von Dr. Martin Huth, Universität Wien

Politik der Wahrnehmung

Wer an Politik denkt, denkt zumeist an (mächtige) Institutionen, an politische Ideen (bzw. mehr oder weniger ekelhafte Ideologien), an Politiker, die sich an üblich gewordene Sprechweisen und Taktiken halten, sowie an die Vergabe oder das Vorenthalten von Rechten.

Wer an Politik denkt, denkt zumeist an (mächtige) Institutionen, an politische Ideen (bzw. mehr oder weniger ekelhafte Ideologien), an Politiker, die sich an üblich gewordene Sprechweisen und Taktiken halten, sowie an die Vergabe oder das Vorenthalten von Rechten. Wir haben uns daran gewöhnt, in der Politik einen in sich geschlossenen Bereich zu sehen, der sich von der Normalität unserer Lebenswelt abgekoppelt hat… die da (oben), die nur lügen, Mist bauen, und dem Volk auf jenes Maul schauen, das Ressentiments hinausschreit.

Zu dieser Sichtweise, die sich in unserer Lebenswelt durchaus breit gemacht hat, passt der Befund einer Politikferne oder Politikmüdigkeit, zumal eine Identifikation (und daher auch Partizipation) mit der politischen Klasse schwierig bis unmöglich scheint. Politische Verantwortung ist anderswo. Man wünscht sich im Extremfall einen Kaiser (oder Diktator), der alles regelt und über den man sich zugleich andauernd lustig machen kann, um sich für das Gefühl eigener Ohnmacht schadlos halten zu können. Satire ist dann zugleich witzig und selbstentmündigend.

Entgegen dieser Sichtweise, die sich da breit gemacht hat und die durchaus ein Gefahrenpotential hinsichtlich einer Selbstabschaffung der Demokratie in sich birgt, gibt es aber eine auch in der Philosophie nicht immer prominent vertretene Interpretation des Politischen, die sich gerade nicht auf die Ebene von Institution, Rechtsvergabe, Rollenmuster, in sich geschlossener gesellschaftlicher Sphäre fokussiert. Sehr unterschiedliche AutorInnen wie Judith Butler, Iris Marion Young, Jacques Rancière oder Axel Honneth haben sich darauf verlegt, das Politische an einem anderen Ort als an diesem nebulösen oder ominösen Dort aufzusuchen – nämlich hier, zwischen uns, in unserem alltäglichen sozialen Zusammenleben, in unseren alltäglichen Routinen, in unserer alltäglichen Wahrnehmung zumal. Das beginnt vor allem dort, wo wir jemanden als jemanden sehen und anerkennen, wo also jemand als Person in ihrer Respektabilität (vgl. Young 1999, 126) zum Vorschein kommt.

Die individuelle wie kollektive politische Verantwortung beginnt nicht erst dort, wo Rechte nicht oder nur spärlich bestehen oder eingehalten werden. Sie beginnt dort, wo der Obdachlose, die Migrantin, der Mensch mit geistiger Behinderung als Menschen zweiter Klasse gesehen wird – und das vielleicht auch und gerade da, wo man Mitleid oder Wohlwollen an den Tag legt, also nicht durch explizite Diskriminierung. Dies geschieht nicht kraft bewusster Entscheidungen. Wohl kaum jemand nimmt sich als Kind vor, einmal Rassist, Sexistin oder ignorant gegenüber „Anomalen“ zu werden. Vielmehr werden wir in Muster der Wahrnehmung und Anerkennung hineinsozialisiert, in denen behinderte Menschen wenig im öffentlichen Raum auftauchen und wenig mitzureden haben, diskriminierende Frauenbilder in üblichen und damit unauffälligen Sprechweisen tradiert werden und rassistische Vorurteile in Rollenbildern wirken, ohne dass uns das bewusst wird. Wer als Mensch oder Person qua unseresgleichen im Vollsinn zählt, ist nicht unbedingt eine Frage von Entscheidungen, sondern etwas, worauf wir retrospektiv achten müssen, wenn wir darüber nachdenken, wie wir andere wahrnehmen und was sie in uns auslösen (Honneth 2003, 12ff.; ähnlich Butler 2005, 36 u.ö.). Die Normen von Anerkennung und Respekt sind subtil wirkmächtig in unseren Wahrnehmungsgewohnheiten und typischen Umgangsweisen, über die wir gewöhnlich gar nicht nachdenken, weil sie uns als gewöhnliche gar nicht auffallen. Ohne solche Gewohnheiten würden wir uns aber ständig in Situationen befinden, in denen wir erst mühselig eine Ordnung herstellen müssten und daher oft überfordert wären.

