Blogbeitrag von Dr. Johan Rochel

Plädoyer für eine neue Ethik der Kreativität

Niemand kann in perfekter Übereinstimmung mit seinen Werten leben. Wir sind ständig in Verhandlung mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen.

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Die Ethik wird oft als Sammlung von Verboten verstanden und auch betrieben: Eine Handlung ist moralisch verwerflich und soll unterlassen werden, ein Produkt ethisch-korrekt und daher förderlich. Diese Art und Weise, Ethik zu betreiben, hat ihre Vorteile. Sie erlaubt uns, Klarheit darüber zu schaffen, welche Entscheidungen und Handlungen mit unseren Werten im Einklang stehen. Diese grenzen das Mögliche ab und hebt das Gute hervor.

Das Grundproblem dieser Ethik besteht in den Effekten auf unsere Motivation. Verbote üben eine negative Kraft auf uns aus. Wir alle kennen diese leise Stimme, die uns dazu bewegt, Ratschläge, Verbote und Empfehlungen aller Art von den Konformisten zurückzuweisen und auf unsere Freiheit zu pochen – egal wie dumm die finale Entscheidung sein mag. Der Neunmalkluge weiß Bescheid, was ich machen und wie ich konsumieren sollte. Doch sogar wenn ich mit ihm eigentlich einverstanden wäre, komme ich trotzdem zum Schluss: Ethik macht mein Leben wirklich unlustig und uninspirierend.

Dabei kann die ethische Reflexion sehr wohl auch befreiend sein und eine Menge innovativer Energie freisetzen. Diese neue Ethik der Kreativität kennzeichnet sich durch ein Hin-und-Her zwischen Praxis und Werten. Welche Werte sind für mich essenziell? Welche Ziele verfolge ich in meinen Aktivitäten als Individuum, Bürger, Mitarbeiter und welche Ideale inspirieren mich? Aufgrund der Antworten auf diese zentralen Fragen bin ich erst in der Lage, meinen Alltag mit einer kritischen Distanz zu betrachten. Welchen Zwängen bin ich unterworfen? Welche unbewussten Vorstellungen oder von der Gesellschaft definierten Erwartungen bestimmen mein Leben? Erlaubt das System in welchem ich arbeite und lebe überhaupt Freiheit?

Niemand kann in perfekter Übereinstimmung mit seinen Werten leben. Wir sind ständig in Verhandlung mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen. Wir alle lieben die Wahrheit und Gewissheit, aber das gesellschaftliche Leben konfrontiert uns mit gewissen Unklarheiten und Trugbildern. Wir lieben die Freiheit, aber wir müssen über sie durch unsere politischen Entscheidungen verhandeln. Wir lieben Freundschaft und Leidenschaft und trotzdem sind wir manchmal höllisch für die Anderen. Diese Spannungen und Widersprüche gehören zu unserem normalen Leben in der Gesellschaft. Betrachtet man die eigene Entwicklung im Umgang mit diesen Spannungen, erfahren wir viel über unsere persönliche Identität.

Somit sind diejenigen Werte, die wir für essenziell halten, gleichzeitig Massstäbe und Kompass. Als Massstäbe sind sie naturgemäss unerreichbar: sie geben uns die Ressourcen, um unserem Leben Sinn zu geben. Mit deren Unterstützung können wir unseren Weg als Individuum und als Bürger bestimmen. Als Kompass zeigen uns die Werte eine Stossrichtung, die wir zwar ständig anpassen können aber nach welcher wir auch unsere kleinen sowie grossen Entscheidungen ausrichten können. Indem wir zu diesen grundlegenden Werten zurückkehren, sie so gut wie möglich identifizieren und sie aktualisieren, verankern wir unser Selbst in der Realität. Diese Individuen sind wir. Auf dieser Grundlage wollen wir unsere persönliche und kollektive Geschichte weitererzählen.

So verstanden hat die Ethik den Charakter einer Heimreise. Wie nach einer Woche Ferien zu Hause kommen wir bestärkt zurück in den Alltag. Aber was heisst genau bestärkt? In dem Kontext bedeutet es vor allem, dass wir Spannungen und Widersprüche als Chance wahrnehmen können. Zuerst scheinen sie uns zu übermannen. Aber es braucht nur einen kleinen Schritt, dass diese zu neuen Spielräumen werden. Wir erobern mehr Freiheit in dem wir neue Räume schaffen: Das Unmögliche ist nur noch schwierig und das Schwierige ist das Mögliche geworden.

Dieses neue Verständnis der Ethik erfordert auch neue Modelle der Umsetzung. Statt einseitige Vermittlung von Wissen erscheint die Idee vom ethischen Atelier viel versprechend. Das Atelier setzt einen Ort der Arbeit voraus: Wir sind weit weg vom Wissenskonsum und der Logik des Zuhörens ohne aktive Beteiligung. Der Besucher vom Atelier wird zum Teilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes: er nimmt an der Anstrengung teil. Das Atelier bietet Werkzeuge, die das Hin-und-Her zwischen Praxis und Werte erleichtern. Auch der Workshop zur Migrationsethik von Philosophie.ch strebt nach einer Ethik der kreativen Energie. Dort können die Teilnehmenden ihre Grundwerte identifizieren und diese kritisch zu definieren lernen. Was passiert, wenn ein Mitarbeiter einer mit Migrationsherausforderungen konfrontierten Organisation seine eigenen Werte hinterfragt? Es entstehen Räume der intellektuellen und der handelnden Freiheit. Ethik öffnet die Fenster weit; die Luft ist manchmal kalt. Wie angenehm.

 

Über die Autorin

Beitrag von Dr. Johan Rochel, Ethique en action