Blogbeitrag von Anja Leser

Philosophische Theorien zum "Guten Leben"

„Wähle dasjenige Leben, welches für Dich gut beziehungsweise das bestmögliche ist“ ist einer der zentralen Leitsätze, die mit der Frage nach dem guten Leben eng zusammenhängen.

Bei der Beantwortung dieser Frage lassen sich drei unterschiedliche Grundmodelle ausmachen: Die hedonistische Theorie, die Wunsch- und Zieltheorie sowie die Gütertheorie sollen im Folgenden beleuchtet werden.

Hedonistische Theorie „Lebe dasjenige Leben, das Dir am meisten Lust verspricht!“ (17) Der Begriff „Hedonismus“ stammt vom Altgriechischen ἡδονή, hēdonḗ, und steht für Freude, Vergnügen, Lust, Genuss, sinnliche Begierde. (18) Doch was versteht man unter Lust? Für die hedonistische Theorie bedeutsam ist die folgende Auffassung: Die Befriedigung eines Bedürfnisses, welches ein unmittelbares Erleben einer zeitlich begrenzten, dafür sehr intensiven positiven Gefühlsqualität ermöglicht. (19) Die hedonistische Theorie lässt sich in der Philosophie in zwei Formen unterscheiden: Einerseits der psychologische Hedonismus und andererseits der ethische Hedonismus. Der psychologische Hedonismus geht von den beiden folgenden Prämissen aus: „Die Lust folgt immer auf einen physiologischen Mangelzustand, was kausal ermöglicht wird.“ (20) Das bedeutet, dass das menschliche Leben stets durch das Streben nach starken Lustgefühlen sowie der Abwesenheit von Schmerz geprägt ist. „Um dem von der Natur dem Menschen einprogrammierten Lustprinzip Folge zu leisten, versuche der Mensch seine physiologischen Grundbedürfnisse immerfort zu stillen. Dazu zählen neben der Sexualität auch Hunger, Durst, Bedürfnis nach Sauerstoff oder Schlaf. Ziel wäre die Aufhebung der rein physiologisch bedingten Spannung im psychischen Apparat, die immer mit starken sinnlichen Erlebnissen verbunden ist. (...) Der Mensch strebe also danach, ein inneres homöostatisches Gleichgewicht durch die Aufhebung von Triebspannungen oder unangenehmen Reizen herzustellen.“ (21) schreibt Prof. Dagmar Fenner hierzu. Die beiden genannten Prämissen sind jedoch keineswegs unproblematisch: Oder ist es tatsächlich so, dass Lust ausschliesslich aus Mangelzuständen hervorgehen kann? Wenn es beispielsweise sommerlich warm ist und ein Bad in einem See wohltuend wäre und zusätzliche Lust erzeugen würde, aber keineswegs notwendig ist für das momentane Wohlbefinden, kann man in solch einem Fall tatsächlich davon ausgehen, dass der Sprung ins kühle Nass keine Lust auslösen würde, weil kein Mangel besteht? Zu diesem Zweifel kommt ein zweiter hinzu: Wenn Lust als kausale Wirkung eines spezifischen Reizes als Ursache entsteht, so müssen die Ursachen und Wirkungen „per definitionem voneinander trennbare und isolierbare Phänomene“ (22) sein. Wenn aber die genussvolle Geschmacksempfindung eines edlen Weins auch durch ein anderes Getränk entstehen kann, dann hängt die Wirkung nicht von einer spezifischen Ursache ab. Die Ursache lässt sich somit zwar weiterhin als wirksam bezeichnen, jedoch ist für den Menschen meist eben diese Qualität (einer Ursache) ein wichtiges Element der Lust. Es ist also ausschlaggebend, ob es sich tatsächlich um einen guten Wein handelt oder um ein Imitat.

