Blogbeitrag von Prof. Urs Marti, Universität Zürich

Prometheia - Voraussicht als politische Tugend

„Mit einem Wort: ich hasse alle Götter, die mir zu Unrecht Böses tun“ – so lässt Aischylos im Prometheus desmotes seinen Helden ausrufen. Marx, der das berühmte Wort in der Doktorarbeit zitiert, hält Prometheus für den vornehmsten Heiligen und Märtyrer im philosophischen Kalender.

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„Mit einem Wort: ich hasse alle Götter, die mir zu Unrecht Böses tun“ – so lässt Aischylos im Prometheus desmotes seinen Helden ausrufen. Marx, der das berühmte Wort in der Doktorarbeit zitiert, hält Prometheus für den vornehmsten Heiligen und Märtyrer im philosophischen Kalender. Den schlechten Ruf, der ihm seit der ersten literarischen Verarbeitung seiner Taten durch Hesiod anhaftet, hat der Titan dennoch bis heute nicht verloren. Das Prometheische gilt als Hybris, als Hochmut, als Überschreitung einer Grenze, die den menschlichen vom göttlichen Bereich trennt. Konservativ, neoliberal und ökologisch Gesinnte halten prometheische Hoffnungen für vermessen. Für die Hüter marktwirtschaftlicher Orthodoxie zeugen aktive Wirtschaftspolitik, Marktregulierung und Umverteilung von verhängnisvollem Machbarkeitswahn, von der Anmassung eines Wissens, das den Markt als Instanz übermenschlicher Weisheit nicht achtet. Aus ökologischer Sicht ist die Erwartung, die dank Technik und Wissenschaft ermöglichte Beherrschung und Verwandlung der Natur könne das Glück der Menschheit sichern und vermehren, illusorisch. Solchen Warnungen liegt der Glaube an einen in der Schöpfung mitgegebenen Massstab von Gut und Böse, richtig und falsch zugrunde. Ihn in Frage zu stellen ist die Sünde des Prometheus. Doch Mythen handeln nicht primär von Gut und Böse; sie legen dar, weshalb die condition humaine mitsamt ihren Mühen und Lasten nicht anders sein kann als sie ist.

Was berichtet der Mythos von Prometheus in der Version von Hesiod? Götter und Menschen sind gleichen Ursprungs; in einem früheren Zeitalter lebten sie einträchtig zusammen, teilten Wohnsitz und Tafel. Die (männliche) Menschheit kannte weder Mühsal noch todbringende Leiden. Der Mythos muss erklären, weshalb die Menschen der Gegenwart so viele Übel kennen. Die erste Antwort lautet: weil Zeus die Nahrung unter der Erde verbirgt um sie zu harter Arbeit zu zwingen, und weil er das Feuer versteckt um sie daran zu hindern, ihre Speisen zu kochen. Doch welchen Grund hat Zeus, die Menschen zu bestrafen? Wie der Mythos erzählt, versammeln die olympischen Götter sich mit den Menschen zum gemeinsamen Festmahl, mit der Absicht freilich, die Scheidung zu vollziehen und die Menschen aus dem paradiesischen Reich des sorglos-müssigen Lebens zu vertreiben. Über das Motiv der Götter ist zunächst nichts zu erfahren, es liegt in der Zukunft.

 

Die Trennung erfordert eine Teilung, die Aufgabe wird Prometheus übertragen, einem Titanen, der im Krieg zwischen Olympiern und Titanen neutral geblieben ist. Der kluge, listige und wie der Name sagt vorausschauende Prometheus, fähig, Gefahren frühzeitig zu erkennen, versteht Unparteilichkeit als Verpflichtung, der benachteiligten Seite einen Vorteil zu verschaffen. Bei der Zerlegung eines geschlachteten Stiers teilt er den Menschen den besseren, essbaren Teil zu. Zeus, der die List durchschaut, zeigt sich masslos erzürnt und beschliesst, künftig den Menschen das Feuer vorzuenthalten. Prometheus entwendet es und bringt es den Menschen. Ihn trifft die grausame Strafe; er wird an einen Felsen gekettet, ein Adler frisst jeden Tag an seiner stets nachwachsenden Leber; unendlich ist das Leiden des Unsterblichen. Weil bei den Menschen dank Prometheus das Feuer brennt, beschliesst Zeus, sie mit einem anderen Feuer zu bestrafen, das sie aufzehrt und verbrennt: mit der Frau. Pandora ist ein von den Göttern hergestelltes Kunstwerk in Gestalt einer verführerischen Jungfrau, ausgestattet mit allen bösen Eigenschaften. Von ihr stammt „das verderbliche Geschlecht“ der Frauen und Weiber ab, von Zeus dazu bestimmt, die Männer zu quälen, ihren Sexualtrieb zu wecken, sie von pflegender Sorge abhängig zu machen, auf ihre Kosten zu leben und sie zu noch härterer Arbeit zu zwingen.

