude des mittelalterlichen Philosophen Augustinus, der Askese und Verzicht zu einem wesentlichen Teil seiner Moralphilosophie machte. Singer beginnt seine Überlegungen mit der scheinbar harmlosen Behauptung, dass jeder Mensch, wenn es in seiner Macht steht, etwas Schlechtes zu verhindern, ohne etwas von vergleichbarer moralischer Wichtigkeit opfern zu müssen, moralisch dazu verpflichtet ist, das zu tun. Entsprechend fordert Singer, dass die Bürger eines wohlhabenden Landes ihre Reichtümer an die Bedürftigen der Welt abgeben sollten, solange sie dadurch nicht etwas moralisch genauso Wertvolles verlieren oder selbst in Not geraten – bis es den Armen der Welt besser geht.[3] Folglich sollten die meisten Menschen in wohlhabenden Staaten wie Deutschland oder der Schweiz – wie Sankt Martin – einen großen Teil ihrer Besitztümer abgeben. Angesichts der großen Not in der Welt steht es uns nämlich nicht zu, derart bequem und luxuriös zu leben. So radikal Singers Forderung auch klingen mag, sie rührt an einem Unbehagen, das viele Menschen derzeit verspüren, wenn sie mit den Nöten konfrontiert sind, die am Anfang dieses Posts beschrieben sind. Daher hat Singer auch einige Anhänger gewonnen. Dürfen wir Europäer wirklich weiter ein bequemes, wohlhabendes Leben führen, wenn wir wissen, dass auf der Welt Menschen leiden und dass wir deren Situation verbessern können? Müssen wir dann nicht auf einen großen Teil unseres Wohlstands verzichten? 