Der ethische Hedonismus orientiert sich am „Prinzip der Nützlichkeit“, welches gleichbedeutend ist mit dem Leitsatz: „Handle so, dass die Folgen deiner Handlungen beziehungsweise Handlungsregel für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind.“ (23) Ein illustratives Beispiel zeigt gleich, dass auch dieser Leitsatz keineswegs unproblematisch ist: Darf ein älterer Mensch gegen seinen Willen getötet werden, weil er als Organspender für fünf Patienten in Frage kommt? „Die Nutzensumme der fünf Patienten dank der neuen Organe könnte den Nutzen, den der ältere Herr noch aus seinem Leben hätte ziehen können, leicht übersteigen. Von sozialethisch richtigem Verhalten kann hier natürlich nicht die Rede sein.“ (24)

Wunsch- und Zieltheorie „Lebe das Leben, bei dem möglichst viele Deiner Wünsche oder Ziele in Erfüllung gehen!“ (25) Doch was ist der Unterschied zwischen Wünschen und Zielen? Dagmar Fenner schreibt zu der Unterscheidung Folgendes: „Ein ‚Wunsch‘ ist die bewusste Vorstellung eines befriedigten Zustandes oder eines begehrten Objektes. In jedem gesunden, nicht depressiv verstimmten Menschen sprudeln laufend eine ganze Menge solcher Wünsche entweder aus dem Mangelzustand von primären Bedürfnissen oder aus sachorientierten Interessenzusammenhängen. (...) Das ‚Ziel‘ demgegenüber ist eine Vorstellung eines zukünftigen Zustandes oder Sachverhaltes, den man mit gezielten Bemühungen tätig erreichen will. Im Unterschied zu idealitätsorientierten Wünschen sind solche Ziele sowohl realitäts- als auch realisierungsorientiert.“ (26) Ähnlich wie bei der hedonistischen Theorie ist für die Wunschtheorie das Glückskriterium zentral: „Ein im ganzen glückliches Leben hat, wem die wesentlichen Wünsche (die er in der Zeit seines Lebens entwickelt) auf eine nicht illusionäre und tatsächlich befriedigende Weise in Erfüllung gehen.“ (27) schreibt Prof. Martin Seel hierzu. Aber gibt es nicht auch viele Wünsche, die in Erfüllung gehen, ohne dass diese einen Einfluss auf unser Leben haben? (28) Oder was ist, wenn unsere Wünsche auf falschen Annahmen basieren und beispielsweise der Wunsch, ein Gemälde von Picasso zu besitzen, durch den Erwerb einer Fälschung „in Erfüllung“ geht? Zu diesen offenen Fragen kommt jedoch noch ein weiterer kritischer Aspekt mit hinzu: Jeder für ein gutes Leben relevante Wunsch baut auf einem Werturteil auf, dass die Erfüllung des Wunsches für das eigene Leben „gut“ ist. (29) Aber woher können wir wissen, ob dieses Werturteil richtig oder falsch ist? Martin Seel beantwortet diese Frage folgendermassen: „Wer überhaupt in der Lage ist, sich zu der Art seiner Lebensführung verhalten zu können und verhalten zu müssen, sollte nach Situationen streben, die ihm Erfüllungen bieten, die er wirklich als solche erfahren und bewerten kann.“ (30) Frau Fenner entgegnet auf Seels Standpunkt jedoch: „Bei einer solchen Auslegung gerät man allerdings in das Dilemma, dass uns bei vielen Wünschen die Erfahrung darüber fehlt, wie es ist, im Besitz der gewünschten Zustände oder Objekte zu sein. (...) Allerdings darf das beim Wunscherfüllungsstreben vorhandene kognitive Defizit und das damit verbundene Risiko auch nicht überbewertet werden. Denn der Mensch wird immer schon hineingeboren in eine Gemeinschaft mit mannigfaltigen Erfahrungen und Vorstellungen bezüglich dessen, was einem Menschen Erfüllung bietet.“ (31) Dass diese Vorstellungen einer Gemeinschaft das eigene Werturteil massgebend mitprägen und auch einen Einfluss auf die Qualität der Empfindung des erfüllten Wunsches haben, liegt auf der Hand.