Hesiod hält das Ideal des arbeitsamen, redlichen und gottgefälligen Lebens aufrecht. Im sozialen Wandel vermag er nur Schlechtes zu erkennen: Korruption, die Zerstörung der Rechtsordnung durch das Recht des Stärkeren, die Unersättlichkeit des weiblichen Geschlechts, das die Männer ihre Unvollkommenheit spüren lässt. Zu verantworten hat all dies Prometheus, der hinterlistig-rebellische Gegenspieler von Zeus. Zwar glaubt Hesiod unbeirrt an des Göttervaters Gerechtigkeit, doch zeigt sein Bericht, dass Prometheus stets nur reagiert, um die Auswirkungen von Zeus’ Taten zu mildern. Die Menschen werden grundlos ihres unbeschwerten Daseins beraubt, noch ehe Prometheus auf den Plan tritt. Der Strafe, die sie trifft, entspricht keine Schuld. Um Schuld zuzuweisen, muss der Mythos die nachträgliche List des Prometheus zur Ursache der von den Olympiern vorgängig beschlossenen Aufhebung der Tafel machen. Der Mythos gehorcht keiner irdischen Chronologie; den Grund der Trennung, des Verlusts göttlicher Vollkommenheit kann er nicht angeben. Vielleicht hat eine blosse Laune der Götter aus Menschen Mängelwesen gemacht. Der Grund für Zeus’ Zorn wird hingegen genannt; Prometheus ist der Sündenbock, er hat es am Respekt fehlen lassen, die der Vater der Götter und Menschen beansprucht. Für eine Majestätsbeleidigung sollen die Menschen büssen? Ihre Sicht der Dinge ist eine andere: gewöhnt an eine Existenz, in der es ihnen an nichts fehlte, werden sie verbannt in eine Existenz, in der es ihnen am Lebensnotwendigen fehlt. Für das irdische Leben sind sie nicht gerüstet, sie kennen nicht Hunger, Entbehrung und Not, nicht Streit und den Zwang, arbeiten zu müssen. Wäre Prometheus nicht dazwischen getreten und hätte sich ihrer Sache angenommen, wären sie elend untergegangen. Er rüstet sie für den Kampf mit der Natur, weist ihnen den leidvollen, mühseligen Weg in die Zivilisation.