Dürfen wir bequem sein? Was Moral mit Psychologie zu tun hat

Singers Beitrag stellt den Bürgern und Regierungen von wohlhabenden Staaten kritische, fast schmerzhafte Fragen dazu, ob sie ihren Reichtum gerechterweise verdient haben. Dennoch: verlangen Singer und seine Anhänger hier nicht doch zu viel vom „normalen“ Bürger? Sind wir nicht überfordert? Sollen wir wirklich täglich mit der Schuld leben, nie genug zu tun? Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen sich des extremen Leids in der Welt wohl bewusst sind. Viele glauben nicht an Ihre Verpflichtung oder sie verleugnen diese, weil die Konfrontation eben zu schmerzhaft wäre. Hinzu kommt aber noch etwas anderes, nämlich eine ganze Reihe von psychologischen und gesellschaftlichen Faktoren, die beeinflussen, was wir tun und geben. Ein harmloses Beispiel aus der Schule: wenn alle Eltern beim Weihnachtsbazar Plätzchen spenden, wird man dies auch eher tun – oder sich als Außenseiter fühlen, wenn man darauf verzichtet. Plätzchen spenden ist also der Standard. Im Fall von Sankt Martin war der Standard in der damaligen Gesellschaft, am Bettler vorbeizugehen, was die meisten Menschen getan haben – eben weil es die anderen tun. Die amerikanische Philosophin Judith Lichtenberg, Professorin für Philosophie an der Georgetown Universität von Washington D.C., hat jüngst ein Buch veröffentlicht, in dem sie politische Philosophie mit Moralpsychologie verbindet. Sie argumentiert, dass man moralisch von „normalen Menschen“ nicht verlangen kann, dass sie – wie St. Martin – ihre letzten Besitztümer geben, um Fremde zu retten. Menschen sind, wie Aristoteles es schon formuliert, im Wesentlichen soziale Wesen.[4] Wir sind auch in unserem moralischen Tun davon abhängig, was andere um uns herum tun und wie sie uns unterstützen. Lichtenberg verweist auf zahlreiche Verhaltensexperimente in der Psychologie, welche verschiedene Einflüssen auf unsere Entscheidungen aufzeigen. Zum Beispiel: dass Menschen lieber tun, was die Norm ist (die „default“-option); und auch das, woran sie gewöhnt sind („habituation“); oder, dass Menschen nicht reagieren, wenn andere auch untätig sind („bystander“ effect); und schließlich, dass Menschen auch lieber denjenigen helfen, denen sie sich nah fühlen und deren Not sie sich konkret vorstellen können, also in ihrer Umgebung spüren („identifiable victim“)[5]. Diese Fakten erklären, warum wir wenig für Fremde in Not tun. Aber beeinflussen sie, was wir tun sollen? Eine wichtige Rolle der politische Philosophie und Ethik ist es, den Menschen zu zeigen, was sie tun sollen, also, wie sie besser handeln können. Lichtenberg gibt eine Antwort, die zwei vermeintlich gegensätzliche Forderungen vereinen will. Es gibt Umstände in die dieser Welt, wie extreme Armut, die objektiv schlecht sind. Menschen, die dieser Not abhelfen können, sollen dies tun. Gleichzeitig muss man aber anerkennen, dass Moral für uns „normale“ Entscheider gemacht ist, die von den eben beschriebenen Effekten stark beeinflusst sind. Wenn Moral überfordert, funktioniert sie in der Praxis nicht und wird kontraproduktiv. Lichtenberg beruhigt uns also. Wir müssen weder Sankt Martin noch der unbeteiligte Zuschauer sein. Was aber sollen wir dann tun? Lichtenberg schlägt vor, dass wir nicht unbedingt nur als Einzelne die Welt retten müssen. In der Pflicht sind auch gesellschaftliche Gruppen und die Politik. Wir alle sollen ein Klima schaffen, fürsorglich und freigiebig zu sein. Indem wir uns bewusst sind, wie wir entscheiden und welches Umfelds es bedarf, werden wir so dazu angehalten, ein bisschen Sankt Martin zu sein, was in Summe sehr weit reichen kann. Dafür können wir alle, und insbesondere die Politik, die beschriebenen Effekte durchaus nutzen, z.B. durch politische Bildung und Erziehung, durch Vorbilder und durch die Visualisierung von Bedürftigkeit. Und hier finden wir uns noch einmal bei Aristoteles wieder, der sagt, dass moralisches Handeln nicht möglich ist, ohne die richtige Erziehung und einen guten Staat. Aristoteles formuliert „von Jugend auf eine rechte Erziehung zur Tugend zu erhalten ist schwer, wenn man nicht unter entsprechenden Gesetzen aufwächst“[6]  

Man mag Lichtenberg nicht in allen Punkten Glauben schenken und meinen, sie mache es den Einzelnen zu einfach. Oder, dass sie den Sankt Martins unter uns nicht genug Anerkennung zollt. Allerdings eröffnet sie einen dritten Weg zwischen den beiden Möglichkeiten, Samariter zu sein oder unbeteiligt vorbeizugehen. Das ist ein anderer Blick auf eine Situation, in der derzeit oft mehr Effektivität als Ideal gefragt ist. Darüber lohnt es sich sicherlich, einmal nachzudenken. Wenn wir alle ein Stück unseres Mantels abgeben, könnt es gelingen, schlimme Not zu lindern und es gleichzeitig doch noch bequem warm zu haben. Das mag nicht so moralisch herausragend sein wie das Verhalten des heiligen Martin – aber besser machbar.  

[1] http://www.heiliger-martin.de/geschichte/mantelteilung.html

[2] http://www.worldbank.org/en/publication/global-monitoring-report

[3] Singer P. 1972. „Famine, Affluence, and Morality”. Philosophy & Public Affairs 1: 229-43

[4] Aristoteles, „Nikomachische Ethik“. In: Projekt Gutenberg-DE. (in der Übersetzung von Eugen Rolfes, 1911)

[5] Lichtenberg J. „Distant Strangers – Ethics, Psychology, and Global Poverty“. Cambridge University Press 2014

[6] Aristoteles, „Nikomachische Ethik“. In: Projekt Gutenberg-DE. (in der Übersetzung von Eugen Rolfes, 1911) X, 10; 1180 a / 455