Effektiv handlungsanleitende Wünsche, die aktiv angestrebt werden, können als Ziele aufgefasst werden. Die Zieltheorie stellt somit den Handlungscharakter ins Zentrum und lässt sich durch den Leitsatz: „Wähle dasjenige Leben, bei dem alle oder doch die wichtigsten Deiner Ziele verwirklicht werden können!“ (32) zusammenfassen. Es gibt diverse psychologische Studien, welche die Lebenszufriedenheit in einer Wechselbeziehung mit der Ausgestaltung von Lebenszielen sehen. (33) Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnete diese Verwirklichung der eigenen Zwecke gar als Ziel eines guten Lebens: „Jeder Mensch hat ein Bild vor Augen, gleich wie verschwommen, was er vor seinem Tod erreichen möchte. Wie nahe wir an dieses Ziel herankommen, wird zum Massstab unserer Lebensqualität. Wenn es ausserhalb unserer Reichweite bleibt, werden wir vorwurfsvoll und resignieren, wenn es zumindest teilweise erreicht wird, erleben wir Glück und Zufriedenheit.“ (34) Benötigt der Mensch nicht sogar ein Ziel, welches im Alltag sinnstiftend wirkt? Csikszentmihalyi argumentierte hierzu: „Wenn sich jemand an ein ziemlich schwieriges Ziel wagt, von dem sich alle anderen Ziele logisch ableiten, wenn er alle Energie in die Entwicklung von Fähigkeiten steckt, um dieses Ziel zu erreichen, werden Handlungen und Gefühle harmonisch übereinstimmen, und die einzelnen Teile des Lebens fügen sich zusammen – jede Aktivität ergibt dann in einer Gegenwart einen Sinn, wie auch mit Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft.“ (35) John Rawls und Martin Seel entgegneten, ähnlich wie einige andere Philosophen, dass diese Haltung unmenschlich sei, den Menschen der Systematik unterwürfig mache sowie eine Lebenskonzeption nicht deswegen je sinnvoller werde, desto harmonischer sie sei. (36)

Gütertheorie Im Gegensatz zur bereits vorgestellten hedonistischen sowie der Wunsch- oder Zieltheorie stellt die Gütertheorie nicht auf die subjektiven Empfindungen oder Zielen von Personen ab, sondern versucht eine objektive Theorie des guten Lebens herzustellen, die für alle Menschen gleichermassen gilt. Diese Theorie basiert auf der Annahme, dass es Güter oder Werte gibt, welche „an sich“ oder „intrinsisch“ gut oder schlecht sind und somit als „objektive Werte“, respektive als „objektive Güter“ aufgefasst werden. Neben Gütern wie „Leben“ oder „Bildung“ wurde ebenfalls versucht, materiellen Gütern einen objektiven Wert zuzuschreiben.

Die Epoche des Hochkapitalismus und der Anstieg des Lebensstandards wurde beispielsweise vom polnischen Philosophen Władysław Tatarkiewicz folgendermassen beschrieben: „Das Glück bedeutete auch damals soviel wie Zufriedenheit mit dem Leben, aber es schien, dass es keine Zufriedenheit mit dem Leben ohne Wohlstand, Gesundheit und Ruhe geben könne; dies wurde für eine unerlässliche Bedingung für das Glück gehalten, und diese unerlässliche Bedingung wurde mit dem Glück selbst identifiziert. Wer in Wohlstand und Sorglosigkeit lebte, galt als glücklich.“ (37) Dass Glück jedoch keineswegs „einfach“ käuflich ist, zeigt beispielsweise folgende Überlegung: Ob die Freude an gewissen Gütern bestehen bleibt, durch Gewöhnung oder durch einen Vergleich mit den Gütern anderer Menschen verloren geht, bleibt abhängig vom menschlichen Umgang mit den Gütern.

Gutes Leben = Glück? Die Vorstellung eines guten Lebens umfasst in den allermeisten Fällen, dass der Mensch glücklich sein möchte. Trotzdem lässt sich dafür argumentieren, dass ein gutes Leben als Vorbedingung für ein glückliches Leben zu verstehen ist. Wie wir im Kapitel Wohlbefinden erkennen konnten, steht bei den unterschiedlichen Theorien nicht immer das Gefühl des Glücks im Mittelpunkt, sondern tritt eher als positiver emotionaler Nebeneffekt auf. Zudem ist das Glück als „Endziel“ gemäss Ottfried Höffe mit einer weiteren Schwierigkeit beladen, weil „dieses Ziel auf einer höheren Stufe als die gewöhnlichen Ziele steht und doch nur ‚innerhalb‘ dieser Ziele realisiert werden kann.“ (38) Dieser Umstand ist auch unter dem Namen „hedonistisches Grundparadox“ bekannt. (39)


 

Dieser Text ist dem philosophischen Themendossier "Gutes Leben" entnommen: „Gutes Leben – Philosophisches Themendossier“, Swiss Philosophical Preprint Series #113, 29.01.2014, ISSN 1662937X Die angegebenen Quellen findet man auf http://philosophie.ch/gutesleben und bei den Literaturhinweisen zum Dossier.

 

Über die Autorin

Beitrag von Anja Leser, Geschäftsführerin philosophie.ch