Ein zugegebenermaßen plakatives wie hemdsärmeliges Beispiel: Ich hörte einen Vortrag eines kroatischen Philosophen über Heidegger in Wien. Während des Vortrags regte sich in mir mehrmals das Gefühl, dass hier etwas nicht stimme, ein Anflug kognitiver Dissonanz. Erst viel später wurde mir bewusst, was mir da so merkwürdig erschien: In Österreich, zumal in Wien, gibt es eine große Zahl an Menschen aus Ex-Jugoslawien. Diese Menschen, wie viele andere mit „Migrationshintergrund“, sind leider oft das, was Young „machtlos“ (Young 1999, 123f.) nennt, nämlich in Arbeitsverhältnissen, in denen sie wenig Selbstbestimmung und wenig soziale Anerkennung genießen, z.B. als Hilfsarbeiter am Bau oder Reinigungskräfte mit entsprechendem sozialem Habitus. Als nun der kroatische Philosoph vom In-der-Welt-sein und von der Seynsgeschichte mit kroatischem Akzent sprach, assoziierte ich vorbewusst seine Aussprache mit Mörtel oder Besen. Das ist natürlich extrem stereotypisierend, eine Form der Nicht-Anerkennung, die den Anderen als konkretes Gegenüber verkennt und in einseitige Rollenbilder presst. Was sich in dieser merkwürdigen Erfahrung zeigt, ist, dass sich Anerkennung, Fairness und Rücksicht nicht erst auf der Ebene politischer (bewusster) Entscheidungen aufsuchen lassen, sondern in unseren Wahrnehmungsgewohnheiten, von denen schon Aristoteles gemeint hat, sie seien der Kern des bios politikos (Aristoteles 2002, vgl. auch Waldenfels 2000, 145ff.). Das heißt, dass die schönste Formulierung von Menschenrechten und politischen Garantien allenfalls fromme Wünsche sind, wenn gesellschaftliche Stimmungen, Anerkennungsmuster und Normalitäten diskriminierend sind. Dann geht es nicht nur darum, dass jemand rechtlich oder ökonomisch benachteiligt ist, sondern darum, ob und wie jemand überhaupt als jemand anerkannt, gegrüßt, respektiert, angehört oder – wie oben – als Philosoph wahrgenommen wird. Dies sind Dinge, die weder rechtlich eingeklagt noch auf offiziellen politischen Agenden verhandelt werden können, die nicht immer direkt zugänglich sind, sondern die wir uns immer wieder aufs Neue bewusst machen müssen und die eine Umgewöhnung erforderlich machen. Da uns diese Muster von Wahrnehmung und Anerkennung in Fleisch und Blut übergegangen sind, ist eine Veränderung keine Sache von bloßer Einsicht, sondern eines mühsamen Bewusstmachens und Umlernens.

 

Aristoteles: Nikomachische Ethik. München: dtv, 2002.

Butler, J.: Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005.

Honneth, A.: Unsichtbarkeit. Stationen einer Theorie der Intersubjektivität Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003.

Waldenfels, B.: Das leibliche Selbst. Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000.

Young, I.M.: Fünf Formen der Unterdrückung. In: Herta Nagl-Docekal/Herlinde Pauer-Studer (Hg.): Politische Theorie. Differenz und Lebensqualität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999.