Hesiod erzählt in der  Theogonie, wieviel Krieg, Gewalt und List nötig war, um Zeus’ Herrschaft zu begründen. Zwei Jahrhunderte später erinnert Aischylos in der Prometheus-Tragödie daran, dass gerechte Herrschaft nicht auf Willkür und Gewalt beruhen kann. Die Qualen, die Prometheus erleidet, zeugen vom masslosen Hass der Götter auf den Menschenfreund. Von einer gerechten Strafe ist nicht die Rede; die Olympier rächen sich an einem Gott, der älter und klüger ist als sie. Prometheus ist der Sohn der Themis, der Göttin der Gerechtigkeit, die zugleich Gaia (Erde) heisst. Er verkörpert die irdische Rechtsordnung; er weiss, dass Gewalt keine dauerhafte Ordnung begründen kann und Götter nicht allmächtig sind. Zeus ist ein Usurpator, ohne Sinn für Verantwortung. Er kennt er nur den Kampf um die Macht und die Angst, dereinst einem Mächtigeren zu unterliegen. Masslos ist sein Zorn auf Prometheus, dessen Beistand er doch den Sieg über die Titanen verdankt. Im Hass auf den Verbündeten enthüllt sich das krankhafte Wesen der Tyrannei. Wie Zeus beschliesst, das Menschengeschlecht zu vernichten, vereitelt Prometheus den Plan und befreit die Menschen vom Los, das ihnen die Götter zugedacht haben. An ihrem natürlichen Los als sterblichen Wesen vermag er nichts zu ändern, wohl aber es zu mildern. Blinde Hoffnungen sowie das Feuer als Grundlage aller technischen Fertigkeiten hat er ihnen geschenkt. Er hat sie erlöst aus infantiler Borniertheit, ihre Sinne, ihre Urteilskraft und ihren Verstand geschärft, ihnen die Architektur, die Naturwissenschaften, den Gebrauch der Zahlen und der Schrift, Landwirtschaft und Schifffahrt gebracht, die Geheimnisse der Heilkunst, der Mantik und der Ausbeutung der Schätze der Erde enthüllt. Das Erdenvolk freilich hat ihm all dies nicht gedankt; im Widerstand gegen Zeus kann er auf menschliche Hilfe nicht zählen.

Prometheus personifiziert bei Aischylos nicht mehr die sündhafte Auflehnung gegen die heilige Ordnung; Zeus dagegen verkörpert die Hybris, die willkürliche, vernunft- und naturwidrige Herrschaft. Prometheus weiss, dass Zeus’ Sturz seiner Not ein Ende setzen wird. Zwar vermöchte der Göttervater mit der Befreiung des Widerparts sein böses Geschick abzuwenden. Seine eitle Unvernunft aber wird sein Verderben sein; sein Sohn wird ihn stürzen, so wie er selbst seinen Vater überwältigt hat. Prometheus weigert sich, Zeus sein Wissen mitzuteilen und dessen Herrschaft zu retten; da jeder göttlichen Herrschaft nur kurze Frist beschieden ist, sieht er keinen Grund, sich ihrer Autorität zu beugen. Nichts Gutes haben die Menschen von den Göttern zu erwarten; sie sind gut beraten, sich nicht mit ihnen zu vermischen, wie der Chor im Prometheus desmotes erkennt. Wenn Hesiods Urteil über die Götter günstiger ausfällt, kann doch auch er nicht leugnen, dass sie für die Menschen letztlich ein grosses Übel sind.

Es liegt in der Natur des Menschen, die Ursachen ihres Glücks oder Unglücks zu erforschen. Sie wollen verstehen was ihnen widerfährt, Ursache und Wirkung erkennen, sich gegen befürchtete Übel absichern und sich das erwünschte Gut verschaffen. Da sie aus Erfahrung wissen, wie unsicher die Aussicht auf Erfolg ist, sind sie ängstlich, sorgenvoll und übervorsichtig. Sie befinden sich, wie Hobbes darlegt, in der Situation des Prometheus, der dank seiner Weitsicht Übel und Gefahren früh erkennt. Vom Adler des Prometheus sind die Menschen verschont, nicht aber von der stets nagenden Furcht vor Tod, Armut und anderen Katastrophen. Wer den Wissensdrang, das Bemühen, Ursache und Folge zu begreifen, um planend vorsorgen und das Schlimmste verhindern zu können, als anmassend diskreditiert, verdrängt, dass der Mensch als ein bedürftiges und  ängstliches zugleich ein wissbegieriges Wesen ist. Die Welt ist voller Unsicherheiten, ob sie nun von unberechenbaren olympischen Göttern oder von den Finanz- und Arbeitsmärkten der Gegenwart herrühren. Dass in der häufig herbeiphantasierten „spontanen“ Ordnung des Marktes stets der – in dem Fall an Kaufkraft – Stärkere sich durchsetzt, hätte Hesiod, der vor den mächtigen Dorophagoi (Gabenfressern) gewarnt hat, gewiss nicht überrascht. Um sich von ihnen nicht übers Ohr hauen zu lassen, braucht es Prometheia.